Schriften von Otto Stockmayer
Abraham - der Vater der Gläubigen
17. Ergänzende Bemerkungen - zu 1. Mose 17 anhand von Hebräer 11, 8–10 .17. Ergänzende Bemerkungen - zu 1. Mose 17 anhand von Hebräer 11, 8–10 .
Abram war 86 Jahre alt, als Hagar ihm den Ismael gebar.
Nach Gottes Liebesratschluss soll eben jeder ausgebildet werden für den Beruf, für den Er ihn bestimmt hat. Moses wurde einer einzigen Übertretung wegen vom Lande Kanaan ausgeschlossen, und Aaron wäre von Gott getötet worden, wenn Moses nicht für ihn eingetreten wäre, als er das goldene Kalb gemacht hatte (5. Mose 9. 20.). Vierzig Jahre hatte Moses in der Wüste zubringen müssen, weil er sein Volk in eigener Kraft hatte erlösen wollen, ehe Gottes Stunde geschlagen hatte. Wir werden immer finden, dass die Erziehung Gottes bei Seinen Knechten und Mägden darauf hinzielt, sie Geduld und Anbetung im Geist und in der Wahrheit zu lehren und sie dahin zu bringen, dass sie von der Kreatur und sich selbst absehen lernen. Nur dann wird Gott, der Allmächtige, geehrt. Er gebraucht die Menschen, wie und wann es Ihm gefällt, und Er stellt sie beiseite, wann es Ihm beliebt.
Nach dreizehn Jahren knüpft Gott den abgebrochenen Faden wieder an. Abram soll jetzt seinen neuen Namen bekommen: „Abraham, Vater der Gläubigen." Zuerst aber nimmt der Herr selbst einen neuen Namen an, Vers 1: „Ich bin der allmächtige Gott", sagt Er. Nie hätte aus Abram ein Abraham werden können, wenn Gott nicht der Allmächtige wäre. „Wandle vor meinen Augen," fügt Er hinzu – mit anderen Worten: „Sei gerade, aufrichtig, fromm" übersetzt Luther. „Vor dem Angesicht Jehovas wandeln" heisst: Es lebendig vor seinem Geiste zu behalten, dass Gott allmächtig ist, um weder zur Rechten noch zur Linken abzubiegen. Durch solchen lauteren, geraden Wandel vor dem Angesicht, in der Gegenwart des Allmächtigen, wird aus einem Abram ein Abraham. „Ich bin dein Schild und dein sehr grosser Lohn," sagt Jehova weiter. Du kannst auf mich zählen in deinem Wandel vor meinem Angesicht, in der Erwartung, dass ich zu meiner Stunde die dir gegebenen Verheissungen erfüllen werde. Du brauchst keine andere Vermittlung, keinen anderen Verbündeten. Es kommt einen teuer zu stehen, wenn man Gott vorauslaufen will. Wir sollen eilen, aber in den Linien Gottes – nicht in eigener Energie und Entfaltung unserer Naturkraft.
Abraham bekommt keinen abermaligen Vorwurf zu hören; seine Strafzeit ist zu Ende. Jehova tritt mit neuer Gnade und neuen Segnungen, mit neuen Horizonten an ihn heran. Er erneuert Seinen Bund mit ihm. Der Patriarch ist überwältigt und fällt wiederholt auf sein Angesicht – Vers 3 und 17. Und nun der Knecht im Staube liegt, kann Jehova reden. Diese Rede des Herrn zerfällt in drei Abschnitte: Vers 4–8, 9–14 und 15–22. Vers 4–8: »Und Gott redete weiter mit ihm und sprach: Siehe, Ich bin’s und habe meinen Bund mit dir, und du sollst ein Vater vieler Völker sein. Darum sollst du nicht mehr Abram heissen, sondern Abraham soll dein Name sein; denn Ich habe dich gemacht zu vieler Völker Vater. Und will dich gar sehr fruchtbar machen und will von dir Völker machen, und sollen auch Könige von dir kommen. Und ich will aufrichten meinen Bund zwischen mir und dir und deinem Samen nach dir, bei ihren Nachkommen, dass es ein ewiger Bund sei, also dass Ich dein Gott sei und deines Samens nach dir. Und will dir und deinem Samen nach dir das Land geben, da du ein Fremdling in ihm bist, das ganze Land Kanaan, zu ewiger Besitzung, und will ihr Gott sein."
