Schriften von Otto Stockmayer
Abraham - der Vater der Gläubigen
8. Der Segen nach davongetragenem Sieg - 1. Mose 14,17-248. Der Segen nach davongetragenem Sieg - 1. Mose 14,17-24
Die Rückkehr von einer siegreichen Schlacht ist bedeutungsvoll. In der Welt hienieden werden die Sieger gefeiert; man kommt ihnen mit allen möglichen Ehrungen und Auszeichnungen entgegen, und auch im gewöhnlichen Leben und in allen Beziehungen des täglichen Lebens haben Siege ihre Gefahren; denn nur zu leicht haben sie zur Folge, dass den Siegern der Kamm schwillt. Da hat der Herr denn gar mannigfaltige Mittel und Wege, um uns in der Demut und Einfalt zu bewahren, damit wir uns nichts einbilden auf das von Ihm Geschenkte und es uns zum bleibenden Segen werde.
Zwei ganz verschiedene Gestalten kommen dem Abram entgegen. So kommen auch uns in entscheidenden Augenblicken zwei Gestalten entgegen: der lebendige Gott, der uns beschützen und bewahren will, und der Feind, der uns zuraunen möchte: „Sieh doch, wie viel mehr du kannst als andere! Dieses Mal ist es dir aber gut gelungen usw.“ Siegesstunden sind Wendepunkte in unserem Leben, in denen wir entweder enger mit Gott verbunden werden oder wo das Grosse, was Gott getan hat, wurmstichig wird, weil man sich selbst damit brüstet. Wie zuvor erwähnt: zwei ganz verschiedene Gestalten kommen Abram entgegen: auf der einen Seite der Priester Gottes, des Allerhöchsten, und auf der anderen Seite der König von Sodom, der den Abram auf seine Weise honorieren will. Melchisedek, König der Gerechtigkeit, war König von Salem, wohl König von Jerusalem. Salem bedeutet im Hebräischen Friede. König der Gerechtigkeit und des Friedens! Gerechtigkeit und Frieds gehen Hand in Hand. Wo Gerechtigkeit herrscht, da kann auch Friede herrschen. Wo Ungerechtigkeit herrscht, mag es eine Zeitlang friedlich zugehen; aber früher oder später rächt sich die Ungerechtigkeit immer. Auch der Friede in den Staaten gründet sich auf Gerechtigkeit und ist bedingt durch Gerechtigkeit; wo es nicht gerecht zugeht, muss Gott im Staatsleben, im Familienleben und im Leben der einzelnen mit Gerichten eingreifen. Gott wird einmal, wie geschrieben steht, Gericht üben unter den Völkern, und Er übt heute schon Gericht unter Seinen Kindern; denn das Gericht muss im Hause Gottes. Wohl uns, wenn wir Ihm da stillhalten; so dass alles in uns in heilige Linien der Gerechtigkeit und Liebe kommen kann; denn gerecht sind wir nur, wenn wir Liebe haben.
Die königliche Gestalt Melchisedeks tritt hier auf den Plan, um Abram zu segnen, um ihm nach der Schlacht Erquickung zu bieten – Brot und Wein. Wer denkt bei diesem Brot und Wein nicht an das heilige Abendmahl? Es ist eine Erquickung aus der oberen Welt, die dieser so unerwartet auftretende König von Salem, Priester Gottes, des Allerhöchsten, dem Abram bringt. Als Priester Gottes, des Allerhöchsten, konnte er darum auch in Brot und Wein göttliche Kräfte legen, Erfrischung aus der oberen Welt, Gnaden– und Lebensmitteilung unter der Gestalt von Brot und Wein. So empfangen wir ja heute noch unter der sichtbaren Gestalt von Brot und Wein Gnadenmitteilungen aus dem Heiligtum für unseren weiteren Lebensweg; denn solche Schlachten haben etwas Ermüdendes, selbst wenn man siegreich daraus hervorgeht. Wir wissen ja aus der Weltgeschichte, wie der König Pyrrhus mit jedem Sieg, den er über die Römer davontrug, Boden verlor, so dass er ausrief: „Noch ein einziger solcher Sieg, und wir sind verloren!“ Auch Siege können ermatten; darum braucht man immer wieder Erneuerung des Lebensfonds, der Widerstandskraft, der Lebensfreudigkeit, und die bekommen wir nur von oben, von unserem grossen Melchisedek, der uns durch Seine Gaben aus dem oberen Heiligtum erquickt und erfrischt, wenn uns hier unten die Kraft ausgeht.
