Schriften von Otto Stockmayer
Abraham - der Vater der Gläubigen
14. Glaubenswege sind Erziehungswege - 1. Mose 1614. Glaubenswege sind Erziehungswege - 1. Mose 16
Mit Kapitel 16 kommen wir auf ein dunkles Gebiet im Leben Abrams, auf einen Wendepunkt in seiner Geschichte. Der ganze Jammer und die tiefe Abweichung von Gottes Wegen, welche dieses Kapitel in sich schliesst, sind auf das unglückselige Gottnachhelfenwollen zurückzuführen.
„Und Sarai, Abrams Weib, gebar ihm nicht“, heisst es im ersten Vers. „Sie hatte aber eine ägyptische Magd, die hiess Hagar …“ Gott hat dem Abram im vorhergehenden Kapitel klar und deutlich verheissen, indem Er ihn in die Helle Sternennacht hinausführte: „Also soll dein Same werde“, und unmittelbar darauf stehen die denkwürdigen Worte verzeichnet: „Abram glaubte dem Herrn, und das rechnete Er ihm zur Gerechtigkeit.“ Der Glaube eines Glaubensmannes kann sich erst auf Höhepunkten seines Lebens offenbaren, und es ist durchaus nicht gesagt, Lass er dann immer sogleich imstande ist, diesen Glauben durchzuführen und ihm treu zu bleiben, auch wenn Jahrzehnte oder Jahrhunderte darüber hingehen sollten, ehe der Herr tut, was Er verheissen hat. Vor Ihm sind tausend Jahre wie ein Tag und ein Tag wie tausend Jahre. Wenn wir Gott wirklich vertrauen, so müssen wir auch mit Seiner Zeit rechnen und uns nicht mit unserer Kurzsichtigkeit aufhalten. Man kommt eben, wie zuvor erwähnt, nicht gleich als Abraham auf die Welt, sondern man muss es erst werden. Auch ein heiliger Same, auch ein Abram muss zuerst durch allerhand hindurchreifen zu dem, was er in sich trägt – zu dem, wozu Gott ihn machen will, wozu Er ihn berufen hat. Und da ist immer die alte Geschichte: Der Feind will bei der Erfüllung göttlicher Verheissung auch ein Wort mitsprechen, wie er schon bei Adam im Garten Eden getan hat, ihn aus den heiligen Bahnen gläubigen, geduldigen Wartens herauszunehmen, damit er so schnell wie möglich in den Besitz dessen gelange, was Gott ihm zugedacht hat – aber, ohne dass Gottes heilige Erziehungsarbeit damit erreicht werde. Durch Nichtwartenkönnen wird alles verdorben im Leben der Einzelnen sowie im Leben ganzer Familien. Nichtwartenkönnen, Gottnachhelfenwollen führt zu unerwarteten Verwicklungen, wodurch das uns von Gott zugedachte nicht nur hinausgeschoben, sondern zuweilen ganz verhindert wird.
Und Sarai gebar ihm nicht, und" – oder „aber“ – so stand es offenbar vor dem Geiste Sarais – „da kann man helfen – sie hatte ja eine Magd. Sie verführt nun ihren Mann zu etwas, was ihr danach selbst zur grössten Versuchung wird. „Sieh doch, der Herr hat mich verschlossen, dass ich nicht gebären kann“, sagt sie Vers 2. „Gehe doch zu meiner Magd; ob ich vielleicht aus ihr mich aufbauen möge.“ Und doch hatte Gott Abram eine zahlreiche Nachkommenschaft verheissen – aber nicht auf krummem Wege, sondern in den heiligen Linien der gottgewollten Familie!
O, diese menschlichen Kombinationen, dieses Eingreifen in das Heiligtum! Jede Familie ist ein Heiligtum, und wem die Familie kein Heiligtum ist, der weiss überhaupt noch nicht, was Heiligtum ist.
