»ADEL DES MENSCHEN«
»Adel des Menschen? Wie kann man heute noch so reden? Heute nach zwei Weltkriegen mit ihren verheerenden Wirkungen und ihren ungezählten Verbrechen aufseiten aller Kriegsführenden?« So hat ein Leser des Titels einer der früheren deutschen Ausgaben dieses Buches ausgerufen, als er das Buch zum ersten Mal sah und sich nun daran machen wollte, es zu lesen.
Ja, hat es überhaupt, was die Gesamtmenschheit betrifft, jemals wahren, praktischen Menschheitsadel gegeben? Bezeugen nicht die wilden Sitten der primitiven Kulturvölker das Gegenteil? Ist nicht, auch bei den höheren, ja den höchststehenden Kulturvölkern die Weltgeschichte aller Jahrtausende, soweit wir sie nur bis ins graueste Altertum zurückverfolgen können, eine Geschichte von Blut und Eisen, von Gewalttat und Unterdrückung? Wieviel Lug und Trug, Selbstsucht und Unmoral millionen- und milliardenfach bei allen Völkern aller Zeiten und Kontinente! Wieviel religiöse Verirrung! Wieviel Fehlentwicklung in Philosophie und Weltanschauung! Wieviel Gedankenlosigkeit und Stumpfheit der breiten Massen!
Gewiß, es hat auch viel Edles gegeben. Wieviel Liebe und Treue zwischen Mann und Weib, zwischen Eltern und Kindern! Wieviel Hingabe und Opfersinn in Freundschaft und Nächstenliebe, in Volk und Vaterland!
Auch hat es immer wieder ungezählte Einzelpersönlichkeiten gegeben, deren Sinnen und Streben auf das Gute, Wahre und Schöne gerichtet war, deren geistiges Können hervorragende Leistungen auf dem Wege der kulturellen Entwicklung hervorgebracht haben.
Aber, auf das Große gesehen, waren sie stets doch nur ein kleiner Bruchteil, und auch ihr Leben war nicht frei von Fehlern und darum keine vollständige Verwirklichung wahren Menschheitsadels.
So behält, auf die Gesamtentwicklung der Menschheit gesehen, das Wort des großen Völkerapostels Jesu Christi seine erschütternde Gültigkeit: »Sie sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollen« (Röm 3,23).
Wo ist da der »Adel des Menschen«?
Bilanz zweier Weltkriege. Noch größere Gefahren durch Missbrauch der Atomenergie.
Uber 8.500.000 Tote an Armeeverlusten aller kriegsführenden Staaten im Ersten W eltkrieg!2
Über 27.049.000 Tote an Armeeverlusten und 24.949.000 Tote aus der Zivilbevölkerung im Zweiten Weltkrieg. Also Gesamtverluste an Toten 1939 bis 1945: Uber 53 Millionen Tote!
In der Tat, die Frage ist berechtigt. - »Adel des Menschen« heute im 20. Jahrhundert?! Heute im Atom-Zeitalter, wo alle Denkenden Schrecken und Grausen erfaßt, wenn sie sich der Möglichkeit des nahen oder fernen Augenblicks bewußt werden, in dem der Wahnsinnsentschluß eines einzelnen oder einer verbrecherischen oder verzweifelten Regierung durch Einsatz der Atomwaffen und H-Bomben Millionen und aber Millionen von Menschenleben vernichten und Jahrhunderte-, ja, jahrtausendealte, unwiederbringliche Kulturgüter zerstören kann?! »Adel des Menschen« heute in einer Geschichtsperiode, in der die Menschheit mit der Möglichkeit eines völlig unbeschreiblichen Massenmordes spielt, der sich unter Umständen fast bis zum Selbstmord der gesamten, führenden Kulturwelt steigern kann?! Nach den letzten Mitteilungen von Ende 1958 reichen die im Besitz der wichtigsten Großmächte der Gegenwart befindlichen Kernwaffen bereits aus, um unter Umständen die ganze Erde zu entvölkern.4
Ist es angesichts solcher erschreckender Verfallserscheinungen im 20. Jahrhundert - dieser unserer eigenen Gegenwart! - nicht viel richtiger, vom Zeitalter der zerbrechenden Menschlichkeit, vom »Untergang des Abendlandes«, ja, vom Zusammenbruch der Kultur zu reden? Hat nicht die zunehmende Entgottung Europas und der Neuen Welt zu einer Entmenschlichung des Menschen geführt?
Der Mensch, den man früher für einen Fackelträger einer göttlichen Weltvernunft hielt, ist zu einem Rätsel, ja, zu einem Abgrund geworden. »Der Glaube an die Persönlichkeit und Menschlichkeit des Menschen ist in den Erschütterungen der vergangenen Jahrzehnte zu Boden gefallen und zerbrochen. Durch die Greuel, die der Mensch dem Menschen angetan hat, ist das Menschenantlitz geschändet und entstellt worden«.
Der Mensch hat, trotz hervorragendster technischer Erfolge, eine Selbsterniedrigung und Zerstörung des Menschenbildes vollzogen, wie sie einfach beispiellos ist in der ganzen Geschichte seines Geschlechts. Ist es nicht viel wirklichkeitsechter, anstatt von dem Menschen als dem »König der Erde« zu reden, mit Schopenhauer, dem atheistisch-pessimistischen Philosophen, zu sagen: »Die Menschen sind die Teufel der Erde«?!
Immer wieder - und zwar gerade in unserer Gegenwart - hat der Mensch dieselben technischen Errungenschaften, durch die sein Leben hätte gefördert und verschönert werden können, gleichzeitig zur Herstellung der furchtbarsten Waffen gebraucht, um das Leben zu vernichten. »Aus den Autos wurden Panzerkampfwagen, aus den Flugzeugen Bomber, und selbst das Wunder des Rundfunks wurde zu einem Mittel der Völkerverhetzung erniedrigt. Was immer auch Wissenschaft und Technik an Gutem geschaffen haben, es wurde mißbraucht, und aus Wohltat wurde Plage. Und wenn die Menschheit mit der Atomenergie künftighin wiederum nichts Besseres anzufangen weiß, dann allerdings wird die Macht des Atoms zur größten Gefahr, die jemals über unserem Erdball geschwebt hat«.5
»Das Tier ist, mit dem Menschen verglichen, geradezu harmlos. Das Raubtier Mensch bricht los! Der brutale Egoismus fordert sein Recht! Einer wird des anderen Satan!« (Professor Dr. Karl Heim).
Von Hoheit des Menschen wagt man kaum noch zu reden. Der Adelsbrief ist zerrissen. Die Würde, die der Mensch vom Schöpfer empfangen hat, ist verloren gegangen. »Der Mensch ist des Menschen Wolf«.
Nicht sittlicher Adel, sondern moralische Verwerflichkeit, nicht Aufstieg, sondern Absturz, nicht Königtum, sondern Sklaverei, nicht Erfolg, sondern Versagen, nicht Fortschritt, sondern Zusammenbruch, nicht Hoffnung, sondern Verzweiflung!
Ist der Mensch, der König der Erde, nicht gerade jetzt dabei, seinen Herrscherstab in einen Dolch umzuwandeln, um sich dann schließlich selbst in dieses, sein eigenes Schwert hineinzustürzen?
Allerdings! Die Menschheit ist tief gefallen. Nur Oberflächliche, Unwissende und Denkschwache können, ohne Gottesglauben, noch mit froher Zuversicht in die Zukimft schauen. Für jeden, der denken kann und denken will, ist es klar: Das Ende des Humanismus ist da! Die Illusion des Fortschrittglaubens ist seit 1914 zusammengebrochen.
Der Konflikt zwischen wissenschaftlichem Fortschritt und moralischer Entwicklung.
Die Menschheit ist klug, sehr klug. Aber sie ist auch schlecht, sehr schlecht, und zwar ist sie noch schlechter, als sie klug ist. Ihre Bosheit ist grösser als ihre Intelligenz. Mit ihrer technischen und intellektuellen Entwicklung hat ihre moralische nicht Schritt gehalten. Bei allem Fortschritt des »Wissens« ist das »Gewissen« nicht besser geworden. Darum vermehrt die wachsende Erkenntnis die allgemeine Not der Menschheit. Das Ende des Menschen, der, ohne Gott, in Gottes Schöpfungsgeheimnisse eindringt, ist Verzweiflung und Untergang.
Oder wie es der Philosoph Professor Diltey ausdrückt: »Die ethischen Möglichkeiten des modernen Menschen sind den von ihm selbst entfesselten technischen Kräften nicht gewachsen. Die Einheit des Menschen zerbricht. Die Spannung zwischen Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft, zwischen der religiös-sittlichen und der physikalisch-technischen Welt hat die Einheit des Menschen und die dazugehörige harmonische Spannkraft (Polarität) zwischen Intellekt und sittlichem Willen überfordert. Die militärische Verwendung der Atomenergie hat uns an einen Ort geführt, an dem die Trennung von Physik und Ethik zur äußersten Gefahr wird.«
Zugleich zeigt sich, wie durchaus berechtigt die ganz buchstäbliche Erklärung der neutestamentlichen Weissagung vom letzten Weltkrieg vor der Wiederkunft Christi ist, wenn dort vorausgesagt wird, daß in diesem Völkerringen ein Drittel der Menschheit zugrunde gehen wird. »Von diesen . . . Plagen wurde der dritte Teil der Menschheit getötet (d. h., nach dem gegenwärtigen Bevölkerungsstand, über 800 Millionen: Off 9,18 vgl. V. 16)«. »Kriegsheere. . . zweimal zehntausend mal zehntausend«, d. h. zweihundert Millionen Soldaten!
Ganz besonders eindrucksvoll warnt Albert Einstein, der weltbekannte Physiker, in einem im April 1948 gehaltenen Vortrag: »Das wahre Problem liegt in den Herzen und Gedanken der Menschen. Es ist nicht ein physikalisches Problem, sondern ein ethisches. Was uns erschreckt, ist nicht die Explosivkraft der Atombombe, sondern die Macht der Bosheit des menschlichen Herzens, seine Explosivkraft für das Böse. Im Namen Gottes, wenn Sie an Ihn glauben: Nehmen Sie Ihn ernst und beherrschen Sie und bändigen Sie die wissenschaftlichen Entdeckungen; wenn nicht, sind wir verloren«.