"Siehe, ich bin’s." Gott ist der Erste. Der Glaube hat es mit gewissen Dingen zu tun, mit göttlicher Basis. In jedem Bunde, den Gott mit einem Menschen macht, um ihn an sich zu binden, heisst es: „Ich bin’s." Das Wort ist für dich und für mich. „Ich habe meinen Bund mit dir." „Gott war in Christo und versöhnte die Welt mit Ihm selber." Damit stellte Er den ersten Bund wieder her, den Er mit Abraham gemacht hatte, so dass Er nun in neuer Weise Geist von Seinem Geiste und Leben von Seinem Leben dem Menschen einhauchen und ihn damit für ewig an sich binden kann.
Das Leben, das Gott dem Menschen im Paradies gegeben hatte, war durch den Fall verloren gegangen. Jetzt macht Gott mit Abraham einen Bund und verheisst ihm Fruchtbarkeit, wie Er es seinerzeit dem Adam getan hatte. Es soll ein ewiger, bleibender Bund sein; denn hinter Abraham steht der Same Abrahams (Galater 3,16.). Generationen werden vielleicht dahingehen, Jahrtausende verfliessen – ja, es mag scheinen, als sei die Verheissung aufgehoben – Gottes Bund wird nicht hinfallen. Wir können unter allen Umständen auf unseren Gott zählen; denn Christus ist unser Bürge.
Dieses Wort gilt auch uns. Gehen Stürme über dein Haupt; kommen Augenblicke, in denen das Licht und die Gnade, mit denen du umleuchtet warst, wie ausgelöscht erscheinen – wisse ein für alle Mal: Sein Bund ist ein ewiger Bund, und er bleibt bestehen, was auch das Leben dir geben oder nehmen mag.
Vers 9–14 handelt von Abraham. „Gott sprach zu Abraham: So halte nun meinen Bund, du und dein Same nach dir, bei ihren Nachkommen. Das ist aber mein Bund, den ihr halten sollt zwischen mir und euch und deinem Samen nach dir; alles, was männlich ist unter euch, soll beschnitten werden. Ihr sollt aber die Vorhaut an eurem Fleisch beschneiden. Dasselbe soll ein Zeichen sein des Bundes zwischen mir und euch.
Gott sagt zu Abraham: Behalte den Bund, den Ich mit dir gemacht habe, der auf meinem Namen, meiner Treue, meiner Allmacht gegründet und geschlossen ist. Wandle darin lauter; gehe nie aus den heiligen Linien dieses Bundes hinaus!
Das Bundessiegel seitens Abrahams – der einzige Akt, den Gott von ihm verlangt – ist die Beschneidung. Die Beschneidung stellt am Fleisch des israelitischen Kindes die Tatsache dar, die später durch den Tod Jesu festgestellt wurde, nämlich: dass unser Fleisch – das heisst das ganze Menschengeschlecht – befleckt ist, und das Blut fliehen muss, ehe wir in einen Bund mit Gott treten können. Durch die ganze Geschichte Israels hindurch sollte das Volk bei der Geburt eines Knaben daran erinnert werden: Wir sind befleckt und können nur durch Blut Versöhnung erlangen. Und als später in Israel das Blut in Strömen floss – sei es Menschenblut bei der Ausrottung der Kanaaniter, sei es das Opferblut der Tiere im Heiligtum –, sollte damit auf das Opfer Jesu Christi hingewiesen und daran erinnert werden, dass zwischen einer befleckten Menschheit und einem heiligen Gott ein Bund des Segens und der Gnade nur aufgrund des Gerichts möglich ist.
Unsere Erlösung war in erster Linie ein Gerichtsakt seitens Gottes. Jesus Christus ist für uns zum Fluch geworden. Er hat am Fluchholz den Zorn Gottes getragen, unter dem die Menschheit stand. Durch die Opferung des Leibes Jesus sind wir Gott wieder geheiligt. Erst damit tritt der Bund Gottes mit Abraham in seine volle Gültigkeit. Ziel dieses Bundes Gottes mit den Menschen ist: Geweihtsein zu Seinem Tempel, geheiligt zu Seinem Eigentum, Schauplatz Seiner heiligsten und herrlichsten Offenbarungen zu sein. Der Bund Gottes, des unwandelbar Treuen und Allmächtigen, bindet eine arme Menschenexistenz und die Existenz des ganzen Menschengeschlechts an Ihn selber und an Seiner Ehre und Herrlichkeit.