„Geh doch ein zu meiner Magd; ob ich vielleicht aus ihr mich aufbauen möge.“ Das ist eine ganz einfache Sache und doch ein ungeheurer Widerspruch; aber der Unglaube ist sich nicht bewusst, wie verkehrt er denkt. Wenn Jehova Sarai verschliesst – und das erkennt sie wohl –, dann steht es ihr nicht zu, auf Umwegen erreichen zu wollen, was Gott ihr verweigert hat. In einem solchen Falle beugt man sich und wartet, dass Gott einen für Erfüllung Seiner Verheissungen erzogen hat. Wenn Er auch nicht sogleich gibt, was Er verheisst, so ist damit noch lange nicht gesagt, dass Er es überhaupt nicht geben will. Es folgt nun der traurige Schluss von Vers 2: „And Abram gehorchte der Stimme Sarais." Wir haben hier eine Wiederholung dessen, was im Garten Eden geschah, wo Adam, der Stimme seines Weibes gehorchend, von der verbotenen Frucht ah, die sie ihm reichte. Bei der Gründung eines neuen Schöpfungstages – wem man es so nennen kann – finden wir die gleiche Geschichte: Wie Adam auf die Stimme Evas gehört und ihr gehorcht hatte, so gehorcht Abram der Stimme seines Weibes Sarai.
Alle Glaubensmänner und Glaubensfrauen müssen erst lernen, nicht zu hören auf die Stimme derer, mit denen sie leben – und das setzt einen gewaltigen Kampf ab, wenn man die Saiten seines Instruments nicht mehr verstimmen lassen will durch alles Unharmonische ringsumher, wo Göttliches und Menschliches vermischt ist. Man muss sich seines Lebens wehren – das weiss jeder Handwerker, das weiss man überall in der Welt – und das gilt auch in geistlicher Beziehung. Man darf nicht den Stimmen seiner Mitmenschen das Herz öffnen, sonst wird man leicht aus den einfachen, sicheren Linien des Glaubens herausgeworfen. Wenn Gott schweigt, gilt es zu warten und Seinen Spuren zu folgen.
„Und Abram hörte auf die Stimme Sarais." Das war, nachdem er zehn Jahre im Lande Kanaan gewohnt hatte. Die Tage, die Stunden, diese Ereignisse, wo wir durchbrechen, wo wir eine neue Glaubensstufe erklimmen, oder wo wir uns aufhalten lassen in unserem Glaubenslauf, werden registriert im Heiligtum als Gedenkzeichen göttlicher Treue und Gedenkzeiten menschlicher Untreue. Mögen sie auch immer tiefer in unseren Herzen eingegraben stehen – mögen auch die Stunden des Abfalls so tief in denselben eingegraben sein, dass sie sich nicht mehr wiederholen und Gott uns von Probe zu Probe ins himmlische Kanaan führen kann! Da gilt es aber aufpassen. Es ist kein Kinderspiel, wenn man ein Leben, einen Lebenslauf haben will, den unser Gott in allen Dingen unterschreiben kann. Von Entrückung kann keine Rede sein, solange die Gemeinde sich nicht ausreifen lässt; denn Gott gestaltet uns nicht um durch einen Akt der Allmachtsentfaltung – sondern die Umwandlung geschieht durch die geduldige, treue Arbeit des Heiligen Geistes und nur unter der Bedingung, dass man sich letzterer auch wirklich hingibt. Es folgen nun die Schwierigkeiten im Haushalt Abrams – Dinge, von denen er sich offenbar gar nicht Rechenschaft gegeben hatte, als er auf Sarais Vorschlag hineingriff.
