Schriften von Otto Stockmayer
Abraham - der Vater der Gläubigen
1. Die Berufung Abrahams - 1. Mose 12,1-81. Die Berufung Abrahams - 1. Mose 12,1-8
Die Geschichte Abrahams, des Vaters der Gläubigen, bleibt in besonderer Weise auch für die christliche Gemeinde bedeutungsvoll. Man braucht nur Römer 4 zu lesen, um dies zu sehen. Das Erste, was uns in obigem Abschnitt entgegentritt, ist ein Auszug, ein Herausrufen Abrahams von seiten Gottes aus bisherigen Verhältnissen, aus bisherigen heiligen, gottgewollten Banden – aus seines Vaters Hause in ein Land, das Gott ihm nicht beschrieb, dass Er ihn nicht etwa im Traum oder in irgendeinem Gesicht schauen liess, sondern von dem Er ihm nur sagte, dass Er es ihm zeigen werde. Es hiess für Abram, den nackten Glaubensweg zu gehen, und dieser besteht darin, dass man aus dem alten in neue Verhältnisse zieht, ohne zu wissen, was man dafür an Gutem oder Bösem zu erwarten hat. Die Sprache des menschlichen Herzens ist ja in solchen Fällen in der Regel: „Was wird mir dafür?" In gewissem Sinne ist es auch berechtigt, dass wir nicht Gegebenes so ohne weiteres verlassen, ohne zu wissen, dass wir anderes und Besseres zu gewärtigen haben – die Frage ist nur, ob wir, wenn uns Gott aus unseren gegenwärtigen Verhältnissen ausziehen heisst, seinem Rufe vertrauensvoll folgen können, auch wenn wir nichts Besseres vor Augen sehen. Das Charakteristische des Glaubensweges ist, dass man seinem Gott, der die Liebe ist, zutraut, er werde uns nicht aus den gewohnten Verhältnissen herausreissen, uns nicht ins Meer werfen, ohne das Durchkommen für uns bereitet zu haben. Von dem Augenblick an, wo uns Gott aus dem Alten herausgerufen und Neues in unsern Gesichtskreis gerückt hat, und wir dem Rufe nicht Folge leisten, weil wir an der Scholle kleben bleiben, wird das Alte wurmstichig. Abram war 75 Jahre alt, als Gott rief, und stand also – , selbst wenn wir den Umstand in Betracht ziehen, dass die Leute zur Zeit der Patriarchen im Allgemeinen so viel älter wurden, als die Menschen heutzutage werden – ich sage, er stand mit 75 Jahren in einem Alter, in dem das natürliche Herz in besonderer Weise geneigt ist, an der Scholle zu hängen – an den Erinnerungen der Kindheit und den altgewohnten Verhältnissen. Der Mensch hat da nicht mehr die Elastizität von früher, nicht mehr die Wanderlust der Jugend – er ist an die Scholle gebunden, wenn ihn nicht eine andere Macht heraushebt und löst. So berechtigt, menschlich gesprochen, dieses Hängen der Alten an der Scholle sein mag, so führt es doch nur allzu leicht in träumerisches Wesen, in seelische Gebundenheit und macht infolgedessen unfruchtbar. Wohl dürfen wir unseren Eltern für alles, was sie an uns getan haben, dankbar sein – wohl dürfen und sollen wir vor allem unserem Gott für diese oder jene Segnung, die Er zu bestimmten Zeiten auf unseren Lebensweg gelegt hat, dankbar sein – aber an die Vergangenheit dürfen wir uns nicht ketten lassen, sonst werden wir unfruchtbar. Und Abram sollte fruchtbar werden, wie kaum ein anderer Mann auf Erden – fruchtbar für sein Volk durch seinen Gott! Es werden noch alle Abram gegebenen Verheissungen in einer bisher nie dagewesenen Weise in Erfüllung gehen.
„Geh in das Land, das ich dir zeigen werde," sagt der Herr zu ihm. Was abenteuerlich wäre, wenn man es ohne göttlichen Ruf täte, wird damit, dass Gott dazu führt, Glaubensweg, der Weg, auf dem Gott uns fruchtbar machen will. Welchen höheren Segen könnte Gott auch jemand zuteilwerden lassen als den, dass Er ihn zum Segen macht für andere, dass sein Leben, Leiden, Streben, Hoffen, Frucht bringt für feine Mitmenschen! Göttlicher Segen ist nicht Selbstgenuss, sondern Hineintragen von Licht und Fruchtbarkeit in das Leben anderer. Wo dieser Segen sich rein und lauter ergiessen kann, vermehrt er sich ins Unendliche. „Ich will segnen, die dir wohlwollen, und wer dir flucht, wer dich am liebsten auf die Seite schaffen möchte, wer dir keinen Raum macht, den werde Ich verfluchen“ – das ist ein göttliches Majestätssiegel und schafft ebene Wege für die, die ihrem Gott von Station zu Station folgen, ob die Verhältnisse des Landes, das Gott ihnen zeigt, ihnen Schwierigkeiten bieten oder lächeln.
