Schriften von Otto Stockmayer
Abraham - der Vater der Gläubigen
10. Abrahams Schild und sehr grosser Lohn - 1. Mose 15,1-710. Abrahams Schild und sehr grosser Lohn - 1. Mose 15,1-7
„Nach diesen Dingen“, beginnt Kapitel 15. Mit diesen Worten ist aber nicht nur eine zeitliche Aufeinanderfolge ausgedrückt – es soll damit nicht gesagt sein: zuerst das 14. Kapitel und danach das 15. Es gibt überhaupt in unserem Leben kein blosses Nach und Vor, wo eins nach dem anderen ausgespielt wird – zuerst dieses, dann jenes usw. –, sondern es wächst eins aus dem anderen heraus. Es ergibt sich ein Tagewerk aus dem anderen, und die Gestaltung des heutigen Tages – das, was der heutige Tag für die Ewigkeit für uns abwirft – wird vor allem davon abhängen, wie wir den gestrigen Tag vollbracht haben. Wenn wir uns am gestrigen Sonntag nur ausgeruht oder den gestrigen Tag vertändelt haben, anstatt uns innerlich zu stärken durch Gottes Wort in Stille und Sammlung, so werden wir nicht viel Kraft für die neue Woche haben. Alles hat Samen – Finsternis und Licht haben Samen, und nur durch Reue und Busse und Erkenntnis dessen, wo wir es in vergangener Woche haben fehlen lassen, kommen wir dazu, es in nächster Woche besser zu machen. Haben wir die vergangene Woche in einer göttlichen, Gott wohlgefälligen Weise verbracht, so ist damit schon die nächste Woche göttlich angebahnt, und wir werden allmählich Abrahams Söhne und Abrahams Töchter, so wir je länger je mehr Fuss fassen auf dem Glaubensboden. „Die des Glaubens Abrahams sind, sind Abrahams Same“; und es wird sich da allmählich herausstellen, wer wirklich Abrahams Same ist. Die vom Samen natürlichen Lebens stammenden, haben keine tiefen Wurzeln, noch einen sich in Frucht auszugestaltenden Samen des Wortes Gottes, der durch den Heiligen Geist befruchtet ist, in sich.
„Nach diesen Dingen“ – und in innerer organischer Verbindung mit diesen Dingen – nicht sich anreihend, sondern sich einreihend – geschah das Wort des Herrn zu Abram, und zwar in einem Gesicht. Haben wir schon Gesichte gehabt? Ich meine das jetzt nicht im äusseren Sinn wie Abram, sondern in dem Sinne, wie Paulus ein Gesicht gehabt hat, der von sich sagen konnte: „Ich war nicht ungehorsam dem himmlischen Gesicht... Der Herr ist mir erschienen auf dem Wege nach Damaskus."
Ist uns der Herr schon als der Lebendige erschienen? Haben wir einen lebendigen Heiland? Ihn können wir nur haben und haben wir nur, wenn uns der Geist Jesum verklärt hat. Und das ist mehr wert als ein Gesicht, wie Abram es gehabt hat. Den Sohn Gottes erkennt nur derjenige, dem der Vater den Sohn durch den Geist offenbart. Also, wie gesagt, das Gesicht knüpft sich organisch an das Vorangegangene: „Fürchte dich nicht, Abram, Ich bin dein Schild und dein sehr grosser Lohn.“ Abraham war furchtlos vorgegangen, wacker, tapfer, ohne sein eigenes Leben zu schonen. Als sein Neffe gefangen weggeführt war, ist er für ihn eingetreten, und das war keine leichte Sache. Es war ein Glaubensakt und ein Akt der Liebe. Dazu brauchte es Mut, und der Mut muss sich erneuern. Man kann nicht heute mit dem Mute vorwärtsgehen, den man gestern gehabt hat. Wer aber mutig ans Werk geht, im Glauben, dem flösst Gott neuen Mut ein, indem Er zu ihm sagt: „Fürchte dich nicht, Abram...“ Da fragt man zuweilen: „Ja, soll es denn immer so weitergehen von einem Kampf zum anderen?“ Fürchte dich nicht; Gott erneuert die Quellen des Lebens in wunderbarer Weise. Ja, eine leichte Sachs war es nicht! Vielleicht hat Abram gedacht: „Einen solchen Kampf möchte ich nicht so bald wieder durchmachen; ich möchte jetzt endlich einmal ein wenig Ruhe haben.“ Es gibt noch eine Ruhe für das Volk Gottes; aber äusserlich keinen Kampf durchmachen, das ist nicht die Ruhe, welche Frucht für die Ewigkeit schafft. Fürchte dich nicht! Warum nicht? „Ich bin dein Schild“, und zwar ein Schild, der nicht veraltet. Er ist auch nicht so gross, dass man ihn nicht gut halten könnte, weil er zu schwer wäre – noch so klein, dass nebenher noch ein Pfeil durchdringen könnte. Derjenige, den Gott deckt, der ist gedeckt bis hinein in die Quellgebiete seines Gedankenlebens und seiner Fantasiewelt, seiner Eindrücke und Empfindungen. Hinter dem Schilde Gottes ist man gedeckt gegen alles, gegen innere und äussere Feinde; dann muss man aber auch wissen, was man an seinem Gott hat. Abram hat von Sieg zu Sieg durchbuchstabiert, was er an seinem Gott hatte, und als er, zum Beispiel dort in Ägypten, strauchelte, hat Gott ihn wieder gereinigt von seiner Sünde, so dass er heute vor uns steht als ein lebendiges Glaubensvorbild, als ein Mann, der uns den Glauben vorgelebt hat.
