Im vorhergehenden Kapitel beschäftigten wir uns mit Dina, der einzigen Tochter Jakobs und ihrem Sündenfall. Wir müssen uns aber noch mit der beispiellosen Rohheit und Verlogenheit der Söhne Jakobs beschäftigen. Jakobs Kinder waren zu lange geistlich ungesunder Luft und zu lange und zu oft bösen Vorbildern ausgesetzt. Der lange Aufenthalt in Labans Haus hat ihnen keinesfalls gedient. Auch die List ihres Vaters konnte ihnen nicht verborgen und ohne Einfluß auf sie bleiben. Zu alledem war ein Gott wohlgefälliger Einfluß gleich Null, denn in Jakobs Haus waren noch Götter, und es fehlte der Altar Gottes. Wir sind darum gar nicht so erstaunt über die bedauerlichen Auswüchse. Die Sünde Dinas und das Handeln ihrer Brüder werfen einen dunklen Schatten auf die Eltern. Daß Josef und Benjamin, die später geboren wurden, ganz anders geartet waren und den Eltern Freude machten, ist begreiflich. Das war gewiß zweierlei Umständen zuzuschreiben, einmal der Tatsache, daß sie früh aus der schlechten Einflußzone herauskamen, und ferner, daß der Vater selbst in Pniel ein anderer Mann geworden war. Doch beschäftigen wir uns nun mit den Rohheiten, der Unaufrichtigkeit und der List der Söhne Jakobs. Letztere hatten sie vom eigenen Vater gelernt.
Eine Schande in Israel. So bezeichneten die Brüder der Dina die ihr von Sichern angetane Schmach (Vers 7; 2Sam 13,12), und darin hatten sie gewiß recht. Doch war Sichern allein schuld, war es nicht auch eine Sünde der Dina? Groß war der Brüder Entrüstung, als sie von dem Vorfall hörten. Sie sagten sich vielleicht: Israel ist das auserwählte Volk, und unter Gottes Volk dürfen solche Sünden nicht geduldet werden. Wir begreifen, daß der Brüder Empfinden Sichern gegenüber äußerst gereizt war, da nun seinetwegen ihre Schwester als eine Entehrte und Verunreinigte galt. Die Entehrung oder Verunreinigung des Weibes wird mit demselben Wort wie dem der Verunreinigung des Heiligtums benannt (Ps 79,1). Wir erkennen darin, wie die Schrift persönliche Unreinheit be- und verurteilt. Sollte Israel selbst ein Heiligtum sein, so mußte vor allem das einzelne Glied heilig sein.
Ein untauglicher Versuch. Sichern, der Sohn Hemors, der sich gegen Dina verfehlt hatte, liebte sie sehr (Vers 3). Um dem traurigen Vorfall ein Ende zu bereiten, wünschte er sie zu heiraten und bat wohl nach der Landessitte seinen Vater, mit dem Vater des jungen Mädchens darüber zu reden (Kap. 24,4; Richter 14,2). Jakob seinerseits will erst mit der eigenen Familie Rücksprache nehmen, denn die Brüder hatten offenbar ein Mitspracherecht (Kap. 24,50). Gleichzeitig anerkennt Hemor seines Sohnes Schuld und will, soweit als möglich, gutmachen, was verdorben wurde (Vers 11.12). Hemors Vorschlag war in den Augen der Söhne Jakobs unannehmbar. Sie forderten von Sichern und dem ganzen Stamme die Beschneidung, weil die Töchter aus ihrem Hause nur mit solchen eine Heirat eingehen könnten. Das entsprach auch durchaus dem Worte Gottes und war bis dahin in der Familie verwirklicht worden.
Unwürdige Vorwände. (Vers 14 -16). Die Brüder der Dina legten Hemor klar, daß nur auf Grund der Beschneidung Hemors und seiner Männer ihre Schwester seinem Sohne zum Weibe gegeben werden könne und sich die Kinder Jakobs und die Kinder Hemors nur unter dieser Bedingung in Zukunft untereinander heiraten könnten. Sie werden Hemor dieses heilige göttliche Bundeszeichen nach Kap. 17 dahin erklärt haben, daß dies ein Bund mit Gott bedeute. Das alles war gut und recht gewesen, wenn ihr Herz nur wahr und aufrichtig gewesen wäre. Wir wissen, daß die Beschneidung das Eintreten in den Bund Gottes, das Ablegen des sündlichen Fleisches bedeutete, was aber praktisch in Jakobs Familie nicht geschah. Beschneidung ohne Hingabe und ohne Glauben an den Bundesgott ist ein Unding. Wir müssen hier leider feststellen, daß der Vorschlag der Söhne Jakobs nur ein Vorwand war, um ihre Rachelust zu befriedigen.