Und Melchisedek sprach: „Gesegnet sei Abram von dem Gott, der Himmel und Erde gemacht hat …" Melchisedek konnte nicht in seinem eigenen Namen segnen, aber er konnte den Segen des Allerhöchsten auf Abram herabflehen. Es war nicht bloss ein Willkommengruss, den er Abram spendete, sondern er wusste, dass Gott seine Worte mit Tat und Kraft begleiten werde. „Und er segnete ihn.“ Der König von Sodom hatte ihm massenhaft Beute mitgebracht, aber das war kein Segen für Abram – kein Segen, wie Abram ihn begehrte; er bekommt Höheres vom Allerhöchsten, der ihm sein Priester entgegengebracht hat. „Gesegnet seist du Abram –, nicht von mir, dem Grösseren, sondern von dem Allerhöchsten, der Himmel und Erde gemacht hat“, und an den Abram geglaubt hat, dass Er mächtiger sei als alle Feinde. Abram hat an den Allerhöchsten geglaubt, darum bekommt er nun die Gnade des Allerhöchsten zu schmecken. Durch Glauben tritt man in Verbindung mit dem Allerhöchsten. Durch Glauben machen wir dem Allerhöchsten Raum, uns tiefer denn je zu segnen. Jedes Opfer der Liebe bringt Frucht – Ewigkeitsfrucht – und bringt den Segen des Allerhöchsten auf diejenigen herab, die sich nicht leichtsinnig in Gefahr begeben, sondern den Feinden auf göttlichen Ruf in göttlicher Ausrüstung entgegengehen.
Ausser, neben und über dem äusseren Sieg und Segen soll Abram nun auch noch innerlich gesegnet werden. Während die einen ermatten, steigen die anderen nach dem Siege in göttlicher Kraft empor, nach jeder Probe tiefer eindringend in den Allerhöchsten, der Himmel und Erde besitzt und damit eine nie endende Lebensfülle.
In Vers 20 liegt auch ein besonderer Segen und eine besondere Bewahrung für einen Sieger. Solche Begrüssungen kennt man in der Welt nicht. Da werden die Menschen gefeiert, als hätten sie den Sieg errungen. Davon steht hier nichts. Gott hat den Sieg errungen. Wenn uns etwas gelingt, so hat es immer unser Gott getan; da braucht man uns nicht emporzuheben, noch uns zu schmeicheln. Melchisedek war ein Priester Gottes, der in Abrams Namen Gott die Ehre gibt und Abram damit hilft, in den heiligen Linien zu bleiben, in denen er bisher gewandelt war; denn – wie gesagt – Siege sind eine kritische Sache. Abram erkennt an, dass Gott alles getan, dass Er ihm den Sieg gegeben hat; er erkennt es damit an, dass er Ihm den Zehnten gibt. Er erkennt in Melchisedek eine Stimme Gottes und einen Gesandten Gottes, der ihm zur rechten Stunde mit dem rechten Worte zu Hilfe kommt. Er gibt Gott darum von allem, von seiner ganzen Habe, den Zehnten in der Person Seines Priesters, Seines Gesalbten, und dieser hat ihn ohne weiteres angenommen. Mit diesem Grusse: „Gelobt sei Gott, der Allerhöchste, Der deine Feinde in deine Hand gegeben hat“, hat der Priester Gottes Abram gedeckt gegen die Begegnung mit irdischen Königen und deren Geschenke. Abram hatte seine Belohnung – aber nicht eine Belohnung, wie die Welt sie gibt, sondern eine königliche Belohnung aus der oberen Welt, durch die er seinen Gott kennenlernte wie nie zuvor und erfuhr, was der Herr zur Verfügung der Seinen bereithält – nämlich Kostbarkeiten, von denen sie keine Ahnung hatten. „Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört und in keines Menschen Sinn gekommen, das hat Gott denen bereitet, die Ihn liebhaben.“
Und nun kommt der König von Sodom mit seiner Belohnung natürlich zu spät. Wohl uns, wenn wir so zu Gott stehen, dass der Feind in entscheidender Stunde zu spät kommt, weil Gott ihm zuvorgekommen ist, weil Sein Geist uns getröstet und Sein Wort uns gedeckt und bewahrt hat! Wohl uns, wenn der Platz besetzt ist, wenn der Feind kommt – wenn der Geist der Anbetung und Beugung ihn eingenommen hat und ausfüllt – da ist dann kein Raum mehr für Fremdes! Ist das nicht der Fall, so geht es umgekehrt. Damit, dass der Feind Raum gewinnt, gewinnt auch das Fleisch Raum, und es ist dann kein Raum mehr für Gott vorhanden.