Vers 15–22: „Und Gott sprach abermals zu Abraham: Du sollst dein Weib Sarai nicht mehr Sarai heissen, sondern Sara soll ihr Name sein. Denn ich will sie segnen, und auch von ihr will ich dir einen Sohn geben – denn ich will sie segnen, und Völker sollen aus ihr werden und Könige über viele Völker. Da fiel Abraham auf sein Angesicht und lachte und sprach in seinem Herzen: "Soll mir, hundert Jahre alt, ein Kind geboren werden, und Sara, neunzig Jahre alt, gebären?"
Was Jehova in Vers 15 und 16 in Bezug auf Sarai redet, stösst alles um, was sie beide mit dem Gotthelfenwollen zustande gebracht hatten. Unsägliches Weh und Verwirrung waren im Hause angerichtet worden, und es wäre wohl noch Schlimmeres daraus entstanden, wenn Abraham nicht königlich gehandelt hätte.
Wir stehen hier am bedeutsamsten Abschnitt im Leben Abrahams, auf welchen sich auch Römer 4 bezieht. Dort wird Abraham als der Vater der Gläubigen legitimiert und vom Herrn als einer, der glaubte, da nichts zu hoffen war – der seinen und der Sara Leib nicht angesehen und nicht an der Verheissung Gottes gezweifelt hat, sondern aufs allergewisseste gewusst hat, das was Gott verheisst, das kann Er auch tun. Abraham hat einen Bund mit seinen Augen gemacht, nicht aufs Sichtbare – nicht auf Naturgesetze zu schauen –, sondern allein auf den Allmächtigen, den Treuen, den Ewigen.
In Vers 17 ist abermals erwähnt. Lass Abraham auf sein Angesicht fallen, und man versteht das sehr wohl, wenn man bedenkt, dass Gott nach dreizehnjährigem Schweigen zum ersten Male wieder mit ihm geredet hat. Das Lachen aber, von dem dann die Rede ist, möchte einen befremden. Dieses Lachen hat Gott für alle Zeiten fixiert, indem Er dem zukünftigen Verheissungsträger den Namen „Isaak" gab. Man hat gesagt, es sei ein Lachen der Wonne, des Entzückens gewesen, und Abrahams Frage in Vers 17: „Soll mir, hundert Jahre alt, ein Kind geboren werden, und soll Sara, neunzig Jahre alt, gebären?" sei in dem Sinne zu nehmen, wie man zum Beispiel sagt: „Das ist zu gross und wunderbar, als dass ich es fassen und glauben könnte!" – Man erfasst es aber doch. Vers 8 ist aber so zu verstehen, dass Abraham sich darin ergibt, dass die Hoffnungen, die er auf Ismael gesetzt hatte, beiseitegeschoben werden und er nun für diesen um einen Segensanteil bittet. Mir scheint das nicht natürlich aus dem Text hervorzugehen. Eher dünkt es mich, dass Abraham im ersten Augenblick nicht glauben konnte, und mich erinnert seine Frage an Kapitel 15, 2 und 3, wo er zum Herrn sagte: „Herr, Herr, was willst du mir geben? Ich gehe dahin ohne Kinder, und dieser Elieser von Damaskus wird mein Haus besitzen."
Schon damals hatte ihm Jehova eine Nachkommenschaft verheissen, und er hatte es nicht gleich glauben können. Hier finden wir Ähnliches. Dennoch kann Abrahams Lachen ein anderes gewesen sein als das von Sara. Gott allein kann unterscheiden, was im tiefsten Grunde eines Menschenherzens vorgeht, und was nur eine augenblickliche Schwäche ist.
Vers 19 gibt Gott dem verheissenen Sohne den Namen „Isaak" – das heisst „man wird lachen", vielleicht auch zur Erinnerung daran, dass Abraham, anstatt sofort Gott zu preisen, zuerst gelacht hatte. O, wie werden wir Gott dereinst preisen für alles, was Er getan hat, so wenig wir es zurzeit verstanden haben!