Und dennoch reden wir von »Menschheitsadel«! Wir tun dies von der hohen Berufung und Bestimmung des Menschen, von Gott und der Bibel her.
Die biblische Offenbarung - der einzige Ausweg aus der drohenden Katastrophe.
Gott hat der Menschheit eine königliche Aufgabe gegeben. Als der Uberweltliche und Allwissende hat Er von vornherein alle Not und allen Niedergang vorausgesehen. Aber darum hat Er auch in Christus, Seinem Sohne, einen Heilsweg beschlossen. Dieser wird in der Offenbarungsgeschichte vollzogen und durch die Heilige Schrift beurkundet und bezeugt.
Es ist der zuverlässige Weg der Liebe und Heiligkeit des allmächtigen Gottes. Gott hält an Seinem Ziel mit dem Menschen fest. Dem menschlichen Versagen setzt Er Seinen königlichen Erlösungsplan siegreich entgegen. Darum bleibt auch, trotz allen Niedergangs des Menschen, seine Berufung zum Menschheitsadel dennoch bestehen. Zur Durchführung gelangt sie in allen, die sich dem göttlichen Heilswirken im Glauben aufschließen.
Die Bibel ist das Buch, in dem Gott Seine königlichen Heilsgedanken entfaltet. Sie ist die einzige Urkunde von bleibendem Wert, in der die Berufung zum Adel des Menschen wurzelt. Gleich auf den ersten Blättern dieses Gottesbuches wird sie klar bezeugt. »Füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet!« ( 1Mo 1,28).
Mit dem Glauben an die Bibel steht und fällt darum aller wahre Adel des Menschen.
Auf dem Wege der Kultur hat der Mensch unwiderlegbar seine Unfähigkeit erwiesen. Auf dem Wege des biblischen Glaubens bietet Gott ihm in Christus das Heil und die Erfüllung seiner hohen Bestimmung an.
Damit aber ist der Mensch, und zwar gerade auch der moderne Mensch, mitten in allen Erschütterungen seiner eigenen Fehlentwicklung, vor dieses uralte Buch gestellt und wird aufgefordert, irgendwie dazu Stellung zu nehmen.
Die kritische Stellung des modernen Menschen zur Heiligen Schrift.
Ein Suchen und Fragen geht durch die heutige Zeit. Unbefriedigt von den haltlosen Ideen einer kalten, überlebten, materialistischen Weltanschauung, streben viele nach neuen und höheren Idealen. Es gilt, den Sinn unseres Daseins zu erfassen und sich des Adels unseres Mensdiseins bewußt zu werden. Erst von da aus ist es möglich, unser Leben diesem seinem »Sinn« entsprechend praktisch zu gestalten. An der Bibel gehen die meisten, bei diesem Streben nach neuem Lebensinhalt, achtlos vorüber. Ihr steht der moderne Mensch meist schon von vornherein als Zweifler gegenüber.
Ursache hierfür ist zu grossem Teil die Kulturtrunkenheit des neuzeitlichen Fortschritts. Man glaubt, die Bibel hinsichtlich ihres geschichtlichen Wissens und ihrer naturwissenschaftlichen Erkenntnisse überholt zu haben. Ja, sogar ihre übersinnlichen Voraussetzungen seien unhaltbar, besonders ihre Lehren über die Dreieinheit Gottes, Engelwelt, Dasein eines persönlichen Teufels, überhaupt ihr Offenbarungs- und Wunderglaube. Himmel und Hölle seien astronomische Unmöglichkeiten. Ja, nicht wenige meinen, der moderne Mensch habe sich auch über gewisse sittliche und rechtliche Grundbegriffe der Bibel hinausentwickelt. Das neuzeitliche Rechtsempfinden bewege sich auf einer edleren Höhenlage als die Erlösungslehre der Schrift, zumindest gedanklich und grundsätzlich. Denn es sei rechtlich und sittlich unzulässig, das Strafleiden eines Unschuldigen nachträglich einem Schuldigen zu dessen Gunsten anzurechnen, so daß dieser frei ausgehe. Daher die Ablehnung der Stellvertretungslehre der Heiligen Schrift, und damit des Kerns und Herzstücks aller christlichen Heilsverkündigung.
Bei einer solchen Sachlage sei Rückkehr zur Bibel gleichbedeutend mit geistigem und kulturellem Rückschritt. Bibelglaube und Aufwärtsentwicklung seien nicht vereinbar. Zum »Adel des Menschen« gelange man nur durch Überwindung der Bibel.
Mit dieser Abkehr von der Bibel vollzieht aber der Mensch zugleich eine Verwerfung des ihm von Gott selbst gegebenen Adelsbriefes. Mit dem praktisch-moralischen Versagen im Hinblick auf ihre Ansprüche und Verheissungen verbindet er eine theoretisch-weltanschauliche, namentlich naturphilosophische Ablehnung.
Nicht zu allen Zeiten ist dies bei den Völkern des Abendlandes in gleich hohem Maße der Fall gewesen. Es hat Jahrhunderte gegeben, in denen man dem Urteil der Bibel viel bejahender gegenüberstand. Wie ist es zu dieser neuen Grundhaltung gekommen? Welche neuen Fragen, auch im Hinblick auf die hohe Berufung und Königsstellung des Menschen, sind damit verbunden?
Schon sehr bald nach Beginn der Neuzeit wurde diese Entwicklung akut und brennend.
Zweifel an der zentralen Stellung des Menschen im Weltall. Pantheistische Folgerungen aus dem kopernikanischen Weltsystem. Der winzige Mensch und das »unendliche« Universum.
Epochemachend waren schon die geographischen Entdeckungsreisen in der Wende zwischen Mittelalter und Neuzeit. Die bereits im Altertum in der Zeit zwischen dem 6. und 2. Jahrhundert vor Christus verschiedentlich geahnte kugelähnliche Gestalt der Erde wurde durch die Seereisen eines Christoph Columbus (1492, Entdeckung Amerikas) und die erste Weltumsegelung durch Sir Francis Drake (1577- 1580) über jeden Zweifel erhoben.
Dazu kam die Umwälzung des gesamten Weltbildes durch das koernikanische Sonnensystem mit der Sonne als dem Zentrum und den sie umkreisenden Planeten, einschließlich der Erde. Nach der Auffassung des Philosophen Professor Diltey ist diese kopernikanische Erkenntnis des heliozentrischen Systems (griech. helios = Sonne) und ihre einleuchtende wissenschaftliche Begründung »die größte wissenschaftliche Leistung der Menschheit überhaupt.«6
Mit der Erkenntnis der Kugelgestalt der Erde und in Sonderheit der neuen, astronomischen Überzeugung von der »unendlichen« Ausdehnung des Weltraums, wie sie aus dem kopernikanischen System gefolgert wurde, tauchte aber, in ganz neuer Fragestellung, das Problem des »Oben« und des »Unten« auf. Zugleich wurde dies zur Frage nach dem »Jenseits«, zur Frage nach dem Dasein und »Ort« von Himmel und Hölle.
Wo ist nun Gott, der »über« Seiner Kreatur thront? Wo sind die Stätten der seligen und unseligen Geister? Was und wo ist überhaupt »oben« und »unten«? Bleibt nicht jetzt nur noch der Pantheismus übrig, das heißt, die Gleichsetzung von Gott und Welt? Ist nicht der Glaube an einen persönlichen »über«weltlichen Gott als überwunden zu betrachten?
Und ferner: Wie kann, angesichts der neu erkannten, unermeßlichen Größe des Weltalls, jetzt überhaupt noch an der von der Bibel gelehrten überragenden Stellung und Königsberufung der Menschheit im Weltplan Gottes festgehalten werden? Ist doch die Erde so klein und der Mensch so winzig!
Widerlegen nicht jetzt Geographie und Astronomie alle biblische Heilslehre und Theologie? Muß nicht ein Widerstreit entstehen zwischen Christentum und Naturforschung, ein Widerstreit, der sich nicht nur auf gewisse Einzelfragen, sondern gerade auf die entscheidenden Fundamente und Zentrallehren des christlichen Offenbarungsglaubens erstreckt? Ist es nicht klar, daß jetzt kein wissender Mensch mehr an einen persönlichen Gott glauben und von der hohen, kosmischen Berufung des Menschen in biblischem Sinne noch reden kann?
Bereits vor Kopernikus war der erste, der den Gedanken einer Unendlichkeit der Welt aussprach, der aus dem Mosellande (Westdeutschland) stammende Kardinal Nikolaus von Kues (1401-1464). Er ging hierbei von der theologischen Erwägung aus, die Welt als Schöpfung Gottes müsse doch in möglichst großem Maße einen Anteil an den Eigenschaften Gottes und darum auch Seiner Unendlichkeit besitzen.
Die Unendlichkeit des Weltraums wurde dann durch das Sonnensystem des Kopemikus naturwissenschaftlich-astronomisch für seine Zeit einleuchtend bezeugt.
Aufbauend auf die Gedanken des Nikolaus von Kues und des Kopernikus hat dann der aus Italien gebürtige Dominikanerpater Giordano Bruno diese Idee von der Unendlichkeit des Weltraums ohne Oben und Unten auf das Religiös-philosophische übertragen und damit einen letzten entscheidenden Schritt getan. Giordano Bruno erkannte, daß die Fixsterne Sonnen waren, genau so wie »unsere« eigene Sonne. Damit aber war der altgriechische und mittelalterliche Glaube an die Kristallschale des Fixsternhimmels dahin, die wie eine Glocke die Erdscheibe überwölbte und an der die Fixsterne als Lichter fest angeheftet (»fixiert«) seien, außer den »Wandelsternen« (Planeten),7 zu denen man auch Sonne und Mond rechnete. »So erlebte Giordano Bruno als erster Mensch die Unendlichkeit des Raums und sah trunkenen Auges in ein Meer von lauter Sonnen hinaus«.
