Schriften von Otto Stockmayer
Abraham - der Vater der Gläubigen
18. Gottes Besuch im Zelte Abrahams und Saras Lachen. - 1. Mose 18 .18. Gottes Besuch im Zelte Abrahams und Saras Lachen. - 1. Mose 18 .
Im ersten Vers des letzten Kapitels haben wir gesehen, dass es auch bei Abram zuerst durch Zweifel und Unglauben gegangen ist. „Er fiel auf sein Angesicht und lachte", heisst es da, „und sprach in seinem Herzen: Soll mir, hundert Jahre alt, ein Kind geboren werden, und Sara, neunzig Jahre alt, gebären?" Wir haben ferner gesehen, wie er sich krampfhaft an Ismael hing, wie sich der natürliche Mensch überhaupt ans Sichtbare hängt, hingegen grosse Mühe hat, an das Höhere, Unsichtbare zu glauben. Und wie der natürliche Mensch, so macht es auch vielfach das Kind Gottes, solange es nicht aus dem alten Unglauben und Halbglauben herausgekommen ist. Weiter haben wir gesehen, wie sich Abram von seinem Gott hat strafen lassen und dann Stellung gegen sich und seinen Unglauben genommen hat, indem er alles, was in seinem Hause war, beschnitt. Das war Bekehrung – damit hat er sich mit seinem ganzen Hause auf Gottes Seite gestellt.
Und nun handelt es sich darum, dass auch Sara überwunden werde. „Der Herr erschien Abram im Hain Mamre, da er sass an der Tür seiner Hütte, da der Tag am heissesten war," und sobald Abram die drei Männer sah, erkannte er seinen Herrn inmitten derselben und sprach: „Herr, habe ich Gnade gefunden vor deinen Augen, so gehe nicht an deinem Knechte vorüber!" Der Herr stellt sich in Seinen Begegnungen in unseren Bereich – bald näher, bald ferner; dann handelt es sich darum, ob auch wir unsererseits uns Ihm stellen – und zwar sofort –, ob wir Ihn festhalten. Er kann entweder nähertreten oder ferner, je nachdem, wie wir uns zu solchen Begegnungen stellen. Er drängt sich uns nicht auf. In unerwarteten Begebenheiten unseres Lebens – sei es nun in freudigen oder widerwärtigen – tritt Er an uns heran und sieht, ob wir Neues, das Er in unseren Gesichtskreis rückt, in unser Leben aufnehmen, oder ob wir uns mühsam im Alten fortschleppen.
Gott hat Seinen Kindern immer etwas zu bringen, wenn sie Ihn festhalten – entweder, indem Er ihnen eine neue Zukunft eröffnet, oder indem Er ihnen sonst etwas in ihren Lebensweg hereinlegt. Zunächst darf Abram Ihm und den Männern, die mit Ihm sind, dienen.
„Man soll euch ein wenig Wassers bringen und einen Bissen Brotes, dass ihr euer Herz labet; danach sollt ihr fortgehen. Denn darum seid ihr zu eurem Knechte gekommen." Ja, das letzte Wort war das jedenfalls nicht. Gott kommt bei uns vorbei in Gnaden, damit wir Ihm dienen, Ihn anbeten und damit vom Sichtbaren gelöst werden. Er tritt uns nahe, damit wir Gelegenheit haben, Ihm etwas zu geben. Das ist unendliche Gnade. Gott will von uns angebetet sein – schliesslich ist das aber nur Mittel und Zweck für Ihn, uns neuen Segen zuzuwenden, um unser Leben fruchtbar machen zu können. Jede Begegnung Gottes mit einem Menschen hat den Zweck, ihn fruchtbar zu machen.
„Darum seid ihr zu eurem Knechte gekommen", sagt Abram Vers 5. Was diese Begegnung ihm persönlich eintragen sollte, hat er nicht geahnt. Wir können niemals wissen, was diese oder jene Begegnung mit unserem Gott für unser weiteres Leben in sich schliessen mag. Wohl uns, wenn wir mit der Bereitwilligkeit eines Abram alles liegen und stehen lassen, um Ihm zu dienen, Ihm Raum zu machen, Ihn zu befriedigen. Der Herr hat in Gnaden angenommen, was Abram Ihm anbot.
