Schriften von Georg R. Brinke
1Mo 22 - Die schwerste Glaubensprobe im Leben Abrahams1Mo 22 - Die schwerste Glaubensprobe im Leben Abrahams
Das überaus bedeutsame Kapitel 22 des ersten Buches Mose wollen wir in zwei Abhandlungen betrachten. Das eine Mal soll hauptsächlich Abraham im Blickfeld unserer Betrachtung stehen, das zweite Mal Isaak, und zwar sowohl als Mensch für sich als auch als Vorschatten unseres Herrn Jesu Christi.
Wenn ein junger Mann ins Berufsleben eintritt, so bedarf es einer gewissen Vorbildung. Je höher die Stellung ist, die er sich als Ziel gesteckt hat, desto höher sind die Ansprüche, die an seine Fähigkeiten gestellt werden und durch entsprechende Prüfungen nachgewiesen werden müssen. Daß Gott mit Abraham sehr hohe und weitreichende Pläne hatte, ist uns aus den bisherigen Betrachtungen bekannt. Die Opferung Isaaks stellt ohne allen Zweifel den Höhepunkt, das Schlußexamen, im Leben Abrahams dar. Groß sind die Fortschritte, die er seit seinem Auszug aus Ur gemacht hat. Sein Pfad führte durch steile Windungen und viele heiße Kämpfe, aber auch zu zahlreichen Siegen. So war er reif geworden für das Schwerste, das nun vor ihm lag.
Eine harte Forderung. Gott sprach zu Abraham: ,Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du lieb hast, den Isaak, und ziehe hin in das Land Morija und opfere ihn daselbst zum Brandopfer.“ Hier wurde Abraham einer Glaubensprüfung unterworfen von einer Härte und Bedeutung, wie sie von keinem zweiten Menschen in der Schrift berichtet wird. Gewiß opferten zu allen Zeiten heidnische Völker und gelegentlich selbst Israeliten Kinder dem Moloch. Welches Herzeleid das für Eltern bedeutete, ist kaum zu beschreiben, aber sie brachten die Opfer, um Frieden und Ruhe zu bekommen. Aller Besitz Abrahams war in seinen Augen nichts im Vergleich zu Isaak. Abraham brachte das Opfer, ohne Einwände zu machen. Er zweifelte weder an Gottes Weisheit noch an Seiner Liebe und Freundschaft und bezeugte mit diesem Opfer, daß ihm der Wille Gottes über alles ging; daß sein Glaubensauge nicht auf Isaak, sondern auf seinem Gott ruhte.
Der Zeitpunkt der Prüfung (V.1). „Nach diesen Dingen.“ Nach Zeiten vorangegangener reicher Segnungen. Ismael hatte das Haus Isaaks wegen verlassen müssen, und Abraham und Sara werden alle Sorgfalt an die Erziehung Isaaks gewandt haben. Und nun tritt Gott, da anscheinend alles seinen guten Lauf geht und nichts mehr die verheißungsreiche Zukunft stören kann, mit dieser geradezu unerhörten Forderung an Abraham heran. Sein Glaube war geläutert wie Gold und glänzte zu Gottes Ehre. So konnte Abraham mit seinem „Hier bin ich“ sein Liebstes hergeben.
Die Größe dieser Forderung. „Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du lieb hast.“Hätte Gott von Seinem Freunde dessen ganzen Besitz gefordert, und dieser war so groß, daß selbst ein König um seine Freundschaft warb (Kap. 21,22 ff.), so wäre dieses Opfer ein Kinderspiel gewesen. Nur wenn wir uns in aller Stille in Abrahams schönes Familienleben versenken, erkennen wir das Gewicht der göttlichen Forderung. Isaak war der vielgeliebte Sohn, der verheißene Erbe, die Hoffnung des ganzen Hauses bis in die fernste Zukunft. Für Abraham war Isaak das Liebste auf Erden, aber unendlich lieber war ihm doch sein Gott, und Ihm konnte er nichts vorenthalten. So hätte Gott den Lot nie prüfen können. Könnte Er dich und mich in ähnlicher Weise prüfen, und z. B. von uns fordern, eine liebgewordene Verbindung zu lösen?
Die sofortige Bereitschaft Abrahams. Er machte sich früh auf. Er bespricht sich nicht mit Fleisch und Blut (Gal 1,16), redet also nicht einmal mit Sara, er will sich nicht wankend machen lassen. Er zieht auch nicht seinen treuen Knecht Elieser zu Rate; das alles war ja auch nicht nötig, denn der Wille Gottes war klar, und den galt es sofort zu erfüllen. Wie manches Elternpaar hat ein zum Tode erkranktes Kind im Gebet Gott abgerungen, es konnte nicht sagen: „Nicht mein, sondern Dein Wille geschehe“(Lk 22,43). Wie hat sich dieses Versagen oft späterhin schwer gerächt!
Ein schwerer Weg. Abraham legte in seinem langen Leben viele schwere Wege zurück, aber keinen, der so steil war wie der nach Morija. Schweigend wie hinter dem Sarg eines lieben Mitmenschen zog er mit Isaak und den Knechten dem Ziele zu. Mag nicht Isaak und den Knechten der Ernst, die Stille Abrahams aufgefallen sein? Kurz vor dem Ziel läßt er die Knechte zurück, sie sollen ihm kein Hindernis in seinem Vorhaben werden.
Abraham beweist einen wirklich köstlichen Glauben. Er sagt zu den Knechten, daß er und Isaak hingingen, um zu opfern, und daß sie bald zurückkehren würden. Welch köstlicher Glaube. Abraham rechnet mit Gott, der Tote aufzuerwecken vermag, obwohl bis dahin noch nie ein Mensch aus den Toten auferstanden war (Heb 11,19). Erinnert uns das nicht an den Glauben unseres Herrn, der zu den Jüngern sagte, daß Er am dritten Tage auferstehen werde?
