Schriften von Otto Stockmayer
Abraham - der Vater der Gläubigen
20. Ergänzende Bemerkungen zu 1. Mose 18,1-15 anhand von Hebräer 11, 11 und 12 .20. Ergänzende Bemerkungen zu 1. Mose 18,1-15 anhand von Hebräer 11, 11 und 12 .
Die erste Hälfte des 11. Hebräerkapitels schliesst mit dem Lebensbild der Sara. Vers 13–16 gibt uns eine Zusammenfassung aller bisher angeführten Glaubenszeugen. Wunderbar, dass die erste Abteilung dieser Gemäldegalerie mit Sara abschliesst! Sie steht im 11. Vers da als ein Glaubensweib, weil sie „Ihn treu achtete, Der es verheissen hatte." „Deshalb", heisst es weiter in Vers 12, „sind auch alle von einem, wiewohl erstorbenen Leibes, viele geboren wie die Sterne am Himmel und wie der Sand am Ufer des Meeres, der unzählbar ist."
Welch herrliches, seliges Licht wirft doch das Neue Testament auf das Alte! Und welche Gnade ist es, durch das Neue Testament den Lebenslauf dieser Glaubenszeugen aus der Vogelperspektive überschauen und in diesem neuen Lichte auf Durchgangspunkte in ihrem Leben blicken zu können, von denen das Alte Testament uns nichts Näheres berichtet! Nach der Erzählung im 1. Buch Mose könnte man denken: Gott hat der Sara aus Erbarmen Wort gehalten, um Seiner Abraham gegebenen Verheissung nicht untreu zu werden – das Neue Testament hingegen sagt uns, dass sie nicht nur um Abrahams willen, sondern auch durch ihren persönlichen Glauben Kraft empfing, noch in ihrem hohen Alter einen Sohn zu zeugen.
Gewiss ist der Glaube ihres Mannes für sie ein mächtiger Hebel gewesen; doch kommt es nicht darauf an, welche Einflüsse zum Glauben geholfen haben, durch welche Zweifel man gegangen ist, oder wodurch man sich etwa hat aushalten lassen. Nur darauf kommt es an, ob wir durchgedrungen sind und uns unter Gottes Wort gebeugt haben. Darum hat das Beispiel Saras eine so hohe Bedeutung, und darum ist sie in der Reihe der Glaubenshelden angeführt. Saras Glaube kennzeichnete dasselbe, was Noahs Glauben kennzeichnete: „sie fürchtete sich" (1. Mose 18,15), wie Noah sich fürchtete, als ihm die Sintflut verkündigt wurde. Solange man hinten im Zelt oder durch die Zeltwand hindurch Jehova mit einem anderen reden hört, das heisst, solange man Gott noch mehr oder weniger ferne steht, kann man lachen; aber es ist nicht gesagt, dass es dabeibleibt. Gott wartet das letzte Wort ab. Er tritt näher und wendet sich direkt an Sara, indem Er, Vers 14, zu ihr sagt: „Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein?"
Welche Gnade, wenn Gott dem Unglauben zu Leibe rückt! Es hatte schon viel gebraucht, bis Abram still wurde – bei Sara brauchte es noch mehr. Wie oft hört man doch den Einwand: „Ich kann nicht glauben. Ach, wenn ich nur glauben könnte!" Menschenkind, weisst du auch, was du redest, wenn du so etwas sagst? Besinne dich einmal und frage dich, ob du es wagen darfst, irgend etwas, was dein Gott dir verheisst, für ein Ding der Unmöglichkeit zu erklären, es für zu wunderbar zu halten! Hinter dem Unglauben steht immer Gedankenlosigkeit! Ist es nicht eine Sünde, zu denken, irgend etwas gehe über Gottes Vermögen, nachdem du doch wissen solltest: Sobald Er dir etwas verspricht oder etwas von dir verlangt, macht Er sich eben damit anheischig, dir die nötige Kraft und Ausrüstung zu geben.
Nach Vers 15 erschrickt Sara und fürchtet sich; denn der persönliche Gott tritt als Realität an sie heran. Wohl dem, der noch erschrecken und aus seinem Taumel erwachen kann!
