Schriften von Otto Stockmayer
Abraham - der Vater der Gläubigen
22. Lots Errettung aus Sodom22. Lots Errettung aus Sodom
Trotz allem Nachteiligen, was wir von Lot wissen, war er doch ein frommer Mann; denn in 2. In 2. Petrus 2,5 heisst es ausdrücklich: „So Gott die vorige Welt nicht verschont hatte, sondern bewahrte Noah, den Prediger der Gerechtigkeit …» und hatte die Städte Sodom und Gomorrha zu Asche gemacht … und erlöste den gerechten Lot … denn dieweil er gerecht war und unter ihnen wohnte, da er es sehen und hören musste, quälten sie die gerechte Seele Tag und Nacht mit ihren ungerechten Werken." Ja, wer hatte ihn denn nach Sodom geschickt? Daran hatte er nicht gedacht, dass er solche Gräuel würde sehen und hören müssen, als er damals seine Augen aufhob und sich die herrliche Gegend und die üppigen Weideplätze für sein Vieh betrachtete. Die Sachen sehen sich eben meist aus der Ferne ganz anders an, als sie in Wirklichkeit sind, und auch die aus der Ferne gesehene paradiesische Gegend kann sich als Hölle ausweisen, wenn man sich dort niedergelassen hat und die Dinge nun in nächster Nähe sieht.
So geht es, wenn man in horizontaler Richtung bald rechts, bald links schaut, anstatt aufzublicken zu seinem Gott, wie es der Mensch macht, der noch kein Himmelsbürger ist und daher nach dem Augenschein urteilt. Das gilt für alle, die sich noch ihren Wohnort, ihren Beruf, ihre Dienstboten usw. selbst wählen, ohne zu Gott aufzublicken und sich von Ihm leiten zu lassen. Das ist der Weg, um entweder unstet und flüchtig zu werden auf Erden, oder, wenn die Wahl – menschlich gesprochen – gelungen ist, innerlich mit den Dingen seiner Wahl verknüpft wird, dass man nicht mehr wegzubringen ist und darob sein Bürgerrecht in der oberen Welt, wenn auch vielleicht nicht ganz einbüsst, so doch wesentlich schmälert. Man sieht also aus dieser Geschichte, dass es nicht nur Fromme und Gottlose, Gerechte und Verdammte, Himmelsbürger und Bewohner Sodoms gibt, sondern auch Heilige, die angesteckt und angefressen sind von irdischem Sinn, von Niederlassungsgelüsten oder von ungöttlichem Verlangen, aus dieser oder jener Umgebung herauszukommen, in die sie zu unserer Erziehung und Bildung von Gott hineingestellt worden sind. Da packt man nicht gleich auf, wenn einem etwas schwer ist, sondern es gilt auch da das Wort: „Hier ist Geduld und Glaube der Heiligen." Lieber etwas ertragen und aushalten, als unstet und flüchtig zu werden wie Kain, oder als so mit den Dingen verknüpft zu werden, dass man nicht fortkann, wenn der Herr aufbrechen heisst, ähnlich den Leuten, die Alpdrücken und infolgedessen gelähmte Füsse haben. So gibt es geistlich gelähmte Leute, die am hellen Tag an Alpdruck leiden – die wie gebunden sind an Händen und Füssen und nicht weiterkommen. Die Erde hat es ihnen angetan, und sie kommen nicht von ihr los – was dahintersteckt, merken sie in der Regel erst später.
