Schriften von Otto Stockmayer
Abraham - der Vater der Gläubigen
21. Weitere ergänzende Bemerkungen über 1. Mose 18,16-33 anh. von Heb 11,11-12 .21. Weitere ergänzende Bemerkungen über 1. Mose 18,16-33 anh. von Heb 11,11-12 .
Die Heimsuchungen des Herrn haben oft – wenn nicht immer – zwei
Seiten. Die eine Seite ist: segnen, lösen, befreien – die andere:
richten, zerstören. So wird es auch sein, wenn die letzte und grösste
Heimsuchung stattfinden wird bei der Wiederkunft des Herrn. „Alsdann
wird Er bringen den Tag des Heils und den Tag der Rache." (
Saras Unglaube wird gerichtet, ehe sie gedemütigt, gereinigt, durch persönlichen Glauben geheiligt, in die Linie der Glaubenszeugen eintreten kann und in den Glauben ihres Mannes, zu welchem sie schon als sein Weib berufen war. Im Hause Gottes muss das Gericht anfangen und es ergeht das Gericht über allen Zweifel, über alles Unlautere und Ungerade, über alles, was den Gedanken Gottes zuwiderläuft und ihnen hindernd in den Weg tritt.
Nachdem das Gericht im Hause Abrahams vollendet ist, kommt das
Gericht über die Welt, damit Sodom zerstört wird. Aber es liegt noch
etwas dazwischen. Wenn wir menschlich davon reden dürfen (und die Bibel
redet menschlich), so möchten wir sagen: Gott fühlt sich nicht frei,
Abraham etwas zu verbergen. Vers 17 sagt Er: „Wie kann ich Abraham
verbergen, was ich tue?“ Vers 17–19 hält der Herr einen Rat mit sich
selbst; Er rechnet mit Abraham. Er weiss wohl, dass Ihn dieser nicht
loslassen wird, wenn Er ihm erst Sein Geheimnis anvertraut hat. Zu Mose
sprach Jehova: „Lass mich, dass ich das Volk verderbe!" (
Vers 18: „Sintemal Abraham ein grosses und mächtiges Volk werden soll und alle Geschlechter in ihm gesegnet werden sollen." Hat es nicht den Anschein, als ob Gott in der Matze, in Proportion des Berufes, der Aufgabe oder Stellung, die Er jemand gibt, die Notwendigkeit fühlte, ihn in Seine Gedanken und Geheimnisse einzuführen – in Seine beabsichtigten Segnungen sowohl wie in Seine beabsichtigten Gerichte? Je grösser und verantwortungsvoller unsere Aufgabe, desto tiefer gilt es, in Gottes Gedanken einzudringen, auch wenn sie scheinbar nicht in Beziehung zu uns stehen.
Was hat die Botschaft an Sara und Abraham mit Sodom und Gomorrha zu tun? Gerade, nachdem Gott Abraham seine Berufung und die ihm gegebene Verheissung "Sara soll einen Sohn gebären" versiegelt hat, fühlt Er sich gedrungen, ihn tiefer und immer tiefer in Sein Herz blicken zu lassen, ihn weiter einzuführen in Seine Gedanken betreffs der von Ihm geplanten Segnungen und Gerichte.
Vers 19: „Denn Ich weiss, dass er seinen Kindern und seinem Hause nach ihm befehlen wird, dass sie des Herrn Wege halten und tun, was recht und gut ist, auf dass der Herr auf Abraham kommen lasse, was Er ihm verheissen hat."
Genau übersetzt könnte es heissen: „Ich bin in Beziehung zu Abraham getreten, habe ihn zuvor ersehen, erwählt: seinen Kindern zu gebieten und zu lehren…" Es ist ein feierlicher Moment in der Schöpfungsgeschichte, als Gott einen geheimen Rat mit sich Selber hält – der Vater, der Sohn und der Heilige Geist – und sagt: „Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei." Und auch hier stehen wir vor solch einem heiligen Moment, einem geheimen Rat, den Gott mit sich Selber hält. Endlich entscheidet Er sich, zu reden, und sagt Vers 20 und 21: „Es ist ein Geschrei zu Sodom und Gomorrha, das ist gross, und ihre Sünden sind über die Massen schwer. Darum will ich hinabfahren und sehen, ob sie alles getan haben nach dem Geschrei, das vor mich gekommen ist, ob's nicht also sei, dass ich’s wisse." Und Vers 22: „Abraham blieb stehen vor Gott." Der Herr hat sich nicht in Abraham getäuscht; er versteht seinen Gott. Er vergisst nicht die wunderbaren Dinge, die Er eben mit ihm geredet hatte, aber er wendet seinen Blick weg von der eigenen Zukunft, um in neue Gottesgedanken einzugehen.
Es ist die höchste Aufgabe einer menschlichen Kreatur, priesterlich, vermittelnd für andere einzutreten. Jede Gotteseröffnung bringt eine grosse Verantwortung mit sich. Sie soll die höchsten uns anvertrauten Fähigkeiten wachrufen und in Tätigkeit setzen. Abraham fasst sich ein Herz, zu reden. Er tritt dem Herrn näher und hält Ihn aus. Vers 23: „Und trat zu Ihm und sprach: Willst du denn den Gerechten mit dem Gottlosen verdammen?" Viele Kinder Gottes meinen, das letzte Wort eines Christen müsse sein: „Dein Wille geschehe!" Es soll das erste sein. Völlige Unterwerfung unter Gottes Willen ist Bedingung eines Glaubenswandels. Abram versteht seinen Gott besser als manches Kind das Neue Testament. Wäre mehr Glauben zu finden unter Gottes Kindern und weniger Unentwickeltheit und Unmündigkeit, so würden sie sich besser ziehen und ausreifen lassen. O wie weit wäre man in der Liebe und Hoffnung und im Eindringen in Gottes Gedanken vorgeschritten – wie oft würde man zu Gott hinzutreten wie ein Abraham, anstatt zu seufzen! Satan kann uns aufhalten, solange wir nicht auf der Höhe der Situation stehen, solange wir nicht verstanden haben, was Gott von uns wollte, als Er uns Seine Gedanken und oft dunkle Horizonte öffnete. Gott sucht Priesterherzen. Wenn Er eins Seiner Kinder, das in Seine Gedanken eingegangen ist, hier unten lässt, so hat es ein Wort mitzusprechen in den Gerichten, die schon lange über die Welt verhängt sind.
Noch einmal: Gott rechnet mit Seinen Kindern, die wie Abraham vor Ihm stehenbleiben. Es ist Raum gelassen für die Einsprache eines Abraham. Es kommt einmal ein Augenblick, in dem auch die Fürbitten eines Mose und Samuel nichts mehr nützen – aber noch ist es nicht so weit. Und solange es noch nicht so weit ist, wollen wir es nicht machen wie der Prophet Jona, der darauf bestand, dass Gottes Wort und Wille über Ninive erfüllt werde. Der König von Ninive hat da Gott besser verstanden als der Prophet. „Die Letzten werden die Ersten sein" könnte man auch hier sagen. Er rief die ganze Stadt zusammen: „Wer weiss, Gott möchte sich kehren und Ihn reuen und sich wenden von Seinem grimmigen Zorn, dass wir nicht verderben!" (Jonas 3,9) – Und Gott hat sich Ninives erbarmt!
Wir wollen Abrahams Kinder werden, müssten wir auch damit anfangen, dass wir bei einem heidnischen König in die Schule gehen.