Der unmittelbare Gesamteindruck des biblisdien Berichts.
Der Haupteinwand, den man gegen diese Erklärungsweise erhoben hat, ist der, daß von dem Auftreten einer dämonischen Gegenmacht und den damit für die Naturwelt verbundenen Folgen im Schöpfungsbericht selber doch gar nichts zu erkennen sei. Vielmehr mache er auf jeden unbefangenen Leser durchaus den Eindruck, daß er ganz einfach den geradlinigen Entwicklungsgang des Schöpfungswerkes und nichts anderes berichten wolle. Daß die von Gott geschaffene Erde wüste und leer »wurde«, sagt er nicht, sondern nur, daß sie, in ihrem Anfangszustand wüste und leer, d. h. formlos und inhaltlos, »war«, als das Sechstagewerk mit der Lichtschöpfung einsetzte.
Die Kürze der Berichterstattung
Weiterhin bringt auch schon die Verteilung der Ausführlichkeit beziehungsweise Kürze der Berichterstattung hier nicht wenige Bibelleser ernstlich ins Fragen. Denn ist es nicht höchst unwahrscheinlich, so sagt man, daß eine ursprüngliche Schöpfung, die als Hauptgrundlage aller Kreatur und als eine Welt wunderbarster Schönheit ins Dasein gerufen worden war, nur mit einem einzigen, noch dazu sehr kurzen Satz genannt und dann aus der Berichterstattung entlassen wird (nur Vers 1), wohingegen dann so viele - nämlich 3 z - Verse einem Werk gewidmet sein würden, das nur eine Wiederherstellung dieser ursprünglichen Schöpfung, also durchaus nicht die eigentliche Hauptsache gewesen wäre (Kap. 1, bis Kap. 2,3)?
Das Schweigen der Bibel über die Urkatastrophe
Ein Bedenken entsteht für viele Schriftausleger auch durch das Schweigen der Bibel über eine solche Urkatastrophe und lange Zwischenzeit zwischen Vers 1 und Vers 2 des biblischen Berichts. Zwar hat man sie auf das Gesetz der »prophetischen Perspektive« hingewiesen, demzufolge verschiedentlich in der Weissagung zwei weitauseinanderliegende Ereignisse, wie zwei Gipfel im Gebirge, zusammengeschaut werden, ohne die lange Zwischenzeit - gleichsam das »Tal« zwischen diesen Bergen - zu erwähnen, z. B. das erste und das zweite Kommen Jesu ohne die lange, nun schon Jahrhunderte währende Zeit der Gemeinde. So seien auch hier die ursprüngliche Erschaffung der Erde und ihre spätere Wiederherstellung zusammengeschaut, ohne Nennung der langen, geologischen Zwischenperiode. Die Frage aber ist, ob man diese beiden Gesichtspunkte in diesem Sinne überhaupt parallelisieren kann. Denn während, nach zahlreichen neutestamentlichen Weissagungen, ein zweites Kommen Jesu eindeutig bezeugt wird, ist eine »Wiederherstellung« der Erde nach ursprünglicher Zerstörung an keiner einzigen Stelle der Heiligen Schrift zweifelsfrei ausgesagt. Ist nicht darum dieser ganze Vergleich durchaus unzureichend begründet? Müßte man nicht aus anderen Schriftworten zuerst überhaupt zuverlässig wissen, ob es einen solchen zweiten »Gipfel« auch hier gibt, bevor man von einer Zwischenperiode reden und das Gesetz der prophetischen Perspektive hier anwenden könne?