Ich weiss nicht, ob man aus dem, dass Lot im Tore sass, schliessen darf, dass er ein in der Stadt angesehener Mann war; jedenfalls war er der Neffe Abrams und als solcher steht er sofort auf, geht den Männern entgegen und verneigt sich vor ihnen, das Angesicht zur Erde, es als grosse Gnade betrachtend, wenn diese Männer seine Gastfreundschaft annehmen und sich bei ihm ausruhen und erquicken. Die Männer gehen aber nicht sofort darauf ein; sie haben ein Geschäft in Sodom, und vielleicht wollen sie auch Lots Bereitwilligkeit, sie aufzunehmen, zuerst auf die Probe stellen. „Nein,“ sagen sie, „sondern wir wollen über Nacht auf der Gasse bleiben" – was aber auf der Gasse ihrer wartete, wusste Lot nur zu gut. Die Schrift redet nicht umsonst von sodomitischen Sünden. „Da nötigte er sie sehr, und sie kehrten bei ihm ein..." Sobald die Sodomiten merken, dass Fremdlinge in der Stadt sind, versammelt sich Jung und Alt, und Lot wird bestürmt, er solle die Männer herausgeben. Letzterer ist zu jedem Opfer bereit – sogar zum Opfer seiner Töchter –, aber es nützt alles nichts. „Mach, dass du fortkommst," sagen sie. „Wenn nicht, so wollen wir dich übler plagen denn jene." Da kamen dann aber die Engel und schützten ihn, zogen ihn ins Haus und schlossen die Tür hinter ihm zu. Das gibt uns ein Bild von dem, was im Petrusbrief verstanden ist, wenn es da heisst: „Sie quälten seine gerechte Seele Tag und Nacht" – denn er musste Tag und Nacht mit ansehen, was dort vorging. Wir können danach auch verstehen, warum Abram nicht mit seiner Fürbitte durchdrang. Es waren keine zehn Gerechte in der Stadt. Da lässt man sich unter Umständen in irgendeiner prachtvollen Gegend nieder und spiegelt sich vor: „Ich kann deren Bewohner vielleicht bekehren", fragt sich aber nicht, ob Gott einen dort haben will und dort Arbeit anvertraut. Du kannst nicht einfach evangelisieren, wo du willst; du weisst ja gar nicht, ob du der Luft eines Sodom gewachsen bist. Du kannst dir nicht einen Ort zum Missionieren heraussuchen, einfach weil er dich schön dünkt, ein anderer dir hingegen weniger gefällt und du dich nach einer Änderung sehnst – das Evangelisieren und Missionieren bei dir aber erst in zweiter Linie kommt. So geht es im Reiche Gottes nicht, und doch rechnen Tausende so. Die Hauptsache ist ihnen die Besoldung, diese oder jene äussere Annehmlichkeit usw. — nicht aber das Heil der Welt. „Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit," heisst es in der Heiligen Schrift. „Trachtet am ersten nach der Gerechtigkeit Gottes" — dann wird Er euren Dienst segnen. Ist es dir nicht in erster Linie um das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit zu tun, so stehst du nicht auf königlichem Boden und kannst sehen, wie du noch nackt durch Feuer hindurch ins Reich Gottes hineingerettet wirst – nackt – das heisst, du bringst niemand mit, und dein Dienst lässt keine Ewigkeitsfrüchte zurück, weil du dich nicht auf Ewigkeitsboden bewegt hast. Wenn du andere retten willst, musst du selbst auf festem Boden stehen, sonst ziehen sie dich mit sich in den Schlamm hinunter.
Vers 12 wird nun der Gegenbeweis geliefert von dem, was Gott zu Abram gesagt hatte: „Wenn noch zehn Gerechte in der Stadt sind, will ich ihrer verschonen um deinetwillen." Es waren nicht einmal zehn Gerechte da, und die wenigen, die da waren, waren erstickt, hatten keine Macht, wenn sie auch für ihre eigene Person vor groben Sünden bewahrt geblieben waren.
„Und die Männer sprachen zu Lot: Hast du noch hier irgendeinen Eidam und Söhne und Töchter, und wer dir angehört in der Stadt, den führe aus dieser Stätte“; aber Lot war nicht imstande, auch nur einen einzigen Menschen aus dem Pfuhl der Sünde herauszuführen. Die Schwiegersöhne waren wohl die reinsten von allen, die er in der Stadt hätte finden können, aber sie hatten offenbar keine Spur von Leben aus Gott, und als er von zukünftigen Dingen, von den bevorstehenden Gerichten Gottes mit ihnen reden wollte, als er zu ihnen sagte: „Macht euch auf und geht aus dieser Stadt, denn der Herr wird sie verderben!", da war es ihnen lächerlich. Wenn die jetzigen Gerichtsdiener keine Realitäten für uns sind, wenn wir nicht in heiliger Furcht und in heiligem Vertrauen leben, liebe Freunde, so kommt es den Leuten vor, als scherzten wir, wenn trauen unter ihnen wandeln – und sie lassen sich nicht dadurch überzeugen, so müssen sie die Verantwortung für ihre Sünde und ihren Leichtsinn selbst tragen –, dann haben wenigstens wir uns nicht befleckt; legen wir aber unser Zeugnis nicht ab, und Gott schickt eine Warnung, so lächeln sie nur, weil sie uns nie auf dem Gesicht oder im Wesen die Realität der Gerichte Gottes abgelesen haben.
