Mit dem Fall Satans war aber auch, wie die spätere Ähnlichkeit des menschlichen Sündenfalls - nur diese in kleinerem Maße - zeigt ( 1Mo 3,18), ein Sturz seines Herrschaftsgebietes verbunden. Wie hernach der sündige Mensch, so zog zuerst Satan den ihm anvertrauten Schöpfungsteil in den Bannkreis seines Falls mit hinein.
Daher auch das Vorhandensein des Todes in den vormenschlichen, geologischen Perioden. Man mag den biblischen Schöpfungsbericht verschieden auffassen. Man mag ihn ansehen als Bericht über die eine, zusammenhängende, erstmalige Erschaffung der Erde, also als wirklichen »Schöpfungs«bericht, oder man mag ihn erklären als Bericht über eine »Wiederherstellung« der Erde nach irgendeiner Zerstörung infolge des Falls Satans6; man mag ferner die geologischen Perioden verschieden in den biblischen Schöpfungsbericht einreihen: entweder in die Zeit vor oder während des Tohuwabohus von Vers i oder parallel mit den sechs Schöpfungs»tagen« als Perioden selbst; Tatsache ist, daß beide Erklärungsweisen sowohl miteinander wie auch mit dem Zeugnis der Naturwissenschaft darin übereinstimmen, daß der Tod schon vor dem Auftreten des Menschen auf Erden vorhanden gewesen ist.48
Gerade diese Übereinstimmung ist in unserem Zusammenhang von entscheidendem Wert. Der Tod in der Urwelt ist keine geologische Hypothese, sondern eine paläontologische Tatsache. Für jeden, der auch nur etwas von diesen Tatbeständen weiß, ist es völlig unbestreitbar, daß die bestimmt voradamitischen Versteinerungen (»Fossilien«) Spuren von Tod und Verderben, ja, oft grausamer Lebensvernichtung aufweisen.
Gerade diese Tatsache hat der Unglaube in seinem Kampf gegen die biblische Offenbarung siegesgewiß ausgebeutet. Schon der Geologieprofessor Karl Vogt, der materialistische Anhänger Darwins, triumphierte: »Da hilft kein Spreizen des Glaubens noch fromme Salto Mortales, um über diesen Stein hinwegzukommen, der in eurem Garten liegt. Der Tod hat von Anbeginn, und sagen wir gleich, in höchst grausamer Weise existiert. Es sind, im Allgemeinen gesprochen, kaum schrecklichere Qualen von dem menschlichen Grübeln erfunden worden als die sind, durch welche die Natur ihre Geschöpfe umbringt.« Die Natur ist, wie ein anderer Anhänger Darwins es einmal ausgedrückt hat, »an Zähnen und Klauen geradezu rot von Blutgier«. Aber dieses ganze Triumphgeschrei voreilig siegesgewisser Bibelfeinde und ebenso alle ähnlichen Bedenken ernster Zweifler werden zum Schweigen gebracht, wenn wir erkennen: Es ist durchaus mit der Schriftlehre vereinbar, daß es Tod und Verderben schon vor dem menschlichen Sündenfall auf der Erde gegeben hat. Nur muß dies eben alles auf den uranfänglichen Fall Satans zurückgeführt werden. Die Urwurzel alles Leides in der Kreatur ist jene kosmische Revolution, jener Aufruhr Satans gegen Gott, und die damit verbundene Einführung von Disharmonie und Zerstörung in den Weltbezirk, der ihm als ursprünglichem Lichtfürsten Gottes vom Schöpfer zur Verwaltung anvertraut worden war.
