Schriften von Otto Stockmayer
Abraham - der Vater der Gläubigen
12. Gedanken über Römer 412. Gedanken über Römer 4
Das ganze vierte Römerkapitel ist eine neutestamentliche Ausführung jenes Wortes in 1. Mose 15,6: „Und Abram glaubte dem Herrn, und das rechnete Er ihm zur Gerechtigkeit.“ Der Glaube hält sich an das Unsichtbare, das Fleisch hingegen bleibt beim Sichtbaren stehen – das Sichtbare aber vergeht, und haltlos vergeht jeder, der sich auf Fleisch stützt – der Rohrstab Ägyptens, der Rohrstab Assyriens, der Rohrstab des Fleisches. Das tat Abram nicht. Es war damals, als Gott, Der doch wusste, dass sein Weib unfruchtbar war, zum ersten Male jenes wunderbare Wort zu ihm sprach als Antwort auf seine Klage: „Mein Knecht wird mein Erbe sein.“ „Nein, sondern dein Sohn wird dich beerben“, und damit führt Er ihn hinaus und zeigt ihm die Sterne, indem Er hinzufügt: „Also soll dein Same sein.“ „Und“, heisst es weiter, „Abram glaubte dem Herrn, und das rechnete Er ihm zur Gerechtigkeit.“ – In die rechte, gerechte, richtige Stellung zu Gott können wir nur dadurch kommen, dass wir uns Gott anvertrauen und uns an Sein Wort halten. Alles andere führt in die Irre, indem es uns entweder lockt oder erschreckt – alles andere ist Wahn. Das Sichtbare vergeht; was Gott gesagt hat, bleibt. „Dein Wort bleibt in Ewigkeit.“ Himmel und Erde werden vergehen – Familien und Völker, Reiche und Arme, Freunde und Feinde – alles, was erschreckend und bezaubernd zu dieser oder jener Zeit an uns herantritt und in unser Leben eingreift – das alles vergeht: nur Gottes Wort bleibt, und zwar in Ewigkeit. „Abram glaubte dem Herrn, und das rechnete Er ihm zur Gerechtigkeit“ – dadurch wurde er gerecht vor Gott, und auch wir werden nur dadurch gerecht vor Gott, dass wir uns an Sein Wort halten. Wir sind ein verlorenes Geschlecht und können darum unserem Gott nichts aus uns selbst bringen, was Ihm Wohlgefallen könnte. Es wäre Vermessenheit und Verleugnung der Wahrheit. Wir sind gefallene Leute, die Gott nichts zu bringen haben, aber nehmen, zugreifen dürfen wir im Glauben, wenn uns Gott Gnade und Erbarmen anbietet. Dann dürfen wir nicht nur die Hand ausstrecken und nehmen, sondern den Mund weit öffnen und ihn von unserem Gott füllen lassen. Wir können uns ja – weder in Bezug auf irdischen noch auf ewigen Gewinn – nicht auf unsere guten Vorsätze noch auf unsere Arbeit oder unsere Kräfte verlassen; denn aus uns selbst können wir nichts mit Sicherheit zustande bringen. Gott begegnet denen, die darauf verzichten, Ihm – sei es für sich selbst oder für die Ihrigen – irgendetwas bringen zu wollen, auf dem Boden der Wahrheit, sobald sie sich entschliessen, sich einfach an Ihn und Seine Gnade zu halten. Das rechnet Er uns zur Gerechtigkeit, anfangend bei der Vergebung der Sünden, und dann alles Weitere in den Bereich Seiner Gnade und Seines Erbarmens hineinziehend, auch alles Verkehrte, was wir irgendwie im Leben angestellt haben, auch die Vergangenheit, die wir verderbt haben mögen. Gott tilgt die Vergangenheit, so befleckt sie sein mag, im Blute des Lammes, und dann dürfen wir zu unseren gegenwärtigen Bedürfnissen übergehen. Gerade da kannst du das Wohlgefallen Gottes auf dich herabziehen, wenn du Ihm vertraust aufgrund Seines Wortes. Du findest in deiner Bibel für jede Schwierigkeit ein Wort des Rates, der Lösung, der Hilfe und des Erbarmens, wenn du nur deinem Gott glauben willst – und zwar findest du dann nicht nur momentane Hilfe, sondern durchschlagende Hilfe – jedoch, wie gesagt, unter der Bedingung, dass du in den Glauben Abrams eintrittst, dass du glaubst: „Der bisher geholfen hat, Der dich aus Ur ausgeführt hat, Der wird fernerhin helfen, Der