Das Buch Daniel ist die Krone der alttestamentlichen prophetischen Bücher. Daher ist es auch das beliebteste und meistgelesenste derselben. Sein Verfasser, Daniel, ist eine Persönlichkeit, die unsere ganze Aufmerksamkeit verdient. Er war ein Zeitgenosse des Propheten Hesekiel und kam schon sieben Jahre früher nach Babel als dieser. Nach Vers 3 des ersten Kapitels war er, was seine irdische Abstammung betraf, aus göttlichem Samen. Vers 10 im 10. Kapitel bezeichnet ihn als einen „vielgeliebten Mann Gottes“. Und endlich stellt Hesekiel ihn mit Noah und Hiob auf ein und dieselbe Stufe (Hes 14,14,18,20; 28,3).
Das Buch selbst. Es steigt hinab in die dunkelste und wohl auch schwerste Zeit des Zweistämme-Reiches Juda, und ist voll tiefen Ernstes. Es führt uns nach „Babel“ und zeigt uns ein Volk, an dem sich Gottes längst vorausgesagtes Gericht vollzog und ganz auswirkte, weil das Herz dieses Volkes immerdar den Irrweg suchte. Danach aber führt es uns auch hinaus, bis ans Ende der Tage, und zeigt uns den vom Himmel kommenden Sohn des Menschen einerseits (Kap. 7, 13) und das Erwachen der Heiligen zu ihrem Lose andererseits (Kap. 12, 13). Es zerfällt in zwei große Abschnitte. Der erste umfaßt die Kapitel 1-6 und enthält Geschichte; der zweite die Kapitel 7-12 und enthält Gesichte. Lenker der Geschichte der Völker aber ist „der Gott des Himmels“, der alleinige Machthaber (1Tim 6,15-16). Und er hat sich zu allen Zeiten Seine Werkzeuge aus den Menschen gerufen. So rief er in jenen Tagen Nebukadnezar, der die zwei Stämme in die Gefangenschaft führen mußte, damit sie gezüchtigt würden. Das ist eine ernste Sprache für alle; denn wie es im Großen bei den Völkern geht, so geht es auch im Kleinen beim einzelnen Menschen.
Im dritten Jahre Jojakims. So beginnt das Buch Daniel. Jojakim war der Sohn des frommen Königs Josias, dem der Herr das beste Zeugnis ausstellt und der eine der mächtigsten und eingreifendsten Reformationen durchführte. Nichtsdestoweniger war das Land reif zum Gericht, wegen der Sünde der Väter und besonders derjenigen des Königs Manasse. Ehe Jojakim die über ihn berichteten schrecklichen Sündenwege gehen konnte, mußte er wirklich erst jede göttliche Regung von sich wegstoßen, und das gute Beispiel seines frommen Vaters mit Füßen treten. Und gerade in seinen Tagen begann ein Gericht am Hause Juda, das sich auch auf die Könige Jojakim und Zedekia erstreckte (2Kön 24). Der Anfang dieses von Gott herbeigeführten Gerichtes war verhältnismäßig milde. Nebukadnezar, der Vollstrecker des Gerichtes, machte Jojakim zu seinem Vasallen und ließ nur einige Gefäße aus dem „Hause des Herrn“ in Jerusalem in das Haus „seines“ Gottes hinab nach Babel, in das Land Sinear, bringen. Doch Jojakim empörte sich). Er erachtete den Krieg zwischen Ägypten und Babylon als günstige Gelegenheit, das Joch unter Nebukadnezar abzuschütteln. Ägypten und Babel rangen beide um die Weltherrschaft. Nebukadnezar aber siegte am Euphrat über Pharao Necho, und so ging die Weltherrschaft an Babel über. Nach dem Siege Nebukadnezars über Ägypten zog er gegen Jerusalem und Juda und überwand sie. Die Schätze des Hauses Gottes und des Königs brachte er restlos nach Babel. Hier ging, nebenbei gesagt, eine Weisjagung, die 107 labre früher an König Hiskia ergangen war, in Erfüllung. In selbstgefälliger Weise hatte Hiskia den Fürsten Babels alle seine Schätze und die des Tempels gezeigt (Jer 39,6-7). Daraufhin sandte Gott den Propheten Jesaja zu Hiskia mit der Botschaft, daß diese seine Schätze, die er jenen Fürsten von Babel zeigte, dereinst nach Babel geschleppt werden sollen. Und nun, etwa 100 Jahre später, erfüllte sich diese Weissagung Jesajas.
