Schriften von Otto Stockmayer
Abraham - der Vater der Gläubigen
19. Das Geheimnis des Herrn ist mit denen, die Ihn fürchten - 1. Mose 18,16-3319. Das Geheimnis des Herrn ist mit denen, die Ihn fürchten - 1. Mose 18,16-33
Wollen wir zwischen der ersten und zweiten Hälfte von Kapitel 18 einen Zusammenhang herausfinden, so ist es dieser: In der ersten Hälfte tritt uns der Durchbruch des Glaubens durch Zweifel jeglicher Art entgegen, in der zweiten Hälfte aber der Sieg der Liebe. Das sind die grossen heiligen Linien, welche sich durch das ganze Wort Gottes ziehen: dass wir dazu bestimmt sind, ein königliches Priestervolk zu werden – Könige, welche herrschen, und Priester, welche lieben – Leute, die den Unglauben, den Zweifel und die Sünde unter ihren Füssen haben, durch Glaubensgehorsam und Glaubenshingabe mit Gott verbunden sind, sich beugend unter jedes Gotteswort. Damit, dass der Glaube siegreich durchbricht, wird dem Durchbruch der Liebe der Weg gebahnt. Glaube ist nicht das letzte Wort. Ein Glaubensleben muss sich offenbaren durch Früchte der Liebe nach rechts und links, im engeren und im weiteren Kreise. Nachdem Gott Abrahams und Saras Unglauben überwunden hat, handelt es sich darum, dass auch dem Lot geholfen wird, und es soll das geschehen, soweit es in eines Menschen Macht liegt, für ihn einzustehen. Er wurde gerettet, aber mit knapper Not. Nicht ohne Schaden lebt man mit Gottlosen, weil man meint, man könne von der Fruchtbarkeit ihrer Länder profitieren. Das schwächt. Kommt man auch nicht ganz vom Glauben ab, so werden doch die Glaubensflügel gelähmt durch das, was ringsum vorgeht. Wenn wir um der Spekulation und um irdischer Interessen willen unsere Wohnstätte inmitten Gottloser aufschlagen, so kann das schlimme Folgen für unser Glaubensleben haben. Da geht es nicht auswärts, sondern abwärts – da kommt es schliesslich dazu, dass ein Lot in einer Höhle endet, anstatt dass er reife Glaubensfrucht brächte. Ferner tritt uns in diesem Abschnitt gleich von Anfang an entgegen, dass Gott nicht allein regiert, sondern die Seinen Anteil nehmen lässt.
In Vers 16 lesen wir: „Da stunden die Männer auf von dannen und wandten sich gegen Sodom, und Abraham ging mit ihnen, dass er sie geleitete." Und Vers 17: „Da sprach der Herr: Wie kann Ich Abraham verbergen, was Ich tue?" Abraham war mit den Männern gegangen, als sie aufbrachen; er hatte seinen Gott nicht losgelassen, darum muss dieser nun mit ihm rechnen.
Es kann viel, sehr viel davon abhängen, dass wir unsere Begegnungen mit dem Herrn nicht zu schnell abbrechen – dass wir nicht, solange Gott uns noch Raum lässt, solange Er nicht abbricht, meinen, wir hätten jetzt keine Zeit mehr, wir hätten jetzt anderes zu tun. Es gibt auf der weiten Welt nichts Wichtigeres für uns zu tun, als unserem Gott alle Zeit zu lassen, die Er bereit ist, uns zu schenken. Viel – viel mehr, als wir ahnen, kommt darauf an, dass wir alles liegen und stehen lassen; wenn Gott will, dass wir vor Ihm bleiben. In einer anderen Übersetzung heisst es: „Und Abraham blieb stehen vor dem Herrn." Es sind das merkwürdige Beziehungen, die zwischen Abraham und seinem Gott bestehen. Wir nennen Abraham, den Vater der Gläubigen; aber bei ihm sind Glaube, Liebe und Hoffnung beieinander. Bei ihm findet sich Glaube an die Liebe Gottes für seine eigene Person und Glaube an die Liebe Gottes für andere. Er tritt für seine Mitmenschen ein bis aufs Äusserste, und Gott hat in ihm einen Mann gefunden, der ein Wort mitzusprechen hat in Seinem Regiment, Seinen Führungen in Gerechtigkeit und Erbarmen. Was ihn jetzt veranlasst, vor Gott stehenzubleiben, das ist der Gedanke an Sodom und Gomorrha und wahrscheinlich in erster Linie der Gedanke an seinen Neffen Lot, der sich dort niedergelassen hat. Wir erinnern uns ja. wie Lot, der bislang nicht gelernt hatte, vor seinem Gott stehenzubleiben und seinem Oheim die Wahl zu überlassen, sich seinen Weg selbst ausgesucht hatte – und zwar in den fetten Auen von Sodom und Gomorrha. Es war bei Abraham nicht so sehr Edelmut als Glaube gewesen, dass er dem Neffen die Wahl überlassen hatte, und der Glaubende weiss, dass gerade die Stätten, zu denen die Natur uns hinzieht, und wo wir –menschlich gesprochen und gerechnet–am besten aufgehoben zu sein scheinen, ihre grossen Gefahren und Bedenken für uns haben können. Der Glaube blickt nicht in horizontaler Richtung, sondern aufwärts und wartet ab, was Gott ihm zeigt; denn mit dem, was vor Augen ist, kann man nicht rechnen. Die prachtvollsten Täler können in wenigen Stunden eingeäschert sein. Wer sich auf sie verlässt, ist ein Tor. Das sagt uns auch diese Geschichte.