Einverstanden. Vers 18-24. Sichems Liebe zu Dina muß sehr groß gewesen sein, um diese harten Heiratsbedingungen anzunehmen. Da die Beschneidung eine religiöse Handlung ist, ist dies um so ergreifender, als es gleichzeitig ein Aufgeben ihrer eigenen Religion bedeutete, und wir wissen, daß damals die Völker nicht so schnell ihre Religion aufgaben (Jer 2,10.11). Hemor und Sichern gingen zu ihrem Stamme und erörterten mit den Männern das Ergebnis ihrer Unterhandlung, aber auch die ihnen dadurch erwachsenen wirtschaftlichen Vorteile (Vers 23) und empfahlen ihnen, die Bedingung anzunehmen. Jakob war ja sehr reich. So würden sie durch Heiraten an dessen Reichtum teilhaben. Soviel sollte der durch die Beschneidung zu ertragende Schmerz wohl wert sein. Die Hewiter aber gerieten in eine ungeahnte, schlimme Falle. In mancher Hinsicht waren die heidnischen Hewiter weit besser als die Söhne des frommen Jakob. Diese aber handelten letzten Endes doch auch wie ihr Vater aus List und Tücke.
Eine treulose Tat. Hemor und sein Volk hatten die schmerzhaften Heiratsbedingungen erfüllt und befanden sich nun in bester Stimmung. Indessen waren sie durch die eben vollzogene Beschneidung wund und hatten Fieber. Als die Entzündung am dritten Tage recht schmerzhaft war und alle völlig kampfunfähig darniederlagen, erlebten sie einen schrecklichen, grausamen überfall. Simon und Levi, die Brüder der Dina, überfielen die Stadt mit dem Schwerte und töteten alles, was männlich war, und die andern Brüder vollendeten das angefangene grausame Werk durch Rauben. und Plündern (Vers 25-29). Männer, die so handeln können, sind fern von jeder Gottesfurcht und göttlicher Erziehung. Wenn wir dabei bedenken, daß dies in der von Gott auserwählten Familie geschah, so wiegt dabei diese Sünde doppelt schwer.
Jakob in Angst und Not. Obwohl Jakob die Verheißung hatte, daß Gott mit ihm sein werde, so war seine Furcht jetzt durchaus zu zeugen. Jakob war leider bisher nie anders als durch Nöte dazu bewegt worden, Gottes Weisungen zu entsprechen. Sein Weg nach Paddan-Aram war eine Flucht gewesen, sein Wegzug von dort ebenfalls, und ähnlich verhielt es sich, als er nun Sichern verließ. Das gottlose Treiben seiner Söhne, ihre List und Rohtat hatten der ganzen Familie eine gefährliche Abneigung bei der Bevölkerung eingebracht, so daß Jakob mit Recht mit einem Gegenangriff der Kanaaniter zu rechnen hatte. Aber fragen wir uns noch einmal: Warum war Jakob überhaupt nach Sichern und nicht nach Bethel gegangen? Materielle Vorteile fesselten Jakob. Und heute noch vergessen viele Gotteskinder darüber ihre himmlische Berufung (Eph 1,3 ff; 2,10). Allen Irrwegen der Menschen zum Trotz kommt Gott in Seiner Gnade dennoch zu Seinem Ziele. Der Dichter sagt mit Recht: „Weg hat Er allerwegen, an Mitteln fehlts Dir nicht.“
Der erneute Befehl „Ziehe hinauf nach Bethel!" Wir müssen nur staunen, wenn wir in das Herz unseres Gottes blicken. Trotz der schweren Sünden, die sich im Hause Jakobs aufs neue ereigneten, hören wir kein Wort der Zurechtweisung, wohl aber eine neue Einladung nach Bethel. „Kehre zurück nach Bethel!“ Diesen Gnadenruf hörten Jakobs Nachkommen in späteren Jahrhunderten durch den Propheten: „Kehre um!“ (Joel 2,12.13). Und ein anderer Prophet muß klagen: „Vergeblich rufe ich den ganzen Tag.“ Jakob nahm nun endlich den göttlichen Ruf ernst. Nahezu dreißig Jahre zuvor war Gott Seinem Knechte zum ersten Male erschienen und hatte ihn mit Verheißungen geradezu überschüttet, so daß Jakob selbst staunte über den Reichtum der göttlichen Gnade und Gott ein Gelübde tat (Kap. 28). Zugleich hatte Gott Jakob Großes anvertraut, und nun erwartete Er mit vollem Recht Frucht, denn Jakob hatte Gott Treue gelobt und den Zehnten versprochen. Wohl konnte Gott zu Jakob sagen: „Ich habe getan, was Ich zu dir geredet habe.“ Gemeint war das, was Gott ihm von der Leiter herab zugesichert hatte (Kap. 28,15). Jakob aber scheint alles das vergessen zu haben. Wer aber Gott etwas gelobt, darf nicht mit der Erfüllung zurückhalten (Pred 5,4). Sicherlich wird mancher Leser an seine eigenen Irrwege, an sein Versagen denken müssen. Doch höre: unser Gott ist und bleibt in Seiner Treue Derselbe. Alles, was Er auch dir sagt, lautet: „Kehre zurück, zurück zur ersten Liebe!“ Der Herr, der uns so liebt und uns so teuer erkauft hat, wünscht, Sein mit dem größten Opfer erworbenes Eigentum bei sich zu haben. Fern von Ihm werden unsere Kleider nur befleckt und unsere Herzen mit Götzendienst beschwert. Kehre zurück und lege ab die dich so leicht umstrickende Sünde (Heb 12,2). Gott gab Jakob zwei Befehle.