Morija. Morija heißt: Vision Gottes, und hier hatte Abraham seine größte Vision. Schwer war sein Herz bei der Ankunft auf dem Gipfel. Hier sollte er sein größtes Opfer bringen, und zwar an einer Stelle, die später die geweihteste aller Zeiten werden sollte, denn an dieser Stelle baute Salomo den Tempel.
Das große Opfer. Abraham hatte bis dahin viele Altäre gebaut und manches Lamm geopfert, aber diesmal sollte der Sohn seines Herzens das Opfer sein. Bereits drei Tage zuvor hatte Abraham das Opfer in seinem Herzen Gott dargebracht, und nun kam der schmerzliche Augenblick, da er Isaak mit eigener Hand schlachten würde. Daß Gott sich ein Schaf ersehen werde, schien sich nicht erfüllen zu wollen. Es blieb also nur eine Hoffnung für Abraham übrig: die Auferstehung Isaaks. Abraham wußte, daß, wie ihm Gott das erste Mal den Isaak aus einem erstorbenen Leibe geschenkt hatte, Er diesmal vermochte, ihn auch aus den Toten wiederzugeben.
Der Altar ist errichtet, nun bindet Abraham Isaak, legt ihn auf das Holz, dessen Flammen nachher seinen toten Leib vollends vernichten sollen, greift nach seinem Messer und ‑ ‑ ‑. Als Abraham das Messer zog, war, von Gott aus gesehen, das Opfer schon gebracht. Damit war sein Glaubensgehorsam zur Tat vollendet, der selbst Gott in Staunen versetzte. Nun weiß ich, sagt Gott beglückt über dieses unerhört große Opfer, daß du Gott fürchtest. Echter Glaube hat stets den Herrn erfreut, in Verwunderung versetzt. Ebenso schmerzte Ihn der Unglaube Israels (Lies Mt 8,10; Mk 6,6; Lk 7,9).
Der große Sieg. Stürmische Tage haben meistens einen ruhigen und sonnigen Abend. So war es hier. Da kam Gottes Eingreifen sozusagen in letzter Sekunde! Gott bedient sich eines Engels, der Abraham zweimal bei seinem Namen ruft, so daß Abraham innehält und antwortet: „Hier bin ich." Abraham hat die Glaubensprobe glänzend bestanden. Innerlich hatte er sich von seinem heißgeliebten Sohn ‑ „den du lieb hast“gelöst und sich widerspruchslos in Gottes Willen ergeben. Nie ist Gleiches von Menschen gefordert worden. Abrahams Sieg war ein vielfacher. Er überwand sein eigenes Vaterherz und war bereit, als religiöser Fanatiker zu gelten, ja als Kindesmörder. Er war auch bereit, von seinem geliebten Weibe mißverstanden zu werden. In dem allem überwand er weit. Nun war der furchtbare Kampf ausgekämpft, der zu seinem ruhmreichsten Siege führte und ihm die Krone verlieh.
Gott öffnet Abraham die Augen, die Er ihm bislang wohl gehalten hatte, und er sieht hinter sich einen Widder. Das ist der Widder, den nach Vers 8 Gott sich zum Brandopfer ersehen hat. Dieser Widder wird nun geopfert zur Ehre Gottes. jetzt empfängt Abraham aus Engels Mund eine neue Botschaft, welche die früheren Verheißungen bestätigt und noch erweitert mit der Begründung „darum, daß du Meiner Stimme gehorcht hast`.
Seien wir uns klar darüber, daß Gott nicht immer einen solch gnädigen Ausweg aus der Prüfung schafft. So manches Mal muß der gläubige Christ die ganze Schwere der Prüfung bis zum letzten Ende durchkosten, aber dann gilt die Verheißung: „Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet, denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, welche Gott verheißen hat denen, die Ihn lieb haben“ Jak 1,2).
Der große Lohn. Fassen wir kurz zusammen, welch großen Lohn Gott Abraham zugesagt hat dafür, daß „du solches getan hast und hast deines einzigen Sohnes nicht verschonet“(Vs. 16). Es ist eine siebenfache Belohnung:
1. Die Prüfung wurde abgeschlossen, bevor die befohlene Opferung blutiger Ernst wurde. Abraham konnte seinen geliebten Sohn als wiedergeschenkt in seine Arme schließen.
2 Gott spricht Abraham Seine ausdrückliche Anerkennung aus: „Weil du Mir nichts vorenthalten hast . . .“
3. Der Name des Herrn wurde Abraham größer und wunderbarer als je zuvor: „So jemand will des Willen tun, der wird inne werden . . .“ (Joh 7,17). Abraham wurde inne, daß Gott in felsenfester Treue zu Seiner Verheißung steht.
4. Gott bestätigt Abraham erneut Seine Verheißung und bekräftigt dies mit einem Schwur „bei Mir selbst“. Dieser Schwur kommt aber in der Schrift nur selten vor (Jes 45,23; 49,13; Heb 6,13.14).
5. Abraham erhielt eine neue Verheißung bezüglich seiner Nachkommen (V. 17). Dabei ist auf seinen irdischen und auf seinen himmlischen Samen hingewiesen im Bild von Sand und Sternen.
6. Abraham soll über alle Feinde triumphieren (V. 17).
7. Schließlich kommt die Zusage, die sich erst im Millennium erfüllen wird, daß durch seinen Samen alle Völker auf Erden gesegnet werden sollen (V.18). Wahrlich, ein großer Gott handelt mit den Seinen, wenn sie sich in der Prüfung bewährt haben, in wunderbarer Weise.