Vers 4: „Und er ging zu Hagar, die ward schwanger. Als sie nun sah, dass sie schwanger war, achtete sie ihre Frau gering gegen sich." Wenn man eigenmächtig eingreift, kann man sich darauf verlassen, dass man früher oder später auf Faktoren stösst, mit denen man nicht gerechnet hat –dass da Dings hereinkommen –sei es durch äussere Begebenheiten, sei es durch Vorgänge im Innern des Herzens, die man hätte voraussehen können, wenn man nicht verblendet gewesen wäre. Die Sünde verblendet; da sieht man dann nicht mehr klar und rechnet nur mit den vor Augen stehenden Faktoren. Die Sachen nehmen ihre natürliche Entwicklung. Wo wir etwas angezettelt haben, lässt Gott die Frucht unserer Torheit reifen, sonst würden wir nie geheilt. Die schmerzlichen Folgen unserer Torheit sollen uns wecken. Durch dieselben können wir, wenn wir aufrichtig sind, den Weg zur Einkehr und Rückkehr finden. Gerade durch das, wodurch uns der Teufel unserem Gott entfremden wollte, kommen wir Ihm dann nur umso näher. Jeder Fehler, den wir machen, muss uns Gott näherbringen, als wir Ihm vorher gewesen sind, sonst ist unsere Busse nur eine halbe Busse. Wir müssen durch die Folgen unserer Verfehlungen gründlicher von allem eigenen Schaffen und Wirken geheilt werden, als wir es je gewesen sind, sonst werden unsere inneren Organe geschwächt. Das hätte man ja vorhersagen können, dass Hagar, wenn sie Hoffnung hat, Mutter zu werden, ihren Kopf emporheben wird, wenn sie hundertmal Magd ist. So ist eben der natürliche Mensch. Sie ist keine Heilige, und da steigt ihr die Sachs in den Kopf, und Sarai ist abgesetzt. Sarai hätte sich wohl denken können, wie es gehen werde, aber sie wollte nicht auf Gottes Stunde warten. Gut, wenn du nicht warten willst, so musst du eben auch die Folgen auf dich nehmen und dann erst recht warten! Jedes Eingreifen in die natürlich von Gott geordneten Dinge rächt sich bitter. O, nur nichts gewaltsam erzwingen wollen, um seinen Zweck zu erreichen und gewissen Adelsständen abzuhelfen! Nur nicht die Sachen aus Gottes Hand nehmen!
Nur sich beugen, wenn man sich sagen muss: „Ich bin selbst schuld, dass es so gekommen ist; ich habe das Ding selbst angezettelt!" Sarai tut das nicht, sondern sie fällt nun über Abram her und legt die ganze Schuld auf ihn. „Du tust unrecht an mir," sagt sie. „Der Herr sei Richter zwischen dir und mir." So darf man es nicht machen, Sarai; so darf man die eigene Schuld nicht einfach auf andere abwälzen, sonst kommt man nicht wieder zurecht. Abram hatte auch gesündigt, aber sie hatte wahrlich kein Recht, ihn anzuklagen. Sie hat sich vor Gott zu demütigen. Mann und Weib, Herrschaften und Dienstboten haben sich vor Gott zu demütigen, wenn es im Hause nicht klappt. In der Regel haben beide Teile Schuld, und hast du einmal wirklich nicht Schuld, so hast du für den anderen Teil einzutreten, mit Glaube, Liebe und Hoffnung –damit rettest du dann die Situation. Bist du nicht selbst schuld an diesen und jenen Verwicklungen, in denen du heute stehst, so danke Gott dafür –dann hast du aber auch doppelt Grund, auf deinen Gott zu warten und Ihn machen zu lassen.
Sarai ist fest überzeugt, dass sie im Recht und Abram im Unrecht ist.
Vers 5: „Da sprach Sarai zu Abram: Du tust unrecht an mir. Ich habe meine Magd dir in die Arme gegeben …“ Sie ist sogar noch stolz darauf, dass sie das getan hat. „Ich habe dieses Opfer gebracht," sagt sie gewissermassen. Es gibt Opfer, die eine Frau unter keinen Umständen zu bringen hat. „Jehova, richte zwischen dir und mir." Ja, ja, Er wird richten; aber so ein Wort wirft man nicht nur so geschwind hin! Erkenne doch zuerst deine eigene Schuld! Du hast Abram verführt, hast also die Bekehrung der Verhältnisse selbst heraufbeschworen. Du weisst nie, was du heraufbeschwörst, wenn du die Dinge durch eigenes Eingreifen und Nachhelfen aus Gottes Hand herausnimmst, weil es dir zu lange hergeht und du gern schneller ans Ziel kommen möchtest.