Daraus ergab sich die Schlußfolgerung auf die Gottesidee. Denn kann man jetzt von »Gott« nicht nur noch im Sinn von »Gottheit« sprechen, im Sinn einer unpersönlichen »Weltseele«, die das All durchdringt und ihre Allgegenwart an jedem Ort, in jedem Ding und in jedem Lebewesen offenbart, so in der Schönheit der Blume, der Majestät der Berge, dem Strahlenglanz der Sonne, dem Licht der Sterne, der Hoheit des Menschengeistes? Bricht aber damit nicht zugleich die ganze biblische Offenbarung zusammen mit ihrem Glauben an einen persönlichen Gott, an Gebetserhörung und Wunder, an Erlösung im Sinn der Bibel, an persönliche Verherrlichung der Einzelseele in einem kommenden Gottesreich? Gewiß kann man auch jetzt noch überzeugt sein von der gegenwärtigen geistigen Größe des Menschen, trotz seiner körperlichen Kleinheit; aber wenn der Einzelne gleichsam nur wie eine Welle im Gesamtozean auftaucht und verschwindet: Wie kann man da noch, was die Ewigkeit betrifft, von einem eigentlichen bleibenden personhaften »Adel des Menschen« reden?
Die Unzulänglichkeit der damaligen Schlußfolgerungen im Lichte der Mathematik des 20. Jahrhunderts.
Heute sehen wir die Dinge anders als die Menschen vor 300 Jahren. Durch die Erkenntnis eines vierdimensionalen Raums tritt das Ganze in ein vollständig neues Licht.
Auch bezweifeln die heutige Physik und Astronomie die Unendlichkeit des Weltalls und sprechen von einem »gekrümmten«, also in sich selbst geschlossenen Raum. Dieser kann, ähnlich wie die Oberfläche einer Kugel, sowohl als endlos wie auch als begrenzt bezeichnet werden, nur eben daß die letztere, als Fläche, lediglich zweidimensional ist (Länge, Breite). Der vier- und mehrdimensionale Raum ist sogar bereits mathematisch (!) berechenbar, auch wenn er über unser Anschauungs- und Vorstellungsvermögen hinausgeht (Länge, Breite, Tiefe ( = Höhe) und jene vierte, unvorstellbare Dimension). Von Bedeutung sind hier unter anderen besonders die Forschungen des großen deutschen Mathematikers und Astronomen K. F. Gauss, dem Begründer der »nicht-euklidischen Geometrie«, und, in der Gegenwart, des bedeutenden englischen Physikers Sir James Jeans. Seit Gauss werden Räume mit mehr als drei Dimensionen untersucht. Auch in der Einsteinschen Relativitätstheorie wird mit vier Dimensionen gerechnet.
Zwar kann sich kein Mensch - auch Einstein selbst nicht - unter einem gekrümmten Raum etwas vorstellen. Aber Albert Einstein vermochte die Krümmung zu berechnen, daraus Folgerungen abzuleiten, ja, sogar gewisse Vorgänge im Weltall vorherzusagen, zum Beispiel die Bahnveränderung des Planeten Merkur in seinem Umlauf um die Sonne.
»Unser mathematisches Denken kann die Grenzen dessen, was wir anschauen können, überschreiten. Denn die mathematischen Formeln, in denen wir die Struktur eines dreidimensionalen Raumes ausdrücken, lassen sich ohne weiteres durch eine entsprechende Abwandlung auf mehr als drei Dimensionen übertragen« (Karl Heim).8 Damit aber wird die Mathematik, diese so »abstrakte« Wissenschaft, die Verbindung - und zwar die einzige Verbindung - die wir zu der vierdimensionalen Welt herzustellen vermögen, gleichwie sie auch der einzige Schlüssel ist, der uns das Tor zu der Wunderwelt der Atome geöffnet hat.
Damit aber ist die »Raumnot« des Jenseits widerlegt. Der Zweifel an Gottes Himmel und dem »Wohnort« der seligen Geister erweist sich als gegenstandslos. Und gerade die Physik, Astronomie und Mathematik des 20. Jahrhunderts haben dem Glauben die Steine aus dem Weg geräumt.
Zunehmende Spannung zwischen Naturforschung und Bibelglaube.
Dies alles war jedoch den Menschen des 16. und 17. Jahrhunderts noch unbekannt. So kam es zu jener scharfen Auseinandersetzung zwischen Kirche und Naturwissenschaft. Das Ergebnis war jene tiefgreifende, stets zunehmende Entfremdung ungezählter Menschen der beginnenden Neuzeit von Kirche und Bibel , wie sie jene Wende zwischen Mittelalter und Neuzeit kennzeichnet.
Schon Kopemikus hatte, obwohl selbst frommer Katholik, im Vorgefühl einer kommenden Gegnerschaft seitens der Kirche und möglicher Verfolgungen, äußerste Zurückhaltung geübt in der Bekanntgabe und Verbreitung seiner neuen astronomischen Erkenntnisse. Nur seinen gelehrten Freunden teilte er seine kühne Lehre mit, daß die Sonne der Zentralkörper sei und daß sich die Erde und die übrigen Planeten um die Sonne drehten. Erst kurz vor seinem Tode entschloß er sich zur Veröffentlichung seines Hauptwerkes, und er lag auf seinem Sterbebett, als ihm das erste Exemplar seines Werkes überbracht wurde ( 1543). Tatsächlich wurde dies sein Hauptwerk 1616 von der katholischen Kirche offiziell verboten, und erst 1822 und 1835, also 292 Jahre nach seinem Erscheinen, wurde dieses Verbot durch päpstliche Erlass wieder aufgehoben.
Neun Jahrzehnte nach Kopernikus’ Tod wurde Galilei, der große italienische Physiker und Astronom, einer der Hauptverfechter des kopernikanischen Weltsystems, trotz seines 70. Lebensjahres, aufgrund eines Inquisitionsverfahrens, 23 Tage lang in Rom in Kerkerhaft gefangen gehalten. Dann wurde er - gegen seine eigene, wissenschaftliche Überzeugung - gezwungen, die kopernikanischen Lehren feierlich abzuschwören (1633). Trotz allem aber wurde er, auch nach seiner Freilassung, bis zu seinem Lebensende unter Aufsicht der Inquisition gestellt.
Das tragischste Geschick - in der Zeit zwischen Kopernikus und Galilei – war das von Giordano Bruno, dem bedeutendsten italienischen Philosophen der beginnenden Neuzeit. Auch er war ein Verfechter des kopernikanischen Sonnen- und Weltsystems. Er verband damit allerdings zugleich die pantheistische Idee, das heisst, die Gleichsetzung von Gott (Gottheit) und Welt. Er wurde im Jahr 1592 von der Inquisition ergriffen, im darauffolgenden Jahr nach Rom ausgeliefert, dort sieben Jahre lang in Kerkerhaft gehalten und schließlich auf dem Scheiterhaufen verbrannt (1600).
Bei einer solchen Gesamtlage und Spannung zwischen Naturforschung und Kirchenglaube war es nunmehr die allzu begreifliche Folge, daß viele Vertreter der neu gewonnenen Erkenntnisse jetzt auch ihrerseits das Kind mit dem Bade ausschütteten und mit den überholten Ideen der bisherigen Naturerklärung auch das Christentum über Bord warfen.
Verstärkt wurde dieser Gegensatz zwischen Christentum und Naturforschung noch durch das jahrhundertelang im Mittelalter fest verankerte Bündnis zwischen Theologie und antikem Weltbild.
Zweifellos war diese Verbindung aufrichtig geglaubt und auch scharfsinnig vertreten. Man glaubte tatsächlich, daß das Weltbild der Bibel das gleiche sei wie das Weltbild des Altertums. In Wirklichkeit aber war es eine Verschmelzung völlig wesensanderer Elemente. Dies gilt besonders im Hinblick auf die Philosophie und Naturauffassung des Aristoteles und Ptolemäus, gewisse Grundbegriffe des römischen Rechts und die Übernahme mancher Vorstellungen aus der Mystik und Symbolik hellenistisch-orientalischer Religionen.
Aber auch schon abgesehen von solchen Einzelheiten war dieses Bündnis zwischen christlicher Theologie und griechischer Philosophie unmittelbar in seinen entscheidenden Fundamenten etwas Zwiespältiges und darum auf die Dauer Unhaltbares.
Denn im tiefsten Grunde handelte es sich nicht nur um eine Übernahme von mehr oder weniger bedeutsamen naturwissenschaftlichen und philosophisch-logischen Einzelgedanken aus dem Griechentum in das christliche Denken, sondern um eine höchst unnatürliche Verbindung von zwei durchaus wesenhaft unterschiedlichen Gottesvorstellungen.
»Gott, Gottheit« bei den Griechen ist das absolut metaphysische Sein, das wesenhaft Seiende in ewiger Unveränderlichkeit und Unbeweglichkeit, das höchste Gut.
»Gott in der biblischen Offenbarung ist der handelnde Sich in heilsgeschichtlichen Taten offenbarende Allmächtige, der über- und innerweltliche persönliche dreieinige Herr der Welt, der in der Fülle innergöttlichen Lebens lebt und aus dieser Fülle heraus Geschichte macht« (Dr. G. Howe).
»Nicht auf der ruhenden, sondern auf der tätigen Eigenschaft liegt der Nachdruck« (Prof. D. Dr. W. Eichrodt, Theologie des Alten Testaments, 1933. S. 93).
Die biblische Offenbarung führt zu Gott als dem Vater Jesu Christi, dem Gott der Erlösung; die menschliche Vernunft führt zu dem ruhenden Welturgrund der griechischen Philosophie, dem »unbewegten« Beweger der Welt (Aristoteles).
Eine solche Verbindung von Antike und Christentum war von vornherein dem Verfall anheimgegeben und mußte sich eines Tages auflösen. Ein Reich - auch ein Reich der Gedanken - das in sich selbst entzweit ist, kann nicht bestehen (vgl. Mt 12,25). Zugleich aber mußte für viele denkende Menschen ein solcher unvermeidlicher Lösungsprozeß zweier sich widersprechender Gottesvorstellungen höchst gefährlich werden für den Glauben an sich.