Weitere Fragen zu "tohu" und "bohu"
Die folgende Frage ergibt sich aus der allgemeinen Hauptbedeutung der hebräischen Wörter tohu und bohu. Die Bezweifler der Restitutionsauffassung weisen darauf hin, daß diese Wörter zwar tatsächlich gelegentlich eine passivische Bedeutung im Sinn von »Verwüstung, Ausleerung« haben können, daß ihre eigentliche Hauptbedeutung an den allerm isten Stellen aber einfach »Formlosigkeit«, »Öde« und »Leerheit« ist, z. B. Hiob 26,7: »Gott spannt den Norden der Erde aus über der Leere (d. h. dem leeren Raum: tohu)«. Jesaja 59,4: »Man verläßt sich auf Trug und vertraut auf Nichtigkeit (Leerheit: tohu)«. Jesaja 40,17: »Alle Nationen werden vor ihm (Gott) geachtet wie Nichtigkeit (tohu).«
Ist es aber nicht, so fragt man, gewagt, eine so wichtige Schriftauffassung mit einer ausnahmsweisen, seltenen Anwendung von Wörtern zu begründen, deren regelmässiger Sprachgebrauch doch ein ganz anderer ist? Ist es darum nicht wohl ratsamer, die Wörter tohu und bohu in ihrem allgemein üblichen Sinne von »Formlosigkeit«, »Leerheit« aufzufassen, d. h. als einfache Schilderung der mit dem Schöpfungsanfang zusammenfallenden Urgestalt der Erde, als Charakterisierung des Nochnichtgeformtseins der zunächst noch »gehaltlosen und gestaltlosen« Masse vor Einsetzung der göttlichen Schöpferimpulse? Wäre es folglich nicht naheliegend, in Vers i die Erschaffung der Weltstoffe zu erblicken und in dem Werk der sechs Tage ihre Ausgestaltung, unter Leitung des göttlichen Schöpferwillens, zu einem irdischen Kosmos, in dem dann der Mensch schließlich auftreten und seine Aufgabe erfüllen konnte?
Dr. B. Ramm sagt: «Ein Marmorblock und eine zerschmetterte Statue sind beide formlos. Der erstere ist in einem Zustand, der noch einer Formung harrt, damit aus dieser Formlosigkeit das Bild der Gestalt hervortrete. Als Gott die Erde schuf, machte Er sie wie einen Marmorblock, aus dem Er die schöne Welt entstehen ließ«. Der Anfangszustand war zunächst die (von Ihm geschaffene) unentwickelte materielle Unterlage, die alle Fähigkeiten und Möglichkeiten für Licht und Leben in sich trug. Oder, wie Prof. Lange es ausdrückt:
»Das erste W ort (tohu) bezeichnet das Fehlen der Form, das zweite Wort (bohu) das Fehlen des Inhalts. Die Erde war zunächst unvollendet in der Ordnung und »leer« an Leben.«
Weiteres zu "hajetha"
Eine gleichartige Frage stellen die Vertreter der Periodenauffassung im Hinblick auf das hebräische Wort »hajetha « in 1Mo 1,2. Es sei zwar richtig, daß dies Wort wohl gelegentlich die Bedeutung »wurde« haben könne, also gleichsam: »Die Erde >wurde< wüste und leer. Dies geschieht aber nur in seltenen Ausnahmefällen.208 Seine eigentliche Bedeutung ist jedoch ganz einfach »war«. »Die Erde >war< wüste und leer«. Und es sei wenig überzeugend, wenn ein seltener Sprachgebrauch eines Wortes zur Begründung einer sonst in der Bibel nirgends klar bezeugten Lehre von so weit tragender Bedeutung herangezogen wird, wohingegen dasselbe Wort an Tausenden von Stellen der Heiligen Schrift die andere Bedeutung von einfach »war« hat. Ausnahmen sind eben niemals maßgebend für die Regeln.
Der Sprachgebrauch der hebräischen Wörter "bara" (schaffen) und "asah" (machen).
Zu der strengen Unterscheidung zwischen »schaffen« und »machen«, wie sie die Restitutionstheorie vollzieht, bemerkt die Periodenauffassung:
Das Wort bara »schaffen« bezieht sich zwar stets auf ein göttliches Handeln; aber dies ist nicht immer ein sofortiges, fertiges Hervorbringen aus Nichts, sondern nicht selten ein gottbewirktes Hervorbringen auf dem Wege eines geschichtlichen Werdegangs. Also sehr ähnlich wie asah »machen«.