Jojakim war ein sehr gottloser Herrscher und tat was böse war in den Augen des Herrn. Die Fürsten des Landes folgten seinem schlechten Beispiel. Hohe und Niedrige, Priester und Propheten lebten in den schrecklichsten Sünden. Jojakim verfolgte sogar die Propheten, wie z.B. Jeremia (Jer 26,10 - 11,20-23). Die Schrift, die Jeremia im Auftrage Gottes schrieb, zerschnitt und verbrannte der König; doch damit konnte er das in derselben gegen ihn Geweissagte nicht vernichten. Im Gegenteil! Er beschleunigte nur das Gericht.
Die Wegführung Judas nach Babylon vollzog sich in drei Etappen und begann im Jahre 606 v. Chr. Damals ist wohl auch Daniel selbst deportiert worden. Die zweite Wegführung geschah im Jahre 598, durch welche Hesekiel in Gefangenschaft geriet. Und er erst im Jahre 587, in den Tagen Zedekias, vollzog sich die dritte und letzte Etappe der Wegführung, und zwar mit äußerster Härte. Nebukadnezar ließ die Söhne Zedekias vor seinen Augen schlachten und hernach die Augen Zedekias blenden und ihn nach Babel bringen (2Kön 25,1-8).
Beachtenswert ist, daß bei der ersten Wegführung nur ein Teil der Gefäße des Hauses Gottes weggenommen wurde. Der Herr ließ nicht zu, daß das Gericht gleich am Anfang gänzlich ausgeführt wurde sondern erwies aufs neue Seine Langmut, um, wenn möglich, Seinem Volke Gelegenheit zur Umkehr zu geben. Wir haben einen ähnlichen Fall aus den Tagen Noahs, da Gott nach Ablauf der Frist von 120 Jahren noch sieben Zage hinzu gab (1. Mose 7,4; Jer 27,18). Und derselbe Gott handelt noch heute in großer Langmut gegen eine gottlose Welt und schiebt Seine Gerichte hinaus (2Pet 3,9).
Die folgen der Unbußfertigkeit und des göttlichen Gerichtes. Wohl rühmt sich die Barmherzigkeit wider das Gericht; das dürfen wir auf Schritt und Tritt beobachten. Wer aber die Gnade verachtet, das Blut Christi, das einzigste Rettungsmittel, mit Füßen tritt, die göttlichen Warnungen verwirft, für den bleibt nur noch der schreckliche Feuereifer Gottes übrig.
Wie trostlos es um Land, Leute und Tempel stand, lehrten uns die Klagelieder Jeremias. Das vereinsamte Land, die niedergerissenen Mauern, der verbrannte Tempel, redeten eine ernste Sprache. Ja „schrecklich ist es, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen“, der ein verzehrendes Feuer ist. Aber weit schlimmer wird es am Ende dieses Zeitalters den Nationen ergehen, wenn die Menschen verschmachten und zu den Bergen und Felsen beten werden: „Verberget uns vor dem Angesichte Dessen, der auf dem Throne sitzt und vor dem Zorn des Lammes“ (Off 6,16). Schon jetzt erscheint es uns, als sähen wir das helle Morgenrot des Tages des Herrn anbrechen, wenn wir die Not Israels und das Toben der Völker betrachten; aber was wird es erst sein, wenn dereinst die Zornschalen über das Reich des Tieres wirklich ausgegossen werden! Doch, ehe dieser furchtbare Tag des Herrn hereinbricht, wird der Herr Seine Gemeinde in Sicherheit, d. h. ins Vaterhaus bringen. So wie damals Lot v o r dem Gericht über Sodom, und eine Rahab vor dem Untergang Jerichos, gerettet wurden, so wird der Herr auch Seine Gemeinde v o r dem furchtbaren Tag der Heimsuchung herausretten. Und so wie sich trotz des gräßlichen Sündenlebens in den letzten Tagen Judas das Volk seines Tempels rühmte und auf ihn vertraute, so brüstet sich eine verkommene Christenheit unserer Tage mit der Form der Gottseligkeit; die Kraft selbst aber verleugnet sie. Und so gewiß, wie Juda nicht auf diesem Wege einer falschen Frömmigkeit gerettet werden konnte, sondern in ein hartes Gericht kam, so wird es unserm Geschlecht am Ende des Zeitalters ergehen.