Und nun, in der aus seiner Torheit herausgewachsenen Not, finden wir Abram wieder in seiner ganzen Grösse. Er streitet nicht mit seiner Frau, hält ihr ihren Anteil an der Schuld nicht vor –keine Spur davon! Man reizt andere nur damit, dass man ihnen ihre Schuld vor Augen stellt, wenn sie dies noch gar nicht vertragen können. Abram handelt königlich und sagt kein Wort zu seiner Rechtfertigung.
Es muss sich einmal ein Teil finden, der bereit ist, die Schuld auf sich zu nehmen und es Gott zu überlassen, dass Er dem anderen seine Schuld zeige. Dann kommen die Dinge ganz anders heraus. Wollen wir andere von ihrer Schuld überführen, so sind wir in Gefahr, ungerecht zu sein; denn des Nächsten Schuld liegt uns immer näher als die eigene.
„Deine Magd ist in deiner Hand" –unter deiner Gewalt –sprach Abram zu Sarai. Im Allgemeinen steht die Magd mehr unter der Autorität der Frau und der Knecht mehr unter der des Mannes. Der Herr wird es mehr mit den Knechten zu tun haben und die Frau mit den Mägden –man kann da nicht so ohne weiteres die Dinge verkehren. Am besten ist, es lässt sich jeder einzelne von Gott selbst zeigen, was er zu tun hat.
Sarai hat sich nicht zweimal von ihrem Manne sagen lassen: „Tu mit Hagar, wie dir gefällt", sondern hat sie gedemütigt und sie gewaltsam, in brutaler –nicht in göttlicher Weise –an ihren Platz zurückverwiesen. Sie rächte sich also an dem verhältnismässigen Unschuldigen.
„Da sie Sarai nun demütigen wollte, floh sie vor ihr." Da ist Hagar klein und kleinlaut geworden –da hat sie aufgehört, den Kopf so hochzutragen. Ach, wollten wir nur immer aufwachen und erkennen, wenn wir in eine falsche Stellung hineingeraten sind, so könnte Gott auch bei uns Ungerechtigkeiten unserer Mitmenschen dazu benutzen, uns klein und kleinlaut zu machen! Jedes Anrecht wird früher oder später heimgesucht; lassen wir darum den Herrn mit uns Abrechnung halten und uns –auch dir, lieber Leser –persönlich zeigen, wo du etwa vom geraden Weg abgebogen bist! Redet der Herr mit uns, und kann Er uns zeigen, wo wir uns persönlich versündigt haben, so treten uns die Fehler der anderen in den Hintergrund. „In deinem Lichte sehen wir das Licht." Das reinste Licht ist immer das, welches uns klein macht und uns die eigene Sünde vor Augen stellt, während uns der Teufel über uns selbst zu täuschen und den anderen anzuschwärzen sucht. „Und Hagar floh ...", was, menschlich gesprochen, eigentlich auch wieder natürlich war. Sie floh, aber Gott ging der armen Frau nach und suchte und fand sie durch Seinen Engel. Man findet sonst Flüchtlinge nicht immer so leicht. Gott muss oft lange warten, bis Er endlich Raum bekommt, um uns auf unsere Versehrtheiten aufmerksam zu machen. Lass dich nicht zu lange suchen, wenn du abgeirrt und durch eigene Schuld in Not geraten bist! Lauf nicht zu weit weg, damit dein Gott dich wieder finden und zurückbringen könne –und zwar dahin, wohin du gehörst!
