Schriften von Otto Stockmayer
Abraham - der Vater der Gläubigen
4. Abrahams Fremdlingsschaft - Ergänzende Bemerkungen über: 1. Mose 12, 4–20 , anhand von Heb 11,8-104. Abrahams Fremdlingsschaft - Ergänzende Bemerkungen über: 1. Mose 12, 4–20 , anhand von Heb 11,8-10
Ehe wir im Hebräerbrief an den wichtigen Abschnitt im Leben Abrahams und Saras kommen, von dem Römer 4 die Rede ist – und der seine Bedeutung hat nicht nur für Abrahams zeitliche Nachkommenschaft, sondern auch für seinen Beruf als Vater der Gläubigen, und der demnach bahnbrechend ist für alle Geschlechter – ich sage: ehe wir auf diesen Abschnitt näher eingehen, wollen wir noch einige Züge in Abrahams Leben betrachten, wie sie uns zwischen Vers 10 und 11 entgegentreten.
Wir sehen daraus deutlich, dass Gehorsam gegen Gott der Weg ist, um im entscheidenden Augenblick glauben zu können. Üben und Festhalten des Fremdlingsberufes reift die Seele für das Feste, Bleibende. Hängst du dich hingegen an Kreaturen, knüpfst du überall Fäden mit dem Irdischen an, schaust du immer nach Ehre oder Anerkennung aus, und bindest du dich an Lob oder Tadel deiner Mitmenschen, so wird deine Seele verwüstet, befleckt, verflochten mit dem Verweslichen. Glauben wie Abraham können nur solche, welche in die obere Welt eingepflanzt sind. Wer sich noch nicht hat lösen lassen von irdischen Hoffnungen und Erwartungen, der wird in entscheidender Stunde vergeblich nach Glauben suchen – es wird ihm nicht gelingen, welchen aufzubringen.
Abraham wird im Neuen Testament der Vater der Gläubigen genannt. Es ist daher gut, wenn wir uns Rechenschaft darüber geben, welche Schulen er unter seines Gottes Leitung durchzumachen hatte, um zum lebendigen Glauben durchzudringen; denn auch bei ihm ging es nach dem Grundgesetz: "aus Glauben in Glauben."
Wie unser Heiland, so muss auch der Jünger, so musste auch ein Abraham Glaubensgehorsam lernen und üben, und dazu bedurfte es einer langen Lehrzeit. Die ganze irdische Laufbahn ist eine Schule, in der man Anleitung und Unterweisung zum Glauben erhält, bis letzterer im Schauen mündet und damit die Erziehung beendet ist.
Wir haben gesehen: Die erste Betätigung des Glaubens im Leben Abrahams bestand darin: als Gott zu ihm sagte: „geh", ging er – und zwar ohne zu wissen, wohin. Damit bekennt er, dass er nicht Erdenbürger sein, sondern Himmelsbürger werden will.
In Hebräer 11, Vers 8-10 lesen wir von Abrahams Fremdlingsschaft – in Vers 11 und 12 von seinem Glauben. Beides war von Anfang an ineinander verwoben. Dem Ausziehenden hatte Gott gesagt: „Ich will dich zu einer grossen Nation machen“; aber schon 1. Mose 11,30 heisst es „Sarai war unfruchtbar“. 1. Mose 12,2 verspricht ihm Gott noch einmal: „Ich will dich zum grossen Volke machen.“ Gibt Abraham daraufhin etwa seinem Bedenken Ausdruck: „Wie soll das zugehen, nachdem mein Weib doch unfruchtbar ist?“ Nein, er gehorcht und zieht aus. Er sagt nicht: „Das ist ja ein Ding der Unmöglichkeit – ich kann mir das nicht zusammenreimen; darum will ich lieber daheimbleiben in den alten, vertrauten Verhältnissen.“ Er glaubte dem Wort seines Gottes: „In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden,“ und der wiederholten Versicherung: „Deinem Samen will ich dieses Land geben.“
„Fünfundsiebzig Jahre war Abram alt, als er aus Haran zog“, heisst es weiter (1. Mose 12,4.). Auch Zahlen haben ihre Bedeutung in der Heiligen Schrift. Abrams Alter bei seinem Auszug aus Mesopotamien steht eingetragen. Es ist eine Art Geburtstag – ein bedeutsamer Wendepunkt in seinem Leben – eine Art Bekehrung, eine Auslieferung an seinen Gott.
Dem Wandernden erscheint Jehova, Vers 7, und nimmt mit den Worten: „Deinem Samen will ich das Land geben“, den Faden Seiner Offenbarung wieder auf. Wohin Abram gezogen war, war er auf Kanaaniter und andere fremde Völker gestossen – da erscheint ihm Jehova, damit die Erscheinungen der unteren Welt nicht lähmend auf ihn einwirken.