So hat Gott das Volk Israel »geschaffen« (Jes 43,1.15), was auf dem Werdegang der Geschichte vollzogen wurde (vor und nach Abraham und den Patriarchen bis zur Gesetzgebung am Sinai). Ebenso ist das Volk der Ammoniter in ihrem Lande (!) »geschaffen« worden (Hes 21,35). So hat Gott den Einzelisraehten »geschaffen«, was ebenfalls nicht eine Sofort-Schöpfung aus Nichts war, sondern ein Hervorbringen auf dem Wege der Geschichte (seit Adam über Noah und Abraham bis zur Geburt des betreffenden: Jes 43,7; Mal 2,10), desgleichen den Einzelmenschen allgemein (Jes 54,16; Pred 12,1). Andererseits kann das Wort »machen« (asah), das eine allgemeinere Bedeutung hat (vgl. S. 223 Anm.), auch auf die göttliche Weltschöpfungshandlung angewandt werden, also in ähnlichem Sinne wie bara »schaffen«. So hat Gott Himmel und Erde »gemacht« (1Mo 2,2; 2Mo 20,11). So hat Er Sonne und Mond »gemacht« (1Mo 1,16). So hat Er die Tiere »gemacht« (1Mo 3,1). So hat Er den Menschen »gemacht« (1Mo 1,26; 6,6). So hat das von diesem Zeitwort asah abgeleitete Hauptwort oseh geradezu die Bedeutung »Schöpfer« (Hiob 35,10; 4,17; Jes 17,7; 27,11).
In ein und demselben Satz 1Mo 5,1 werden beide Wörter
»schaffen« und »machen« einfach nebeneinander für die gleiche Handlung der Menschenschöpfung gebraucht: »An dem Tage, da Gott Adam »schuf<, »machte« er ihn im Gleichnis Gottes.« Ebenso in 1Mo 1,26.27: »Lasset uns Menschen »machen« . . . Da »schuf« Gott den Menschen.«
Der Sprachgebrauch dieser beiden Zeitwörter ist also - übrigens wie ebenso im Deutschen - nicht so streng geschieden, wie die Restitutionsauffassung voraussetzt. Dies kann jedes hebräische Wörterbuch zeigen, z. B. Prof. Gesenius-Buhl, Hebräisch-Aramäisches Wörterbuch, Leipzig 1915, S. 113. 622. Daher darf dieser Unterschied auch nicht überbetont werden. Die Restitutionsauffassung zieht aber aus einer so schmalen Basis gar zu weitreichende Folgerungen.
Auch passe das Wort »bilden«, »formen« durchaus in die Perioden-auffassung hinein. Denn gerade sie spricht, nach der »Erschaffung« der Grundstoffe von Himmel und Erde (Vers r), von einer »Weitergestaltung« und »Weiterbildung« im Schöpfungswerk.
Das Argument der Restitutionsauffassung aus dem Unterschied
dieser beiden Wörter sei also weder eindeutig noch klar und keineswegs ein spezieller Beweis für die Restitutionstheorie.
Jesaja 45,18
Auch der Hinweis auf das Prophetenwort Jesaja 45,18 gilt den Vertretern der Periodenauffassung als nicht stichhaltig: »So spricht der Herr, der die Himmel geschaffen hat, . . . der die Erde gebildet h a t . . . Nicht zu einer Öde (tohu) hat er sie geschaffen. Um bewohnt zu werden, hat er sie gebildet.« Denn ganz offensichtlich rede, so betont man, diese Stelle nicht vom Anfangszustand, sondern vom Ziel der Erdschöpfung. Dies beweise der unmittelbare Zusammenhang, nämlich der parallel gegenübergestellte Satz: »Nein, um bewohnt zu werden, hat er sie gebildet.« Dies »um - zu« weise aber auf das Ziel hin. Es dürfe darum nicht übersetzt werden: »Nicht als eine Öde (als ein tohu) hat er sie geschaffen« (vergl. Elb. Bibel), sondern:
»Nicht zu einer Einöde (zu einem tohu) hat er sie geschaffen« (vergl. Menge Bibel). Oder, wie Luther richtig übersetzt: »Er hat sie nicht gemacht, daß sie leer soll sein, sondern er hat sie bereitet, daß man darauf wohnen soll.«
Daß dabei das Anfangsstadium eine Formlosigkeit und Gestaltlosigkeit - ein tohu und bohu in aktivem Sinne - gewesen sei, sei damit in keiner Weise verneint, sondern liege im Begriff eines Schöpfungswerdeganges begründet, der vom Geringeren zum Höheren voranschreitet. Das Argument der Restitutionstheorie aus dieser Jesaja-Stelle gehe darum an dem eigentlichen Zusammenhang dieses Prophetenwortes vorbei.
Weiteres
Ferner hat man hervorgehoben: Selbst wenn die geologischen Schichten zwischen Vers 1 und 2 des mosaischen Berichts eingeschaltet werden könnten - wozu es jedoch keine einzige, weder naturgeschichtliche noch biblische stichhaltige Begründung gäbe - , so sei doch keine einzige Stelle in der ganzen Bibel vorhanden, die eine Verknüpfung des Falles Satans mit diesem vermuteten Zwischenraum zwischen den beiden ersten Versen der Heiligen Schrift vollziehe.