Vers 7: „Aber der Engel des Herrn fand sie bei einem Wasserbrunnen in der Wüste, nämlich bei dem Brunnen am Wege gen Sur." Das war eine Wüstenbegegnung. Die Schrift notiert sogar die Örtlichkeit, wo diese Begegnung seitens des Engels Gottes und Hagars stattgefunden hat, und dieselbe ist für alle Zeiten denkwürdig geblieben. In den heissen Gegenden ist Wasser ja die Hauptsache. Was wir Erdenwanderer, wir Pilger nach der oberen Heimat, vor allen Dingen nötig haben, das ist Lebenswasser, das Lebenswasser des Wortes Gottes. Soll uns dasselbe aber allezeit ein frisch sprudelnder Quell sein, so muss unser inneres Leben erst wieder gelöst werden; es darf nicht mehr Menschenlob und Menschentadel offenstehen, sondern muss offen sein für Gottes Wort –sei es nun, dass Gott uns zu strafen, zu ermutigen oder Sein Wohlgefallen zu bezeugen hat. Das tut der Heilige Geist je und je, und es ist das Höchste, wenn Gott uns durch Seinen Geist zu verstehen geben kann: „Ich bin mit dir zufrieden, Kind" –wenn Er uns etwas zu spüren geben kann von dem Wohlgefallen, das Er Seinem Sohne in der Fülle bezeugen konnte, als Er zu Ihm sagte: „Du bist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe." Wo wir in Lauterkeit vor Ihm wandeln, dürfen wir Seine ganze Gnade erfahren, und das wiegt die momentanen Schwierigkeiten, durch die wir etwa zu gehen haben, bei weitem auf. Gott findet uns zum Gericht und weih uns auch am rechten Ort und im rechten Augenblick zu finden, um uns wieder zu trösten. Nicht nur Wasser, um ihren Durst zu stillen, sollte Hagar in der Wüste finden –sie sollte mehr finden: Warmwasser, bitteres Wasser –aber zu ihrem Heil und Segen. Sie sollte Wasser der Umkehr, der Heimkehr finden, also das, was ihr zurzeit am meisten Not tat. Mit der momentanen Erquickung eines Trunkes frischen Wassers wäre ihr bei ihrem gedrückten Gemüte und der sich hinter ihr schliessenden Vergangenheit nicht geholfen gewesen, wenn sie der Herr nicht auf den rechten Weg zurückgeführt hätte –zurück zu ihrer Herrin.
Der Engel des Herrn sprach zu ihr: „Hagar, Sarais Magd, wo kommst du her und wo gehst du hin?“ Schon in dieser Anrede liegt viel. Er sagt ihr damit gewissermassen: Du bist nicht am rechten Ort. Soll der Herr uns helfen können, so muss Er uns nicht selten an den Ort zurückbringen, von dem wir fortgelaufen sind. Allerdings schliessen sich auch manchmal die Türen, und die Rückkehr ist nicht mehr möglich –sind wir aber aufrichtig, so öffnet uns Gott einen anderen Weg –nur dürfen wir vor keiner Demütigung zurückscheuen. Er kann uns auch damit helfen zurechtzukommen, dass Er uns merken lässt, was wir durch die begangene Torheit eingebüsst haben. Hier in Hagars Fall heisst es: „Geh zurück zu deiner Herrin."
