Schriften von Otto Stockmayer
Abraham - der Vater der Gläubigen
24. Isaaks Geburt. - 1. Mose 21 .24. Isaaks Geburt. - 1. Mose 21 .
Die langersehnte Stunde war gekommen, wo Gott Seine Verheissung erfüllte und Sara einen Sohn gebar, den Isaak, den Sohn der Verheissung. Seinerzeit hat Sara nicht warten können – Gott hat seine eigene Stunde – und Abraham hat sich von Sara verleiten lassen, auf fleischlichem Wege, mit natürlicher Nachhilfe einen Sohn zu bekommen. Es ist ihr gelungen, aber die Folgen blieben nicht aus, und auch in diesem 24. Kapitel sehen wir noch ein Stück von diesen Folgen. Man kann nicht mit eigenem Machwerk eingreifen, wo Gott sich etwas vorgenommen hat, und man verdirbt im Gegenteil ausserordentlich viel, wenn man nicht erwarten kann, dass Er selbst zu Stand und Wesen bringe, was Er uns in Gnaden zugedacht hat.
Gott hatte Abram einen Sohn verheissen, und wenn in einem solchen Falle die Erfüllung auch monate- und jahrelang verzieht, so darf sich Abraham darauf verlassen, dass Er sich nicht verrechnet, und dass Gottes Arm in keiner Weise dadurch gebunden wird, dass eine längere oder kürzere Spanne Zeit darüber hingeht. Im Gegenteil: Es geschieht nicht selten, dass Gottes Arm dadurch erst recht frei wird, weil das Warten auf Gott den Menschen mürbe macht. Alle Führungen Gottes in Geduld und Glauben der Heiligen erziehen und läutern uns für den Besitz dessen, was uns Gott bestimmt hat – und für Dinge, die Er nicht für uns bestimmt hat, danken wir, denn sie bringen nur Jammer und Elend in unser Leben. Alles, was wir selbst in unser Leben hereinschmuggeln, bringt uns früher oder später Weh und Herzeleid, während uns alles, was Gott in unser Leben hineinlegt, Segen bringt.
Wohl denen, die gelernt haben, mit Gott zu rechnen, und die sich nicht mehr dazu verleiten lassen, Gott zu Hilfe zu kommen, wie sich Abram von Sara hatte verleiten lassen!
Vers 8: „Isaak wuchs heran und ward entwöhnt; und Abram machte ein grosses Mahl an dem Tage, an dem Isaak entwöhnt ward." Und nun kommt die Krise!
„Und Sara sah den Sohn Hagars, der Ägyptischen, den sie Abram geboren hatte, spotten." Eigentlich heisst es nur „lachen", aber unter dem Lachen mag sich Spott verborgen haben – etwas, was die Sara reizen musste. Er war eben nicht der Sohn Saras, sondern nur der Sohn Abrams, und meinte, als solcher habe er eben soviel Recht im Hause wie der von Sara geborene Isaak. Abram durfte und sollte Ismael jedoch nicht decken, wie letzterer und seine Mutter gehofft hatten, dass er tun werde.
Und Sara sprach zu Abram: „Und treibe diese Magd aus mit ihrem Sohne; denn dieser Magd Sohn soll nicht erben mit meinem Sohne Isaak." Da kommt mit einem Male heraus, was sie schon lange im Herzen mit sich herumtrug. Es war ihr nun die Veranlassung geboten, den Knaben wieder loszuwerden, den sie selbst ins Haus gebracht hatte. Wohlgemerkt: Sie selbst hatte ihn ins Haus gebracht durch den unseligen Rat, den sie dem Abram gegeben hatte. Sie hatte zu ihrem Manne gesagt: „Der Herr hat mich verschlossen, dass ich nicht gebären kann; so gehe doch zu meiner Magd, ob ich vielleicht aus ihr mich auferbauen möge!" Man kann an Familienverhältnissen nicht korrigieren wollen, wie einem gut dünkt. Sohn ist Sohn, und Eltern sind Eltern – da kann man nicht künstlich eingreifen und ersetzen wollen, was Gott einem versagt hat.
„Das Wort gefiel Abram sehr übel." Wenn auch nicht auf rechtmässige Weise gezeugt, war eben Ismael, sein Sohn, so gut wie Isaak – ein Sohn, den er der fleischlichen Ungeduld seines Weibes verdankte, das nicht warten gelernt hatte. Alle Eingriffe in das Familienleben, in die Stellung von Eltern und Kindern, von Mann und Weib – alles, was da Fremdes hineingeworfen wird, kann die schwerwiegendsten Folgen haben. Die Ehe ist heilig und ist eine Erziehungsschule für Mann und Weib sowie auch für die Kinder – da muss man alles bis ins Kleinste hinein Gott überlassen. Man muss wissen, wen man in den Familienkreis aufnimmt; denn wenn man da nicht den Herrn fragt, kann es sich bitter rächen, besonders wenn Mann und Frau nicht tief im Herrn verwurzelt sind.
