Schriften von Otto Stockmayer
Abraham - der Vater der Gläubigen
25. Der Gang nach Morijah, der Höhepunkt in Abrahams Glaubensleben. - 1. Mose 22 und Hebräer 11,13-19 .25. Der Gang nach Morijah, der Höhepunkt in Abrahams Glaubensleben. - 1. Mose 22 und Hebräer 11,13-19 .
Hebräer 11,13-16 gibt eine Wiederholung, eine Zusammenfassung des bisher Aufgezählten. Bemerkenswert ist, dass dieser Abschnitt nicht bloss das Kapitel teilt, sondern auch das Leben Abrahams – und zwar am wichtigsten und entscheidenden Punkte desselben. Die erste Hälfte seines Lebens liegt jenseits von Vers 13, die zweite diesseits von Vers 16. „Diese alle sind gestorben im Glauben und haben das Zeugnis abgelegt, dass sie Gäste und Fremdlinge sind auf Erden." Auch Abram, als er alles verliess und nicht wusste, wo er hinging, willigte ein, Fremdling und Pilgrim zu sein. Hier stehen wir nun am Höhepunkt seines Lebens. Es ist, als ob eine zweite Auflage seines Zeugnisses gegeben werde, nur in erhöhter Potenz – etwas Neues und doch das alte Zeugnis.
1. Mose 22,1-19. Nachdem Abram schon den Sohn der Verheissung hatte, sollte er in Kanaan, dem Lande der Verheissung, noch einmal den göttlichen Weg des Opfers gehen. Es tritt die höchste Probe an ihn heran.
Nicht nur, was wir von Natur, sondern auch, was wir aus Gnaden haben, muss über Morijah. Es ist Gesetz im Reiche Gottes, dass alles, was wir sind und haben, von Anfang bis zu Ende unseres Lebens durch Tod und Auferstehung gehen muss – auch das von der Gnade Gewirkte – auch alles Licht, das Gott uns gibt, nachdem wir das Natürliche verlassen haben. Wir besitzen in Wahrheit – ohne davon besessen zu sein – nur, was über Morijah gegangen ist.
Es ist, als wollte Gott fragen: „Abram, willst du auch jetzt noch deinem Fremdlings- und Pilgrsein treu bleiben?" Wirst du dich jetzt nicht an Isaak hängen, in dem dir die Verheissung gegeben ist? Kannst du mir zurückgeben, was du von mir empfangen hast? Glaubst du, dass du auch dann noch sein wirst, wozu Ich dich bestimmt habe?
Abram hätte Zeit gehabt, wieder umzukehren auf dem Wege nach Morijah. Während der drei stillen und ernsten Tagereisen hätte er sich leicht anders besinnen können. Wie musste es ihm ins Herz schneiden, als sein Sohn ihn fragte: „Wo ist das Schaf zum Brandopfer, Vater?" Aber er antwortete: „Mein Sohn, Gott wird Ihm ersehen ein Schaf zum Brandopfer." Danach steht das bedeutsame Wort: „Und gingen die beiden miteinander." Vater und Sohn gingen den Weg nach Morijah Hand in Hand. Welch ein Gang! Am Berge angelangt, den Gott Ihm zeigte, schickt er seine Knechte fort mit dem Bemerken: „Ich und der Knabe wollen hinaufgehen, anzubeten."
Hätte Gott nicht im letzten Augenblick eingegriffen, so wäre Abram bis ans Ende gegangen!
Gott hatte von Anfang an ohne Rückhalt mit ihm geredet und ihm deutlich gesagt, was er zu verlassen habe – und Abram hatte alles verlassen, was ihm lieb war, was den Reichtum und den Wert seines Lebens ausmachte – ja sogar den Ort, mit dem er von Kindheit an verwachsen war.
Auch diesmal verhüllt ihm Gott nichts, sondern gebietet ihm: „Nimm deinen einzigen Sohn, den du liebhast, den Isaak, und ziehe hin in das Land Morijah und opfere ihn daselbst zum Brandopfer auf einem Berg, den ich dir sagen werde." (1. Mose 22,2.) Gott zeigt nicht gleich, wohin es geht. Vielleicht wusste Abraham nicht einmal, wie viele Tagereisen er zu machen hatte. Nur eines wird uns gesagt: "Abraham stand des Morgens früh auf und sattelte seinen Esel..." (Vers 3–13)
Wer nicht aus Abrahams Geschlecht ist, der zögert, dessen Gang ist langsam, schwankend – gehorcht man auch schliesslich, so gehorcht man nicht aus Gnaden, sondern als Gesetzeskind, weil man nicht wagt, ungehorsam zu sein, aus Furcht vor der Strafe. Ist es doch oft, als wären Kinder Gottes wie gelähmt, wenn irgendein Akt des Gehorsams von ihnen verlangt wird! Abraham kommt seinem Gott nicht mit der Schlangenfrage des Paradieses: „Sollte Gott das wirklich gesagt haben? "Das ist ja gar nicht möglich; ich habe mich wohl getäuscht – es wäre doch unnatürlich; einen solchen Gräuel kannst du nicht von mir verlangen!"