Der Mensch ist dann später, in seinem Fall, nicht der Urheber von Sünde und Tod im Weltall an sich, sondern das Eingangstor dieser schon vorher vorhandenen Sünde in die von ihm abstammende Menschenwelt. In seiner Erklärung von Röm 5,12:
»Durch« den Menschen kam Sünde und Tod in die Welt - weist Karl Heim darauf hin, daß der Apostel hier das griechische Wort dia (»durch«) nicht mit dem Akkusativ (4. Fall), sondern mit dem Genitiv (2. Fall) verbindet (griech. nicht: di’ hena anthropon, sondern: di’ henos anthropou). Während aber das griechische »durch« (dia) mit dem vierten Fall den Urheber und Entstehungsgrund einer Sache bezeichnet, bedeutet griechisch »dia« mit dem zweiten Fall einen »Durch«gangspunkt, z. B. ein Eingangstor, »durch« das man in ein Haus eintritt. So ist, beim Siindenfall des Menschen, die schon vor seiner Erschaffung vorhandene, satanische Macht des Bösen wie »durch« einen »Durch«gangspunkt in die Menschenwelt eingedrungen. Das Wort kosmos »Welt« bedeutet bei Paulus häufig nicht Weltall, sondern Menschenwelt, z. B. 1Kor 1,20.27; 4,13 u. a.49
Das Böse, als satanische Macht, war also schon vor der Schöpfung des Menschen vorhanden. »Die Herrschaft, die der Tod schon in der vormenschlichen Urzeit in der ganzen Schöpfung ausgeübt hat, hat ihren Grund darin, daß die satanische Empörung gegen die Allgewalt Gottes schon vor der Entstehung des Menschen in der ganzen Kreatur in Kraft getreten war. Auf der ganzen Schöpfung liegt darum ein Bann, der von der satanischen Macht herrührt, die die lebendige Schöpfungswelt unter die Sklaverei der Vergänglichkeit gebracht hat.«
Wann und wie dies verhängnisvolle Urereignis selbst stattgefunden hat, vermag niemand zu sagen. Der vorgeschichtliche äonische Zeitpunkt des Falles Satans bleibt uns völlig unerkennbar. Darum ist es auch nicht möglich, ihn mit Sicherheit genau in den biblischen Schöpfungsbericht einzuordnen. Fand er in der Zwischenzeit zwischen dem ersten und dem zweiten Vers der Bibel statt, wie die Vertreter der Restitutionsauffassung annehmen? Oder an irgendeinem späteren Zeitpunkt der kosmischen Weiterentwicklung, etwa zwischen der Weltschöpfung und dem Beginn der ersten pflanzlichen und tierischen Lebewelt, deren Fossilien (Versteinerungen) jetzt in den untersten Erdschichten zu finden sind, die also einst in jenen Urzeiten zugrundegegangen und erstorben ist? Das heißt - wenn die Periodenauffassung des Sechstagewerkes recht haben sollte - ganz allgemein irgendwann innerhalb der Zeitspanne zwischen Vers 1 und Vers 11 des mosaischen Berichts? Wer will diese Fragen mit Gewißheit beantworten? Sicher ist nur - so dürfen wir wohl sagen - , daß sich der Fall Satans vor dem ersten Auftreten von Leid und Tod im Weltall ereignet hat.
In jedem Fall ist die Geschichte der Erde von da ab durch den Widerstreit zwischen Verderben und Weiterentwicklung, Tod und Leben, Böse und Gut, Finsternis und Licht, Satan und Gott entscheidend beeinflußt.
Auch nach der Erschaffung des Menschen blieben nicht unwesentliche Auswirkungen dieser Urkatastrophe bestehen. Das Reich der Finsternis behielt seinen Fortbestand. Auch wurde ihm der Zutritt zur Erde nicht verwehrt.
Wie immer das Werk der sechs Schöpfungstage zu deuten ist und wie immer man die geologischen Perioden mit dem Schöpfungsbericht verbinden mag: In jedem Fall ist auch nach den Andeutungen der Schrift klar erkennbar, daß die Erde durch ihre Zubereitung im Sechstagewerk noch nicht ohne weiteres dem Wirkungsbereich Satans entzogen worden war. Mit ihrer Zubereitung war noch nicht ihre absolute Vollendung bewirkt. Mit der Beendigung des Sechstagewerkes war noch keine sofortige Verbannung der dämonischen Mächte aus ihrem Umkreis und Bereich verbunden. Auch in der Folgezeit hatten diese die Möglichkeit, irgendwie auf der Erde weiterzuwirken. Nur so erklärt sich der Auftrag Gottes an den Menschen, den Garten Eden nicht nur zu bearbeiten, sondern zu »bewahren« ( 1Mo 2,15). Nur so erklärt sich auch das Auftreten der »listigen« Schlange und die Versuchungsgeschichte überhaupt.
Durch dies Ganze eröffnen sich zugleich gewaltige Perspektiven zur Beantwortung der Frage nach Zweck und Ziel der Menschenschöpfung im kosmischen Weltrahmen. Durch den Sieg des Menschen über den großen Widersacher Gottes sollte dieser Zustand überwunden werden. Hier lag eine hohe Aufgabe des neuen Herrn der irdischen Schöpfung.
Damit aber erkennen wir zugleich einen Zusammenhang der Menschheitsgeschichte mit der Geschichte der unsichtbaren Welt und des Weltalls überhaupt. Die Geschichte der Natur verbindet sich mit der Heilsgeschichte. Die Vorgeschichte der Erde wird zu einem wichtigen Kommentar des Geschichtsziels der nachfolgenden Menschheit, und die Erde, dieses Menschheitsreich, beleuchtet den »Menschheitsadel«.
48 Uber die Restitutionshypothese des biblischen Schöpfungsberichts vgl. S. 2 4 8; 303 ff.↩︎
49 Prof. Dr. Karl Heim, Weltschöpfung und Weltende. Hamburg 1952 , S. 142.143 .↩︎