In der Zeit besonders zwischen Origenes und Augustinus (230- 430) war diese Verbindung von den Kirchenvätern vollzogen worden. Durch das abendländische Mönchtum wurde sie dann in die germanisch-romanische Welt eingeführt.
Ihren vollendetsten Ausdruck hat sie bei Albertus Magnus und in dem System seines großen Schülers Thomas von Aquino gefunden (1225- 1274), das - rein geisteswissenschaftlich gesehen - »eine der größten denkerischen Leistungen der Menschheitsgeschichte« genannt worden ist. Diesem Bündnis zwischen Antike und Christentum verdankte das Abendland seine geistige Formung.
Dennoch wurde es, beim Wiedererwachen freier Forschung und Wissenschaft gegen Ende des Mittelalters zu einem Hauptausgangspunkt für die Abkehr der allgemeinen Öffentlichkeit vom christlichen Bekenntnis.
»Die geistige Entwicklung des Abendlandes in den letzten 300 Jahren versteht man am besten als ein Herauswachsen aus der Naivität des Mittelalters, als eine Verselbständigung der Persönlichkeit. Der Mensch des Abendlandes wird sich in zunehmendem Maße seiner Vernunft bewußt und macht diese immer mehr zum Maßstab der Bewertung und des Verstehens aller menschlichen Verhältnisse, einschließlich seines Verhältnisses zu Gott« (Prof. Dr. H. Rohrbach-Mainz).
Aristoteles (griechischer Philosoph um 350 v. Chr.) hatte das geozentrische Weltbild gelehrt, nach dem die Erde (griech. ge) im Mittelpunkt ruht und die Sonne und die Sterne sich um sie bewegen. Ferner vertrat er die Lehre von den vier Elementen, der zufolge die Natur aus den vier Grundstoffen Feuer, Wasser, Erde und Luft zusammengesetzt sei. Mit diesen Vorstellungen hatte sich die mittelalterliche Kirche für identisch erklärt, so daß sie gleichsam auch als kirchlich sanktioniert gelten konnten.
Daraus aber ergab sich, daß, bei fortschreitender Naturforschung, jede Widerlegung eines naturwissenschaftlichen Irrtums des Aristoteles auch das Ansehen der Kirche beeinträchtigen mußte. Jeder Schlag, den die naturwissenschaftlichen Entdeckungen der Autorität des Aristoteles versetzen sollten, mußte nun auch indirekt die Kirche treffen.
So endete »der scholastische Versuch, die Philosophie und Naturerkenntnis des Aristoteles als Unterbau, Rahmen und begriffliches Werkzeug für die Theologie zu benutzen«, mit einer schweren Bedrohung des christlichen Glaubens durch die moderne Naturwissenschaft. Und zwar wirkte sich dies um so schwerwiegender aus, als die Vertreter des Christentums sich nicht rechtzeitig von dem Erbe der Antike loslösen konnten.9
Dieser Werdegang steigerte sich von Jahrhundert zu Jahrhundert. Immer mehr wurden sich die einzelnen Wissenschaften ihrer Eigengesetzlichkeit bewußt. Immer mehr gelangte man zu der Überzeugung, daß diese mit der Geistesherrschaft der Kirche gar nichts zu tun habe.
Etwas Ähnliches wiederholte sich, wenn auch in wesentlich milderen Formen, im 19. Jahrhundert beim Aufkommen der Erdgeschichte (Geologie).
Damit aber wurde die Naturwissenschaft immer mehr auf die Bahn der Säkularisierung (Verweltlichung) gedrängt. Ein Konflikt entstand zwischen Theologie und Physik, Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft, Gottesglauben und Naturforschung, der von nun an - seit dem Ausgang des Mittelalters - Jahrhunderte hindurch wie ein dunkler Schatten die ganze Geschichte des Abendlandes belastete. Obwohl die großen Schöpfer der modernen Physik - Kepler, Newton und auch Galilei - treue Söhne ihrer Kirche gewesen waren, beschritt diese ihre eigene Wissenschaft, gegen den Willen ihrer Urheber, sehr bald den Weg der Gottesgegnerschaft, ja, wurde schließlich in ungezählten Fällen und in weitestem Ausmaß in allen Kulturländern immer wieder geradezu als Werkzeug radikalster Gottlosigkeit mißbraucht.10
»In zunehmendem Maße schied sich die stets größer werdende Gefolgschaft der neuen Erkenntnisse von den Anhängern eines als traditionsgebundenen und fortschrittfeindlich geltenden Christentums, ein Konflikt, der auf die Dauer beide Konfessionen - den Katholizismus wie ebenso den Protestantismus - betroffen hat.«
Selbsterhöhung und Selbsterniedrigung des Menschen in der geistigen Entwicklung des Abendlandes.
Immer wieder ist die Frage nach dem Adel des Menschen im Verlauf der letzten Jahrhunderte hervorgetreten. Wohl hatte der stets zunehmende allgemeine Unglaube die Bibel, den dem Menschen von Gott Selbst gegebenen Adelsbrief, abgelehnt. Nun aber versuchte er, von sich und seinen Voraussetzungen aus, zu einer eigenen Bejahung der Menschenwürde zu gelangen.
Allerdings, die zentrale Stellung des Menschen im Weltall war ihm unter seinen Schlußfolgerungen aus Astronomie und Naturforschung unglaubhaft geworden. Das Weltall war ja so groß, und Mensch und Erde so winzig und klein!
Wie aber stand es mit der Hoheit des menschlichen GeistesP Waren nicht seine Wissenschaft und Kunst, seine Fortschritte und Kulturleistungen, sein Denken und Streben, eben seine »Vernunft«, ein unwiderlegliches Zeugnis dieser Hoheit und Würde?
So war es schon zu Beginn der Neuzeit in Humanismus und Renaissance vielfach zu einer Selbstverherrlichung des Menschen gekommen. Im Rationalismus des 18. Jahrhunderts zeigte sich geradezu eine fast religiöse Überschätzung, ja Selbstvergötterung der Kraft der menschlichen Vernunft. In der Zeit der Französischen Revolution wurde in der Notre Dame Kathedrale in Paris in einer besonderen Feierstunde einem Mädchen als Symbol der »Göttin der Vernunft« geradezu religiöse Huldigung dargebracht. Im 19. Jahrhundert verkündigte Friedrich Nietzsche in fanatischer Feindschaft gegen allen Gottesglauben das Ideal des »Übermenschen«, dessen Auswirkungen bis in die gewaltigen Geschichtskatastrophen des 20. Jahrhunderts hineinreichten, besonders seine Grundsätze »Wille zur Macht«, »Recht des Stärkeren«, »Jenseits von Gut und Böse«. -
»Wenn es einen Gott gäbe, wie könnte ich es aushalten, nicht Gott zu sein!«
Allerdings gab es auch zahlreiche maßvolle wahrhaft edle idealistische Philosophien und geistige Bewegungen.
Ein besonderes Fragen über die Würde des Menschen aber entstand, als, in Verbindung mit der um 1800 neu entstandenen Wissenschaft der Erdgeschichte und Versteinerungskunde (Geologie und Paläontologie), in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Entwicklungslehre (Evolution) auf den Plan trat. Besonders in der Form der Descendenztheorie Darwins (gest. 1882) und der Affenabstammungslehre seines Schülers Ernst Häckel (Professor in Jena, gest. 1919) wurde der Stammbaum des Menschen in das Tierreich eingegliedert oder zum mindesten von tierähnlichen Vormenschen gesprochen, die sich erst im Verlauf von Hunderttausenden von Jahren zur gegenwärtigen Höhe empor entwickelt hätten.
Wenn aber am Anfang der Menschheitsgeschichte nicht das Paradies steht, sondern das Tierreich: Wo ist da die besondere Einzigartigkeit und Sonderstellung des Menschen? Wenn der Mensch nicht unmittelbar aus der Hand seines Schöpfers hervorgegangen ist, sondern nur mittelbar auf dem Wege ungezählter tierähnlicher Zwischenexistenzen: Wie stimmt dies mit seinem Adel überein? Ist dann nicht die Behauptung der ersten Blätter der Bibel, daß der Mensch eine Sonderschöpfung Gottes sei und von vornherein eine zentrale Stellung im Weltplan Gottes empfangen habe ( 1Mo 1,27; 28) - um mit Em st Häckel zu reden - nichts anderes als »anthropistischer Größenwahn«? (griech. anthropos = Mensch).
Im Natural History Museum in New York sah der Verfasser dieses Buches 1939 eine große Stammtafel des Menschengeschlechts. Auf ihr wurde die Abstammung des Menschen zurückgeführt, über die Säugetiere bis zurück auf die Fische. Geht doch die Abstammung des Menschen nach dieser Meinung schliesslich hinab bis zum einzelnen Urtierchen, sodaß alles aus einer gemeinsamen Wurzel stamme. Da hat die Bibel doch eine höhere Auffassung von der Entstehung und dem Adel des Menschengeschlechts! Nicht zu Unrecht hat der große englische Schriftsteller Thomas Carlyle, wie Dr. A. Neuberg in seinem Buch »Das Weltbild der Biologie« (Göttingen 1942, S. 101) berichtet, folgendermassen dazu Stellung genommen: »Thomas Carlyle war einmal in einer Gelehrtenversammlung, in der das Abstammungsproblem erörtert wurde, und wurde gebeten, sich zu äußern. Er erhob sich und sagte: »Meine Herren, Sie stellen den Menschen um ein weniges höher als die Kaulquappe. Ich halte es mit dem alten Sänger: Du schufest ihn ein wenig niedriger als die Engel«« (Ps 8,6).
Gewiß, durchaus nicht alle Vertreter der Descendenztheorie haben diese äußersten Schlußfolgerungen gezogen. Man sah eben auch in der allmählichen Entwicklung des Menschen ein zwar langsames und stufenweise, aber doch dauerndes Vorwärtsschreiten und Aufwärtssteigen zu seiner gegenwärtigen Höhe und Königsstellung auf Erden.
Aber Millionen von Menschen haben diese Lehren so aufgefaßt.
Sie haben schliesslich in dem Menschen nicht viel Höheres gesehen als ein vollkommener organisiertes und auch geistig höher begabtes
»Menschentier«, das die allgemeine Tierwelt weit übertraf, aber doch aus ihr hervorgegangen war.