Stehst du noch im Unglauben, so hast du einen Gott in den Nebeln, in der Ferne; begegnet Er dir einmal, dann musst du erzittern und brichst zusammen. Lass deinen Gott nur an dich herantreten und schaue Ihm ins Auge, wenn Er zum Beispiel fragt: „Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein?" Ob du es danach wohl noch wagen wirst, zu sagen: „Das kannst du unmöglich, mein Gott!"
Solange etwas in uns vor Gott erschrickt, können wir noch aus dem Unglauben errettet werden – solange noch irgend etwas in uns Gott die Ehre gibt, kann Er Macht bekommen, in uns zu Stand und Wesen zu bringen, was Er uns zugedacht und in Christo Jesu geschenkt hat. Da lernt man dann wegzublicken von seinem Leibe, seinem Puls und seinen Nerven – mit einem Wort – von seinen körperlichen Zuständen, und Gott bekommt Raum, ein Neues zu schaffen.
Es ist etwas anderes, aus der Ferne an eine Verheissung zu glauben oder im entscheidenden Augenblick, wenn es sich um deren Verwirklichung handelt, an der Verheissung festzuhalten, auch wenn Naturgesetze der Verwirklichung und Erfüllung der betreffenden Verheissung entgegenstehen.
Gott hatte mehr als einmal zu Abraham gesagt: „Du wirst einen Sohn haben", und gewiss hat Abraham seinem Weibe mitgeteilt, was Gott mit ihm geredet hatte; aber Sara hat es nicht gemacht wie Maria, die die Worte des Meisters in ihrem Herzen bewegte. Sie ist nicht beim Wort Gottes geblieben. O, wie wichtig ist es doch, sich im Glauben zu üben, anstatt aufs Sichtbare zu blicken und dann zu klagen: „Ich kann nicht glauben." Natürlich kannst du nicht glauben, solange du aufs Sichtbare blickst! Wie leicht kommt ein Gift, eine Schwächung in die Seele durch das, was uns in den Sehkreis tritt, wenn wir unsere Augen – die leiblichen Augen und das Geistesauge – nicht unter der Zucht des Geistes lassen! Wir müssen im Wort Gottes wandeln, genährt sein mit dem Worte und mit Kräften der zukünftigen Welt, damit keine anderen Bilder mehr Raum in der Seele gewinnen. Alles, was vom Sichtbaren an uns herantritt: Worte, Lieblosigkeiten, feindselige Blicke, Drohungen, Schwierigkeiten, Gefahren – muss zuerst Jesum passieren, sonst wird der Glaubensboden unterwühlt. Wir haben nie mit der Sichtbarkeit, mit der Kreatur, in direkte Berührung zu kommen – weder mit Freund noch mit Feind. Wir sollen sein wie eine versiegelte Quelle. Wer sich – sei es auch nur durch Mitleid oder Teilnahme – dazu hinreissen lässt, mit anderen in unmittelbare Berührung zu kommen, kommt unter Druck und wird gelähmt – er wird abhängig vom Lächeln oder Stirnrunzeln anderer, von Sonnenschein und Wetterleuchten. Lassen wir uns aber vom Herrn einwurzeln und versiegeln, so wurzeln wir ein in den heimatlichen Boden der zukünftigen Welt, kommen heraus aus dem Kindesalter und erstarken zum Mannesalter in Christo. O Gotteskind, benütze und verwerte den Augenblick, in dem der Herr mit der Frage an dich herantritt: „Sollte Mir etwas unmöglich sein?"
Sara fürchtete sich. Selbst ihre Lüge ist schon Umkehr, so wenig das Wort Gottes Lügen rechtfertigt. Sie wagt es nicht, bei dem Lachen zu verharren, sondern schämt sich dessen und leugnet es darum ab. Als der Herr dabeibleibt: „Du hast gelacht, und du hast es für ein Ding der Unmöglichkeit gehalten, dass ich mein Wort einlösen könnte," fürchtet sie sich und beugt sich – das war der Augenblick der Umkehr.