wird dir auch Samen und das verheissene Land zum erblichen Besitz geben.” Das gehört auch zum Glauben. Und das gilt nicht nur für dieses zeitliche Leben mit seinem mancherlei Wüten und Wehen, sondern noch viel mehr für das ewige Leben – vorausgesetzt, du wartest nicht immer darauf, dass etwas in dir vorgehen soll, wenn du mit gewissen Dingen nicht fertig wirst, weil sie dir im Blute sitzen und vielleicht sogar in Jugendsünden ihre Ursache haben. Was es auch sei – der Herr hat eine vollkommene Erlösung geschaffen, nicht nur vom Fall im Allgemeinen, sondern von deinem speziellen Fall mit allen seinen Folgen. Steht das nicht geschrieben? Findest du das nicht in deiner Bibel? Und weisst du nicht, dass sich dein Heiland Sein Leben lang an nichts anderes gehalten hat als an das Wort Gottes, dass Er sich auch dem Feinde gegenüber mit keiner anderen Waffe wehrte als mit dem: „Es steht geschrieben“ – und dass selbst der Teufel diese Waffe damit anerkannte, dass er sie Ihm aus der Hand zu winden suchte? Der Herr war eben das fleischgewordene Wort und fand als solches durch den Geist immer das rechte Wort. Er wandelte im Vertrauen zu Seinem Gott und Dessen Wort, immer im Gehorsam gegen dieses Wort; dadurch gewann er von Tag zu Tag mehr Übung darin, zu unterscheiden, was Gott meinte, und was Er wollte, wie auch, welches Wort auf jede einzelne Stunde Seines Lebens passte. Im Kampfe gegen die Finsternis, sowohl wie gegen äussere oder innere Verwicklungen des Lebens irgendwelcher Art, gilt immer nur das Eine: „Glaube deinem Gott, deinem Herrn – Er hat die Welt überwunden und ist grösser als dein Herz; dadurch erlangst du das Wohlgefallen deines Gottes, und dann gibt dir Gott durch Seinen Geist das Zeugnis, dass du Ihm wohlgefällst.“
Gottes Wohlgefallen ruht auf denen, die Ihm glauben, die nicht beim Sichtbaren stehenbleiben, sondern sich in unerschütterlichem Vertrauen an sein Wort halten. Dieses Zeugnis des göttlichen Wohlgefallens, das der Heilige Geist denen gibt, die also im Glauben wandeln, löst von allem Verlangen, Menschen gefallen zu wollen. In erster Linie gilt ja das, was Gott da dem Abram sagt, für etwas Sichtbares, aber hinter dem Sichtbaren steht das Unsichtbare. Es handelt sich bei Abram um die Möglichkeit oder Unmöglichkeit, noch einen Erben zu bekommen – das Sichtbare und das Unsichtbare lässt sich aber eben nicht so ohne weiteres trennen. Hinter der sich auf das Sichtbare beziehenden Frage liegt unendlicher Segen. Die ganze Zukunft Israels beruht auf diesem wunderbaren Eingreifen in dem Leben Abrams. Verheisst uns Gott etwas, und verlangt Er, dass wir Ihm in Bezug auf die betreffende Verheissung unbedingt glauben, so können wir nie zum Voraus sagen, wieviel dahintersteckt; denn Gottes Segen hat Samen ins Unendliche. Was hing in Abrams Fall nicht alles davon ab, ob er seinem Gott vertraute oder nicht – ob er sich ausweisen würde als einer, der sich an Gottes Wort hielt, oder ob er sagen würde: „Das ist ja ein Ding der Unmöglichkeit; ich bin viel zu alt, als dass ich noch einen Sohn haben könnte!“ Nicht jeder bekommt eine so grosse, ins Weite gehende Verheissung, wie Abram sie dazumal bekam, aber im Kleinen muss der Anfang gemacht werden. Wir wissen gar nie, wie viel von diesem oder jenem abhängen mag. Wie man nicht weiss, wie weite Kreise ein Stein zieht, den man ins Wasser wirft, so weisst du auch nicht, welche Konsequenzen es nach sich zieht, ob du deinem Gott glaubst oder nicht. Wenn wir Gott vertrauen, säen wir auf den Geist und für die Ewigkeit; dann haben wir eine Zukunft und tragen Frucht für die Ewigkeit bis ins tausendste Glied. Glauben wir hingegen unserem Gott nicht, so säen wir aufs Fleisch