Darwin versuchte eine Erklärung der Artenbildung nicht durch neu wiederholte göttliche Schöpferakte oder durch gottgelenkte (theistische) Entwicklung, sondern durch »natürliche Zuchtwahl und Auslese« (natural selection) im »Kampf ums Dasein« (struggle for existence). Dabei sei dieser noch dazu ziellos vom »Zufall« beherrscht gewesen. Mit Recht betont Professor Emil Brunner,11 daß Darwin das allgemein christliche Bekenntnis des modernen Menschen noch mehr erschüttert habe als etwa die Auswirkungen des kopernikanischen Weltsystems. Der moderne Mensch empfindet den Gegensatz zwischen Bibelglaube und Erforschung der versteinerten (fossilen) Menschenreste, also zwischen Theologie und paläontologischer Anthropologie, noch mehr als den Gegensatz zwischen Bibelglaube und Astronomie und Geologie im allgemeinen.
Verstärkt wurden diese naturphilosophischen Zweifel an der Bibel noch durch den Einfluss der anfangs des 19. Jahrhunderts neu aufgetretenen Bibelkritik. Für viele bedeutete die Geschichtskritik am Alten und Neuen Testament eine Herabsetzung der Bibel zu einem Legendenbuch. Und warum sollte die allgemeine Öffentlichkeit sich noch weiter zum Bibelglauben bekennen, wenn viele Vertreter der Kirche selbst - in Theologie und Geistlichkeit - sie in weitgehendem Maße bezweifelten?
Von ebenso weittragender Bedeutung wie die Deszendenztheorie wurde das fast gleichzeitig aufkommende «mechanistische Weltbild» der Physik.
Selbstherabwürdigung des Menschen im mechanistischen Weltbild des 20. Jahrhunderts. Zweifel an der sittlichen Freiheit, der Grundlage alles M enschheitsadels.
Je mehr sich die Naturforschung, besonders Chemie, Physik und Astronomie, weiterentwickelten, desto mehr wurde man von der Naturgesetzlichkeit des gesamten Weltverlaufs überzeugt. Alles vollzieht sich genau in der Verkettung von Ursache und Wirkung. Jedes Geschehen ergibt sich mit Notwendigkeit aus den gegebenen Voraussetzungen. Alles ist von «ehernen Naturgesetzen» beherrscht. Alles ist streng kausal und mechanistisch.
Es ist klar, daß sich mit einem solchen Weltbild der Pantheismus, die Gleichsetzung von Gott und Welt, verbinden kann. Auch ist Platz für den Deismus (lat. deus, Gott), das heißt, den Glauben an das Dasein eines Schöpfergottes, der die Welt ins Dasein gerufen und dann, wie ein Uhrmacher, der sein Uhrwerk in Bewegung gebracht hat, nicht weiter in den Naturverlauf eingreift.
Kein Raum aber ist in einem solchen Weltbild für den theistischen und biblischen Gottesbegriff mit seinem Glauben an Weltregierung Gottes, Gebetserhörung und Wunder, Offenbarungs- und Heilsgeschichte. Denn jedes Wundertun eines solchen Gottes wäre ja eine »Durchbrechung« der von ihm selbst angeordneten Naturgesetze. Der Offenbarungsgott stände in Widerspruch mit sich selbst als dem Schöpfergott. Die Einheit der Gottesidee wäre zerschlagen.
Millionen fallen dem Atheismus anheim. Welt und Materie seien anfangslos und ewig. Raum und Zeit seien absolute Größen. Die Materie sei feste Substanz. Das Universum sei nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich unendlich. Einen Gott und göttliche Offenbarung könne es nicht geben. Der Materialismus triumphiert.
Von gleich großer verheerender Bedeutung sind die sittlichen (ethischen) Folgerungen aus dem mechanistischen Weltbild im Hinblick auf die Würde des Menschen. Denn wenn es wahr ist, daß alles in der Welt - also auch das Menschenleben - »ehernen Naturgesetzen« unterliegt, die den gesamten Ablauf alles inneren und äusseren Geschehens bestimmen, so daß alles von vornherein genau berechenbar ist, dann gibt es auch keine freie Entscheidungsmöglichkeit für den Menschen. Dann ist eben auch der Mensch in seinem Handeln überlegenen, unausweichlichen Naturgesetzen unterworfen. Dann ist er nichts mehr als ein willenloses, bedeutungsloses Stäubchen im Weltall, und es gibt keine sittliche Freiheit. Wenn aber die Freiheit fehlt, fehlt auch die Persönlichkeit. Das mechanistische Weltbild zerstört also den sittlichen Kern alles Menschentums. Es erniedrigt ihn zu einer kleinen Maschine, ja, zu einem bloßen Rädchen im kosmischen Gesamtmechanismus. Es macht ihn zu einem Sklaven überlegener Notwendigkeiten. Es raubt ihm sein sittliches Verantwortungsbewusstsein, vernichtet seine ethische Substanz und liefert ihn dem Fatalismus, das heißt, einem letztlich kapitulierenden «Schicksals»glauben aus. Auf diese Weise zerstört das mechanistische Weltbild ganz praktisch und tatsächlich den »Adel des Menschen«. Der Mensch ist nicht »König der Erde«, sondern der Kosmos ist sein Tyrann. Bejahung des mechanistischen Weltbildes bedeutet folglich Selbsterniedrigung des Menschen.
»So bedeutete die Zerstörung der Ehrfurcht vor Gott und der Natur als Seiner Schöpfung zugleich den Verlust der Ehrfurcht vor dem Menschen selbst, und das Abendland versank in der Öde einer Geschichtslosigkeit und einer Gottlosigkeit, wie sie die Welt noch nicht gekannt hatte.«
Hinzu kam die Propaganda neu entstehender, großer sozialer, wirtschaftlicher und politischer Bewegungen mit weltanschaulichen Zielsetzungen. Bei dem schnellen Fortschritt von Technik und Industrie entwickelten sie sich bald überaus rasch. Unter Berufung auf die soeben genannten geschichtsphilosophischen und besonders naturphilosophischen Gedankengänge suchten sie ihre eigenen, freidenkerischen, antichristlichen, ja oft antireligiösen Ideen in die breiten Massen hineinzutragen.
»Zum ersten Mal erlebte es die Kirche in der abendländischen Geschichte, daß ein neu aufkommender Stand, der Arbeiterstand, nicht mehr in die Kirche eingegliedert werden konnte und zu geschichtlicher Wirksamkeit gelangte, ohne von der Kirche geformt zu sein« (Dr. G. Howe).12
Bei dem allen war die Front der Vertreter des Christentums durch Spaltungen in ihren eigenen Reihen geschwächt. Dazu kam bei nicht wenigen Verfechtern des Bibelglaubens persönliche Unwissenheit und oft ungeschickte und extreme, ja zuweilen rückständige und darum völlig umhaltbare Apologetik (Glaubensverteidigung).13
Andererseits wurden die wesenhaften Fortschritte der Naturforschung vielfach von Männern erreicht, die dem Christentum ablehnend gegenüberstanden, die aber bemüht waren, auf überzeugende Weise auf Hochschulen und Universitäten die große Masse der Studenten in ihrem Sinne zu beeinflußen. Diese aber waren dann der intellektuelle Nachwuchs und folglich die geistigen Führer der kommenden Generation.
So kam es zu leeren Kirchen und vollen Hörsälen, zu einer scheinbaren Überwindung des Christentums durch die moderne Bildung, zu einer immer mehr zunehmenden Abwendung des Abendlandes und der Neuen Welt von Bibel und Gottesglauben. Ja, diese Entwicklung ging vielfach noch weit über den Rahmen der Verneinung des eigentlichen Christentums hinaus und strebte zu einer allgemeinen Abkehr von aller Religion überhaupt.
Der Mensch auf der Flucht vor Gott und doch festgehalten von der Gottesidee. Hier aber stieß dieser Werdegang auf gewisse geistige und psychologische Grenzen.
Denn auch bei aller gewollten Gottlosigkeit wird der Antireligiöse vom »Religiösen« nicht ganz frei. Auch auf der Flucht vor Gott wird der Gottlose von der Gottesidee festgehalten. Auch der Gottesleugner bleibt irgendwie - unbewußt und ungewollt - im Griff einer gewissen Gottesvorstellung. In Vieltausenden von Fällen spricht auch der Gottesleugner von der »Natur« wie in religiösem Sinne und vollzieht in seinem Sprachgebrauch und Gefühlsleben geradezu eine Art Gleichsetzung von »Natur« und Gott (Gottheit), von »Schicksal« und Gottesidee.
So bekommt das mechanistische Weltbild für Millionen seiner Anhänger den Charakter einer Ersatzreligion. Bei aller Ableugnung eines Jenseitsglaubens gelangt man zur Bejahung eines religions-artigen Diesseitsglaubens.
Dadurch aber entsteht in der Seele des Menschen eine widerspruchs volle Doppelsituation:
Im Oberbewußtsein bejaht man den Atheismus, im Unterbewußtsein lebt gleichzeitig ein unklarer Pantheismus.
In Willen und Denken vollzieht man eine Ausstoßung des Göttlichen, in Empfinden und Gefühl verbleibt ein gewisses Unbehagen wegen der dennoch vorhandenen Möglichkeit der Existenz eines Göttlichen, die man ja nicht restlos widerlegen kann.
In der äußeren Propaganda und im äußeren, persönlichen Gebaren zeigt man oft selbstbewußte, ja überhebliche Selbstsicherheit und Betonung des »Fortschritts«; im Wissen ist bei Millionen von Anhängern dieser Diesseitsreligion ein oft erschreckendes Steckenbleiben im Rückschritt. So arbeitet die Propaganda der Gottlosigkeit oft mit »naturwissenschaftlichen« Argumenten des vorigen Jahrhunderts, die von der gegenwärtigen Forschung längst überholt sind. Auch dies ist eine Selbsterniedrigung des Menschen.