Lot hatte niemanden gewonnen für den Herrn, und wenn wir nicht in erster Linie nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit trachten, so dürfen wir uns nicht wundern, wenn niemand etwas durch uns bekommt und unsere Angehörigen nicht gerettet werden. Lot war es nicht gelungen, auch nur eine einzige Seele auszuführen aus sodomitischem Wesen, und beinahe wären er und seine sämtlichen Angehörigen mit den Sodomiten umgekommen, wenn die Engel sie nicht so energisch ausgetrieben hätten.
„Eile," mahnten die Engel, und wahrlich, es wäre Grund genug zur Eile gewesen; denn wenn die Gegend auch immer noch lachend war und alles schien wie zuvor, so hatte Lot doch ein Gotteswort, das ihn orientieren konnte. Aber so geht es: Das Sichtbare lässt einen nicht so geschwind los, wenn man sich nicht beizeiten innerlich davon lösen lässt. Auch der Tod löst nicht von Dingen, von denen wir uns nicht durch das Blut des Lammes haben lösen lassen.
„Mache dich auf," sagen die Engel, „nimm dein Weib..." Aber Lot verzog. Er war eben schon verkümmert in der Missetat dieser Stadt. Er hatte keinen Einfluss ausgeübt und darüber selbst etwas verloren, so dass ihn die Männer schliesslich wie einen Brand aus dem Feuer herausretten mussten aus der dem Untergang geweihten Stadt. Er verzog. Das war doch wahrlich keine Zeit, um etwas zu verschleppen, um zu verziehen – aber wie oft geht es noch heutzutage so! Da werden die Leute angefasst in einer Andacht oder sonst wo, wo ihnen das Wort Gottes nahegebracht wird, aber das Wort dringt nicht durch. Die Leute sind lendenlahm, irdisch gesinnt wie Lot. Und doch hat Gott Geduld und wirft Lots unfruchtbare Frömmigkeit nicht gerade weg, sondern rettet ihm das nackte Leben!
„Als er aber verzog..." Es zieht einen rückwärts in die Welt, in der man lebt; es bildet sich da eine Anziehungskraft heraus. Das Blut Christi löst nicht nur von groben Sünden, sondern auch von der Anziehungskraft der Sichtbarkeit. Durch das Blut Christi sind wir der Welt gekreuzigt, von ihr gelöst. Sind keine Verziehenden unter uns – nichts Verschlepptes, Träges, Übelriechendes im Gegensatz zum Süssgeruch der Treue und des rückhaltlosen Gehorsams? Gott benötigt manchmal aus Schonung für uns Gewalt, um uns aus unserem Nest herauszubringen, bis uns schliesslich das Verziehen und Verschleppen vergeht. O wie zart Gott mit den Seinen umgeht, aber in Zeiten der Krise werden unsere Existenzen gewogen.
Eine Atmosphäre wie die in Sodom herrschende übt auf den darin Wohnenden nur allzu leicht einen lähmenden, schwächenden Druck aus, habe ich gesagt. Büsst man auch vielleicht sein inneres Leben nicht ganz ein, so kommt man doch innerlich herunter, und wenn es dann einmal ernst gilt, wenn die Gerichtsstunden wirklich hereinbrechen – und das wird sicherlich der Fall sein, solange Gott bisher auch Geduld gehabt haben mag –, ich sage, wenn es dann einmal ernst gilt, so hat man innerlich keine Spannkraft mehr. Man hat sie unter dem Zauber einer gottlosen Welt, gegen die man sich vergeblich gewehrt hat, verloren. Weiss man einmal, dass eine Stadt dem Untergang geweiht ist, so sollte man sich nicht erst hinaustreiben lassen – und doch muss man die Kinder Gottes Tag für Tag antreiben, damit die Dinge der Sichtbarkeit nicht mehr Eindruck auf sie machen als Gottes Verheissungen und Drohungen. Die meisten Kinder Gottes sind Bastarde in dem Sinn, dass sie mehr der unteren als der oberen Welt angehören. Sie sind nicht heimisch in der oberen Welt, und die göttlichen Verheissungen der oberen Welt sind keine massgebenden, bestimmenden Kräfte für sie, unter deren Macht die Sichtbarkeit allmählich ihren Zauber verliert. Da muss man in Andachten und Privatbegegnungen immer wieder drängen und treiben, und die meisten gewöhnen sich daran, während nur einzelne tiefer eindringen in die Realität der ewigen Realitäten.