„Das Wort gefiel Abram übel um seines Sohnes willen," aber diesen nach dem Fleisch geborenen Sohn muss er loslassen. Man muss auch seine eigenen Kinder loslassen. Man kann sie nicht immer bei sich behalten; sie kommen einem früher oder später aus den Augen – umso mehr gilt es loszulassen, was als Fremdkörper mit der Zeit zum Zankapfel geworden ist. Wer über alledem steht, Gott.
„Das Wort war sehr übel in Abrams Augen um seines Sohnes willen. Aber Gott sprach zu ihm: Lass dir’s nicht übel gefallen, des Knaben und der Magd willen. Alles, was Sara dir gesagt hat, dem gehorche! Denn in Isaak soll dir der Same genannt werden." O, bleiben wir doch nicht bei der Ungerechtigkeit dieser oder jener Forderung stehen, die andere an uns richten, sondern fragen wir uns, ob nicht etwa hinter derselben Gottes Wille steht! Auch hinter der ungerechten Forderung der Sara ist etwas Gerechtes. „Horche auf ihre Stimme", sagte Gott zu Abram. Ja, wenn Gott das sagt, so ist es gut; aber als ihm sein Weib die Hagar in den Busen gab, hatte Gott nicht gesagt: „Höre auf ihre Stimme, so wenig Er seinerzeit zu Adam gesagt hatte: „Höre auf die Stimme deines Weibes Eva." Wie viel können Mann und Weib, Freunde und Geschwister einander dienen, aber auch die Ratschläge der Nächsten und Liebsten müssen, ehe man sie befolgt, auf der Goldwaage des Heiligtums gewogen werden. Es muss alles ins Heiligtum. Heute versucht uns der Teufel, durch die Stimme der Menschen auf fleischliche Bahnen zu bringen, und morgen sucht er uns zu veranlassen, die Stimme eines Freundes abzuweisen, hinter der Gott steht, durch die uns Gott sagen will, was in unserem Leben anders werden muss, weil es Ihm nicht wohlgefällt.
„Alles, was Gott dir gesagt hat, dem gehorche; denn in Isaak soll dir der Same genannt werden, doch auch den Magd Sohn will Ich zum grossen Volke machen, darum, dass er deines Samens ist. Sei unbesorgt; auch er soll nicht zu kurz kommen, aber dein Erbe soll er nicht sein." Gott hat ein Erbteil für alle. Ismael braucht nicht danach zu begehren, Abrams Erbe zu sein – Gott hat auch für den Sohn der Ägypterin ein Erbteil. Abram gehorcht der Stimme seines Weibes, und die arme Mutter muss mit einem Schlauch Wasser auf dem Rücken und mit einem Vorrat Brot hinaus in die Wüste. Sie hatte sich im Hause niedergelassen und fühlte sich heimisch darin; sie hatte Wurzel gefasst, und weil sie einen Sohn von Abram bekommen hatte, meint sie, nun habe sie nicht mehr zu befürchten, dass man sie als Magd fortschicken könnte. In dieser Meinung war sie übermütig geworden. Erben werden leicht übermütig. Sie werden übermütig, wenn es ihnen geglückt ist, sich irgendwo niederzulassen, und denken, jetzt könnte es ihnen an nichts mehr fehlen – da fängt mit einem Male das Wanderleben wieder an. O, wenn wir Niederlassungsgedanken Raum geben und dann von einem gewissen Orte nicht mehr fortwollen, so hat das immer seine verhängnisvollen Folgen; da muss uns oft Gott das Nest, das wir uns zurechtgemacht haben, durch schwere Führungen zerstören, uns daraus aufstöbern und uns in die Wüste schicken! Hagar irrt nun planlos in der Wüste umher wie etwa ein Schwermütiger, der gar nicht mehr den Mut hat, irgendeinen Plan zu fassen, der nicht einmal mehr seinen Wasserschlauch auszunützen versteht, noch sich so weit aufrafft, dass er sich einen Bergungsort für die Nacht sucht. Hagar lässt alles los in ihrer Schwermut; sie macht es wie Elias, der seinerzeit auch in der Wüste umherirrte, bis er sich schliesslich in einer Höhle verlor. In der Höhle aber befindet sich keine Öffnung nach oben – da ist nur seitwärts eine Öffnung, aber keine Verbindung mit dem Himmel. „Was hast du da zu tun, Elias?" fragt der Herr seinen Propheten. Was irrst du in der Wüste umher, Hagar? Mit solchem Umherirren ist nichts gewonnen. Als das Wasser ausging, verzweifelte sie, und in ihrer Verzweiflung warf sie das Kind unter einen Strauch. Sie brachte es nicht übers Herz, bei ihm zu bleiben und zuzusehen, wie es langsam verdurstete – aber ebenso wenig brachte sie es übers Herz, ganz fortzugehen. So setzte sie sich denn in einiger Entfernung nieder und weinte. Das ist das Ende eigener Wege.