So ist auch die Anti-Religion »Religion«. Ja, weitgehend lebt der Unglaube von gewissen Grundbegriffen des Glaubens und bedient sich nicht selten der religiösen Ausdrucksweise von Bibel und Katechismus, z. B. »ewige« Werte, »Heil«, (Selbst!- ) »Erlösung« der Menschheit, »kommendes Reich« der Beglückung, »Friede auf Erden«. So kommt es zu einer Verweltlichung heilsgeschichtlicher Begriffe und die Formensprache des Gottesglaubens wird - mangels eigener produktiver Fähigkeit der Bildung neuer Ausdrucksweisen - in völlig wesensanderem Sinne von der Diesseitsreligion mißbraucht.
Durch dies alles wird das weltanschauliche Denken des Unglaubens immer mehr vernebelt. »Abstrakte Wesenheiten wie Kunst, Wissenschaft, Staat, Gesellschaft, Verbände überpersönlicher Gewalten gleichen zusammengeballten Nebeln, die den Blick hindern, zum Wirklichen zu dringen, und die sich doch nicht greifen lassen und die Wirklichkeit des geschichtlichen und gesellschaftlichen Lebens verschleiern und die Freiheit bedrohen und denen der heutige Mensch weniger denn je gewachsen ist.«14 Immer mehr versinkt der Mensch ins Massenmenschentum. Die Zahl selbständig ernst denkender Einzelpersönlichkeiten bleibt gering.
Die Vertreter des christlichen Zeugnisses müssen dem suchenden und fragenden Menschen Verständnis entgegenbringen.
Bei einer solchen Gesamtlage, die sich in den verschiedenen Kulturländern in weitestem Maße in den Menschen unserer eigenen Gegenwart auswirkt, bei jung und alt, in Schulen und Hochschulen, Fabriken und Kontoren, in Rundfunk und Presse, öffentlichen Vorträgen und Literatur, ja nicht zuletzt in gewissen Staaten auch in Volkspropaganda und Politik, hilft es nun wahrlich nicht, wenn man die auf diese Weise aufgekommenen neuen Fragen einfach ignorieren wollte. Es würde nichts nützen, wenn man sich selbst und dem von Zweifeln oft angefochtenen, aufrichtigen Gottsucher zurufen würde: »Du darfst solche Fragen überhaupt gar nicht stellen!» Du mußt glauben, auch ohne zu sehen!« Denn die Fragen sind doch nun einmal da, und wenn die Wissenschaft zum Beispiel bewiesen hat, daß zwei mal zwei vier ist, so könnte man der Bibel doch gewiß nicht glauben, wenn diese behaupten würde, das Ergebnis sei fünf! Wohl gilt es in der Tat, den Verstand gefangenzunehmen unter den Gehorsam gegen Christus (2Kor 10,5); aber auszuschalten ist er nie und nimmermehr! Nein, gerade die Bibel sagt: »Du sollst Gott den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen, deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Denken» (Mt 22,37). Nie haben, trotz alles Kampfes gegen die Weltweisheit und Philosophie ( 1Kor 1,18-31 ; Kol 2,8), der Herr oder Seine Apostel der Denkträgheit einen Freibrief ausgestellt. »Wir mögen noch soviel gegen den bösen Intellektualismus deklamieren, wir mögen uns mit Recht sagen, daß die göttlichen Geheimnisse über unser Begreifen gehen und daß der unverstandene Besitz eines schlichten, gläubigen Gemüts wertvoller ist als die kalte Erkenntnis eines scharfsinnigen Kopfes: Es bleibt doch dabei, daß die Erkenntnis den Glauben festigt. Sie kann ihn nicht ersetzen; aber sie kann ihm Licht und größere Zuversicht geben.«
Mit Recht war es der Wahlspruch der beginnenden Neuzeit: »Sapere aude!« Wage zu denken! Habe den Mut, deinen Verstand zu gebrauchen!
Der deutsche Mathematiker Professor Dr. Hans Rohrbach-Mainz berichtet in einer seiner Schriften15 folgende Unterhaltung zwischen dem bekannten katholischen Kardinal Faulhaber und dem weltberühmten Physiker Professor Albert Einstein:
»Ich achte die Religion, aber glaube an die Mathematik«, sagte Einstein, »und bei Ihnen, Eminenz, wird es umgekehrt sein.«
»Sie irren«, erwiderte Faulhaber, »Religion und Mathematik sind für mich nur verschiedene Ausdrucksformen derselben göttlichen Exaktheit.«
Einstein war erstaunt: »Aber wenn nun die mathematische Forschung eines Tages ergäbe, daß gewisse Erkenntnisse der Wissenschaft denen der Religion widersprechen?«
»Ich schätze die Mathematik so hoch ein«, war Faulhabers Antwort, »daß Sie, verehrter Professor, dann nie aufhören sollten, nach dem Rechenfehler zu suchen.«
Professor Rohrbach fügt hinzu: »Diese Antwort beruht auf der Gewißheit, daß die Mathematik nicht ein Produkt des menschlichen Geistes, sondern klüger ist als der Mensch - eine Erfahrung, die der Mathematiker und der theoretische Physiker vollauf bestätigen können.«
In der Tat, der Glaube an Gottes Wort braucht sich vor ernsthaftem Denken in keiner Weise zu fürchten. Es wäre zwecklos, um der Naturwissenschaft willen den Glauben abzulehnen oder um des Glaubens willen das Denken preiszugeben. Weder braucht der Glaube die Aussagen der Naturwissenschaft zu beschneiden noch die Naturwissenschaft die Bekenntnisse des Glaubens zurechtzubiegen. Ein Opfer des Verstandes (»sacrificium intellectus«) wird nicht gefordert.
Im Gegenteil, gerade die Bibel schaut beides zusammen: Schöpfung und Schöpfer, Natur und Offenbarung, Sichtbares und Unsichtbares, den Menschen als den Erdenkönig und die Erde als sein Menschheitsreich.
Hier aber kommt der Fortschritt der neueren Forschung dem fragenden Geist direkt zu Hilfe.
Zuerst die Geschichtswissenschaft. Schon kurz vor 1850 und in der Folgezeit haben die Ausgrabungen in Ägypten und Vorderasien, verbunden mit der Entzifferung der Hieroglyphen und der Keilschrift, den geschichtlichen Gesichtskreis des modernen Menschen ungemein erweitert. Sie beweisen das Dasein hoher Kulturen bereits im alten Orient und entziehen vielen vorgefaßten Voraussetzungen der Bibelkritik einfach den Boden. Auch werden die geschichtlichen Angaben der Heiligen Schrift, die von der Bibelkritik ungezählter historischer Irrtümer bezichtigt worden war, durch diese neueren Entdeckungen im Euphrat- und Tigrisland wie auch im Nil-Land immer wieder als richtig bestätigt, und die Bibel geht aus dem Kampf und der Auseinandersetzung stets von neuem als königlicher Sieger hervor. Wir denken hierbei besonders an die Ausgrabungen in Ninive, Babylon, Ur und Uruk im Zweistromland (Mesopotamien) wie ebenso an die Entdeckung der Königsgräber der alten Pharaonen bei Luxor und Karnak, die Funde bei Tel-el-Amama und die Ausgrabungen im Gebiet der Pyramiden in Ober-, Mittel- und Unterägypten.
Zu diesen neueren Ergebnissen der Geschichtswissenschaft kommt ein neues Denken und Erkennen in der Naturwissenschaft. Letzteres besonders im 20. Jahrhundert.
Die Überwindung des mechanistischen Weltbildes durch das «dynamische» Weltbild der neuesten Physik, besonders Atomphysik.
Nach dem Umschwung in der Erforschung des Weltbildes im 16. und 17. Jahrhundert durch die Geographie und Astronomie und im 19. Jahrhundert durch die Geologie und Paläontologie (Erdgeschichte und Versteinerungskunde) ist es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einem dritten, entscheidenden Umschwung gekommen. Unsere Gegenwart ist, geistesgeschichtlich gesehen, eine der bedeutendsten Zeitabschnitte, die der Menschheit je geschenkt worden sind.
Hauptanstoß hierzu war der in der Geschichte der Naturwissenschaften geradezu unvergleichliche Siegeszug der Physik, besonders der Atomphysik. Die ganze Naturwissenschaft steht heute unter dem Zeichen ihrer neu gewonnenen Erkenntnisse.
Es stellte sich heraus, daß die Erscheinungen, die durch diese Forschungen des gegenwärtigen Jahrhunderts bekannt geworden sind, nicht erklärt werden konnten durch die Lehren des Plato und Aristoteles und der anderen großen Denker der Vergangenheit. Die physikalische Forschung sah sich gezwungen, umzudenken und zuzugeben, daß die Wirklichkeit um uns herum anders ist, als die bisherigen Weltanschauungen und Weltbilder sie beschrieben hatten.16
Das materialistisch-mechanistische Weltbild des 19. Jahrhunderts brach zusammen. Die früheren Vorstellungen vom Wesen der Materie wurden widerlegt. Das sogenannte »Weltbild der Neuzeit«, das bis in die jetzige Zeit hinein seine Gültigkeit beansprucht hatte und von Millionen Uneingeweihter auch heute noch als solches angesehen wird, wurde wissenschaftlich überwunden und gehört als überholt der Vergangenheit an. Ein völlig neues, »dynamisches« Weltbild entstand.
Hatte man bisher gemeint, die Urbestandteile der Materie seien feste, starre, unveränderliche, substanzhafte Körperchen, so zeigte es sich jetzt, daß gewisse Strahlen alle, auch die dichten Stoffe, glatt durchdringen. So mußte die Materie also undicht und durchlässig sein, gleichsam wie ein Spinngewebe mit weiten Maschen und mit einzelnen - sogar selten verteilten - »Körnchen«, durch deren Zwischenräume die noch kleineren Teilchen jener anderen Strahlungen frei hindurchgehen konnten.
Mit dieser Erkenntnis verband sich die Feststellung unvorstellbarer Geschwindigkeiten in diesen Urbestandteilen der Materie. Es zeigte sich, daß die Natur überall an der Arbeit ist.