„Mache dich auf," sagen die Engel zu Lot, „nimm dein Weib und deine zwei Töchter, die vorhanden sind, dass du nicht auch umkommst in der Missetat der Stadt." Die Familie ist auf das Weib und die Töchter reduziert – erstere geht nur ein Stück weit mit, und Lot selbst zögert. Das Haupt des Hauses, das den Ton angeben sollte, zögert; da kann man sich ja wohl denken, dass ein solcher, schon charakterlos gewordener Mensch nicht mehr bestimmend auf seine gottlose Umgebung hatte einwirken können, und es hohe Zeit war, dass Gott eingriff, wenn die Fäulnis sich nicht schliesslich auch in Lots Herz einschleichen sollte.
„Da er aber verzog, ergriffen die Männer ihn und sein Weib und seine zwei Töchter bei der Hand“, wie man Kinder an der Hand nimmt und sie aus Situationen herausführt, von deren Gefährlichkeit sie gar keine Ahnung haben. Warum? Weil Gott Erbarmen hatte, weil Jehova ihn verschonen wollte. Wenn Ereignisse oder Menschen uns drängen und zur Eile treiben, so fragen wir uns doch, ob hinter dem uns so unbequemem Drängen und Treiben nicht Gottes Barmherzigkeit steht, die uns von unserem Best aufstöbern und in dauernde Bewegung setzen will, der oberen Heimat zu, so dass wir einfach keine Ruhe mehr in unserem Nest haben. Es ist Gottes Barmherzigkeit, die uns absolut nicht mehr schlafen lassen will, so dass wir uns schliesslich bewusstwerden, dass es gilt, aufzuwachen. Wäre nicht Sein Erbarmen, so wären wir alle früher oder später auf unseren Hefen liegen geblieben.
Nachdem die Engel Lot endlich samt seinem Weibe und seinen Töchtern glücklich aus Sodom hinausgebracht hatten, heisst es weiter: „Aus den Berg rette dich, dass du nicht umkommst!" Es wird einmal die Zeit kommen, wo niemand mehr drängt, wo es heisst: „So, jetzt bist du soweit – jetzt eile entweder oder gehe unter!" Bleib nicht stehen! Was ein Stehenbleiben und Wissenwollen, was hinter uns vorgeht, kosten kann, sehen wir in den nächsten Zeilen. „Siehe nicht hinter dich!" „Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, ist nicht geschickt zum Reiche Gottes" – der kann, mit anderen Worten, umkehren; denn den kann man nicht zum Ackern und Pflügen gebrauchen. Schau vorwärts zum Ziele hin; denn die Stunde ist kritisch, kritischer, als du ahnst. Gerichtswolken hängen am Himmel, und deren mehr, als du weisst. Bleibe nicht stehen in dieser dem Fluche verfallenen Ebene – rette dich höher hinauf, damit du nicht weggerafft wirst; fliehe auf die Berge! Ja, wir wollen auf die Berge fliehen, wo noch Höhenluft weht und man die Dinge noch sieht, wie sie sind.