Wirft man einen Blick auf die Geschichte Abrahams, so muss man sich immer wieder überzeugen, dass er erst der Glaubensmann werden musste, der er war. Überall treten uns Spuren davon entgegen, da er wie Elias ein Mensch war wie unsereins. Wie schon erwähnt, sehen wir bei ihm die gleichen Anlagen, die sich später in Jakob zeigen: menschliches Kombinieren und Arrangieren, die Furcht vor der Zukunft und das Gotthelfenwollen (Siehe Kapitel 12 und Kapitel 20.). Das ist kein Glaubensweg, wenn man sich ausdenkt: So und so werden die Sachen gehen, darum muss ich so und so handeln. Das heisst: die Sachen selbst in die Hand nehmen. Tut man das, so kommt man auch sehr leicht dazu, es mit der Wahrheit nicht mehr genau zu nehmen usw. Wie ist Abram damals zuschanden geworden, als Gott Seine Hand über Pharao ausstreckte und sein Haus plagte, und als Er mit Abimelech redete um Abrahams willen! Da sieht man so recht, was für ein jämmerliches Ding es um die Selbsthilfe ist.
Vers 18 ruft Abram aus: „Ach, dass Ismael vor dir leben sollte!" Er kann sich nicht von Ismael trennen. An ihn waren seine Hoffnungen geknüpft; er war die Frucht des natürlichen Lebens – nicht des Glaubenslebens. Was wir selbst zustande bringen, bindet uns nachher, und nur schwer kommen wir da heraus. Abraham wäre ums Haar an Ismael hängen geblieben.
Hüten wir uns wie vor dem Feuer, Gott nachhelfen zu wollen! Menschlich kombinieren heisst Gott verleugnen – schlösse solches Kombinieren auch ein Opfer in sich wie bei Sara, die mit ihrem Eingreifen das grösste Opfer brachte, das eine Frau bringen kann. „Gottes Gedanken sind nicht unsere Gedanken – Seine Wege sind nicht unsere Wege." Unsere ganze Erziehung zielt darauf ab, uns unter Gottes Gedanken zu beugen. Lernt man das nicht, so kommt man nicht vorwärts auf dem Glaubenswege, sondern man bindet sich an seine eigenen Schöpfungen, an die Erzeugnisse seines natürlichen Lebens und seiner natürlichen Kraft. Man bindet und meistert Gott, so dass Er keine freie Bewegung des Armes mehr hat und nicht mehr so segnen kann, wie Er gern möchte.
Ismael soll auch gesegnet werden, und zwar so, wie selten einer auf Erden gesegnet wird. Aach Vers 22 sollen zwölf Fürsten von ihm kommen. Das alles hat aber mit Gottes Erlösungsplan nichts zu tun; es gehört dieser Welt an. Die Geschichte der Erlösung ist an den Sohn der Verheissung geknüpft.
Vers 21: „Aber meinen Bund will ich ausrichten mit Isaak…" Wahre Kinder Israels sind nicht aus menschlichem Samen gezeugt; sie sind aus Gott geboren. O Gotteskind, lerne Himmel und Erde, Himmlisches und Profanes trennen! Gott straft den Abraham nicht, sondern geht auf alle seine Bitten ein. „Ich will auch Ismael segnen," sagt er in Vers 20 – „nur merke dir, mit meinem Bunde hat das nichts zu schaffen!" fügt er in Vers 21 hinzu. Dann – Vers 22 – „hörte er auf zu reden und fuhr auf von Abraham".
Und Abraham? Er ist nun auch fertig. Anstatt zu sagen: „Sollte Gott gesagt haben?" macht er sich sofort ans Werk, Gottes Gebot zu erfüllen.
Es kommt in letzter Linie nicht so sehr darauf an, ob zuerst etwas Furcht und Zweifel mitunter gelaufen sind – ob Abraham lacht oder nicht –, sondern darauf, dass man tut, was Gott sagt. Und wenn Sara und das ganze Haus in Aufregung geraten, da fliessen soll – nur vorwärts, durch das bestimmte, klare Bundeszeichen hindurch! Abram will mit Gott in Bund treten; damit tritt er heraus aus allem Nebel und allen Schwankungen und macht aller Unklarheit ein Ende.
Beschäftige dich nicht so viel mit deinem Glauben – mach' nicht so viel daran herum – frage lieber, was dein Gott von dir verlangt! Schäme dich aller vergangenen Kombinationen, deiner selbst gemachten Vorstellungen und Ziele – alles dir Ausmalens des Heiligungsweges: Geh den dir von Gott vorgezeichneten Weg und überlass alles andere Ihm.
Die Beschneidung war von seiten Abrahams eine Tat des Glaubensgehorsams, durch die er mit seiner Vergangenheit brach, und damit sind wir beim ersten entscheidenden Punkte im Leben des Glaubensvaters angelangt.