Weiteres
Weiterhin ist im Hinblick auf das Werk des vierten »Wiederherstellungs«tages gefragt word.en: Sind denn auch die Sonne und der Mond und die Sterne zunächst zerstört worden, sodaß auch sie wieder neu hergestellt werden mußten?
Von besonderem Gewicht sind für die Vertreter der Periodenauffassung ihre folgenden Bedenken der Restitutionstheorie gegenüber.
Nach der Restitutionsauffassung war der Endzustand der Erde nach Ablauf der vorgeschichtlichen geologischen Perioden eine Zerstörung alles pflanzlichen und tierischen Lebens und sein Versinken in ein alles bedeckendes Wassergrab, also ein Tiefpunkt ganz besonderer Art in der Geschichte der Erdnatur. Die geologischen Schichten aber bezeugen genau das Gegenteil, nämlich ein systematisches, geradezu planmäßiges Aufivärtssteigen der Pflanzen- und Tierwelt zu immer höheren Entwicklungsstadien, bis hin zu der Zeit unmittelbar vor dem besonderen Haupt-Höhepunkt der Erdgeschichte, dem Auftreten des Menschen. In den geologischen Schichten finden sich von unten nach oben - also von den ältesten bis zu den neueren Schichten ansteigend - zuerst wirbellose Tiere, dann Fische, Amphibien, Reptilien, Wirbeltiere (Säugetiere und Vögel), bis zuletzt der Mensch erscheint als der König der Erde209. Die Restitutionstheorie ist, nach dem Urteil der Periodenauffassung, nicht in der Lage, diese systematisch geordnete Aufwärtsentwicklung in der Stufenfolge der Fossilien und ihren geologisch einwandfrei bewiesenen Zusammenhang mit der jetzigen Lebewelt einleuchtend zu erklären.
Weiteres
Nach der Restitutionstheorie - in ihrer Verbindung mit der Deutung der sechs »Tage« als Vienmdzwanzigstundentage und der seit dem irischen Erzbischof Ussher210 herkömmlichen, alttestamentlichen Chronologie - müßte die Gesamterde am Ende der geologischen Perioden, kurz vor Adam und Eva, also um 4300 v. Chr., von W asser völlig überflutet gewesen sein. Dann sei sie an einem einzigen Vierundzwanzigstundentag, nämlich dem zweiten Tag des »Wiederherstellungs«werkes, in der von da ab grundsätzlich bestehenden Verteilung von Land und Meer, aus dieser Überflutung wieder aufgetaucht.
Eine solche allgemeine Überflutung der Gesamterde, unmittelbar vor Beginn der Geschichte des Menschengeschlechts oder einige Jahrhunderte bzw. einige Jahrtausende vorher hat es aber, nach den geologischen Feststellungen, niemals gegeben. Nach der Geologie ist die Erde um 4300 v. Chr. keineswegs von Wasserfluten ganz zugedeckt gewesen, wie diese Auslegung von 1Mo 1,2b (»Wasser«) es vermutet.
Anstatt also, wie sie glaubt, eine Versöhnung zwischen Geologie und Bibelauslegung zu bewirken - so sagen die Vertreter der Periodenauffassung - , steht die Restitutionstheorie, in dieser ihrer Form, in schärfstem W iderspruch zur Geologie und wird von deren Tatbeständen eindeutig widerlegt.
Dies wird nun in ganz besonderer Weise im Hinblick auf das Folgende betont.
Die außerordentliche G leichheit bzw. Ähnlichkeit vieler jetziger Lebeform en mit den entsprechenden Lebeform en der Tertiär-, ja Kreide- und Jurazeit.
Das Vorhandensein vieler unserer gegenwärtigen Pflanzen und Tiere kann zurückverfolgt werden bis in ferne, zum Teil sogar fernste geologische Zeitalter.
So sind sehr viele unserer heutigen Säugetiere, Reptilien und Amphibien in gleichen oder artverbundenen Formen schon unter den Versteinerungen aus der Zeit während bzw. vor der großen Eiszeit nachweisbar. Von den 400 Gattungen Land-Säugetieren sind es 60 Prozent. Von den über 40 Gattungen Meeres-Säugetieren sind es 75 Prozent. Der Nautilus, eine Art Tintenfisch, ist bereits in den uralten Felsen des Paläozoikums (Erd-Altertums) festzustellen.
