So hat auch Christus als Mensenensohn das Ihm vom Vater gegebene Werk hier vollbracht. Als Mensch trug Er einst die Krone der Dornen, die der unerlöste, unter dem Fluche stehende Acker Ihm gab, und als Mnsch wird Er einst, als das Haupt Seines Leibes, am Tage der kosmischen »Wiedergeburt« (Mt 19,28 wörtl.), mit all Seinen Heiligen über denselben Acker - doch dann den erlösten, vom Fluche befreiten - regieren. Der göttliche Erlöser ward Mensch und erlöste als solcher den menschlichen Beherrscher der Erde, verband ihn dann mit Sich zu ewig untrennbarer Einheit und bewirkte also auch zugleich die Erlösung der Erde. Das ist der Weg, den die Gnade gefunden. So bleibt denn die alte Bestimmung der Menschheit bestehen, und doch wird sie gänzlich mit neuem Inhalt erfüllt. In Christo als ihrem Haupte gelangt die Menschheit ans Ziel ihrer Bestimmung. Er ist, als der »letzte Adam« (1Kor 15,45; Röm 5,12-21), für sie Mittelpunkt, Krone und Stern. Das ganze Menschengeschlecht ist »ein Kreis, und Jesus Christus ist das im Laufe der Heilsgeschichte immer mehr herausgearbeitete Zentrum dieses Kreises.«
So ist denn im tiefsten Grande nur ein Erlöser, nämlich Christus in Seiner Einheit mit den Erlösten, das Haupt in Seinem organischen Zusammenhang mit Seinen Gliedern, der »neue Mensch« (Eph 2,15), »der Christus«.74 So schreibt auch Professor von Huene: »Vom Menschen aus nimmt die Rückführungsaktion der ganzen Schöpfung zu Gott ihren Ausgang. Im Menschen treffen sich Materie und Geist, Geist Gottes. Der Mensch Jesus Christus, Gottes Sohn, hat den Entscheidungskampf gegen Satan siegreich geführt, und die Konsequenzen desselben müssen sich nun auswirken. Darum steht das Kreuz im Mittelpunkt der Universalgeschichte«.
So ist in Jesus, dem Menschensohn, alles zusammengefaßt. Er ist das Zentrum des Ganzen. Er ist der Größte von allen, ja, der Eine vor allen anderen. Er ist - »der Reinste unter den Mächtigen und der Mächtigste unter den Reinen« (Jean Paul). Er hebt mit Seinen durchstochenen Händen Königreiche aus den Angeln. Er hob den Strom der Jahrhunderte aus seinem Flußbett und gebietet den Zeiten. Er ist der Mittelpunkt und Wendepunkt der ganzen Menschheitsgeschichte.
»Das Mittelalter hat Gott mit bewundernswerter Hingabe gedient. Aber Gott ist nur an einer Stelle zu finden, in dem Menschen Jesus Christus, und darum mußte die mittelalterliche Verbindung von christlichem Glauben und griechischer Philosophie in Ermüdung und Resignation enden.
Die Neuzeit sucht den Menschen, den Menschen in einer ganz neuen geschichtlichen Verwirklichung, aber auch der Mensch ist nur an einer Stelle, in dem Menschen Jesus Christus, zu finden, und gerade hier wollte ihn die Neuzeit nicht suchen. So endete die Neuzeit trotz glänzender kultureller Leistungen in der Selbstzerstörung des Menschen. Aber inmitten des geschändeten und zerstörten Menschenantlitzes taucht heute das Antlitz des Gekreuzigten wieder auf, das Antlitz des Gekreuzigten als des einen wahren Menschen.«75
Er ist, als der Menschensohn, der Eine unseres Geschlechts. Er ist der eigentliche Mensch, auf den die gesamte Geschichte der Menschheit hinzielt. Er ist der Repräsentant der Menschheit selbst, das leibhaftige Urbild wahren Menschentums. Nicht nur einzelne Seiten des Menschenwesens kommen in Ihm zu vollendeter Darstellung, sondern das Menschenwesen selbst nach seiner ganzen, gottgewollten Wahrheit und Reinheit.
Und weil Er unser Urbild ist, ist Er auch unser Vorbild. In Jesus, dem Menschensohn, findet jeder Mensch in gleicher Weise sein Vorbild. Er ist für uns alle - für alle Menschen zu allen Zeiten und unter allen Verhältnissen - das höchste, umfassendste und unerschöpfliche Vorbild. Er ist das Geheimnis unserer Sehnsucht. Er ist es, den wir im tiefsten Grunde alle meinen, vielleicht ohne es zu wissen. Auf Ihn sind wir alle angelegt. Nur in Ihm findet unsere Seele den Frieden. Darum gründet Er auch alles auf Seine eigene Person. Er führt, als der Menschensohn, die Menschheit ans Ziel ihrer Bestimmung.
74 d. h. der Christus-Organismus, wie in 1Kor 12,12; 1,13 (im Griechischen mit dem bestimmten Artikel).↩︎
75 Howe, a. a. O. S. 17 .↩︎