und aufs Seelische; dann kommt unser Leben aber nie wirklich in Gottes Hand zurück. Natürlich werden auf diese Weise die Menschenexistenzen verpfuscht, und gar mancher sieht erst in der Ewigkeit, wie viel er seinem Gott verderbt und wie viele Kräfte brach liegen geblieben sind, weil er Gott nicht geglaubt hat. Gerettet ist ja jeder, der an den Sohn glaubt; aber was ist es doch Jammervolles um Gottversöhnte, die dem Herrn keine Frucht bringen! Da dreht man sich immer nur um sein eigenes Seelenheil, seine Gefühle, seine Stimmungen – und das ist, wie gesagt, jammervoll. Gerecht vor Gott werden wir einzig und allein durch den Glauben – wer aber einmal geankert und gewurzelt ist im Glauben, dessen Leben entfaltet sich durch alles hindurch in göttlichen Linien, und wo er sich momentan hat herauswerfen lassen aus diesen Bahnen, erbarmt sich Gott seiner wieder, wie Er sich immer wieder Seines Knechtes Abram erbarmte, der auch nicht allezeit in den rechten Bahnen blieb, aber doch durch alles hindurch Gott vertraute und durch alle Schwankungen hindurch fester und immer fester wurde, so dass ihn Gott schliesslich selbst den Vater der Gläubigen nennen konnte.
Und hast du Schwierigkeiten mit deinem Nächsten – mit Nachbarn oder deiner Schwester, mit deiner Magd oder irgendeinem Glied der Gemeinschaft, und weisst du keinen Ausweg, so darfst du Gott auch in Bezug auf alle diese der Zeitlichkeit angehörigen Dinge die Ehre geben und darfst überzeugt sein, dass Er die Schwierigkeiten nur so lange zulassen wird, bis du wirklich bankrott geworden bist und dein Leben völliger in Gottes Hand übergegangen ist.
Auf Grund des im 6. Verse Erzählten ist Gott im 7. Verse einen Schritt weiter mit Abram gegangen, hat ihm ein Stückchen weiter geoffenbart, was Er von Ewigkeit her mit ihm vorhatte. Wir lernen eben erst allmählich verstehen, was Gott mit uns vorhat. Erst in der Nähe, in dem wir glauben, erkennen wir die Bedeutung unseres Lebens.
In dieser heiligen Stunde repetiert Gott mit seinem Knecht. So pflegt Gott auch je und je mit uns einen Rückblick auf unsere Vergangenheit zu werfen. Das stärkt. „Habe Ich dir nicht da und da geholfen, und meinst du, Ich könne es nicht wieder tun?", fragt Er gewissermassen. „Ich bin Jehova, Der Ich dich aus Ur in Chaldäa geführt habe, dass Ich dir das Land zum Besitz gebe.“ Er hatte ihm, wie wir wissen, nicht gesagt, wohin Er ihn führen wolle, sondern nur, er solle in ein Land ziehen, das Er ihm zeigen werde. Glaubensmänner werden Glaubenswege geführt – aber auch hier sehen wir immer noch das Ringen zwischen Glauben und Unglauben, und auch ein Abram muss erst durchbrechen. „Herr, Herr, wobei soll ich's merken, dass ich’s besitzen werde?", fragt Abram. „Aber Abram, was fällt dir ein? Man geht nicht immer wieder zurück ins Fleisch. Willst du deinem Gott nicht fernerhin glauben? Meinst du wirklich: Der, Dem du heute geglaubt, könne dich morgen irreführen?" In Seiner grossen Gnade führt dann Gott jenes erschütternde Nachtgesicht herauf, das gewiss tief eingegraben geblieben ist im Herzen des Patriarchen. In dem erschreckenden Nachtgesicht offenbarte sich ihm sein Gott. Jenes Gesicht sollte sich in heller, lichter Zukunft erfüllen.
Vers 18: „An dem Tage machte der Herr einen Bund mit Abram und sprach: Deinem Samen will Ich dies Land geben von dem Wasser Ägyptens an bis an das grosse Wasser Phrat..." Nicht nur eine Nachkommenschaft verhiess ihm Gott, sondern auch das nötige Land für diese Nachkommenschaft. Wo wir uns im Glauben aufmachen, unserem Gott zu gehorchen, kann Er weiter mit uns gehen. Da öffnet sich der Horizont nach allen Seiten hin; da leben wir auf und kommen in die Heimatluft der Ewigkeit.