90 Prozent der Arten von Weichtieren (Mollusken) der späteren Tertiärformationen (z. B. Miozän) leben heute noch. Haie und andere Fische, die unseren gegenwärtigen gleichen, finden sich unter den Versteinerungen schon der Kreide- und Jurazeit. In der noch viel älteren Steinkohlen-Zeit (Karbon) gab es Spinnen und Skorpionen, ähnlich wie unsere heutigen. Ja, manche Fischarten und Muscheln (z. B. Lingula, Zungenmuscheln) existieren praktisch imverändert sogar schon vom Kambrium an bis heute, d. h. von den allerältesten Erdschichten an, die Versteinerungen enthalten.
Ähnlich verhält es sich mit der Pflanzenwelt.
Von 147 Pflanzenarten, wie sie sich bereits vor der Eiszeit finden, wachsen ungefähr 100 noch heute in Europa, z. B. Veilchen, Butterblume, Brombeere. Die in den oberen Schichten des Tertiär (Pliozän) gefundenen Pflanzen umfassen mehr als 130 Arten von Blütenpflanzen, wie sie noch heutzutage fast alle in England Vorkommen. Ebenso gab es gewisse Arten von Pappel, Akazie und Weide, wie sie heute teils in Europa, teils in tropischen Ländern wachsen, schon am Ende der Tertiärzeit. Walnußbaum, Eiche, Platane und AJiom gehen bis in die Kreidezeit zurück. Ja, »am Ende der Kreidezeit hatte die Pflanzenwelt überhaupt schon das allgemeine Aussehen angenommen, das sie noch heutzutage hat« (Dr. Brude). Gewisse Fame, die mit den heutigen gleichartig sind, finden sich sogar unter den Versteinerungen der noch viel älteren Steinkohlenxeit.211
Dies alles beweist, daß es keinen so radikalen Bruch zwischen den geologischen Perioden und unserer Gegenwart gegeben hat, wie die Restitutionstheorie ihn voraussetzt, sondern daß die alten, erdgeschichtlichen Zeitabschnitte ohne Unterbrechung mit den neuen verbunden sind. So wird, nach dem Urteil der Periodenaufiassung, die Restitutionstheorie durch die geologische Tatsache widerlegt, daß es keinen chaotischen Zustand zwischen der menschlichen Periode und der Tertiärzeit gegeben hat. Vielmehr ist der ganze Verlauf, von Anbeginn an, nur ein einziges, zusammenhängendes, großes System der Natur.
Wenn man dagegen - so betont die Periodenauffassung im Gegensatz zur Restitutionstheorie - die geologischen Perioden in oder vor das Tohuwabohu, d. h. in die Zeit vor dem Sechstagewerk, verlegen würde, so wäre es ja völlig unvermeidlich, den höchst unwahrscheinlichen Schluß zu ziehen, daß die mit den heutigen Arten wesensgleichen (!) Tier- und Pflanzenarten der Tertiärzeit erst vernichtet und dann w ieder neu geschaffen worden seien. Oder man müßte meinen, Gott habe, zur Zeit der Menschenschöpfung beim Beginn des Paradieses, durch einen besonderen Wunderakt den Tod erst aus dieser Tierwelt verbannt und die Tiere, z. B. besonders auch die Raubtiere, hinsichtlich ihrer Instinkte, ihrer Ernährungsweise und folglich ihres ganzen Körperbaues anatomisch-physiologisch umgewandelt und habe dann diese selben (!) Tierarten wieder in ihren ursprünglichen Tertiär-Zustand zurückverwandelt. Dies anzunehmen
-
sagt die Periodenauffassung im Gegensatz zur Restitutionstheorie
-
sei jedoch eine viel größere Schwierigkeit als den Zusammenhang des gegenwärtigen Tier- und Pflanzenlebens mit dem versteinerten für das Richtige zu halten. Auch sagt die Bibel davon kein Wort. So sei es offenbar, daß die Restitutionstheorie mehr naturwissenschaftliche Schwierigkeiten schafft, als sie zu lösen versucht212
Für die Periodenauffassung selbst stellt sich die Geschichte der urzeitlichen Erde folglich als ein zusammenhängender Gesamtverlauf dar, in dem jedoch zwei Hauptzustände zu unterscheiden seien:
der ursprüngliche Zustand in den allerersten Urzeiten ohne Störung durch gottwidrige Gewalten, nämlidi so, wie sie zunächst aus der Schöpferhand Gottes hervorgegangen war und sich dann weiter entwickeln sollte, und der spätere Zustand mit Hemmungen und Störungen und göttlichen Gerichten, in den sie durch den Sündenfall von Geistmächten hineingeraten war, die zu ihr in besonderer Beziehung standen.