„In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden." Und Abram ging hin, wie ihm der Herr geredet hatte. Das war das Entscheidende für sein ganzes Leben und für die ganze Geschichte Israels. Und Lot ging mit. Ob Abram seinen Gott nicht ganz verstanden hatte, als er den Lot mitnahm, oder ob sich Gott Vorbehalten hatte, ihn später von Lot zu lösen das weiss ich nicht; so viel aber ist gewiss, dass es nicht Gottes letztes Wort war, und dass Abram, indem er Lot mitnahm, Gottes Wort nicht vollständig erfüllt hatte. Er hat einen von seinen Verwandten mitgenommen, und da hat dann Gott später dafür gesorgt, dass er doch noch ganz in Seinen Willen einging. Man hat eben nicht gleich das volle Licht; erst indem man dem Worte Gottes folgt, gibt man sich allmählich Rechenschaft von dem, was sich noch ablösen muss. Sind wir lauter, so macht uns Gott frei – ob nur innerlich oder auch äusserlich – das ist Seine Sache – da gilt es, seinen Gott zu verstehen.
„Und Abram durchzog das Land bis an die Stätte Sichem und an den Hain More; es waren aber zu der Zeit die Kanaaniter im Lande." Es war kein freies Gebiet, auf das Gott ihn führte. Er führte ihn in das Land der Verheissung, während dasselbe noch in anderer Leute Besitz war.
„Und Jehova erschien dem Abram und sprach: Deinem Samen will ich dies zurzeit von den Kanaanitern besessene Land geben." Ich gebe es dir – Mir gehört die Erde – Mir gehören die Länder – Ich verfüge darüber, wie Ich will. Da braucht man weder scheel zu sehen auf andere, noch gewaltsam einzugreifen; man lernt warten auf die Stunde, wo Gott einem Raum macht, und lernt sich frei bewegen auf dem kleinen Fleckchen Erde, auf das Gott einen gestellt hat, trotzdem man von Kanaanitern und feindlichen Mächten umgeben ist. Wir sind, wenn wir in Gottes Wegen gehen, nicht an die Kanaaniter gebunden und brauchen uns nicht vor ihnen zu fürchten. Auch die Kanaaniter müssen uns dann dienen, und wenn wir noch Feindschaft von ihnen erfahren, so ist das nur, damit wir wahre Israeliten werden, die sich bewusst bleiben, dass sie für ein besseres Land, für das obere Kanaan, bestimmt sind.
„Damals aber waren die Kanaaniter im Lande... Und er baute dem Herrn daselbst einen Altar, an dem Ort, an dem ihm der Herr erschienen war." Das sind Weihestunden, heilige Stätten und Erinnerungspunkte im Leben, wo Gott besondere Begegnungen mit Seinen Kindern gehabt hat, die Er berufen hat und denen Er gerade da, wo die Kanaaniter sie ängstigen konnten, mit neuem Lichtblick erscheint. Er baute angesichts seiner Feinde seinem Gott einen Altar, und damit hatte er Deckung gegen die Kanaaniter, so dass er kein Heimweh bekam. Wir lesen nirgends, dass Abram jemals geklagt hätte: „Ach, wäre ich doch nicht ausgezogen!" Fremdling und Pilgrim ist er in dem ihm bestimmten Lande, bei dessen Durchzug er aber zuerst die Nöte der Fremdlingsherrschaft durchmachen musste.
„Und er brach auf von dannen an einen Berg... und baute daselbst dem Herrn einen Altar und predigte von dem Namen des Herrn." Das ist schon der zweite Haltepunkt. Damit ist nicht gesagt, dass Abram nur von Zeit zu Zeit den Namen Jehovas angerufen hat. Er ist im Vertrauen auf seinen Gott ausgezogen, aber es gibt eben im Leben der Heiligen besondere Begegnungen mit Gott, wo Er ihnen den Bund erneuert. Gerade an Wendepunkten ihres Lebens, gerade wenn sie in neue Verhältnisse eingetreten sind, kommt Er ihnen zu Hilfe. „Der Mensch lebt ja nicht von Brot allein, sondern von einem jeglichen Worte Gottes, das aus Seinem Munde geht." Gott stärkt den Seinen immer wieder den Glauben, dass sie nicht irre werden. Für neue Schwierigkeiten hat Gott neue Gnade und gibt Er neue Blicke in Seine Unwandelbarkeit hinein. Wir können nicht von einem einmal vor Jahren erhaltenen Worte zehren. Drohen neue Schwierigkeiten, so versiegelt Er uns, was Er uns früher gesagt hat. Und da baut der Wanderer einen Altar im fremden Lande, den er dann später wiederfindet. Möchten wir doch, abgesehen von diesen besonderen Haltestellen, jeden neuen Tag mit einer Begegnung mit Gott beginnen, um uns nach den Erfahrungen des gestrigen Tages neu zu orientieren, wie auch letzterer auf uns eingewirkt haben möge, so dass wir, nach neuer Begegnung mit unserem Gott, gereinigt weitergehen können, befestigt in Seiner Gnade.