„Tu, wie du gesagt hast", sprachen die Männer am Schluss von Vers 5. Sie machen keine Komplimente, wie die Menschen zu tun pflegen, wenn sie auch noch so müde, erhitzt und hungrig sind. Sie sagen nicht wie unsereins: „Machen Sie sich doch keine Mühe", obwohl es uns schrecklich wäre, wenn man uns beim Wort nähme und uns in der Hitze ziehen liesse, ohne uns die angebotene Erfrischung auch wirklich zuteil werden zu lassen. So ist eben der natürliche Mensch. Das ganze gesellschaftliche Leben ist von Lüge durchwoben. Auch das wird alles einmal ins Gericht kommen, und die Menschen werden Rechenschaft geben müssen für jedes unwahre Wort, das sie geredet haben. Wohl uns, wenn auch im Ton unserer Stimme, in unserem Reden und Schweigen, in Blick und Gebärden alles wahr und echt wird, zu Gottes Ehre!
Und nun müssen Sara und die Knechte und Mägde ohne Säumen ans Werk gehen. Die Gäste sollen nicht unnötig warten. Es wird schnell ein Kalb geschlachtet, Brot gebacken und den Männern vorgesetzt. Und während sie assen, sprach Er, der Herr, der Eine unter den dreien, zu ihm, Vers 9: „Ich will wieder zu dir kommen über ein Jahr; siehe, so soll Sara, dein Weib, einen Sohn haben." Ein solches Wort konnte nur Er sprechen, der schöpferische Gott, erneuernd, bestätigend und – was die Zeit betraf – näher bestimmend. Zuerst die Verheissung im Allgemeinen: „Du bekommst einen Sohn" – und nachdem Abraham sich als Glaubender ausgewiesen hatte: „Über's Jahr, wenn Ich wiederkomme, sollst du einen Sohn haben, soll dein Weib Sara einen Sohn haben." „Ach, dass Ismael leben sollte vor dir!" hiess es im letzten Kapitel. «Lass doch den Ismael leben!" – die Frucht des Fleisches, an die man sich anklammert, an die wir uns halten, und die uns aufhält, dass wir nicht ins Geistesleben durchbrechen.
„Und sie waren beide, Abraham und Sara, alt und wohl betagt... Darum"
–Vers 12 – „lachte sie bei sich und sprach:..." Abraham hat auch
gelacht – sein Lachen war, wie wir gesehen haben, ein Lachen des
Zweifels, mit dem er dann für immer gebrochen hat. Sara horchte hinter
der Tür, lachte und sprach: „Soll ich, nun ich alt bin und mein Zerr
auch alt ist, noch Wollust pflegen?" Hier scheinen sich zwei Linien –
die Linie der Sara, in der sie aber auch nicht stecken geblieben ist –
und die Linie Abrahams, von dem
geschrieben steht: „Er sah nicht an seinen erstorbenen Leib, noch den
erstorbenen Leib der Sara." Gott hatte zu ihm gesprochen. Er war ein
Mann, der gelernt hatte, vor Gott zu stehen, auf Gott zu hören und mit
Gott zu rechnen, anstatt mit dem Sichtbaren. Mit dem Sichtbaren rechnen
schwächt und demoralisiert – mit dem Unsichtbaren rechnen macht stark im
Glauben. Sara lachte hinter der Tür, aber nur in ihrem Herzen, darum hat
sie nachher gemeint, sie könne es ableugnen. Im Augenblick rechnet der
Herr aber noch nicht mit Sara ab. Zunächst rechnet Er noch mit Abraham,
und es hat sogar den Anschein, als mache Er Abraham für die Stellung
seines Weibes verantwortlich. In erster Linie handelt es sich um die
Erziehung Abrahams, in die natürlich die Erziehung seines Weibes nach
rechts und links eingreift. Abraham sollte vielleicht durch Saras Lachen
daran erinnert werden, dass er es selbst nicht viel besser gemacht
hatte; denn gibt man sich Rechenschaft über die eigenen Verkehrtheiten,
so hat man Geduld mit anderen und sucht sie aus ihrem Unglauben in den
Glauben hineinzuziehen. Erst wenn wir selbst auf königlichem Boden zu
stehen gekommen sind, können wir andere auf königlichen Boden
ziehen.