Das Sechstagewerk gehöre dann als unfaßbar langer Zeitraum, der zu der jetzigen Erdgestalt hinführe, vornehmlich in den zweiten Zustand hinein und decke sich im wesentlichen mit den geologischen Perioden.
Dabei aber scheine es, daß, unter Zulassung Gottes, die chaotisier-ten Mächte des Argen, durch dämonische Einwirkungen den göttlichen Schöpfungsakten entgegenarbeiteten, und dies könne erklären, warum Bastardbildungen, Schreckenstiere, gegenseitiges Morden, Krankheit und Tod bereits in jener urzeitlichen Lebewelt so verbreitet waren. So schreibt auch der Tübinger Geologieprofessor von Huene 1947: »Es ist etwas Neues dazugekommen, die Finsternis, die Nacht, die an der Zusammensetzung der folgenden Schöpfungstage einen wesentlichen Anteil h a t….. Das Reich der Finsternis, des Fürsten dieser Welt, war nun mitbestimmend im Sechstagewerk der Schöpfung, nachdem der Anfang ein ganz anderer gewesen war. Im Sechstagewerk haben (wie es scheint, Er. Sr.) Licht und Finsterms ihren Anteil« (a. a. O. S. 59. 64).
Wie der Schöpfungszustand vor Eintritt des Bösen beschaffen gewesen war, vermag niemand zu sagen. Jedenfalls - so erklärt die Periodenauffassung - fehle hinreichende Begründung in der Schrift, von einer einst schon fertig gewesenen »Lichterde« (F. Bettex),213 einem ursprünglichen »Lichtreich« (Th. Haarbeck),214 einer »ersten Urschöpfung« oder »ersten Erde« (Jakob Kroeker)215 zu reden. Denn was bis dahin erreicht war, sei erst ein Anfangsstadium der Urentwicklung gewesen, und was dieses Anfangsstadium im einzelnen in sich schloß, ist keinem Menschen bekannt.
Sicher ist nur, daß die Urstörung durch den satanischen Sündenfall schon sehr früh im Verlauf dieser einen, großen zusammenhängenden Schöpfungsentwicklung eingetreten ist und zwar schon bevor die Schöpfung so weit gediehen war, organisches Leben zu tragen; denn dieses war ja, wie die Fossilien beweisen, schon in der ältesten Urzeit und von vornherein, dem Vergehen, also dem »Tode«, unterstellt. Dies würde bedeuten, daß der Sündenfall Satans zwar nicht unbedingt zwischen dem ersten und dem zweiten Vers von i. Mose i stattgefunden habe, so aber doch irgendwann und irgendwie in der Zwischenzeit zwischen dem ersten und dem elften Vers des biblischen Berichts, der ja von der Pflanzenschöpfung spricht. Den genauen Zeitpunkt kann niemand wissen.