Da sprach der König von Sodom zu Abram: „Gib mir die Seelen, die Güter behalte du...“ Es war im Grunde nicht mehr als recht und billig, dass die Beute dem zuerkannt wurde, der zu Hilfe gekommen war, die Feinde vertrieben und die Gefangenen errettet hatte. Aber nach dem Segen Gottes, des Allerhöchsten, durch Melchisedek, braucht Abram nicht noch das bisschen Beute vom König von Sodom Leute, die in der unmittelbaren Umgebung von Majestäten leben – fürstliche Persönlichkeiten, lassen sich nicht gern von armen Leuten beschenken. Abram war ein Fürst, den Gott hochgestellt und reich gemacht hatte; da sollte es nicht hinterher heissen, der König von Sodom habe ihn bereichert. O, sagen wir doch niemals, wir seien reich geworden durch unser eigenes Rennen und Laufen oder durch diesen oder jenen Menschen! Wie auch der Segen gekommen sein mag – Gott hat ihn gegeben, und Ihm gebührt der Dank; ja, alles, was Er uns gegeben, muss zu Ihm zurückkehren in Dank und Anbetung. Abram nahm nicht einen Faden, nicht einen Schuhriemen. Er ist eifersüchtig für seinen Gott. Es ist ihm nicht in erster Linie um Reichtum zu tun, sondern darum, dass sein Gott geehrt wird als der Geber aller guten Gaben. Er will alles Empfangene wieder in Danksagung zurückgeben, und jedermann soll wissen, dass Gott es war, der Abram reich gemacht hat. Was wollen wir machen mit Dingen, die Gott uns nicht gegeben und nicht zugedacht hat – was wollen wir machen mit dem, was wir entweder eigenmächtig in unser Leben mit hereingenommen oder was andere in dasselbe hineingeworfen haben? Das mag zuerst wunderschön aussehen, wird aber allmählich zur schweren Last, so dass man bitter bereut, nicht den einfachen Weg des Vertrauens zum Herrn gegangen zu sein.
Vers 22: „Aber Abram sprach zu dem Könige von Sodom: Ich hebe meine Hände auf zu dem Herrn, dem höchsten Gott, Der Himmel und Erde geschaffen hat, dass ich von allem, was dein ist, nicht einen Faden noch einen Schuhriemen nehmen will, dass du nicht sagst, du habest Abram reich gemacht; ausgenommen, was die Jünglinge verzehrt haben; und die Männer Aner, Eskol und Mamre, die mit mir gezogen sind. Dieselben lass ihr Teil nehmen.“ Das, was Melchisedek ihm gesagt hatte, ist bei ihm haften geblieben. Er war nicht nur ein Hörer, sondern auch ein Täter des Wortes. Er war ein vom Allerhöchsten Gesegneter, und damit waren Ihm Himmel und Erde zur Verfügung gestellt.
„Nichts für mich“, sagt Abram. Nur die Knechte – das sind nicht die Kinder, die des Vaters Regime teilen, sondern es sind Söldlinge – diese sollen ihr Teil haben; dagegen hat Abram nichts einzuwenden – „vor allem aber die Männer Aner, Eskol und Mamre“, die mit zum Sieg beigetragen haben. O, halten wir als Gottes Kinder unsere Hände rein vom Schmutz der Geldgier und des Geizes, der ansammeln und zusammenscharren will und dabei nicht in erster Linie die Ehre Gottes im Auge hat! Kinder Gottes haben eine königliche Stellung, und ihre Habe und ihre Zukunft sind nicht an das Wohl– oder Übelwollen der Menschen gebunden, sondern an Gottes Gnade und Wohlgefallen.