Gott lässt sich nicht zunächst mit Sara ein, aber diese hört alles und weih ganz genau, was sie angeht. O, welches Gotteskind hat nicht zu dieser oder jener Zeit dieses Lachen gekannt – dieses hinter Gottes Verheißungen gestellte Fragezeichen? Wer hat nicht leise oder laut im ar, so ist es auch dem Glauben nicht zu wunderbar. Es fragt sich nur: Hat Gott es gesagt? Und wenn das der Fall ist, so muss dem „Wenn" und dem „Aber" ein Ende gemacht werden – und zwar ohne Säumen und für immer, sonst kommt Gott nicht zu Seinem Rechte.
„Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein? «An dem bestimmten Zeitpunkt will Ich wieder zu dir kommen, dann soll Sara einen Sohn haben." Damit war Sara gewonnen und sagte sich durch Leugnen von ihrem Lachen los. Die Alten haben es mit der Wahrheit nicht sehr genau genommen; es war ihnen der sittliche Sinn noch nicht dafür geweckt. So schlimm die Lüge war, so lag doch ein gewisser Sieg für sie darin; denn durch das Leugnen hat sie ihren Unglauben verurteilt. Der richtige Weg war es allerdings nicht – der richtige Weg wäre gewesen, zu sagen: „Ja, ich habe gelacht, aber ich will es nicht mehr tun." Warum leugnete sie? Sie fürchtete sich. Es kam wie eine heilige Furcht über sie, dass sie dem Heiligen Israels Grenzen gesteckt hatte.
„Der Herr sprach zu ihr: Doch, du hast gelacht!" Dieser ganze Vorgang hat in Gottes Hand dazu helfen müssen, sie zur Mutterwürde vorzubereiten, hat noch eine Glaubensmutter aus ihr gemacht – wenn auch verspätet. Sie trat in die Glaubensspuren ihres Mannes ein. O, dass wir doch auch solche Glaubensspuren hinterliessen, dass wir andere auf unseren Glaubensweg mitziehen! „Glaube an den Herrn Jesum Christum, so wirst du und dein Haus selig." Es gibt einen Glauben innerhalb des Familienkreises, der andere mit sich zieht. Das ist das in jenem Gottesworte klar niedergelegte Geheimnis.
Nachdem Gott nun die Seinen auf Seiner Seite hat, geht es ins Gericht
über die Gottlosen. Nun Abraham und sein Weib gewonnen sind, tritt eine
neue Aufgabe an ersteren heran. Wir sind zu Priesterkönigen bestimmt; um
das aber in Wahrheit sein zu können, müssen wir zuerst selbst im Glauben
überwinden, anstatt uns vom Unglauben überwinden zu lassen. „Der Glaube
ist die Macht, die die Welt überwindet." Der Unglaube macht Überwundene
aus uns; der Glaube überwindet alles, aber Gottes letztes Ziel mit uns
ist noch lange nicht erreicht, damit, dass wir persönlich durchbrechen.
Er überwindet in heiliger Geduld unseren Unglauben, um ein Priestervolk
aus uns zu machen, das sich durch die Gottlosigkeit anderer nicht
abschrecken lässt, das nicht immer nur mit der eigenen Heiligung
beschäftigt ist, sondern gelöst zum Dienste. «Lass mein Volk ziehen,
dass es mir diene." Es war der Stamm Levi, der zum Priesterdienst
auserwählt war. Wir werden gelöst, um für andere einstehen zu
können,
um uns liebevoll zusammenschliessen zu können mit anderer Not und Sünde,
wie Christus sich zusammengeschlossen hat mit den Sündern, damit sie in
Ihm die Gerechtigkeit haben, die vor Gott gilt.