„Abraham blieb stehen vor Jehova," heisst es in 1. Mose 18,16. Wir finden einmal in der Geschichte Davids nach einer wunderbaren Offenbarung, die ihm der Herr in Bezug auf eine ferne Zukunft gemacht hat, die Bemerkung: „David setzte sich und wartete." Es gibt auch Gebete, die man sitzend verrichtet. Was Gott dem David eröffnet hatte, war so wunderbar und herrlich, dass David sitzend dabei verweilen musste. Viele Christen können heutzutage nicht mehr stillesitzen oder stillestehen vor dem Herrn. Dann bekommt der Herr ihre Wege nicht in Seine Hand, und sie werden kein Segen für andere. Abraham war in der richtigen Stellung, um ein großer Segen für feine Mitmenschen werden zu können. Es gibt Zeiten im Leben unserer Nebenmenschen, wo man noch für sie einstehen kann: aber es kann auch einmal eine Zeit kommen, wo das nicht mehr möglich ist. In Sodom und Gomorrha waren nicht einmal mehr zehn Gerechte zu finden. So wollen wir denn wirken, solange es Tag ist; denn es kommt die Nacht, wo niemand wirken kann. O, wir wollen stillstehen vor dem Herrn und vor Ihm niedersitzen, solange noch der Weg zum Gnadenthron offensteht und der Herr noch Gnade übt an einem verlorenen Geschlecht! Welches sind nun aber die Bedingungen, um vor dem Herrn stehenbleiben zu können? Es sind nur Gelöste, die überhaupt vor dem Herrn sitzen und stehenzubleiben vermögen. Alle anderen werden herumgetrieben – der eine von Lust, der andere von Furcht, wieder ein anderer von Hoffnung –: kurz, von Dingen, an die sie sich gewöhnt haben. Sie stehen vor Menschen oder vor persönlichen Erfahrungen, die sie gemacht haben – darum können sie nicht vor Jehova stehen. Es liegt furchtbar viel in dem Worte „Herumgetrieben“. Der Teufel ist ein Treiber und treibt die Leute herum. Die Menschen sind von allem Möglichen herumgetrieben: von Neid und Fleischeslust, von ihrem Temperament, ihren Eindrücken und Stimmungen; wie sollen sie dann vor Jehova stehen können? Sie haben ja gar keine Zeit, sich mit der Not anderer zu beschäftigen und ihre Herzen zu öffnen für die furchtbaren Gerichte, die da und dort über die Welt ergehen. Die Welt reift immer mehr für das Gericht. Da sucht der Herr Gelöste, die in Glaube, Liebe und Hoffnung vor Ihm stehen und in den Riss treten. In einem der Propheten heisst es einmal, dass Gott niemanden gefunden hat, der in den Riss gestanden oder getreten wäre. Wollen wir in dem Riss stehen, so müssen wir gelöst sein für den Dienst im Heiligtum wie die Priester. Der Herr gebraucht nicht solche, die wohl äusserlich gelöst sind, aber dann ihre Zeit vertändeln, sondern solche, die sich auch von dringender Arbeit nie dermassen in Anspruch nehmen lassen, dass sie nicht mehr für andere eintreten können – die nie vergessen, dass man die eigenen Lasten niemals besser trägt, als wenn man auch die Lasten anderer hinzunimmt. Vom Erdmagnetismus, von Sorge und Lust Gelöste sind tüchtig für den Dienst im Heiligtum und sind dann auch jederzeit bereit, den Herrn mit sich reden zu lassen und mit Ihm zu reden, sobald Er winkt. Gelöst aber wird man nur durch das Blut des Lammes. Am Schluss von Offenbarung 1 heisst es: „Gnade und Friede … von Jesu Christo, dem treuen Zeugen, der uns geliebt und uns gewaschen hat von unseren Sünden in Seinem Blut", und ich möchte auch hier wieder darauf hinweisen, dass man mit ebenso viel Berechtigung lesen kann: „Der uns gelöst hat von unseren Sünden in Seinem Blut." Der Herr kennt kein Waschen, das nicht zugleich ein Lösen wäre. Das Blut Jesu Christi wäscht uns in einer Weise, wenn wir Ihm stillhalten und Ihn auf den Grund gehen lassen, dass