„Und Lot sprach: Nicht doch! Siehe, dieweil dein Knecht Gnade gefunden hat vor deinen Augen, so wolltest du deine Barmherzigkeit gross machen, die du an mir getan hast, dass du meine Seele bei dem Leben erhieltest. Ich kann mich nicht auf den Berg retten; es möchte mich ein Unfall ankommen, dass ich stürbe. Ist das nicht schrecklich? Und doch, wie bezeichnend ist dieser Kampf des Retters, des Erbarmens mit einer Seele, die mit der Finsternis verknüpft ist! „Nicht doch, mein Herr!" sagt Lot. War überhaupt noch Zeit zur Einrede? Konnte er wirklich noch meinen, der Engel treibe ihn umsonst zur Eile an? Konnte er da noch sagen: „Lass mich doch, ich komme ja kaum mehr zu Atem." „Nicht doch, mein Herr … ich kann mich nicht auf den Berg retten; es möchte mich ein Unfall ankommen, dass ich stürbe." Ja, so weit kommt man mit seinen Befürchtungen, seinem Besserwissenwollen, mit dem den Heiligen Israels in Seinem Retterwerk Meisternwollen. Da merkt man schliesslich gar nicht mehr, dass jetzt alles davon abhängt, dass man seinem Gott Schritt für Schritt folgt, um nicht, wenn man auch nicht in der Schwefelglut untergeht, moralisch in einer Höhle zu enden.
„Ich kann mich nicht auf den Berg retten; es möchte mir ein Unfall begegnen, dass ich stürbe." Kind Gottes, frage dich doch nicht, was du kannst, sondern was dein Gott kann, und was dein Gott dich heisst! Wohin dein Gott dich führt, dahin gibt Er dir Flügel – er heilt deine lahmen Beine und macht dich los, so dass du ungehindert gehen kannst. Ja, sage nur: „Ich kann nicht", aber lass das nicht dein letztes Wort sein – sage, füge hinzu: „Ich vertraue Dir. Wenn Du mich gehen heisst, gibst Du mir sicherlich die nötige Kraft; Du hast mich nicht gerettet, um mich dann auf halbem Wege umkommen zu lassen – das sieht Dir nicht ähnlich, mein Gott."
Nun hat sich Lot wieder etwas ausgedacht. „Da ist ein Städtchen," sagt er. War das die Stunde, um sich nach einem Plätzchen umzusehen, das ihm konvenierte? Wäre es nicht vielmehr hohe Zeit gewesen, den Engeln unbedingt zu folgen und zu glauben, dass Gott ihn sicher an den Ort bringen werde, den Er zu seiner Bergung ausgewählt hatte? Himmel und Erde müssen zurücktreten, und alles Sichtbare muss zusammenwirken zum Besten derer, die Gott liebhaben, und es muss eher alles stillstehen, als dass Gott mit einem oder einer Seiner Auserwählten nicht zum Ziele käme. O, wie gut haben wir es, dass wir nicht unterwegs stehenbleiben müssen, wenn uns Gott einen klaren Befehl hat zukommen lassen – wie gut, dass wir da nicht zu denken brauchen, es reiche vielleicht nicht mehr! Seine Gnade macht, dass es immer reicht, und sie genügt für uns alle.
Der Herr geht auch jetzt wieder auf alle Vorschläge Lots ein und wirft ihn nicht weg. Er lässt sich eben in Seiner Barmherzigkeit in Bezug auf Seine Führungen hinab auf das Niveau unseres Glaubens, anstatt uns wegzuwerfen, weil unser Glaube noch mit Unglauben vermengt ist; aber zu dem uns von Ihm zugedachten Ziele gelangen wir nicht, und schliesslich können wir noch in Schande hineingeraten, wie damals Lot dort in seiner Höhle.
Es ist das ein Abschnitt, den man nicht gern liest – ein furchtbares Beispiel, wie ein Mann enden kann, der ein Neffe Abrahams war, und den selbst das Neue Testament noch einen Gerechten nennt, dessen Gerechtigkeit aber nichts Durchgreifendes mehr hatte und seinen Charakter nicht mehr umbilden konnte. Der barmherzige Gott hat Lot dennoch in Gnaden angesehen. „Eile," sagte Er, „rette dich dahin; denn ich kann nichts tun, bis dass du hinkommst." Drängt man jemanden zur Eile, so wird der Betreffende leicht nervös, fügt man aber hinzu: „denn ich kann nichts tun, bis du aus dem Wege bist", so eilt man ohne Nervosität – man treibt dann nicht Mutwillen mit Gottes Gnade und nimmt es nicht leicht mit Ankündigung Seiner Gerichte.
