Schriften von Otto Stockmayer
Abraham - der Vater der Gläubigen
23. Eine nochmalige Entgleisung Abrahams. - 1. Mose 20 .23. Eine nochmalige Entgleisung Abrahams. - 1. Mose 20 .
Das 20. Kapitel macht einem beinahe den Eindruck, als gehe es nach dem unglücklichen Vorfall, der sich dort in der Höhle zwischen Lot und seinen Töchtern zutrug, von einem Dunkel ins andere. Nach Kapitel 20 zog Abram nämlich wieder von dannen dem Süden zu … ward ein Fremdling zu Gerar und sprach von seinem Weibe: "Es ist meine Schwester" – er, der doch wusste, dass die Zeit nahte, wo ihm Sara einen Sohn gebären sollte – er, den wir kurz vorher auf einer seiner Glaubenshöhen sahen, aus der Höhe des Glaubens, der Liebe und der Fürbitte, mit Gott für Sodom und Gomorrha kämpfend – er, der mit Schande von Pharao abgezogen war und sich darüber hatte strafen und zur Rede stellen lassen müssen, da er sein Weib für seine Schwester ausgegeben hatte – er macht jetzt ganz die gleiche Geschichte noch einmal.
Wir dürfen nie vergessen, dass wir als Kinder des Neuen Bundes immerhin eine andere Verantwortung haben, als sie die Männer des Alten Bundes hatten. Bei aller wunderbaren Gottesnähe und Gottesverbindung, die die Patriarchen hatten, standen sie nicht in der innigen Verbindung mit Gott, in der Kinder des Neuen Bundes aufgrund des Opfers Jesu Christi stehen. Und wie Kinder im Allgemeinen zum Lügen neigen, so scheint es, dass die sittliche Tragweite der Lüge den Kindern des Alten Bundes bis jetzt noch nicht aufgegangen war. Es ist, als ob der Sinn dafür bei ihnen noch nicht geweckt oder wenigstens noch nicht durchgebrochen gewesen wäre. Jedenfalls ist und bleibt es ein dunkler, dunkler Schatten im Leben Abrams, wenn auch Gott dem Abimelech unrecht gibt und Abram in Schutz nimmt.
„Gib nun dem Manne sein Weib wieder", sagt der Herr zu den heidnischen Königen; „denn er ist ein Prophet; und lass ihn für dich bitten, so wirst du am Leben bleiben." Sein Prophetencharakter also und die wunderbare Stellung, die er Gott gegenüber hatte, wird in keiner Weise abgeschwächt oder verdunkelt. Gott nimmt nichts von ihm zurück, weil er sich da verfehlt hatte. Er tritt für ihn ein als für seinen Knecht.
„Wo du sie nicht wiedergibst", sagt Er, „so wisse, dass du des Todes sterben musst und alles, was dein ist." Abimelech lässt daraufhin seine Leute versammeln, verkündigt ihnen, was vorgefallen ist, ruft dann den Abram, und dieser muss sich von dem Heidenkönig strafen lassen.
„Warum hast du uns das getan?" sprach Abimelech zu ihm. „Du hast mit mir gehandelt, nicht, wie man handeln soll." O, dass doch unser Handel und Wandel allen – vielleicht aber in erster Linie Weltkindern gegenüber – korrekt sei! Eine andere Verantwortung ist sonst eine entschieden grössere als die Abrams. Ein heiliger Schrecken bemächtigte sich des Abimelechs, als er hörte, wer Abram war. Auch uns gegenüber soll eine heilige Furcht auf den Weltleuten sein – vor allem aber sollen wir uns mit heiliger Furcht vor Gott fürchten, dass wir Ihn doch ja nie entehren vor den Kindern der Welt – wir, die wir dazu berufen sind, als Repräsentanten Gottes durch die Welt zu gehen.
