Schriften von Otto Stockmayer
Abraham - der Vater der Gläubigen
2. Ergänzende Bemerkungen - über 1. Mose 11,30 - 12,7 , anhand von Apg 7,2-8 und Hebräer 11,8-102. Ergänzende Bemerkungen - über 1. Mose 11,30 - 12,7 , anhand von Apg 7,2-8 und Hebräer 11,8-10
Das Gottesgericht der grossen Flut hatte die Menschheit nicht aus ihrem Verderben retten können, und wiederum nahm die Bosheit zu auf Erden. Aber der Gott, der Adam den Weibessamen verheissen, der mit Noah seinen Bund aufgerichtet hatte, geht nicht zurück; in Seiner ewigen Treue sucht Er einen neuen Weg, um die Erlösung der Menschheit anzubahnen. Er lässt die Menge der Völker ihre eigenen Wege gehen und nimmt aus dem Geschlechte Sems, des Gesegneten unter seinen Brüdern, einen Mann beiseite als Spross, als Ableger für eine neue Menschheit. Abram ist das Samenkorn, aus welchem das Volk des Eigentums erwachsen sollte. Aber dieser Ableger musste von seiner Stätte genommen und verpflanzt werden – Abram musste einen Weg geführt werden, den weder er noch seine Väter kannten.
Er musste aus seiner verderbten Umgebung ausgehen. Die Erlösung beginnt immer mit Lösung vom Alten. Wir sind so verflochten mit Welt und Sünde; alles in uns ist so verderbt, dass wir in einen ganz anderen Boden verpflanzt werden müssen. Durch Sterben und Auferstehen löst uns Gott von unserer Vergangenheit und nimmt die Fäden unserer Erziehung in Seine Hand.
In der Rede des Stephanus finden wir, dass Jehova Abram schon in Mesopotamien rief, und es heisst dort in Apg 7,4: „Und er ging." Haran war der erste Haltepunkt, und hier wurde der Ausziehende noch völliger isoliert. Abram hatte seinem himmlischen Vater gehorcht, aber der irdische Vater begleitete ihn noch. Der musste weggenommen werden – der letzte Faden, welcher Abram mit der Vergangenheit verflocht, musste durchschnitten werden; eher konnte er nicht in Kanaan einziehen und Vater der Gläubigen werden. Sind wir in Wahrheit Abrams Kinder, so wird das Gehorchen uns nicht schwer werden – und wenn es schmerzliche Einschnitte geben sollte, was tut's? Die Verpflanzung muss eine völlige sein; alle Wurzeln unseres Lebens müssen in den heimatlichen Boden der oberen Welt einschlagen. Nicht immer schneidet der Herr auch bei uns die Fäden auf einmal durch. Gehorchen wir, so kann Er tiefer und tiefer schneiden und tiefer und tiefer einpflanzen, bis der Jünger dem Meister in voller Freiheit folgen und sich in allen Dingen als Himmelsbürger ausweisen kann.
Ich sage: Abram muss völliger gelöst, isoliert werden. „So jemand zu mir kommt und hasset nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kinder, Brüder, Schwestern, auch dazu sein eigenes Leben, so kann er nicht mein Jünger sein."
1. Mose 12,1: „Gehe aus deinem Vaterlande und aus deiner Freundschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen werde." Der Kreis, den Jehova um Abram zieht, wird immer enger. Nicht nur aus dem Vaterlande, nicht nur aus der Freundschaft, sondern auch aus dem Hause des Vaters, soll er ausziehen. Es gibt wohl kaum ein Menschenherz, in welchem nicht beim Anschlagen dieser Töne eine Saite vibriert. Von dem Ort deiner Kindheit, wo du aufgewachsen – von allem, worin dein innerstes Leben wurzelte – gehe aus! Ich, dein Gott, rufe dich. Wohin? Was wird mir dafür, wenn ich dem Rufe folge, wenn ich mich von der heimatlichen Schwelle losreisse? Das wirst du schon sehen, Abram; ich zeige dir's.