„Und Gott hörte und erhörte die Stimme des Knaben." Wir blicken oft so geringschätzig auf die Tränen eines Kindes herab – das tut Gott nie. Die Tränen eines Kindes fallen für ihn mehr in die Waagschale als die Verzweiflungstränen einer Hagar. Wollen wir auf die Hilfe Gottes rechnen, so müssen wir zuerst wieder Kinder werden. „So ihr nicht werdet wie die Kinder, so könnt ihr nicht ins Reich Gottes kommen", sagt der Herr Jesus. Ihr irrt dann in der Wüste des Lebens umher und wisst nicht mehr, was ihr wollt. Verlorenes Kind, geh heim; werde erst wieder Kind, beuge dich über die Sünden deiner Vergangenheit, und wenn dir jetzt die Folgen derselben zum Bewusstsein kommen, so lass dich das nicht verdriessen! Sie sind dann nicht mehr Strafe, sondern heilige Erziehungsmittel in der Hand deines Gottes, die dir dein Gott noch in Segen verwandeln und fruchtbar machen kann – und das nicht bloss in der Ewigkeit, sondern schon hienieden und jetzt. Und nicht verzweifeln! Ja, an den eigenen Wegen darfst und sollst du verzweifeln, dann aber darfst und sollst du zu deinem Gott zurückkehren und Busse tun. Bei den von Herzen Aufrichtigen wird noch einmal alles recht.
„Und Gott hörte die Stimme des Knaben." Die Tränen der Kinder steigen zu Gott empor und gelangen nicht nur an Sein Ohr, sondern in Sein Herz.
„Und Er sandte Seinen Engel, der rief Hagar zu: Was ist dir, Hagar?" „Was mir ist, fragst du, o Gott? Es ist ja alles aus. Wie kann man da noch fragen, was einem ist?" So darf Gott fragen, und so fragt Gottes Engel: „Du meinst, es sei nun alles aus, wie? Was ist dir? Fürchte dich nicht! Gott hat auf die Stimme des Knaben gehört, da, wo Er ist. Du hast dich dem Knaben gegenübergesetzt, um ihn nicht sterben sehen zu müssen – Gott hat aber alles mit angesehen, hat seine Stimme gehört und ihn dort aufgelesen, wo du ihn in deiner Verzweiflung hingeworfen hast. Sieh auf, Hagar, nimm den Knaben, fass ihn bei der Hand an, anstatt dich auf Schussweite von ihm entfernt niederzusetzen – Ich will ihn zum grossen Volke machen. In Abrams Haus war kein Raum mehr für ihn – aber unter meinem Himmel ist noch Segen für ihn – wenn auch nicht gerade der für den Sohn der Verheissung bestimmte Segen. Ismael braucht Abrams und Isaaks Segen nicht; denn er gebührt ihm nicht. Alles künstlich Eingerichtete geht zu seiner Zeit wieder auseinander; trotzdem habe ich auch für Ismael ein reiches Erbe – er soll ein Fürstentum erben und soll noch ein gewaltiger Fürst und Fürstenstammvater werden."
Und nun tut Gott nicht etwa ein Wunder, indem Er eine Wasserquelle in der Wüste schafft – nein, Er öffnet einfach Hagar die Augen! Das Wasser war da – in ihrer nächsten Nähe –, aber sie hatte es nicht gesehen. Es ist immer Hilfe da in jeglicher Not – nur darfst du nicht seitwärts nach rechts oder links ausschauen, sondern musst aufwärts blicken, damit dein Gott dir zeigen kann, was schon lange für dich bereitliegt.
„Und sie sah einen Wasserbrunnen." Sie war so in ihren Schmerz versunken, dass sie gar nicht gemerkt hatte, dass ein Wasserbrunnen vorhanden war, sie also nur ihren Schlauch zu füllen brauchte, um dem Knaben zu trinken geben zu können. Ismael blieb ein Kind der Wüste, und doch hatte Gott einen Segen für ihn bereit. Gott war mit dem Knaben, mit dieser Frucht des Fleisches. Damit sind Söhne und Töchter nicht enterbt von Gott, dass sie auf fleischlichem Wege zur Welt gekommen sind, in Sünde und Schande. Wir tragen ja alle etwas von der Erbschaft der Ägypterin mit uns herum, sind alle in Sünden geboren und empfangen, aber Gott hat doch ein Herz für uns, wie Er ein Herz für Ismael hatte.
„Und er wohnte in der Wüste Pharan, und seine Mutter nahm ihm ein Weib aus Ägyptenland." Damit haben wir das Geschlechtsregister Ismaels.