„Abraham sprach: Ich dachte, vielleicht ist keine Gottesfurcht an diesem Orte und sie werden mich um meines Weibes willen erwürgen." Und das hat Abram dem Abimelech sagen dürfen, nachdem er selbst schlecht an ihm gehandelt und ihm wahrlich kein Beispiel von Gottesfurcht und Gottvertrauen gegeben, sondern Schande auf den Namen Gottes gebracht hatte! Wer weiss, ob im Jüngsten Gericht nicht noch Letzte Erste und Erste Letzte sein werden, ob dort nicht gar manche Gotteskinder werden erröten müssen über Dinge, die ehrbare, gut erzogene Weltkinder sich nicht zuschulden kommen lassen würden! Abimelech hat recht gehandelt und Abram schlecht. Als Abimelech ihn zur Rede stellt, bringt er die gleiche Entschuldigung vor wie seinerzeit dem Pharao gegenüber. „Sie ist wahrhaftig meine Schwester", sagt er, „denn sie ist meines Vaters Tochter, aber nicht meiner Mutter Tochter, und ist mein Weib geworden." Wenn die Sache sich wirklich so verhält, dass Abrahams Stiefschwester sein Weib geworden ist, so tritt doch offenbar das erste Verhältnis zurück. Alte Verhältnisse können aufgehoben werden, aber dann muss das neue ganz und voll an dessen Stelle treten; man darf dann nicht halb Welt- und halb Gotteskind sein und darf nicht wieder alte Dinge hervorholen, weil man kein Gottvertrauen und keine wahre Gottesfurcht hat – beide gehen Hand in Hand. Du kannst deinem Gott vertrauen, dass Er dich leitet, wenn du in der Welt nicht das deine suchst, sondern dich in allen deinen Bewegungen und Zügen von heiliger Gottesfurcht leiten lässt. Suchst du dir deinen Wohnort nach irdischen Gesichtspunkten aus, lässt du bei der Auswahl desselben die Frage ins Gewicht fallen, wo du leichter durchkommst, so darfst du auf alle möglichen Verwicklungen rechnen und kommst dann auch nicht eher durch, bis du Busse tust. Gotteskinder handeln von anderen Gesichtspunkten aus als Weltkinder. Sie wollen es vor allen Dingen Gott recht machen, nicht den Menschen – sie trachten in erster Linie nach dem Reiche Gottes und nach Seiner Gerechtigkeit, dann fällt ihnen alles andere zu. Frage dich, ob es Gott ist, Der dich dahin oder dorthin sendet, und wenn du dir darüber im Klaren bist, dann trau' Ihm auch zu, dass Er dich durchbringen wird! Abraham kommt dem Abimelech gegenüber noch einmal auf die Zeit seines Auszugs zurück, indem er in Vers 13 sagt: „Das habe ich damals mit Sara ausgemacht; die Barmherzigkeit tue an mir, dass, wo wir hinkommen, du von mir sagst, ich sei dein Bruder." Und Abimelech verfährt königlich mit ihm, beschenkt ihn reichlich, gibt ihm sein unberührtes Weib zurück und stellt ihm obendrein das ganze Land zur Verfügung.
„Siehe da", sagt er, „mein Land steht dir offen; wohne, wo dir's gefällt." Vers 17: „Abraham aber betete zu Gott" und obwohl er Gott nicht geehrt hatte, heilt Gott den Abimelech auf seine Fürbitte hin. Offenbar ist Gott mit den Heiligen des Alten Bundes anders verfahren, als Er jetzt mit Seinen Kindern des Neuen Bundes verfährt, weil wir in viel engeren Beziehungen mit Gott leben als jene und Er es daher viel genauer mit Sünde, Nachhilfe und Selbsthilfe nimmt, als Er es damals nehmen konnte. Möge sich heilige Gottesfurcht durch unser ganzes Leben hindurchziehen, dass wir unserem Gott nie in etwas nachhelfen, uns nie durch eigene Kombinationen selbst Bahn zu brechen suchen und dadurch in Unlauterkeit hineinkommen!