Nach der realistischen Weltanschauung der Heiligen Schrift ist Gottes kosmisch-universaler Weltenstaat, wie es scheint, in eine Anzahl von »Provinzen« und Weltbezirken eingeteilt, über die je ein Engelfürst, gleichsam als Lehensträger und Statthalter Gottes, eingesetzt ist. Doch Luzifer, einer dieser Weltfürsten Gottes, dem unsere Erde und wohl auch unser ganzes Sonnensystem unterstellt war, hatte sich in Abfall und Empörung von Gott losgesagt. Welt- und Erdkatastrophen in seinem Herrschaftsgebiet traten ein als Gegenwirkungen der Gerechtigkeit Gottes gegen diese kosmische Revolution.
Aber Gott hatte dem Fall jener Engel und den Wirkungen ihres Falls auf ihren Weltbezirk nicht gleichgültig zugesehen. Als der heilig-vollkommene, oberste Weltenherrscher war Er keineswegs gewillt, diesen Teil Seines Kosmos im Zustand der Verwüstung und Verheerung zu belassen. Nein, hatte Ihn Sein eigener Selbstverklärungswille notwendig dahin geführt, überhaupt eine Welt zu schaffen, in der Er Sein göttlich-vollkommenes Wesen verherrlichen konnte, so mußte Ihn nun dieser gleiche Selbstentfaltungsratschluß dazu bewegen, diesen Teil Seines Universums wieder zurückzugewinnen, damit Seine Pläne auch in ihm zur Durchführung kämen. Nun hätte Er als der alleinige Gott, vom physischen Standpunkt aus, allerdings die Macht gehabt, Satan, dem Abtrünnigen, seinen kosmischen Weltbezirk einfach mit Gewalt zu entreißen. Doch dann wäre dies gegen Seine eigenen sittlichen Reichsregierungsgrundsätze gewesen. Denn weil Er Selbst ureigenster sittlicher Grundnatur ist, muß auch das Gesetz Seiner kosmischen Weltordnung durchaus rein sittlichen Charakters sein; und da Er dem Satan vor seinem Fall sein Herrschaftsgebiet rechtsmäßig übergeben hatte, wollte Er es ihm auch nun, nach seinem Fall, nur auf dem Wege des Rechts wieder nehmen.
Dies konnte jedoch nur durch eine sittliche Auseinandersetzung zwischen der göttlichen und der teuflischen Macht geschehen. Deshalb war ein freies, sittliches Wesen erforderlich, das diese, im Auftrag Gottes, ausführte. Und zwar mußte dessen Aufgabe darin bestehen, einerseits Gott in freier Selbstentscheidung untertan zu bleiben und anderseits herrschend sich über die Erde auszubreiten. Kein weiterer, besonderer Kampf war erforderlich. Denn die wachstümliche Ausdehnung der Erdenherrschaft eines seinerseits Gott treu bleibenden Wesens bedeutete ganz von selbst eine stufenweise fortschreitende Rückeroberung der Erde für Gott. In der praktischen Durchführung einer solchen polaren Doppelstellung, Diener des Herrn und Herrscher der Erde zu sein, lag nichts Geringeres als eine tatsächliche Erlösung der Erde aus Satans Gewalt.
Nun wäre es allerdings an sich zunächst denkbar gewesen, daß Gott irgendwelche heiligen Engel mit dieser Aufgabe betreute, doch diese hatten alle, wie es scheint, längst ihre sittliche Probe bestanden und waren in den Zustand des Nicht-mehr-sündigen-könnens, der notwendigen Heiligkeit und Unversuchlichkeit, gelangt.
Hätte darum Gott solche Wesen dazu bestimmt, Werkzeuge der Erlösung der Erde zu werden, so würde Satan keine Möglichkeit zu einer wahrhaft sittlichen Auseinandersetzung mit Gott gehabt haben. Die wachstümliche Ausdehnung der Erdenherrschaft eines unversuchlichen und folglich unangreifbaren Erdenerlösers wäre in jedem Fall eine zwar allmähliche, aber nichtsdestoweniger gewaltsame Entreißung der Erde aus Satans Gewalt gewesen. Dies aber wäre gegen die Grundsätze der göttlichen Rechtsordnung gewesen. Da derartiges aber bei Gott nimmermehr geschehen kann, weil Gott Gott ist, so konnte die Befreiung der Erde nur durch einen zunächst neutralen Erdenbewohner vollzogen werden, der von vornherein weder unbedingt für Gott noch unbedingt für den Teufel war, sondern der sich erst später selbst frei entscheiden mußte, auf wessen Seite er treten wollte. Aus dem kosmischen Erlöserberuf des neuen Bewohners der Erde folgt also mit Notwendigkeit seine Ausrüstung mit Willensfreiheit, das aber heißt, seine Versuchlichkeit wie auch die Möglichkeit einer Versuchung.
Gott als der Heilige läßt eben auch Seinem Feinde das Recht, sein innerstes Wesen zu entfalten und seine Pläne zu verfolgen. Nur so wird es sich zeigen, daß Satan, trotz all seiner Ränke, schließlich doch nur bis zum Bankrott kommt, daß aber Gott der allein Weise, Mächtige und Gute ist. So muß Satan sich auswirken und in diesem seinen Auswirken sich selbst richten.
Dies alles wirft zugleich Licht auf die Versuchungsgeschichte auf den ersten Blättern der Bibel. Die Möglichkeit und Tatsächlichkeit einer solchen Versuchung des neuen Herrn der Erde war eine doppelte Notwendigkeit:
eine allgemein ethisch-subjektive; denn nur durch eigene, freie Willensentscheidung konnte dieses neue Geschöpf Gottes in Wahrheit eine sittliche Persönlichkeit werden, und
eine kosmisch-objektive; denn nur so konnte die Rückgewinnung der Erde aus der Macht Satans in gottgemäßer, das heißt, echt sittlicher Weise zur Durchführung gelangen.
So schreibt auch der Schweizer Bibelausleger Samuel Limbach:
»Bei Gott ist eine stärkere Macht als die rein äußere Gewalt, die den Gegner vernichtet. Seine Macht ist das Recht. Demgemäß läßt Er auch dem Feinde das Recht. . . Nun aber ist Satan der Fürst dieser Welt. Der Mensch sollte ihm gegenüber Gottes Recht auf Erden vertreten. Er sollte herrschen in Gottes Namen über die Schöpfung und sollte Gottes Werke darin wirken. Damit würde der Feind rechtlich zurückgedrängt. Sollte aber die Befreiung dieser Welt ganz nach Recht und Gerechtigkeit sich vollziehen, so mußte dem Gegner Gottes, dem Satan, Raum gelassen werden, seine Weltherrschaft des Bösen auch auf den Menschen auszudehnen, indem er ihn versuchen durfte.«