Ich glaube, wir haben schon einmal hervorgehoben: Wenn Gott dem Abraham etwas sagt, so ist es ein Wort, das mit einem hinter ihm liegenden Wandel im Zusammenhang steht. Nachdem er den Kampf mutig bestanden hatte, sagt Gott erstens zu ihm: „Fürchte dich nicht!" Und zweitens: „Ich bin dein Schild und dein sehr grosser Lohn.“ Du warst eifersüchtig darauf bedacht, allen deinen Reichtum von Gott zu haben und keine Beute anzunehmen. Letztere hast du den Knechten überlassen, weil dir genügte, was dein Gott dir gab. Abram dachte gross und wollte nicht, dass die Feinde sagen könnten: „Wir haben Abram reich gemacht.“ Weder Freund noch Feind sollte das mit Recht sagen können. Er stand königlich da. Versuche einmal, einem König ein paar Mark zu geben; entweder wird er zornig werden, oder er wird sie lächelnd abweisen.
„Ich lohne dir, Abram“, sagt der Herr. „Ich lohne dir sehr herrlich.“ Je reiner wir uns halten, je unbefleckter vom Mammon – je mehr wir unsere Erwartung einzig und allein auf Gott stellen, anstatt knauserig zusammenzuscharren, um so mehr kann Gott uns lohnen. Ja, sparsam müssen wir allerdings umgehen mit dem uns von Gott anvertrauten Reichtum, ohne das geringste davon zu vergeuden, aber knauserig dürfen wir nicht sein – das ist Gott nicht wohlgefällig. Ebenso wenig ist es Gott wohlgefällig, wenn wir meinen, es mühte alles, etwas für uns abzuwerfen. Abram sagt: „Ich bin in den Riss getreten, um den Leuten zu helfen, und dafür lasse ich mich nicht bezahlen."
„Ich bin dein sehr grosser Lohn“, antwortet nun der Herr. Dieser Lohn geht durch die Jahrhunderte hindurch, bis sich auch die dem alten Bundesvolke gegebenen Verheissungen erfüllt haben, wenn erst die Gemeinde ihre Geschichte auf Geistesboden vollendet hat. Es ist das eine herrliche Geschichte, und sie ist in ihrer Grösse der Lohn für den Glauben Abrams.
„Zähle die Sterne; kannst du sie zählen?“ hat Gott zu Abram gesagt. Sie sind zahllos, und die Astronomen entdecken deren immer neue – Welt ohne Ende!
„Ich bin dein Schild und dein grosser Lohn.“ Dieses Wort behält seine Bedeutung durch alle Äonen hindurch. So sehr Abram ein Glaubensmann war, so sehr hatte er andererseits nötig, ein Glaubensmann zu werden. Das sehen wir aus Vers 2 von Kapitel 15. „Was willst du mir geben?" fragt er. „Siehe, ich gehe dahin ohne Kinder" – und nichts freut mich, solange ich keine Kinder habe, keinen Samen für dich, mein Gott! Wenn du mir auch mein Haus mit Gold und Silber füllst, so erbt es eben mein Knecht, weil ich keine Kinder habe. Wenn Gott einem etwas gibt, so muss man nicht fragen: „Was willst du mir geben?“ Gott hat viel mehr für uns in Bereitschaft, als wir ahnen, und Er wird auch nie müde, zu geben, wenn wir des Dankens nicht vergessen, und wenn wir das Gegebene treu verwalten nach Gottes Sinn und für Gott – aber nicht für unseren eigenen Nutzen und unsere eigenen Interessen, oder gar, um unseren Lüsten zu frönen. „Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch alles andere zufallen.“ Dafür sorgt dann Gott, dass uns alles andere zufalle.