Wenn je ein Gehorsamsakt, ein Opfer von Gott gefordert wurde, bei dem Einsprache berechtigt erscheinen konnte, so ist es hier der Fall. Aber Abram schweigt sstill Derselbe Abram, der seinen Gott nicht losliess, als dieser Sein Angesicht gen Sodom gewandt hatte – der vor Jehova stehenblieb und mit ihm redete wie mit einem Freunde – der zu ihm sagen durfte: „Das kannst du nicht tun; das sei ferne", bleibt jetzt nicht einen Augenblick stehen, sondern gehorcht und geht den schweren Weg nach Morijah. Es gehört heiliges Zartgefühl dazu, zu entscheiden, wann man, angetan mit göttlicher Autorität, seiner priesterlichen Aufgabe zu warten hat, was übrigens immer nur aufgrund absoluter Unterwerfung geschehen darf – und wann es gilt, zu schweigen.
Abraham und Moses, diese beiden, die mit ihrem Gott gerungen und ihn nicht losgelassen haben, sind die Ersten, die schweigen, wo es sich um sie selbst handelt. Solche Knechte braucht der Herr, die sich selbst zum lebendigen Opfer auf den Altar gelegt haben, die sich haben eintauchen lassen in Seinen Willen, die, ohne eine Erklärung zu verlangen und ohne Zeit zu verlieren, sofort folgen, auch wo sie ihren Gott noch nicht verstehen – bei denen es heisst: „Gott hat’s gesagt und damit Punktum!"
Es ist wohl der Mühe wert, bei dieser Geschichte stehenzubleiben. Die Heilige Schrift ist nüchtern. Zweimal heisst es „Und gingen die beiden miteinander" — (Vers 6 und Vers 8). Dazwischen liegt, wie wir schon gesehen haben, das kurze, des Vaters Herz zerreissende Gespräch zwischen ihm und dem Knaben.
Hier möchten wir anhalten und jeder vor seinem Gott überlegen, was in den Stunden und Tagen dieser Bergreise in Abrams Herz vorgegangen ist. Man könnte zittern, wenn man sieht, wie weit Gott gehen kann, und doch braucht man sich nicht zu fürchten. Nicht am ersten Tage seines Glaubenslaufes hat Gott Abram also geprüft. Gott versucht nie über Vermögen (1Kor 10,13.). Schweift nicht mit eurer Fantasie durch das weite Gebiet eurer Hoffnungen und Erwartungen, eures Besitzes mit der Frage: „Was wird mir Gott nehmen? Was werde ich zu leiden, zu opfern haben usw.?" Auf solche Weise benebelt der Teufel die Seelen. Nie gibt der Herr Kraft für eingebildete Dinge! Gehen wir nur ohne Rückhalt weiter, dann gibt Er immer die nötige Hilfe und Gnade. Er geht auch nie zu schnell voran mit einer Seele und gibt so gerade die Kraft, die sie braucht zur Probe oder zum Opfer, zu dem Er ruft. Anstatt dem Versucher seine Fragen zu beantworten, berufe dich auf deinen Heiland, deinen Retter, deinen Vater; zähle auf Seine Weisheit und Seine Liebe, so wird dir sicherlich ein Weg geöffnet! Wenn wir einzig und allein auf Ihn sehen – nicht auf unser armes Herz –, so gibt es immer einen Weg.
Abram weiss: Wenn mir Gott jetzt auch meinen Isaak nimmt, in dem mir die Verheissung gegeben ist, so wird Er mir doch Sein Wort halten … Er kann Ihn mir auch aus den Toten erwecken. Ja, was Gott einmal gegeben, das nimmt Er nie zurück. Wenn du nicht verstehst, wie das, was Gott dir jetzt sagt, stimmen kann mit dem, was Er dir früher verheissen und gegeben hat, so wisse das eine: Dein Gott wird recht behalten, sollte es auch von Seiner Seite durch einen Akt der Auferweckung gehen. Abram fürchtet seinen Gott und fürchtet sich, zu zweifeln, fürchtet sich, im wichtigsten Augenblick seines Lebens seinem Gott nicht zur Verfügung zu stehen. Das ist der Vater der Gläubigen.
Und wir, die wir unseren Gott kennen, sollten Ihn als Den, Der nicht von uns verlangt, dass wir unseren einzigen Sohn töten, sondern Der Seinen Eingeborenen dahingegeben hat in der Menschen Hände, in den Tod um unseretwillen – fürchten wir Gott, wie Abram Ihn gefürchtet hat?
Wenn der Herr etwas von uns verlangt, so ist’s, um uns zu zeigen, was Seine Gnade vermag. Hat Er uns nicht damit, dass Er sich erniedrigt und als Menschensohn am Fluchholz Sein Blut für uns vergossen hat, von Todesfurcht erlöst? (Heb 2,14,15). Sollten wir noch zögern, dem Lamme bis auf Morijah zu folgen – und weiter über Morijah bis auf den Berg Zion? Das Opfer auf Morijah ist ein Durchgang – jenseits desselben gibt es ein wunderbares Land der Freiheit, wo man sich nicht mehr fürchtet vor seinem Gott, sondern wo man mit allen Kräften seines Wesens an Ihn gebunden ist – wo man nicht mehr anders kann, als dem Lamme nachzufolgen, wohin es geht, weil Er uns überwunden hat mit Seinem Geist des Lebens und der Liebe.