„Hagar floh vor Sarai," heisst es in Vers 7 –aber der Engel des Herrn, der Seine Kinder nie an die Folgen ihrer Torheiten dahingibt, der sie im geeigneten Augenblick zu finden weiss, fand sie bei einem Wasserbrunnen in der Wüste und sprach zu ihr: „Hagar, Sarais Magd, wo kommst du her, und wo willst du hin? Antworte, Magd Sarais, bist du hier am rechten Platz –bist du da, wo du hingehörst? Du bist geflohen, weil du gedemütigt worden bist? sagst du. Aber ist das wirklich ein Grund, zu fliehen? O, wie viele Leute –Sklaven und Kinder, die vor Demütigungen geflohen. Einfach aus der Schule gelaufen sind, und die Gott auch fragen könnte: Wo kommst du her? Wo gehst du hin? Was hast du nun vor? Was soll aus dir werden? Meinst du wirklich, du könntest dir nur so ohne weiteres ein anderes Plätzchen aussuchen, wo niemand dir etwas zuleide tun kann?“
Sie sprach: „Ich bin vor meiner Herrin geflohen." Und der Engel des Herrn sprach zu ihr: „Kehre um wieder zu deiner Frau und demütige dich unter ihre Hand.“ Es handelt sich jetzt nicht darum, ob Sarai recht oder unrecht hat: wenn sie dich weiterhin demütigt, so nimm die Demütigung aus der Hand deines Gottes. Niemand darf dir ein Haar krümmen, wenn Gott es nicht zulässt! Es kommt kein Tröpflein Wermut in das Leben eines Gotteskindes, das nicht auf der Wage des Heiligtums gewogen wäre. Davongelaufen ist man schnell, aber damit ist's nicht getan. Kehre um und hüte dich, die Führung deines Lebens aus Gottes Hand heraus –und in die eigene Hand zu nehmen. Im ersten Petrusbrief heisst es in Kapitel 5: „So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, auf dass Er euch erhöhe zu Seiner Zeit.“ Da sagt so ein unglückseliges Menschenkind: „Ja, unter Gottes Hand will ich mich wohl demütigen, aber nicht unter die Hand eines Mitmenschen." Und doch bedient sich Gott gerade der Menschenhände zu deiner Erziehung; behaupte also doch nicht, dass du dich unter Seine Hand demütigst, wenn du dich weigerst, anzunehmen, was Er dir durch Menschenhand schickt –sei es durch Freundes oder Feindeshand, durch die Hand von Welt– oder von Gotteskindern. Du hast deinem Gott nichts vorzuschreiben, noch mit Ihm zu markten, wessen Er sich bedienen darf und wessen nicht. Du hast es in jeder Demütigung mit Ihm allein zu tun, und du siehst doch aus deiner Bibel, dass Christus sogar durch die Hand der Gottlosen gekreuzigt –ja das Opfer eines Verbrechens geworden ist. Kehre um und demütige dich: das ist die Summe der göttlichen Predigt.
Kehre um, Hagar, und demütige dich unter die Hand deiner Herrin –laufe auch nicht wieder davon, wenn sie dich schlägt. Das ist ein Befehl, und hinter dem Befehl steht eine grossartige Verheissung für eine Frau des Alten Bundes.
Vers 10: „Und der Engel des Herrn sprach also zu ihr: Ich will deinen Samen also mehren, dass er vor grosser Menge nicht soll gezählt werden." Beuge dich, so wirst du überschwänglich gesegnet werden; nur darfst du weder für dich noch für dein Kind die schwere Leidensschule fürchten, durch die ihr beide zu gehen habt.
O, lieber Leser, wie trostreich ist doch der Gedanke, dass wir, wenn Menschen uns demütigen, zu unserem Gott gehen und uns sagen dürfen, dass wir es im tiefsten Grunde mit Ihm allein zu tun haben –nicht mit den Menschen! Und wie zart geht Gott mit Gedemütigten um –mit welcher Gnade und Barmherzigkeit kommt Er ihnen entgegen! Wenn die Feinde über uns triumphieren, verbirgt Er uns heimlich in Seinem Zelt, schützt und tröstet uns unter der einen Bedingung, dass wir uns nicht gegen die Demütigung auflehnen, und nie schliesst der gute Hirte Sein Schäflein fester in die Arme, als wenn es durch dunkle Todestäler hindurch – geht, als wenn der Boden unter den Füssen zu Wanken scheint. Wenn der Himmel von Wolken umzogen ist und nirgends ein Sternlein glänzt, streckt der Herr uns Seine durchgrabene Hand entgegen und spricht uns Mut zu. Wo hätte Hagar jemals gedacht, als die irdischen Horizonte sich so vollständig für sie schlossen, dass Gott einen solchen Gnadenhimmel über ihr auftun würde!