Das also, was man bisher als ruhend und in sich bewegungslos gehalten hatte, erwieselt rasender, wirbelnder Bewegungen. Das Atom, das man früher als etwas »Unteilbares«, Undurchdringliches und Unzerstörbares angesehen hatte, wurde erkannt als ein Verband von Elektronen, die frei im Raum um einen Kern schweben, als ein »System verknüpfter Ereignisse« (Prof. A. Titius). Zwar bezeichnete man es auch fernerhin noch mit seinem althistorischen Namen »Atom«. Aber es war klar geworden, daß das »Atom« in Wirklichkeit kein »a-tomon« ist (von griedi. a = >un<; temno = (zer)schneiden, in Teile zerlegen). Die alte Festigkeit war also dahin.
Angesichts dieser Tatsachen ist das Wort »Atom« im heutigen Sprachgebrauch eine nicht mehr zutreffende Bezeichnung. Der sprachliche Ausdruck »Atomzertrümmerung« (Zertrümmerung von etwas Unteilbarem) ist, physikalisch gesehen, ein Widerspruch in sich selbst. Dennoch ist dieser Ausdruck so volkstümlich geworden, daß er, trotz seiner physikalischen Unrichtigkeit, wahrscheinlich auch weiterhin beibehalten werden wird. Zugleich ist in ihm die Erinnerung an einen Irrtum vieler vergangener Jahrhunderte festgehalten. Schon im 5. Jahrhundert v. Chr. hatte der griechische Philosoph Demokritos von Abdera seine grundlegende »Atom«lehre aufgestellt (460-371 vor Chr. Geb.).
Materie ist Strahlung. Das Weltall, von dem der biblische Schöpfungsbericht spricht, ist ein riesiges Schwingungsfeld.
Nach Rutherford (1911) rasen die negativ geladenen Elektronen in elliptischen Bahnen um die positiv geladenen Atomkerne. Das Elektron des Wasserstoffatoms zum Beispiel eine Million mal tausend Millionen mal in einer einzigen Sekunde, also 1.000.000.000.000.000, das heißt, eine Million Milliarden Umdrehungen in jeder Sekunde. Materie ist ein dauerndes Geschehen.
Dazu kam die Einzelerforschung der Bewegungen in diesen atomaren Energieballungen und elektrischen Kraftfeldern. Besonders bedeutsam wurde die Beobachtxmg des Atomzerfalls und die Möglichkeit einer Atomzertrümmerung.
Bald kam es zur praktischen, technischen Anwendxmg dieser Erkenntnisse für militärische und friedliche Zwecke. Damit aber sind wir in unsere Gegenwart, in das »Atomzeitalter«, eingetreten.
Aus diesem allen ergaben sich zugleich völlig neue Perspektiven auch weltanschaulicher Art. Namentlich führte die Beobachtung des Atomzerfalls und der Atomzertrümmerung geradezu zwangsläufig zu einer Neubesinnung über die Frage nach Anfang und Ende, zeitlicher Endlichkeit und Unendlichkeit des Weltalls und damit auch über die Frage nach einer Weltschöpfung und dem Dasein eines Weltschöpfers. Die großen kosmisdien Grundprobleme von Weltentstehung und Weltuntergang, Beginn und Abschluß des universalen Zeitenlaufs, traten in ein völlig neues Licht. Auch die Stellung des Menschen in Weltall und Erde mußte noch einmal neu überdacht werden.17
Zugleich werden die neu gewonnenen Naturerkenntnisse zu einem Zeugnis von der Unwiderlegbarkeit des biblischen Glaubens, in dem ja die hohe Berufung des Menschen, sein Adel und seine Königsstellung, ihre Grundlage haben.
Denn was der Unglaube im 19. Jahrhundert siegesgewiss als unerschütterliche Überwindung des biblischen Glaubens in die Welt hinausposaunt hatte, wurde durch die Forschungsergebnisse des 20. Jahrhunderts infrage gestellt und wissenschaftlich verneint.
Die Grundvorstellungen im mechanistischen Weltbild waren die Unendlichkeit der Welt, die Absolutheit von Raum und Zeit, die ausnahmslose Kausalität (Ursachenverkettung) alles Naturgeschehens, die Bindung an die »ehernen« Naturgesetze, die Substanzhaftigkeit der Materie und ihre Ewigkeit. Nun erwiesen sich diese Ideen, die geradezu die Götzen des modernen, abendländischen Menschen geworden waren, als menschliche Gedankenkonstruktionen, die wissenschaftlich nicht begründbar waren. Und der Physik selbst war es vergönnt gewesen, in einem über fünfzigjährigen Ringen um ihre eigenen Prinzipien, das mechanistische Weltbild zu überwinden, diese seine Götzen zu stürzen und zu zerschlagen, ihrer Ersatzreligion den Boden zu entziehen und damit den Weg wieder freizulegen für den Glauben.
Mit Recht sagt Dr. A. Neuberg in seinem Buch »Das neue Weltbild der Physik« (Göttingen 1941): »Denen, die etwa noch heute vom Wissenstande der achtziger Jahre aus auf die Gläubigen eines, wie sie sagen, »veralteten Weltbildes« hochmütig herabsehen, ist kurz zu entgegnen, daß sie in einem alten Weltbild leben« (S. 7).
Und ein anderer deutscher Physiker, Dr. Pascual Jordan, Professor an der Universität Hamburg, erklärt: »Die neuen Erkenntnisse der Physik verneinen das alte Weltbild, das seinerseits Gott verneinte.«
Ob der Einzelne allerdings durch dies doppelte Nein zu einem persönlichen Ja zu Gott kommt, liegt in seiner eigenen, freien sittlichen Entscheidung. Durch naturwissenschaftliche Erkenntnisse allein kommt kein Mensch zu Gott. Dennoch mag es manchem eine Hilfe sein, zu wissen, daß die moderne Naturwissenschaft immer mehr zu einer Nicht-Verneinung der Grundlagen des biblischen Weltbildes gelangt.
»Es ist erstaunlich«, sagt Professor Rohrbach in einer 1956 erschienenen Veröffentlichung der Evangelischen Akademie Baden, »in welchem Maße die heutige Naturwissenschaft und die heutige Theologie, diese beiden Wissenschaften, die ja doch bis vor wenigen Jahrzehnten noch als feindliche Brüder verstanden wurden, heute in gleicher Weise zu denken beginnen, ja, zu denken begonnen haben und nun miteinander Gespräche führen, um mehr und mehr festzustellen, daß sie tatsächlich beide von derselben Wahrheit zeugen.«
Die weltanschauliche Erschütterung des modernen, denkenden Menschen unter den Erkenntnissen der Atomphysik.
So stellen wir die Frage nach dem Adel und der hohen Berufung des Menschen in einer Zeit, die ganz neu nach dem Wesen des Weltalls, den Grundlagen des Glaubens und der Stellung des Menschen im Weltplan der Gesamtschöpfung fragt. Es ist eine Zeit, deren geistesgeschichtliche Bedeutung sich nur mit der Entwicklung vor rund 300 Jahren vergleichen läßt, in welcher die Großen der Naturwissensdiaft, ein Galilei, Kopemikus, Kepler, Newton, der europäischen Menschheit ein ganz neues Weltbild schufen.
Damals verschwand die Vorstellung von der stillstehenden Erde, heute die Vorstellung von der ruhenden Materie. Damals kam es zur Erkenntnis von Sonnensystemen im Makrokosmos, heute zur Erkenntnis von »Sonnensystemen« im Mikrokosmos. Dabei ist die heutige Erkenntnis von der Bewegung in der Natur genauso gewaltig und folgenschwer wie die kopernikanische Erkenntnis, daß der Erdball sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit im Weltraum vorwärtsbewegt (40 Kilometer in einer einzigen Sekunde, das heißt, bei einer Umdrehung um die Sonne fast eine Milliarde Kilometer im Verlauf eines Jahres).
Auch gefühlsmäßig befinden wir uns heute in einer ähnlichen Lage wie die Menschen vor 300 Jahren. Die Atomphysik erklärt, daß die scheinbar so feste Materie in Wahrheit fast nur aus leerem Raum besteht. Sie sagt: Die Elementarteilchen eines Kubikmeters Blei - für sich allein genommen und zusammengedrückt – machen noch viel weniger aus als die Größe eines einzigen Stecknadelkopfes (Prof. Dr. A. Titius).18 Ja, die ganze materielle Masse der Erde könnte bequem in ein einziges, einigermaßen großes Gebäude hineingehen (Prof. Dr. Johannes Riem).19
»Auch unser menschlicher Körper ist nichts als ein elektrischer
Mückenschwarm und in der Hauptsache leerer Raum. Man könnte die etwa tausend Quadrillionen Atome eines Menschenkörpers zusammenpressen zu - einem einzigen mikroskopischen Stäubchen« (Dr. A. Neuberg).20
So sind also auch wir selbst - körperlich-materiell - gleichsam
Nichtse, die in einem Nichts schweben. In uns ist fast alles leerer Raum, und um uns und unter uns ist alles fast völlig leere Welt, - ein unermeßlicher, gewaltiger, gähnender Abgrund.
»Da gleicht der Schock, den man empfindet, wenn man diesen Sachverhalt erkennt, dem Erschrecken des mittelalterlichen Menschen, der die Erde plötzlich als kleine Kugel erkennen mußte, die - um sich selbst und die Sonne kreisend - im Weltenraum frei über dem Nichts schwebt« (Prof. Dr. H. Rohrbach).21
Neue Fragestellung nach der Hoheit des Menschen. Drei Hauptgesichtspunkte unserer Darlegungen. Die Bibel - Gottes Antwort auf alle Fragen der Menschenseele.
Und noch einmal tritt das Anliegen an uns heran, das wir bereits am Anfang unseres Kapitels von der Moral aus, in der Mitte unseres Kapitels von der Astronomie, Geologie und Versteinerungskunde aus und nun jetzt, gegen Ende unseres Kapitels, von der Atomphysik aus vor uns sehen: »Wie kann man noch heute, im Atomzeitalter, angesichts der Feststellung solcher Tatsachen, von einem »Adel des Menschen« reden?« Wie sollen die Menschen, diese »Nichtse«, diese Winzigen und Staubgeborenen, in denen noch dazu fast alles leerer Raum ist, im kosmisch-universalen Schöpfungsreich Gottes, des Allhern, irgendwann und irgendwie höchste Ehren erreichen, ja, für alle Sphären und Äonen zu ewiger Adels- und Königsstellung emporsteigen? Wo bleibt der »Adel des Menschen« in seiner Stellung zwischen Stern und Atom?
