Von Pfarrer Weismann.
Wieder geht ein Büchlein unseres teuren Pfarrers Otto Stockmayer aus. Es ist eine Nachlese, welche die reife Frucht des Alters darbietet. Das Charakterbild Abrahams tritt in einer zusammenhängenden Reihe von Andachten vor uns. Eingefügt sind ergänzende Ausführungen zum Beispiel über Hebräer 11,8-19. Der Leser möge sich an etwaigen Wiederholungen nicht stoßen. Das Bestreben bei der Zusammenstellung der Andachten ging dahin, nicht Wesentliches beiseitezulassen und nicht willkürlich zu ändern.
Wir dürfen für diese Gabe aus Stockmayers tiefem Quell dankbar sein. Es gibt ja wertvolle, erbauliche Behandlungen des Lebens Abrahams, doch steht man bei Stockmayer besonders tief unter dem Eindruck, dass er die „Vollmacht" besaß, über solche Männer zu reden. Der Grund liegt weniger in der äußeren Gabe als in dem, was wir „Kongenialität", geistliche Verwandtschaft nennen. Abraham ist der Vater der Gläubigen, und wer Stockmayer kannte, der empfand etwas von dem, was ein „Sohn Abrahams" ist, der den Geist des Glaubens besitzt (2. Korinther 4,3). – Das Geheimnis seiner Persönlichkeit lag, wie bei dem Patriarchen, in einem Doppelten – nämlich: einmal in der ganzen geschlossenen Hingabe an den Herrn, sodann in dem grenzenlosen Vertrauen, dem „Glauben ohne Fühlen“. Der Wert der Ausführungen in diesen Blättern liegt darin, dass das Leben Abrahams nicht als etwas Zufälliges, Einmaliges vor uns tritt, sondern dass wir die stets gleichbleibenden Erziehungsgesetze Gottes kennenlernen. Es ist die Erziehung zum inneren Adel, zu einem Leben, das Gott ganz in Seine Hand bekommen hat, da Er die äußeren Verhältnisse regelt, ohne dass der Mensch eigenwillig seine Gedanken einmischt. Die verhängnisvollen Folgen des ungläubigen Eigenwillens, aber auch die barmherzige Geduld Gottes in der Erziehung der Seinigen werden uns deutlich gezeigt. Wir haben es in der gegenwärtigen Drangsal nötig, gemahnt zu werden, dass wir nicht herabsinken, dass wir in festen Glaubensgeleisen beharren. Wir begegnen auch so viel unselbstständigem Christentum – wenige zeigen ein originales, von Menschen unabhängiges Glaubensleben. Wir haben es nötig, von einem Gottesmann zu lernen, der einsame Wege geführt wurde, selbst einen Lot von der Seite verlor, der aber ganz in Gottes Händen ruhte und dadurch als Meisterwerk himmlischer Erziehung von Stufe zu Stufe geführt wurde. Da ist nichts Erkünsteltes, Erzwungenes, Übereiltes. Gott nimmt sich Zeit, aber dann fällt auch die Frucht reif ab: Ein Charakter, von Menschen gelöst, an Gott gekettet.
Wir wollen unsere Lenden mit Abrahams Geduld gürten und uns den einsamen, ernsten und doch so seligen Glaubensweg nicht entledigen lassen. Wir grüssen uns als Erben der Verheissung in dem Geist, der alle verbindet, die nach der oberen Heimat als Gäste und Fremdlinge wallen.
P. Weismann.