Schon in früheren Zeiten gelegentlich vertreten, aber erst besonders seit dem Aufkommen der Geologie am Anfang des 19. Jahrhunderts in bibelgläubigen Kreisen weit verbreitet ist die Restitutionsauffassung des biblischen Schöpfungsberichts (lat. restitutio = Wiederherstellung). Nach dieser Auslegung hat der Fall Satans zwischen dem ersten und zweiten Vers von 1. Mose 1 stattgefunden, so daß die ursprünglich von Gott schön und vollkommen erschaffene Welt, infolge des göttlichen Gerichts und der Zerstörungsmacht des Bösen, in den Zustand des Tohuwabohu (»wüste und leer«) gekommen ist. Das sich daran anschließende Werk der sechs Tage ist dann nicht die eigentliche, ursprüngliche Welt«schöpfung« selbst, sondern ein Werk der Wiederherstellung.
Diese sogenannte Restitutionshypothese ist nicht etwa ein Erzeugnis erst moderner Spekulation. Vielmehr finden sich Spuren davon schon in der altchristlichen Literatur zur Zeit des Kirchenvaters Augustinus (um 400). Im 7. Jahrhundert wurde sie von dem angelsächsischen Dichter Caedmon vertreten. Um 1000 bekennt sich König Edgar von England zu ihr. Besonders betont wurde sie im 17. Jahrhundert durch den Mystiker Jakob Böhme. Auch Michael Hahn gehört zu ihren Anhängern.
Besonders starke Verbreitung fand sie dann seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts. Zahlreiche gläubige Bibelleser, die mit den Ergebnissen der geologischen Forschung bekannt geworden waren, sahen in ihr einen Weg zur Harmonie zwischen Bibel und Naturwissenschaft. Sie erkannten die von der Geologie geforderten, langen Entwicklungszeiträume an, schalteten sie aber in den Zwischenraum zwischen Vers 1 und Vers 2 des biblischen Berichts ein. Hierbei sahen die meisten von ihnen die sechs »Tage« als Vierundzwanzigstundentage an. Einige, namentlich die Naturwissenschaftler unter den Vertretern dieser Auslegungsweise, sahen in dem Tohuwabohu von Vers 2 ebenfalls eine Folge des Falles Satans, vertraten aber für das Wiederherstellungswerk der sechs Tage die Periodenauffassung.
So wurde diese Restitutionsauffassung bereits im Jahre 1814 von dem schottischen Gelehrten Dr. Th. Chalmers und 1833 von dem englischen Mineralogieprofessor Dr. William Buckland vertreten, von letzterem in seinem Werk »Geology and Mineralogy considered with reference to Natural Theology«, 1833.
Andere Vertreter sind der Geologieprofessor K. V. Raumer (1865), der Naturforscher Professor G. H. v. Schubert (i860) und, unter den Naturwissenschaftlern der allermodernsten Zeit, der Geologe Freiherr von Huene, Professor der Paläontologie in Tübingen, einer der bedeutendsten Saurierforscher der Gegenwart.147 Von den Philosophen seien genannt Friedrich von Schlegel sowie J. Herrn, von Fichte, weiland Philosophieprofessor in Bonn und Tübingen, der Sohn des bekannten Philosophen J. Gottlieb Fichte.148 Von den Theologen erwähnen wir Männer wie die Professoren Franz Delitzsch, Michael Baumgarten, J. H. Kurtz,149 E. W. Hengstenberg, ferner Prälat Oetinger, Dekan Keerl, Th. Fliedner, den Leiter der Kaiserswerther Diakonissenanstalt. Ebenso Professor Bettex,150 Jakob Kroeker,151 ferner den in Deutschland weithin bekannten Evangelisten General von Viebahn (1914). Ebenso schreibt Dr. theol. Haarbeck in seiner Kurzgefaßten Biblischen Glaubenslehre: »Am meisten Wahrscheinlichkeit hat die Annahme für sich, daß unser Erdsystem in vorweltlicher Zeit das Lichtreich Satans vor seinem Fall war und daß ihm, infolge seines Falles, sein Reich genommen und zur Wohnung für den Menschen umgeschaffen wurde« (Elberfeld 1930. S. 57). Ebenso Lic. W. Möller in seinem Werk Biblische Theologie des Alten Testaments, Zwickau 1938. S. 50.
Bekannt sind ferner die Schriften des Engländers G. H. Pember,152 sowie die im gesamten englischen Sprachgebiet weitverbreitete Scofield Reference Bible. Aus neuerer Zeit ist ferner zu nennen Dr. H. Rimmer in seinem Werk »Modern Science and the Genesis Record«( 1 9 3 7 )-
Diese Verschiedenheiten unter den Auslegungen bibelgläubiger Schrifterklärer beweisen, daß wir sorgfältig und vorsichtig sein müssen in der Gewinnung unserer eigenen Stellungnahme, daß wir in keinem Fall selbstsicher dogmatisieren dürfen, sondern Duldsamkeit und Verständnis haben müssen auch für abweichende Meinungen. Vor allem aber beweisen sie, daß wir in Bescheidenheit unserer eigenen Unzulänglichkeit bewußt sein müssen, eingedenk der Frage, die der Schöpfer Selbst Seiner irdischen Kreatur, gerade auch im Hinblick auf die Fragen der Weltschöpfung vorlegt: »Wo warst du, als ich die Erde gründete?« (Hiob 38,4-7). -
»Das Verborgene ist Jehovas, das Geoffenbarte ist unser und unserer Kinder ewiglich« (5. Mose 29,29).
147 Professor Dr. Friedridi Freiherr von Huene, Weg und Werk Gottes in Natur und Bibel. Marburg 1947 mit Vorwort von Professor Karl Heim, Tübingen.↩︎
148 In seinem Werk „Die spekulative Theologie“. J. H. Fichte starb 1879.↩︎
149 In „Bibel und Astronomie“, 1857.↩︎
150 z. B. in „Das Lied der Schöpfung“, Striegau 1919. S. 57 f. „Himmlische Realitäten“, Striegau 1921, S. 6 f. „Natur und Gesetz“, Striegau 1923, S. 265.↩︎
151 Jakob Kroeker, Die erste Schöpfung, ihr Fall und ihre Wiederherstellung, Gießen 1926.↩︎
152 G. H. Pember, M. A., Earth's Earliest Ages, Deutsche Ausgabe in Leipzig 1895.↩︎