„Und Abram sprach: Herr, was willst du mir geben? Siehe, ich gehe dahin ohne Kinder.“ Das war ja gerade eine gute Gelegenheit, seine Bitte kund werden zu lassen, seine Wünsche vor Gott zu bringen. Soweit reichte aber Abrams Glaube damals noch nicht, dazu musste er erst erzogen werden. Und dadurch, dass unser Unglaube und unsere Zweifel vor Gott offenbar werden, machen wir, wenn wir alles vor Gott ausbreiten, Raum für neue Gnadenmitteilungen, für neue Ausblicke, neuen Reichtum und neue Armut. Durch göttlichen Reichtum werden wir arm in uns selbst. Was wirklich von Gott kommt, das beugt und macht klein.
„Das ist Elieser von Damaskus“ – und Abram wiederholt noch einmal seine Klage: „Siehe, mir hast du keinen Samen gegeben..." Diesmal klingt die Klage eigentlich in einen Vorwurf aus. Jawohl, wir dürfen alles, was uns mangelt, vor Gott bringen; aber es darf sich dabei nie ein Schatten von einem Vorwurf einschleichen. Wir werden unserem Gott je und je danken, dass Er uns dieses und jenes nicht früher gegeben hat, sondern dass Er uns zuerst hat reifen lassen für das, was Er uns geben wollte. Durch das, was Gott uns gibt, und durch das, was Er uns vorenthält, werden wir erzogen für die Herrlichkeit und davor bewahrt, an der Scholle hängenzubleiben. Durch die Geistesabstammung, durch das Werk des Heiligen Geistes, werden wir Geisteskinder, die dem Herrn Jesus ähnlich sind und es immer mehr werden durch die in Jesu ihrer wartenden Geistesmitteilungen.
„Siehe, der Sohn meines Knechtes – der in meinem Hause aufgewachsen ist, wird mein Erbe sein." Elieser hatte allmählich eine leitende Stellung im Hause gewonnen, und Abram konnte volles Vertrauen zu ihm haben; aber der Mann war doch nicht sein Sohn und Erbe. „Und siehe, das Wort Jehovas geschah zu ihm und sprach: „Er soll nicht dein Erbe sein, sondern der von deinem Leibe kommen wird, der soll dein Erbe sein.“ Der Herr hat Antwort auf alles: Er bleibt nie das letzte Wort schuldig, solange wir nicht trotzig vor Ihn hintreten mit unseren Fragen. In letzterem Falle kann es sein, dass Er uns eine Zeit lang an unsere Natur dahingibt und wartet, bis wir ausgetrotzt haben. O, denke doch nicht, Gott habe keine Antwort mehr auf deine Fragen und Bedenken und das Schwierige deiner Lage!
„Nicht dieser – nicht Elieser – wird dich beerben, sondern der aus deinem Leibe kommt, dein eigener Sohn also“, sagt der Herr zu Abram. „Du sollst Samen haben.“ Man kann kaum ermessen, was das in diesem Augenblick für Abram gewesen sein muss. Dieses Wort Jehovas öffnet ihm neue Horizonte, neue Welten. Wissen wir auch, dass in der Schrift kein Gotteswort ist, das nicht Samen hätte, das nicht Kraft hätte, uns neue Welten zu öffnen? Meinst du, es enthielte immer nur ein wenig Aufmunterung oder Trost oder Strafe? Liegen nicht Tiefen im Worte Gottes, die uns weite Horizonte öffnen, neue Welten zubereiten, uns herausheben aus dem Sichtbaren, aus unseren Temperamentsanlagen, unserer Umgebung? Blicke gen Himmel empor, so wird es Licht von oben her, so fällt Licht in das Dunkel des Erdenlebens, in deinen Schmerz. Vielleicht sagst du: „Ja, wenn ich nur diese und jene Sünde nicht begangen hätte!“ Gott kann dich nicht nur heilen, sondern sogar noch den tiefsten Fall zu deinem Heil verwerten. Es erinnert das an jene Begebenheit im Evangelium, als die Männer, die der Volksmenge wegen nicht, mit dem Gichtbrüchigen, den sie zu Jesu bringen wollten, hinzugelangen konnten, schliesslich das Dach abdecken mussten. Der Herr Jesus muss auch für uns hie und da das Dach abdecken, damit das Licht wieder hereinscheinen kann oder wir die Sterne wieder sehen. „So rechne doch nicht mit Elieser!", sagt der Herr gleichsam zu Abram; „zähle lieber die Sterne! Also wird dein Same sein." Da zählt man nicht lange, wenn man die Myriaden von Sternen vor sich hat, sondern man wird still und betet an. Wenn es uns der Herr hienieden an etwas mangeln lässt, was Er anderen gegeben hat, so ist das ein weises Erziehungsmittel in Seiner Hand. Er will dadurch unseren Horizont erweitern, unseren Blick von der Erde lösen, uns zu Himmelsbürgern machen. Blicke hinauf gen Himmel; schau hinein ins Wort Gottes, in die Erlösung, in alles, was Gott schon für dich getan hat, und dann fahre aus im Glauben!