die alten Flecken nicht wiederkommen, dass nicht nach einiger Zeit das Alte wieder zum Vorschein kommt, wie das bei Kleidern der Fall ist, die nicht gründlich gereinigt worden sind. „Der uns gelöst hat von unseren Sünden durch sein Blut“ – Der uns losgekauft und freigemacht hat von dem Magnetismus der Erde, damit der Himmelsmagnetismus Anziehung gewinne über den Erdmagnetismus. Das Blut Jesu Christi löst von allem, was andere umhertreibt, so dass sie nicht stillstehen und nicht stillsitzen können – es löst sowohl von der sklavischen Furcht vor den Menschen wie vor dem Leichtsinn, der Gott nicht fürchtet. „Der uns geliebt hat", und Der uns nach gründlicher Waschung und Lösung wieder mit Gott vereinigt, so dass wir Gottes Sinn haben und nach Seinem eigenen Sinn Ihm entgegentreten und Fürbitte einlegen können für solche, die dem Untergang verfallen sind, wenn nicht jemand für sie in den Riss steht.
Abraham bleibt stehen und wird kühner und immer kühner. Er steigt immer weiter hinunter, und sein Hinuntersteigen ist zugleich ein Hinaufsteigen. Der Herr aber steigt in Seiner unermüdlichen Geduld mit Ihm hinauf und hinunter. Erst nachdem Abraham bis zu zehn hinabgestiegen war, ging Jehova weg, nachdem Er mit Abraham ausgeredet hatte. Wenn man die Geschichte aufmerksam liest, so ist es nicht Abraham, der abgebrochen hat, sondern der Herr selbst. Es kommt einmal eine Zeit, in der kein Einstehen mehr möglich ist, wo kein Gebet mehr durchdringt. Gott hat gerechnet mit menschlicher Einsprache, mit menschlicher Liebe, mit menschlichem Priestertum. Wir können des Dienstes im Heiligtum walten, solange die Tür noch offen ist; aber es wendet sich einmal das Blatt – dann zieht sich nicht nur der Herr zurück, sondern Er nimmt auch Seine Abrahams Leute mit hinauf und lässt Seine Gerichte über die von sodomitischer Sünde durchschwängerte Welt hereinbrechen. Diesem allem entgehen wir nur durch ein Leben des Glaubens, Liebens und Hoffens. Noch ist Raum zum Glauben, Lieben und Hoffen, aber wer weiss, wie lange? Kaufen wir darum treu die Zeit aus, um unsere Seligkeit zu schaffen mit Furcht und Zittern!
Zu Gottes Mitregenten und Priestern sind wir als Gläubige berufen. Als solche dürfen wir aber nicht immer nur bitten: „Unser täglich Brot gib mir heute", sondern wir müssen bitten lernen: „Unser täglich Brot gib uns heute." Dieses „Uns" umfasst unser Haus, unsere Familienangehörigen, unsere Dienstboten und kann grössere und immer grössere Kreise ziehen, soweit wir über die Sünde herrschen und Gott unsere Glieder zur Ausübung des Priesterdienstes ausgeliefert haben.
Es ist gleichsam, als zögere der Herr. „Wie kann ich Abraham verbergen, was ich tun will," sagt Er. „Sintemal er ein grosses und mächtiges Volk soll werden … denn ich weiss, er wird befehlen seinen Kindern nach ihm, dass sie des Herrn Wege halten und tun, was recht ist." Nun muss ich aber auch mit ihm rechnen; ich kann da nicht so ohne weiteres Gericht üben. Es ist gar kein Zweifel, dass Gott sich Seine Leute zu Mitregenten erzieht. Mitregent dessen zu sein, Der die Liebe ist, das heisst, Retterdienste tun, und es gibt gar keinen durchschlagenderen Retterdienst als priesterliches Eintreten für andere. Anderen wird am wirksamsten dadurch geholfen, dass wir ihre Lasten und Gerichte aus uns nehmen und sie vor Gott bringen. Bei Ihm ist Raum; uns würden diese Lasten und Gerichte zermalmen, aber vor Seinen Thron können wir sie niederlegen – dort ist allezeit die gleiche Bereitwilligkeit und Geduld, uns anzuhören, wenn wir auch wieder und immer wieder mit denselben Dingen zu Ihm kommen.
