Schriften von Otto Stockmayer
Abraham - der Vater der Gläubigen
3. 1. Mose 12,1 ff.; Hebräer 11,8-10 und 2. Mose 123. 1. Mose 12,1 ff.; Hebräer 11,8-10 und 2. Mose 12
Es ist höchst lehrreich, Hebräer 11,8-10 mit 2. Mose 16 zu vergleichen: der Auszug Abrams aus seiner Heimat und der Auszug Israels aus dem Lande der Knechtschaft. Welch ein Kontrast!
Es ist noch nicht alles gewonnen, wenn man aus seinem Vaterland oder, wie Israel, aus dem Lande der Knechtschaft auszieht; es ist das nur der erste Schritt. Es war durchaus nicht alles gewonnen damit, dass Israel nach jahrelanger Bedrückung und allen erdenklichen Mühen und Gefahren endlich seinem Mose folgte. Nach dem Auszug kommt der Zug durch die Wüste!
„Ich will dich in ein Land führen, das deine Nachkommen besitzen
werden“, lautet die Abram gegebene Verheissung, und in Hebräer 11 heisst
es: „Durch den Glauben ist Abram ein Fremdling gewesen in dem
verheissenen Lande und wohnte in Hütten. Er wartete auf eine Stadt, die
einen Grund hat....“ Noch hatte er nichts Festes, und das war Tag für
Tag eine Glaubensübung für ihn. Vor ihm lag das seinen Nachkommen von
Gott bestimmte Land; er selbst aber, der dasselbe seiner Länge und
Breite nach durchzog, hatte kein Recht daran. Er durchzieht es als
Fremdling und Pilgrim, der keine bleibende Stätte hat (
Wie treulos waren die Kinder Israel im Vergleich zu Abraham! Kaum sind sie aus dem Lande der Knechtschaft ausgezogen, so murren sie: „Warum sind wir nicht gestorben in der Wüste?“ Es ist das die charakteristische Sprache des Unglaubens und des Weltgeistes, wie sie der Erzfeind dem Menschen in den Mund legt durch alle erdenklichen falschen Vorspiegelungen. Der Teufel zaubert einem tausenderlei Unmöglichkeiten vor, wo es gilt, im Glaubensgehorsam vorwärtszugehen. „So geht es nicht“, sagt er, „so kommst du nicht durch – es sind eitel Phantome, die du vor dir siehst – kein Land der Verheissung!“ Öder er flüstert dir zu: „Später, wenn du nicht mehr an diese Person, an jenes Verhältnis gebunden bist, wird es dir leichter werden zu gehorchen.“ Lauter Lug und Trug! Das Volk, das in Ägypten so geknechtet gewesen war, dass es Tag und Nacht zu Gott um Erlösung geschrien hatte – das vor Seufzen, Weinen und tiefem Herzeleid den Worten Mose kaum Gehör schenkte – wie denkt es jetzt über das Land härtester Sklaverei? Es erscheint ihm plötzlich im rosigsten Lichte, und das Brot der Gefangenschaft dünkt ihm viel begehrenswerter als das ihm von seinem Gott gewährleistete. Israel sehnt sich zurück nach den Fleischtöpfen Ägyptens, verblendet durch die Verdrehungskünste des Erzzauberers.
Sobald ein Menschenherz des Glaubensweges müde wird, schaut es zurück, und die Vergangenheit zeigt ihm dann ein ganz anderes Bild als früher. Sie erscheint ihm lieblich, rosig angehaucht; die erlittenen Mühseligkeiten und Drangsale treten in den Hintergrund, und die von Gott bereitete Zukunft verliert ihre Anziehungskraft. Man fürchtet sich vor ihr. Der Vater der Lügen raunt einem zu: „Ihr werdet sterben in der Wüste.“ In der Wüste ist man eben Sinnestäuschungen ausgesetzt. Die Fata Morgana, wie man die in der Luft vorkommenden Luftspiegelungen nennt, stellt Wasserflächen und schattige Bäume vor das Auge des Wüstenwanderers – je näher er ihnen aber scheint, umso mehr entfernen die sich. Wohin sein Auge blickt, sieht er Sand und nur Sand.
Solchen Sinnestäuschungen sind wir alle, die wir in der Wüste dieser Welt leben, ausgesetzt, und wir können ihnen nur entgehen, wenn wir uns ins Wort Gottes flüchten, das die Dinge mit Namen nennt und uns zeigt, was uns am rechten Glauben gehindert, und wo wir uns weltlicher Traurigkeit hingegeben haben, so dass wir feige und weichlich und wehleidig geworden sind. Wir können dem Falschspiel Satans nur entgehen, wenn wir uns in der Wahrheit, im Lichte des Wortes Gottes, bergen.
Ist es denn so schrecklich, von Zelt zu Zelt zu pilgern, wenn der Herr ruft und für das so wunderbar in uns geweckte Leben immer neue Quellen öffnet? Wir dürfen uns getrost auf Ihn werfen und Ihm vertrauen, dass Er Vorrat schaffen wird in der Wüste.
„Ich werde euch Brot vom Himmel regnen lassen,“ liess Er dem Volke Israel durch Mose sagen. Ist, was vom Himmel kommt, nicht sicherer als, was uns die Erde gibt? Er lässt heute Brot vom Himmel regnen, und morgen bist du wieder abhängig von Ihm. Der törichte Mensch bildet sich ein, es sei ihm nur das sicher, was er im Keller und Speicher aufbewahrt – jedenfalls sei es ihm sicherer, als was von oben herabkommt. So denkt das Menschenherz – Gott aber in Seiner Langmut wiederholt immer wieder die Glaubenslektion, bis wir endlich gelernt haben: aus Glauben leben.
O, wie schaut Er aus in allen Landen nach einem Volk, das Ihm vertraut, nach Nachkommen Seines Freundes Abraham! Israel entsprach nicht den Erwartungen seines Gottes – aber Gott sei Dank, Abraham hat noch einen anderen Samen: die Schar der Gläubigen, die Gemeinde des Herrn! (Gal 3,7, 29.)
Im Gegensatz zu Israel ist diese Gemeinde des Herrn treu, so dass Gott mit ihr zum Ziele kommen kann. Und welches ist dieses Sein Ziel mit ihr? Er will sie heranbilden zur Gehilfin Seines Sohnes. Erst wenn die Gemeinde vollendet ist, kann der Herr die Geschichte des alttestamentlichen Israel wieder aufnehmen und auch mit ihm zum Ziele kommen.