Wir sehen zuerst meist nur, was Er nimmt, nicht, was Er bereit ist, zu geben. Jeder Schritt vorwärts soll ein Glaubensakt sein, ein Zerschneiden eines alten, noch nicht gelösten Fadens. Es gilt nun die Trennung vom Vater für Abram; wie es auch zugegangen war, dass er ihn bis Haran mitgenommen – weiter darf er nicht mit. Gott sagt es ihm klar und deutlich. Abram soll wissen, was ihm geschieht. Gott gibt kein Einschläferungsmittel, wenn Er einen Schnitt macht, wenn Er ihm auch nicht gleich sagt, dass es nach Morija geht. Durch stufenweise Glaubensschritte soll er zubereitet werden für diesen Gang nach Morija (Kap. 22). Wie Abraham – wie er später genannt wurde –, so erzieht sich Gott jeden Abrahamssohn und jede Abrahamstochter. Auf dem Wege immer völligerer Isolierung werden sie zubereitet für alle Konsequenzen des geheimnisvollen – aber überaus herrlichen Glaubensweges. Ruft Gott sie heraus aus dem Alten in Seinen ausschliesslichen Dienst, so genügt ihnen das. Wir wollen Gott Gott sein lassen. In Seinem Rufe liegt für uns Bürgschaft genug, dass das von Ihm Verlangte wenig ist im Vergleich zu dem, was Er geben will. Glauben ist das gerade Gegenteil von der alten Misstrauensstellung gegen Gott. O, nur keine Angst, Gott könnte zu wenig geben oder zu weit mit uns gehen! Nur keine Furcht für Leben, Wohlsein und Zukunftshoffnungen! Solche Furcht entspringt der durch den Sündenfall bewirkten Verkehrung der menschlichen Begriffe in Bezug auf Gott. Abrahamskinder fürchten sich nicht; sie fragen nicht: „Wie weit muss ich noch gehen? Was muss ich noch alles dahinten lassen?" Sie rechnen nicht mit irdischen Faktoren. Gottes Ruf genügt ihnen. Sie wissen: Gott spielt nicht mit uns und enttäuscht keinen, der sich Ihm anvertraut und Ihm rückhaltlos gehorcht.
„Seele, hast du alles verlassen?" ruft dir dein Gott zu. Oder fragst du noch: „Ist es genug, wenn ich aus Mesopotamien ausziehe, wenn ich mich von diesem und jenem alten Bekannten trenne? Meinen Vater und meinen Neffen Lot werde ich doch behalten dürfen!" Abrahamskinder markten nicht mit ihrem Gott; dafür hat Gott Dinge für sie bereit, die kein Auge gesehen, die kein Ohr gehört und die in keines Menschen Herz gekommen sind (1Kor 2,9).
Dadurch, dass Abraham auf Gottes Ruf ausgezogen ist, ist er der Vater der Gläubigen geworden. Es war der Anfang. Und später, als es galt, das Band zwischen ihm und seinem „einzigen Sohne Isaak, den er liebhatte", zu zerschneiden, hat er es geschehen lassen und ist ohne Widerrede hinaufgestiegen auf Morija.
Kannst du dich nicht zu dem Aufstieg nach Morija entschliessen, so wirst du auch dein jämmerliches Christentum nicht los, so hören deine Klagen über das, was du dahinten lassen musst, nie auf – du wirst, mit einem Worte, nicht frei, sondern bleibst ein Gebundener im Knechtshause. Selig der Jünger, der seinen Gott versteht, der Schritt für Schritt auf immer einsamer werdendem Wege dem Lamme nachfolgt, bis er droben auf des Berges Spitze im Lichte und in der Atmosphäre der Ewigkeit seinem Hirten begegnet und damit in eine Herrlichkeit eintritt, von der er sich früher keinen Begriff gemacht hatte!
„Geh in ein Land, das ich dir zeigen werde." Vielleicht entspricht dasselbe nicht ganz deinen Erwartungen; aber es wird über alles Erwarten herrlich sein. Es wird dir geschehen über Bitten und Verstehen. „Denen, die Ihn lieben und Ihm gehorchen, muss alles zum Besten dienen", zum Guten zusammenwirken, wie Elberfeld sagt.