Dennoch aber habe Gott, trotz dieser satanischen Querwirkungen und der damit verbundenen notwendigen Gerichte - auf irgend eine Weise, die die Naturwissenschaft erforschen mag - durch allmähliche Steigerung der Lebeformen die Schöpfungsgeschichte in planmäßiger Aufwärtsentwicklung weitergeführt und das Pflanzen- und Tierleben bis zur jetzigen Lebewelt ansteigen lassen. Dies sei geschehen, unter göttlicher Leitung, teils durch Vererbung, Verzweigung und Abstammungszusammenhänge, teils durch wiederholte, neu eingreifende Schöpferakte. Dies letztere sei bewiesen durch die Tatsache, daß, trotz sorgfältigster geologischer Forschungen, keine Bindeglieder zwischen den Hauptarten der Lebewesen festzustellen sind (missing links). Zuletzt ist der Mensch, ohne Abstammungszusammenhang mit der allgemeinen Tierwelt, auf den Plan getreten, um von dem eigens für ihn angelegten Paradiesesgarten aus seine Laufbahn zu beginnen. Und was die Kaubtiere der Tertiärzeit betrifft, so glauben manche Vertreter der Periodenauffassung, daß diese Tierarten auch während der Paradieseszeit auf der außerparadiesischen Erde in ihrem bisherigen, z. T. wilden Zustand verblieben seien. Das Paradies selbst war zwar ein Sonderbezirk und als solcher eine Stätte von Frieden, Lebensfülle, Schönheit und Vollkommenheit. Es unterschied sich aber darin von dem Zustand der sonstigen irdischen Schöpfung. Denn wenn die Gesamterde eine Stätte des Lebens und absoluter Vollkommenheit gewesen wäre, so hätte es keines Paradiesesgartens bedurft. Die Tatsache aber, daß überhaupt ein Paradies geschaffen wurde, beweist, daß die Erde an sich nicht schon ohne weiteres ein geeigneter, voll-würdiger Wohnplatz für den Menschen als den von Gott neu eingesetzten König der irdischen Schöpfung war. Damit aber wird schon die reine Tatsache der Pflanzung des Gartens Edens ein Beweis für die Unvollkommenheit der außerparadiesischen Erdwelt.
Und was die allgemeine Pflanzenwelt vor und nach dem menschliehen Sündenfall betrifft, so erklärt zwar der göttliche Fluch, daß der Acker »Dornen und Disteln« tragen solle. Aber mehr besagt er nicht. Weiter zu gehen, ist darum Willkür. Der biblische Text selbst sagt nicht mehr und nicht weniger, als daß in den vom Menschen bebauten Acker die schon sonst auf Erden vorhandenen Domen und Disteln eindringen und seine Arbeit ungemein erschweren sollen. Professor Karl Heim schreibt: »Das Alte Testam ent. . . berichtet wohl von der satanischen Verführung, durch die die ersten Menschen in Sünde fielen, und von ihrer Austreibung aus dem Paradiese. Aber es weiß nichts von einer Verwandlung der ganzen Weltgestalt, die durch den Fall des Menschen herbeigeführt worden wäre.«216
Aber heißt es nicht in der Schrift für den Abschluß des sechsten Tages und damit zugleich der Paradieseszeit: »Gott sah alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut« ( i. Mos. i, 31)?
Diesen Einwand beantwortet die Periodenauffassung: Auch von der gegenwärtigen Zeit der Erde und ihrem jetzigen Zustand mit zwar sehr viel Schönheit und Lebensfülle in der Natur, aber auch mit so vielen Gewalten des Verderbens - Disharmonie und Zerstörung im pflanzlichen und tierischen Leben, Raubtiere in Luft, Feld und Wald - sagt die Schrift, indem sie von allem, durch die Sünde dazwischen- und hineingekommenen Negativen absieht und den eigentlichen positiven Kem und das ursprüngliche Wesen der Schöpfung in den Mittelpunkt ihrer Schau rückt: »Herr, wie sind Deine Werke so groß und so viel! Du hast sie alle weislich geordnet, und die Erde ist voll (!) Deiner Güter!« (Ps 104,24).
»Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen!« (Ps 8,2.10).
»Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und die Feste verkündet seiner Hände Werk« (Ps 19,2).
Solche W orte sind Aussagen über die Schöpferherrlichkeit Gottes allgemein und schließen das andere nicht aus. Sonst könnte auch die Heilige Schrift nicht von der W elt heute sagen: »Der Herr hat Wohlgefallen an seinen Werken« (Ps 104,31). Dabei ist sich derselbe (!) Psalmist im gleichen Psalm auch der anderen Seite bewußt: »Die jungen Löwen brüllen nach Raub« (Ps 104,21).
Ja, der 148. Psalm fordert nicht nur den Himmel und die Erde, Sonne, Mond und Sterne, zum Lobpreis Gottes auf, sondern sagt auch: »Lobet den Herrn von der Erde her, ihr Wassemngeheuer (!) und alle Tiefen! . . . Wildes (!) Getier und alles Vieh, kriechende Tiere und geflügeltes Gevögel: Lobet den Herrn!« (V. i - io). Und Paulus bezeugt von der Offenbarung Gottes in der Natur, bei all ihrer gegenwärtigen, ihm ebenso wie auch uns bekannten Zwiespältigkeit: »Seine (Gottes) ewige Kraft und Göttlichkeit werden von Erschaffung der W elt an in dem Gemachten wahrgenommen« (Röm. i , 20).