O, wie kommt Gott Seinen Kindern so freundlich entgegen, wenn sie auf Sein Wort hin den Glaubensweg betreten! Ohne solche besondere Gnadenerweisung Gottes wäre Abram wohl nicht durchgekommen und kommen auch wir nicht durch. Wenn Kanaaniter uns schrecken wollen, tritt Jehova auf den Plan, um uns wieder ins Gleichgewicht zu bringen.
Und was tut Abram, nachdem Gott ihm erschienen ist? Er baut Jehova einen Altar. Wie herrlich in ihrer Einfachheit sind doch die heiligen Geschichten der Vorzeit! Wer klassische Studien machen, Herz und Sinn ausbilden will, der vertiefe sich vor allem in das Alte Testament und lerne aus demselben Wahrheit und Einfachheit auch im Bericht erstatten!
Abraham begegnet Kanaanitern im Lande – Jehova erscheint ihm – und er baut Gott einen Altar – nicht dem Moloch. Sofort pflanzt er seinem Gott ein Zeugnis auf im Heidenland, auf fremdem Boden. Das gibt einen klaren Weg, bewahrt den Wandel im Licht und in der Wahrheit. Daran erkennt man die Auszugsleute, dass sie kurz und bündig überall ihr Zeugnis ablegen, überall ein Denkmal aufrichten und dann weiterziehen.
Abram wusste etwas vom wahren Gottesdienst im Geist und in der Wahrheit. In der Gegend von Bethel und Ai – baut er einen zweiten Altar – Vers 8. – Er ist nicht hängen geblieben an den Orten, wo der Herr ihm erschien, sondern ist weitergezogen, sobald Gott es ihn hiess, und hat seine Zelte anderswo aufgerichtet.
Glaubenskinder haben, wie ihr Meister, durch Leiden Gehorsam zu lernen, aber das geht nicht in einem Tage. Es gilt da, eine stufenweise Entwicklung durchzumachen, bis aus einem Abram ein Abraham wird und bis an Stelle der alten Natur die Gnade tritt.
In der Entwicklungsgeschichte des Abraham finden wir mancherlei Schatten – Spuren von Wankelmut und Befleckung. Das Volk Israel ist ein eigentümliches Geschlecht. Man könnte im Vater desselben den gleichen Kampf feststellen, der im Schoss Rebekkas zwischen Esau und Jakob vor sich ging – den Kampf zwischen den beiden Linien, einerseits: die Kinder der Verheissung und anderseits: der natürliche Same.
Die Juden, dieses merkwürdig begabte Volk, das den europäischen Staaten und Verfassungen durch die Jahrhunderte hindurch so viel zu schaffen gemacht hat – verstehen es, sich aus allen Schwierigkeiten herauszuwinden, wie dies ja auch einer der Hauptcharakterzüge des Erzvaters Jakob – des Fersentreters war.
Auch bei Abram zeigen sich Spuren dieses Charakterzugs. Er stand immer in Gefahr, sich selbst helfen zu wollen, bis Gottes Gnade Herr wurde über diesen Punkt seines natürlichen Wesens, und er zum Vater der Gläubigen heranreifte. Für einen Mann wie Abram war es Untreue, dass er ohne Gottes Geheiss nach Ägypten hinabzog und dort alle möglichen Vorkehrungen traf, um sich gegen den Pharao zu schützen. Wie viele unnötige Verwicklungen brachte das mit sich! Hätte nicht Gott selbst alles wieder in Ordnung gemacht, so hätte es sehr schlimm ausfallen können. Selbsthilfe bringt Gotteskindern nur Schmerz und Enttäuschung, während sie unbedingt auf ihren Gott rechnen können, wenn sie sich Ihm anvertrauen. Die Kinder der Verheissung haben nichts zu fürchten, vorausgesetzt, sie liefern sich Gott wirklich aus.
Wir sehen ja aus der Geschichte der Kinder Israel, wie Gott immer wieder ihre Feinde dämpfte und ihnen half, sobald sie ihre Götzen fahren liessen und sich einzig und allein auf Ihn warfen. Nie werde ich müde werden, zu wiederholen, dass man mit seinem Gott auskommen kann. Erkennt jemand in Wahrheit, dass er es in allen Dingen nur mit Gott zu tun hat, so übernimmt Gott alles für ihn. Abram musste viel Lehrgeld zahlen, bis er ganz in Gottes Linien eingegangen war. Er war nun einmal auf königlichen Boden gestellt, und je weiter er kam, um so ernster nahm es Gott bei ihm mit jedem noch so geringen Abweichen vom Glaubenspfade.