Und dennoch sagt die Schrift: »Wisset ihr nicht, daß die Heiligen die Welt richten werden?« ( 1Kor 6,2)! »Sie werden herrschen von Ewigkeit zu Ewigkeit« (Off 22,5)! »Fürchte dich nicht, du kleine Herde, denn es ist eures Vaters Wohlgefallen, euch das Reich (die Königsherrschaft) zu geben« (Lk 12,32)!
So treten wir an unsere Frage unter einem dreifachen Gesichtspunkt heran:
Wir stellen sie als Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts, deren allgemeine Gegenwart nicht mehr losgelöst werden kann von der soeben kurz geschilderten, geistigen und weltanschaulichen Gesamtentwicklung des Abendlandes, also als Menschen der Neuzeit. Und wir stellen sie gleichsam als Menschen der ersten Jahrhunderte, die, wie die Urchristen, an die Offenbarung des Alten und Neuen Testaments glauben, wie Gott diese schon vor Jahrtausenden, im Altertum zu geben begonnen hatte, also als Menschen der Bibel. Und wir stellen sie als Menschen, denen Gottes Wort über alle Menschenerkenntnis geht, denen das Überzeitliche und Unwandelbare wichtiger ist als aller zeitliche Wechsel menschlicher Forschung und Weltanschauung.
So verbindet sich in dieser unserer Fragestellung Gegenwart und Vergangenheit, Neuzeit und Altertum, Naturbild und Offenbarungsglaube.
Das Entscheidende aber ist stets Gottes Wort. In seiner Unzerstörbarkeit, Überzeitlichkeit und Lebenskraft ist es die für alle Zeiten in gleicher Weise passende Gottesbotschaft. Gottes Wort ist stets Gegenwart, und Er hält Seine Zusagen, wie »alt« oder »jung« sie auch sein mögen.
Darum kann auch durch die umwälzendsten Forschungen wie durch die Krisen und Katastrophen der Gegenwart die in dieser Gottesoffenbarung wurzelnde, hohe Berufung des Menschen nicht aufgehoben werden. Gott führt Seinen königlichen Plan mit dem Menschen, als dem König der Erde, durch. »Unwiderruflich sind die Gnadengaben und die Berufung Gottes« (Röm 11,29).
Über dies alles gilt es, ernst nachzudenken. Mit Recht sagt der altgriechische Mathematiker und Philosoph Pythagoras: »Die Erkenntnis der Wahrheit beginnt mit Schweigen«, das heißt, mit der stillen, innerlichen Hingabe an sie. Die Wahrheit wohnt in der Tiefe. Denn Gott wohnt in der Tiefe. Er steht hinter allen Dingen. Darum wird nur der zur Erkenntnis der göttlichen Wahrheit gelangen, der sich aufrichtig und ernstlich in sie versenkt.
»Ewigkeit, in die Zeit Leuchte hell hinein,
Daß uns werde klein das Kleine Und das Große groß erscheine, Sel’ge Ewigkeit!«
2 Nach den Angaben der „Encyclopaedia Britannica“ Ausgabe 1947. - Von diesen 8,5 Millionen Toten entfallen 1.773.000 auf Deutschland.↩︎
3 Nach den Feststellungen der Schweizer Zentrale des Roten Kreuzes. Die gleichen Zahlen enthält das Munzinger Archiv. Gesamtverluste Deutschlands im Zweiten Weltkrieg: 6.470.000 Tote. In allen diesen Gesamtzahlen sind die Verwundeten und Gefangenen nicht mit eingerechnet. Hinzu kommen noch über 5 Millionen Vermisste, von denen kein Lebenszeichen einging, besonders aus Gefangenschaft (Soldaten u. Zivilisten).↩︎
4 Vgl. die Zeitschrift „Die Botschaft“, Wuppertal, 15. Dez. 1958.↩︎
5 Otto W. Gail „Der Griff nach dem Atom“, München 1947.↩︎
6 Nikolaus Kopernikus, genauer: Copernicus, wie er sich selbst meistens schrieb, geb. 1473 in Thom, Westpreußen, aus schlesischer Familie.
Eigentlich hatten schon altgriechische Sternkundige gewisse Vorahnungen dieser Erkenntnis gehabt. Bereits Aristardios von Samos (310-250 vor Chr. Geb.) hatte den Gedanken ausgesprochen, daß nicht die Sonne sich um die Erde, sondern die Erde sich um die Sonne bewege. Zu dieser Schlußfolgerung war er sehr stark durch die Einsicht in die alles Irdische übertreffende Größe der Sonne gekommen. Hundert Jahre später hat dann der Bithynier Hippardi von Nicäa (Nordwest-Kleinasien, unweit des heutigen Konstantinopel) einen Sternkatalog aufgestellt, der die Positionen von ungefähr 1080 Sternen umfasste und durch den sich Hipparch (um 160-125 vor Chr.) als der bedeutendste Beobachter des Altertums erwies und der eigentliche Begründer der wissenschaftlichen Astronomie wurde. Vermutungen über eine kugelähnliche Gestalt der Erde hatten auch Anaximander von Milet (6. Jh. v. Chr.) ausgesprochen. Aber dies alles wurde durch das Wirken des in Alexandria (Ägypten) lebenden Geographen und Astronomen Ptolemäus (um 150 nach Chr.) überschattet, der das geozentrische System mit der Erde als dem Mittelpunkt der Welt lehrte und somit die richtigen Ahnungen des Aristarchos auf Jahrhunderte hin, bis zum Beginn der Neuzeit, verdeckte.
So war es erst Kopernikus, durch den diese uralten Einsichten -- fast zwei Jahrtausende nach ihrem ersten Aufdämmern - ihre geschichtliche Wirksamkeit entfalten konnten.↩︎
7 „Planet“ von griech. planao, umherwandem.↩︎
8 Vergl. Prof. Dr. Karl Heim, Die Wandlung im naturwissenschaftlichen Weltbild, Hamburg 1953. S. 106-112. Ebenso: Der christliche Gottesglaube und die Naturwissenschaft, Hamburg 1953. S. 145 f. - Weltschöpfung und Weitende, Hamburg 1952, S. 15. 158-162. - Desgleichen Dr. ing. E. Hitzbleck, Und dieses Leben hat doch einen Sinn, Wuppertal 1951, S. 75-88.↩︎
9 Rohrbach Der naturwissenschaftlich Gebildete und der christliche Glaube. Biblische Universitätsschriften, Wuppertal 1955, S. 2.↩︎
10 Nach Dr. G. Howe, Der Mensch und die Physik, Wuppertal 1958.↩︎
11 Prof. D. Dr. Emil Brunner in „Die christliche Lehre von Schöpfung und Erlösung“, 1952. S. 42.↩︎
12 a. a. O., S. 42.↩︎
13 Zu dem Ganzen vergleiche Prof. G. Howe - Heidelberg, Der Mensch und die Physik, W uppertS 1958. - Ebenso Dr. B. Ramm, B. D., M. A., Ph. D., The Christian View of Science and Scripture, London 1955, S. 15- 18. Diesen beiden ausgezeichneten Büchern verdanken wir wertvolle Hinweise, besonders für unsere Darlegungen auf Seite 24- 32.↩︎
14 Dr. G. Howe. A. a. O. S. 50.↩︎
15 a. a. O., S. 6.↩︎
16 Vgl. Prof. Dr. H. Rohrbach, Grenzen naturwissenschaftlicher Erkenntnis. (Biblische Universitätsschriften), Wuppertal 1956, S. 2. 3.↩︎
17 Auch rein naturwissenschaftlich war eine vollständige Umdrehung der bisherigen Fragestellung eingetreten. „Das, was bisher die letzte Urgegebenheit gewesen war, auf die alles andere zurückzuführen den Sinn der Forschung ausgemacht hatte, - das Atom - das war nun selbst das Fragwürdigste und Erklärungsbedürftigste geworden.
Das, was man bisher als den Schlüssel zur Lösung aller Welträtsel angegeben hatte, das war nun selbst das große Welträtsel geworden.
Der Endpunkt, in dem alles bisherige Fragen zur Ruhe gekommen war, war jetzt der Ausgangspunkt eines neuen, viel radikaleren Fragens geworden“ (Prof. Dr. Karl Heim, Die Wandlung im naturwissenschaftlichen Weltbild. Hamburg 1953. S. 35).↩︎
18 Vgl. Prof. Dr. A. Titius, Natur und Gott, 1931, S. 410.↩︎
19 Prof. Dr. J. Riem, Weltenwerden, Hamburg 1925. S. 4. 5.↩︎
20 Dr. A. Neuberg, Das neue Weltbild der Physik, Göttingen 1941. S. 18.↩︎
21 Prof. Dr. H. Rohrbach, Grenzen naturwissenschaftlicher Erkenntnis. (Biblische Universitätsschriften), Wuppertal 1955. S. 69.
Was den Ausgangspunkt betrifft, so geht die neue Physik des 20. Jahrhunderts allerdings den umgekehrten Weg wie die ältere Physik des 16. und 17. Jahrhunderts.
Die ältere Physik ging vom Makrokosmos aus (Kopernikus, Newton); die neue Physik baut sich vom Mikrokosmos auf.
Die Raumgrößen der älteren „Astrophysik“ (Sternphysik), mit denen sie ihr Weltbild entwarf, waren Millionen von Lichtjahren, also unfaßbar weit und ausgedehnt (ein Lichtjahr = zehn Millionen mal Millionen Kilometer); die Raumgrößen der neueren „Atomphysik“ sind unvorstellbar winzig und klein. In einem Staubkörnchen sind mehr Atome, als es Menschen auf der ganzen Erde gibt, das heißt, über zweitausendfünfhundert Millionen. Ein Sauerstoffatom hat eine sehr kleine Masse. Dank der hohen Experimentierkunst der modernen Physik kann man diese Masse genau angeben. Sie beträgt: 26,4 . 10-24 Gramm.↩︎