In diesem Rahmen der Natur hatte der Mensch ursprünglich von Gott die Aufgabe erhalten, vom Paradiesesgarten aus seine Herrschaft über die Erde auszudehnen und Paradiesesleben -und Paradiesessegen überall hinzutragen und auszubreiten. Bei einer heiligen Durchführung dieses seines Herrscherberufs wäre es schließlich zu einer endgültigen Befreiung und Erlösung der ganzen irdischen Lebewelt gekommen, wie dies ja auch tatsächlich bei der Aufrichtung des sichtbaren Gottesreiches der Endzeit einst eintreten wird (Jes 11,6-8; Hos 2,20).
Da aber der Mensch gefallen ist, hat er zunächst seine Berufsbestimmung nicht erfüllt. So blieb das Verderben in der Tierwelt um des Menschen willen bestehen. Auch der »Adcer«, das heißt, der vom Menschen bearbeitete Kulturboden, verblieb um des Menschen willen unter dem Fluch. Wenn darum die Schöpfung heute noch seufzt, weil sie der Knechtschaft der Nichtigkeit unterworfen ist, so geschieht dies um des Menschen willen. Darum kann die Erlösung der Schöpfung auch erst mit der Vollendung der Erlösungsgeschichte des Menschen eintreten, eben durch die »Teilnahme an der Freiheit, welche die Kinder Gottes im Stande der Verherrlichung besitzen werden« (Röm 8,21).
Der Vorteil dieser Gesamtauffassung ist - nach dem Urteil der Vertreter der Periodenauffassung - , daß sie dem Gesamteindrudc des biblischen Schöpfungsberichts gerechter wird als die Restitutionstheorie. Auch stimme sie mit allen sprachlichen und exegetischen Texteinzelheiten überein und gehe nirgends über den eigentlichen Wortlaut der Schrift hinaus. Sie habe ferner den Vorteil, daß sie auch vom naturwissenschaftlichen Gesichtspunkt aus einleuchtender ist. Sie sei in Übereinstimmung mit dem Vorhandensein des urzeitlichen Todes in den geologischen Perioden wie auch mit der Tatsache des Zusammenhangs der Lebeformen der Urzeit mit der pflanzlichen und tierischen Lebewelt der Gegenwart, wie dieser durch die Fossilien klar bezeugt wird.
208 So z. B. in Ps 1 1 8 , 2 2 : „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden (hajetha).“ - „Von seiten Jehovas ist dies geschehen (geworden, hajetha)“. Siehe den Psahnenkommentar Prof. D. Dr. Ed. König, Gütersloh 1927 , S. 4 4 2 .↩︎
209 Vgl. unsere Bemerkungen auf S. 2 7 9 .↩︎
210 17 . Jahrh. Vgl. S. 2 4 5 . Auslegungsweisen des biblischen Schöpfungsberichts, Absatz 1 .↩︎
211 Vgl. Prof. Dr. A. Rendle Short, The Bible and Modem Research. London 1934 , S. 15 . 3 9 . - Modem Discovery and the Bible, London 1954 . S. 5 4 . - Dr. J. L. Campbell, D. D., The Bible under Fire. Newyork, London 1928 , S. 2 5 8 . 2 5 9 .↩︎
212 So erklärt auch Prof. A. Rendle Short a. a. O., S. 39 : „Es ist sehr unwahrscheinlich, daß diejenigen Miozän-, Pliozän- und Pleistozän-Tiere und -Pflanzen, die mit den heutigen Arten identisch sind, erst vernichtet und dann wiedergeschaffen sein sollten. Ebenso P. J. Wiseman, Creation Revealed in Six Days, London 1949 , S. 2 6 .↩︎
213 Prof. F. Bettex, Himmlische Realitäten, Striegau 1921 , S. 6.↩︎
214 D. theol. Th. Haarbeck, Kurzgefaßte Biblische Glaubenslehre, Elberfeld 1930 , S. 57.↩︎
215 J. Kroeker, Die erste Schöpfung, ihr Fall und ihre Wiederherstellung. Wernigerode 1926 .↩︎
216 Karl Heim, Jesus der Herr. Berlin 1935 , S. 157 .↩︎