„Ich kann nichts tun,“ wenngleich der Himmel schon schwarz ist und die Blitze zucken — Ich kann nichts tun, bis du gerettet bist. Was könnte Gott noch mehr tun? Wir halten die ganze Weltentwicklung auf, damit wir unsere Heiligung nicht vollenden. Weizen und Unkraut halten einander nicht im Wachstum auf, sondern wirken bestimmend aufeinander – Kinder Gottes aber, die sich nicht antreiben lassen, ihre Heiligung zu vollenden, halten andere auf. Wir leben in einer Stunde, in der alles reift, und in der es gilt, Stellung zu nehmen.
Vers 16 kommt dann noch die traurige Geschichte von dem zur Salzsäule gewordenen Weibe. Im letzten kritischen Moment stellte es sich noch bei ihr heraus, dass sie mehr sodomitisch als himmlisch gesinnt war. Obwohl sie vor dem Zurückschauen gewarnt worden war, konnte sie es nicht lassen. Beeilen wir uns doch, alles sodomitische Wesen, alle Neige der Vergangenheit, alles Anziehende in irdischen Verbindungen beizeiten abzustreifen, sonst könnte es uns auch passieren, dass wir nicht das uns von Gott bestimmte Ziel erreichen! Weil Lots Weib nicht stramm mit ihrem Manne folgte, wurde sie zur Salzsäule.
Werfen wir zum Schluss nun noch einen Blick auf Abraham, Vers 27. Den Lot mussten die Engel wecken und aus Sodom hinaustreiben. Abram aber, der in keinerlei Gefahr schwebte, und den keine Engel drängten, über dessen Haupt sich keine Gewitterwolken zusammenzogen, steht des Morgens frühe auf. Für ihn ist das, was Gott ihm gesagt hat, heilige Realität; er hat nicht vergessen, wie ernst er für Sodom und Gomorrha eingestanden war, wie wir so leicht vergessen, was wir dem Herrn in heiliger Stunde für uns selbst oder für andere ans Herz gelegt haben. Er will wissen, was sich in der Nacht und am Morgen begeben hat – er will wissen, ob Gott wirklich zehn Gerechte in Sodom gefunden hat oder ob die Stadt wirklich so gottlos war, wie man fürchten konnte. So macht er sich denn früh auf und schaut nach Sodom und Gomorrha hinüber, aber da war weder von den Städten noch von der ganzen lachenden Gegend noch irgendetwas zu sehen. Es ging von derselben ein Rauch auf wie von einem rauchenden Ofen.
„Und es geschah, da Gott die Städte in der Ebene verderbte, gedachte Er an Abraham und geleitete Lot aus den Städten, die Er umkehrte, darin Lot wohnte. Um Abrahams willen hat Er den Lot dort herausgeholt, und sind wir Abrahams Söhne und Abrahams Töchter, so haben auch wir Samen; dann werden andere durch uns gerettet, anstatt dass wir dastünden wie entblätterte Mastbäume. Um Abrahams willen hat Gott den Lot gerettet.
Und nun noch Vers 20: „Und Lot zog aus Zoar … denn er fürchtete sich, in Zoar zu bleiben." Jetzt bekommt er auf einmal Angst. Jetzt lässt es ihn nicht länger in dem Städtchen, das ihm so lieblich gedünkt hatte, dass er es sich von Gott zum Wohnort erbat. „Er fürchtete sich." Hätte er sich lieber seinerzeit gefürchtet, in Sodom zu wohnen, was hätte er damit nicht sich und seiner Familie alles erspart – auch die traurige Geschichte in der Höhle! Er fürchtete sich und ahnte nicht, wie viel mehr Grund er gehabt hätte, sich davor zu fürchten, sich mit seinen Töchtern in der Höhle niederzulassen, so wie die Sachen standen, wo eine Israelitin lieber eine Blutschande auf sich nahm, als unfruchtbar zu bleiben. Gott hat sich auch da noch gnädig erwiesen, und es sind zwei Stammvölker aus dieser Geschichte hervorgegangen.