Die Braut des Lammes besteht aus solchen, die alles verlassen und drangegeben haben – die sich nicht mehr aufhalten bei ihren Brüdern (Johannes 21,22) – bei ihren natürlichen oder geistlichen Vätern, sondern dem Meister folgen, sobald Er ruft, sei es übers Meer oder in die Wüste – die dem Lamme nachfolgen bis auf den Berg Zion.
Es gehört in die Natur des Pilgrims– und Glaubenslebens, dass wir das Land nicht sehen, in das wir einziehen sollen. Wenn du mit deiner Vergangenheit brichst, wenn du alles verlässt, so darfst du deinem Gott kühn vertrauen, dass Er dich in ein Land führen wird, das besser ist als dasjenige, welches du verlässt. Wer seinem Gott nicht trauen kann, oder wer noch nicht vom Irdischen und Sichtbaren gelöst ist, der bleibt auf halbem Wege stehen und kann die Verheissung nicht erlangen.
Willst du es nicht wagen, deinem Gott zu vertrauen auf Sein nacktes Wort hin – auf das Wort dessen hin, der sich verbürgt hat, dich zu leiten und zu segnen, sobald du dich rückhaltlos trennst von deinem adamitischen, dem Fluche verfallenen Leben? Derselbe Herr, der da spricht: „Ich werde dir ein Land zeigen", sagt auch: „Ich bin der Weg." Fragst du: wer wird mich aus dem Dunkel, aus dem Druck führen – wer bürgt mir, dass ich den Weg nicht verfehle, nicht unterwegs stecken bleibe? – so wisse: Er selbst wird dein Weg vor dir her sein; deine Hand wird in der Seinigen ruhen, und Seine ewige Treue und Vaterliebe steht dir dafür, dass du den Weg nicht verfehlst und nicht auf halbem Wege stecken bleibst.
Nur mit völlig Gelösten kann der grosse Hirte der Schafe etwas anfangen – mit bloss Begeisterten kann Er nichts machen; mit ihnen kommt Er nicht zum Ziele. Hast du darum deines Gottes Ruf vernommen, liebe Seele, so mache deine Rechnung nüchternen Sinnes und bleibe lieber daheim, wenn du nicht alles drangeben kannst; denn es gibt Rechenfehler, die furchtbare Folgen nach sich ziehen. Du musst göttliche Algebra studieren, musst deinen Gott verstehen lernen. Er will dich innerlich freimachen, in welchen Verhältnissen du dich befindest – frei von allen Banden der Familie und des Lebens. Auch nicht eine Klaue soll dahinten bleiben. Alles muss ausgeliefert werden, wenn du zum Geschlechte Abrahams gehören willst.
Vers 2: „Ich will dich zum grossen Volke machen." (Jesajas 54, 1–3; 51, 1, 2.) Aus Ausgezogenen, Losgelösten bereitet sich der Herr Sein Volk. Es tritt uns hier wieder das alte Reichsgottesgesetz vor Augen: „Wer fein Leben erhalten will, der wird es verlieren, und wer es verliert um Meinetwillen... der wird es finden." Wer hängen bleibt an seiner Familie, seiner Freundschaft, dem kann eines schönen Tages alles genommen werden – wer aber auf Gottes Geheiss alles dahinter lässt, den wird Er segnen und mehren und sich seiner bedienen. Erst als unser Heiland allein blieb und als Weizenkorn in die Erde gesenkt war, konnte Er viel Frucht bringen (Jesajas 53, 11, 12). Lässest du auf deines Gottes Ruf hin alles andere fahren, so nimmt Er deine Entwicklung selbst in die Hand, erweitert deinen Gesichtskreis und öffnet dir eine neue Welt.