„Ich weiss, er wird seinen Kindern und seinem Hause nach ihm befehlen, zu tun, was recht ist, und ich habe ihm grosse Verheissungen gegeben," sagt sich der Herr gewissermassen – "für die Erfüllung dieser Verheissungen reift er aber nicht heran, wenn Ich ihn nicht in die Mitregentschaft hereinziehe und nur einfach alles ohne ihn anordne und ausführe." O, das sind tiefe Geheimnisse – da geht einem das Herz auf; da beugt man sich in den tiefsten Staub und merkt, wie viel davon abhängen kann, dass man nicht mehr ein Sklave der Sünde ist, sondern dass man über die Sünde herrscht, über seine Stimmungen, Eindrücke usw., damit der Herr einen für immer weitere Kreise brauchen kann.
„Und der Herr sprach" – Vers 20 – „es ist ein Geschrei zu Sodom und Gomorrha, das ist gross, und ihre Sünden sind gar schwer …“ Damit ziehen die Engel ihre Strasse; denn sie merken, sie haben jetzt nichts mehr hier zu tun. Abraham hat es nun allein mit dem Herrn zu tun, denn es handelt sich um Dinge, die über den Horizont der Engel hinausgehen. Die Engel sind einfach Diener; sie haben nicht die Adelsstellung, welche Abraham einnimmt, und welche Gotteskinder einnehmen, die von Gott dazu erzogen werden, ein Wort mitreden zu dürfen im grossen Familienrat. Um das zu können, muss man – wie schon erwähnt – unabhängig sein von Menschen und Verhältnissen, gründlich gelöst. Das sind aber nur Könige – nur sie sind wirklich frei, um für andere sorgen zu können.
„Und die Männer wandten ihr Angesicht und gingen gen Sodom; aber Abraham blieb stehen vor dem Herrn." Das sind zwei ganz verschiedene Stellungen – die der Engel und die der Menschen. Der Mensch steht hoch über den Engeln, wie wir aus dem Hebräerbrief sehen. Die Engel erfüllen Gottes Befehle als Diener, ohne sich eine Frage oder Widerrede zu erlauben, aber mit Seinen Heiligen rechnet Gott. Im Mittelpunkt des Kapitels – möchte man beinahe sagen – steht das Wort: „Und Abraham antwortete und sprach: Ach siehe, willst du denn den Gerechten mit dem Gottlosen umbringen?..." Je kühner er wird, je weiter er geht, umso mehr fühlt er auch den Abstand zwischen sich und Gott, und das muss immer nebeneinander hergehen. Einerseits heisst es: „Näher, mein Gott, zu dir", und andererseits wird man sich immer mehr der tiefen Herablassung bewusst, welche seitens Gottes darin liegt, dass Er uns erlaubt, Ihm näher und immer näher zu treten. In dieser Stellung tiefer Herzensbeugung und zugleich heiliger Klugheit bekommt Abraham Macht, weiter und weiter zu gehen.
„Ich habe mich unterwunden, mit dem Herrn zu reden," sagt er. Das dürfen wir nie vergessen: „Wir sind Staub und Asche." Je höheren Dienst wir zu tun haben, umso tiefer müssen wir uns bewusst sein, dass wir Staub und Asche sind. Wir sind gefallene Geschöpfe und haben als solche kein Recht, Gott in den Arm fallen zu wollen, als verstünde Er nicht zu regieren. Es müssen uns in tiefer Beugung die Augen aufgehen für unsere herrliche Berufung, priesterlich einstehen zu dürfen für Gefallene und Irrende. Ohne ungeduldig zu werden, gibt Gott also immer wieder nach, anstatt Abraham schliesslich den Mund zu stopfen. Zuletzt ist es – wie wir gesehen haben – Abraham selbst, der aufhört mit Bitten. Ob er hätte weiter bitten dürfen, das ist eine Frage, die wir nicht untersuchen können. Oben ist gesagt: der Herr habe abgebrochen.
Im weiteren Verlauf der Geschichte sehen wir, dass Sodom wirklich reif war fürs Gericht, und dass es auch mit den wenigen Gerechten, die dort zu finden waren, eben nicht gut stand. Nicht ein einziger Sodomiter scheint durch Lot gerettet worden zu sein. Nicht einmal sein eigenes Weib kam schliesslich noch zurecht wie Abrahams Weib, sondern sah zurück und wurde zur Salzsäule. Es hatte sich selbst auf Lot und seine Familie so viel vom Geiste der Sodomiter abgelagert, dass es in der Natur der Sache lag, dass Abraham nicht weitergehen konnte mit Bitten.