Vers 11: „Armer Flüchtling," sprach der Engel zu ihr, „du wirst einen Sohn gebären. Ich will deinen Samen also mehren, dass er vor grosser Menge nicht gezählt werden kann.“ „Ein Weib, wenn sie gebiert, so hat sie Traurigkeit, denn ihre Stunde ist gekommen. Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, da ein Mensch zur Welt geboren ist.“ Angesichts dessen, was deiner und deines Sohnes wartet, wirst du deine Demütigung vergessen und des Alten nicht mehr gedenken.
„Könnt ihr euch taufen lassen, mit der Taufe, mit der ich getauft werde?" Der Menschensohn ist so hoch erhoben worden, weil Er sich so tief gedemütigt hat. Wenn ihr euch nach all den Segnungen ausstreckt, die Gott Seinen Kindern verheisst, so scheut doch nicht vor den Leidenstaufen zurück, durch die der Herr euch gehen lassen muss, um euch durch Schmach zur Herrlichkeit, durch Kreuz zur Krone führen zu können! Gott hätte Abram, Sarai und Hagar verwerfen können, weil sie auf Abwege geraten waren, aber Er ist barmherzig und gnädig; deshalb richtet Er sie wohl, lässt ihnen dann aber auch wieder Seine Gnadensonne scheinen.
„Und der Engel sprach zu ihr: Du wirst einen Sohn gebären, des Samen sollst du Ismael heissen, darum da der Herr dein Elend und deine Demütigung gesehen hat." Was tut es, wenn die Menschen weder Augen noch Ohren noch ein Herz für deine Demütigung haben –ja, wenn sie den vom Herrn Gedemütigten immer noch mehr demütigen zu müssen meinen –was, nebenbei bemerkt, eines der grössten Verbrechen in Gottes Augen ist –, selbst wenn die Demütigung noch so sehr verdient sein mag. Gott rechnet anders, als die Menschen rechnen, wie Er ja später auch den Notschrei des Samens Abrahams in Ägypten gehört hat. Und wenn Er mit Seiner Hilfe verzieht, so ist es nicht aus Gleichgültigkeit und Härte, sondern Er wartet nur, dass Sie Demütigung ihr Werk gründlich tue, um dann die Schleusen Seiner Gnade über dir zu öffnen. Darum noch einmal, teures Gotteskind, fülle doch nicht die Ohren deiner Mitmenschen mit der Geschichte deiner Demütigungen und Leiden; lass dir daran genügen, dass der Herr gesehen und gehört hat, und dass die ganze Heilige Schrift voll ist von Verheissungen für die Gedemütigten, Zerbrochenen und Zerschlagenen –für diejenigen, auf denen die Menschen herumtreten, und wenn zuweilen selbst Gott nichts mehr nach dir zu fragen scheint, so halte doch fest daran, dass Er längst den Augenblick festgesetzt hat, in dem Er eingreifen und deine Demütigung in Freude verkehren wird. Lass nur die Demütigung ihr Werk tun bis aufs äusserste –Er trägt dich hindurch! Er ist der lebendige Gott, der deinen Notschrei hört und dein Elend fleht, und der, wenn wir Seinem Wirken in uns nicht widerstreben, rechtzeitige Hilfe für uns bereit hat. Er hört das Schreien der Bedrückten, Verstossenen; Er hört, richtet und erhört –das soll in dem Namen des noch ungeborenen Sohnes der Hagar zum Ausdruck kommen, um dich an jene Begegnung am Wasserbrunnen zu erinnern. Damit wird dann dein Herz den Menschen gegenüber stille werden.