„Ich will dich segnen und dir einen grossen Namen geben." Wie manche Kinder Gottes wollen noch etwas gelten vor den Menschen! Wer aber versteht, was es heisst: „Ich will dir einen neuen Namen geben" (Offenbarung 2,17), der kümmert sich nicht mehr darum, was Menschen von ihm halten. Er lässt sie reden und freut sich, dass sein Name im Himmel angeschrieben ist.
Weiter heisst es: „Du sollst ein Segen sein." Es gibt deren viele, die gesegnet sein wollen – zunächst im Zeitlichen, dann im Geistlichen und schliesslich leben sie doch nur für sich selbst. Sie merken gar nicht, dass der höchste und tiefste – ja, der einzig wahre Segen, darin liegt, anderen etwas sein, anderen dienen zu dürfen, anderen Leben aus Gott mitzuteilen. Und doch ist nur das wahrhafte Leben – doch heisst nur das: wirklich erlöst sein! Nur Gesegnete können anderen zum Segen sein. Willst du den Segen Abrahams, so geh auf dem Wege, den Abram ging und auf dem er zum Abraham wurde. Lass dich von allem lösen und fürchte dich nicht, anderen zuweilen ein Stein des Anstosses zu werden! Gehorchst du deinem Gott, die anderen Seiner Leitung überlassend, so wirst du ihnen eine Quelle des Segens. Geistessaat wächst in die Länge und in die Breite und bleibt in Ewigkeit. Nicht irdische Macht vermag die Erde zu retten, nicht irdische Liebe kann den Söhnen und Töchtern dieser Erde helfen – willst du anderen ein Segen werden, so lass dich aus dem alten Boden in einen neuen verpflanzen. Die Verpflanzung geht durch das Grab; darum hat der Herr die Taufe eingesetzt. Bist du eine Pflanze mit Jesus geworden, bist du mit Ihm gekreuzigt und mit allen Fasern deines Wesens mit Ihm in Sein Reich versetzt, so wird Er sich deiner als Kanal bedienen, um anderen Segnungen zuströmen zu lassen. Nur gründlich von der Welt Gelöste können anderen die Hand zum Herauskommen reichen, sonst laufen sie Gefahr, dass diejenigen, die sie retten wollten, sie wieder herab– und in die Welt hineinziehen.
Noch einmal: das sicherste Mittel, anderen Licht und Leben zu vermitteln, ist: Gott gehorchen, sich lösen lassen, den Glaubensweg gehen und die anderen Ihm überlassen. Aus solchen Glaubenskindern wird ein Lebensherd für andere.
Vers 3: „Ich will segnen, die dich segnen und verfluchen, die dich verfluchen." Der Herr zieht eine Mauer um Abram: Er versiegelt ihn. Wer mit seinem Gott in Ordnung ist und unter Seinem speziellen Segen steht, der hat nicht mehr zu rechnen mit der Bosheit und Macht von Menschen und Dämonen. An ihm erfüllt sich Römer 8,28: „Denen, die Gott lieben" – und die eben damit Seine Geliebten sind –, „müssen alle Dinge zusammenwirken zum Guten." Das ist unsere von Gott uns gegebene königliche Stellung.
Der Herr kennt die Seinen. Im rechten Augenblick erneuert Er ihnen die Quellen des Lebens, des Glaubens, der Hoffnung, der Geduld und des Vermögens, vorwärtszugehen, ohne zu schauen und ohne zu verstehen.
Wir wollen unserem Gott vertrauen; dann lässt Er uns durch alle Trübsal und Versuchungswellen hindurch so viel Himmelsluft und so viel göttliches Licht zukommen, dass wir nicht unterliegen müssen, dass die Dinge der unsichtbaren Welt ihren Wert für uns behalten und die Treue unseres Gottes uns immer grösser und anbetungswürdiger wird.
Seien wir treu als aus Christi Samen Gezeugte, die nicht ermüden in Glaubenswegen, sondern allen Fleiss beweisen, die Hoffnung festzuhalten bis ans Ende (Hebräer 6,11), damit wir Nachfolger derer werden, die durch Glauben und Geduld die Verheissung ererben!