Jakob soll in Bethel wohnen, ferner soll er dort dem Herrn einen Altar bauen, das Gott längst versprochene Haus.
Ganzer Gehorsam. Endlich ging Jakob auf Gottes erneuten Ruf ein und traf sogleich Vorbereitungen zur Weiterreise. Dazu gehörte, daß Jakob der Familie allerlei Befehle erteilte. „Tut die fremden Götter von euch!" Wir sind verwundert, daß im Hause Jakobs überhaupt noch Götter zu finden waren. Hätten wir nicht wenigstens erwarten dürfen, daß Jakob diese spätestens nach dem Erlebnis von Pniel beseitigt hätte? Woher kamen diese Götter? Rahel hatte sie ihrem Vater gestohlen (Kap. 31,32). Warum duldete Jakob so etwas? Es erging ihm, wie es noch oft geschieht, daß wir gegenüber denen, die wir lieben, wie Jakob die Rahel liebte, das Unrecht nicht entschieden genug verurteilen und bestrafen. Schlimm sind oft die Folgen falscher und verweichlichter Liebe. Anfangs hatte wohl nur Rahel Götter in ihrem Besitz. Nun aber muß Jakob alle ermahnen, die Götter zu beseitigen. „Ein wenig Sauerteig versauert den ganzen Teig“ (l. Kor. 5,6). Es werden Ohrringe genannt, die wohl als eine Art Glücksbringer oder Talismane dienen sollten wie etwa heute vielen Abergläubischen das Hufeisen und andere törichte Dinge. Jakobs Familie räumte gründlich auf, sie gab die Götter und Amulette heraus. Es gilt also, sich nicht nur von den Götzen, sondern auch von andern Dingen zu lösen, die uns zur Sünde gereichen. „Die kleinen Füchse verderben den Weinberg“ (Hohelied 2,15), und diese müssen gefangen werden. In Jakobs Haus handelte man endlich nach Hosea 14,9: „Was habe ich fortan mit den Götzen zu schaffen?“
Ferner befiehlt Jakob: „Reiniget euch!“ (Vers 2). Das war bitter nötig, denn in Seiner Familie hatte noch nie eine gründliche Reinigung stattgefunden. Wir haben uns mit den mannigfachen Verunreinigungen bereits befaßt. Und was sagt uns die Schrift: „Laßt uns uns selbst reinigen von jeder Befleckung des Fleisches und des Geistes, indem wir die Heiligkeit vollenden in der Furcht Gottes“ (2Kor 7,1).
Eine dritte Anordnung: „Wechselt eure Kleider!“ Dina hatte ihr Kleid besudelt durch den Umgang mit der Welt. Simeon und Levi hatten sie mit viel Blut, besudelt und Ruben durch Blutschande. Wie müssen die Kleider aller ausgesehen haben, die sich am Morden und Plündern in Sichem beteiligt hatten. In diesem Zustand konnten sie unmöglich nach Bethel, ins Haus Gottes gehen. Nur in reinen Kleidern können wir vor Gott bestehen. Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen“ (Mt 5,8). Vielsagend sind all diese Ausführungen für uns heute. Räume mit allem auf, mit untauglichen, ja schädlichen Romanen, mit zeitraubenden gefährlichen Spielen und Sport, kurz mit allem, was nicht nach Bethel ins Haus Gottes paßt. Laß ruhig den Herrn selbst die Geißel ergreifen und hinaustreiben, was Ihm nicht gefällt (Joh 2,15). Halte Ihm stille!
Eine lehrreiche Handlung Jakobs (Vers 4). „Und sie gaben alle fremden Götter, die in ihrer Hand, und die Ringe, die in ihren Ohren waren, und Jakob vergrub sie.“ Jakob legte sie nicht nur beiseite, sondern er vergrub sie in Sichern, ehe sie abzogen. Die Götzen und Ringe waren gewiß aus edlem Metall hergestellt, doch er schonte nichts. Ähnliche Dinge wurden später Aaron zum Verhängnis, denn aus ihnen machte er das goldene Kalb (2. Mose 32,2 ff). Ein ähnliches Beispiel haben wir ferner bei Gideon, dem solcher Schmuck zum Fallstrick wurde (Richter 8,24 ff). Soll Christus uneingeschränkt in uns wohnen, so ist es nur möglich, wenn wir zuvor die Götter begraben. Wir sind mit Christo gestorben und begraben. Räume mit allem auf, wie die Christen zu Ephesus, dann werden die Segnungen fließen, wie sie dort einst geflossen sind (Apg 19,19).