Schriften von Erich Sauer
Das »Geistige« am Stoff. Die Überwindung des MaterialismusDas »Geistige« am Stoff. Die Überwindung des Materialismus
»Stoff« (Materie) gibt es im Weltall eigentlich nur unvorstellbar wenig. Hier stehen wir vor drei unbegreiflichen Wundern in der Natur. Das erste ist die fast unglaubhafte Winzigkeit ihrer Urbestandteile.105 Fünf Millionen Eisen-Atome müßte man aneinanderreihen, um die Strecke von nur einem einzigen Millimeter zu erhalten.
Das zweite ist die im Verhältnis hierzu überraschende Grösse der Entfernungen zwischen den Trägern der »Substanzen«, und zwar sowohl in der Atomwelt wie auch in der Stemenwelt.
Daraus ergibt sich, als das Dritte, eine Leerheit des Raumes in der Welt des Allergrößten wie ebenso des Allerkleinsten, die alles Stoffliche fast zu »Nichts« werden läßt und unser Denken einfach dazu zwingt, das Wesenhafte in der Natur nicht in diesem unvorstellbar selten vorkommenden Stoff, sondern in anderen Gegebenheiten zu suchen.
Der süddeutsche Physiker Otto Willi Gail, dessen Bücher in über 40 Ausgaben in nahezu allen europäischen Sprachen erschienen sind, hat in seinem Buch »Der Griff nach dem Atom« (München 1947) diese rätselhaften Verhältnisse durch eine Reihe höchst eindrucksvoller Vergleiche veranschaulicht. Dabei sind die Grundlagen der physikalischen Angaben Gails durch den Physiker Dr. Erich Bagge, Privatdozent an der Universität München, vor ihrer Veröffentlichung überprüft worden. Diese Überprüfung geschah auf Veranlassung von Professor Otto Hahn. Hahn ist der Atomforscher, dem im Jahre 1930 zum ersten Mal die Spaltung eines Uran-Atomkerns gelungen ist und der damit, zusammen mit Sir Ernest Rutherford, einer der Hauptbegründer der Atomtechnik wurde. Die Vergleiche Otto Willi Gails sind also auf streng wissenschaftlichen Grundlagen aufgebaut, so volkstümlich, ja geradezu phantastisch sie auch klingen mögen. Natürlich mußte mit ganz ungeheuren Vergrößerungen gerechnet werden, um diese Verhältnisse »sichtbar« zu machen. Gail rechnet im Folgenden mit einer Vergrößerung von eintausend Milliarden.
Wenn ein Blatt Seidenpapier so dick wäre, daß es nicht mehr zwischen die Erde und den Mond geschoben werden könnte, also dicker als 380.000 Kilometer, dann wäre der Kem eines Atoms so groß wie eine Erbse (Gail, a. a. O. S. 24, 25).
Bei dem gleichen Größenverhältnis könnte ein einziges Bakterium ganz Afrika Zudecken, vom Nil bis nach Kapstadt, und das Haupthaar eines Menschen wäre 60 Millionen Kilometer dick, das heißt über 4.000 mal dicker als der Erdball.106 Der Mensch selbst aber würde ein Weltall-Riesenkoloß, 1.000 mal größer als die Entfernung zwischen Sonne und Erde, also 1000 Mal 149 Millionen Kilometer. Die Sonnenentfernung wäre schon bei einer Höhe von 16 Millimetern von seiner Fußsohle aus erreicht! Wir wiederholen, bei diesen Größenverhältnissen wäre der Atomkern eine Erbse!
Noch unbegreiflich kleiner sind die Elektronen, die wie »Atom- Planeten« um die Atomkerne als ihre »Atom-Sonnen« kreisen. Bei einer gleichen Größe Haupthaar-Durchmesser = 60 Millionen Kilometer, Atomkern = Erbse wären sie - Stecknadelköpfe.107
Zu diesen Wundern der Winzigkeit kommt das Wunder der verhältnismäßig großen Entfernungen. Wenn ein Gesamtatom den Rauminhalt hätte wie der Kölner Dom, so würde der in ihm schwebende Atomkern nur ein Kügelchen von 5 Millimeter Durchmesser sein und alles andere im »Dom« wäre völlig leer. Welch ein unfaßbar geringes Vorkommen von Materie! 108
Da der Durchmesser eines Atomkerns nicht viel größer ist als der 1oo.oooste Teil des Durchmesses des gesamten Atoms, macht der »substanzhafte« Atomkern nur den 100.000 Mal 100.000 mal ioo.oooste Teil des Durchmessers des gesamten Atoms aus, also den zehntausend mal hunderttausend millionsten Teil!109
Als ob der Erdball mit seinem Durchmesser von 13.000 km daraus bestände, daß auf seiner Oberfläche eine oder mehrere Kugeln von je 13 Metern Durchmesser kreisten und im Mittelpunkt sich nur eine Kugel von 130 Metern Durchmesser befände, und das gesamte übrige Erdinnere sei völlig leer!110
Diese Leere im Atomraum entspricht genau der Leere im Weltraum. Zwischen den Atomkernen und den Elektronen in der W elt des Allerkleinsten liegen, im Verhältnis zu ihrer Größe, dieselben ungeheuren Weiten des »Nichts« wie in der W elt des Allergrößten zwischen den Planeten und der Sonne.
In der Sternenwelt ist, nach Professor Schwarzschild, die Verteilung der Sonnen und Sonnensysteme so dünn, als wenn sich durchschnittlich alle 30 bis 100 Kilometer nur ein einzelner Stecknadelkopf fände, und der zwischen den Sternen und Sterngruppen liegende »leere« Zwischenraum muß nach Lichtjahren bemessen werden. (1 Lichtjahr = 10 Millionen mal Millionen Kilometer).
So ist die »Stoff«verteilung im Weltall überall grundsätzlich dieselbe.
Daß es sich bei diesem Ganzen nicht um Phantasieprodukte oder romantische Hypothesen unserer heutigen Physiker handelt, beweist die Tatsache, daß gerade die bedeutendsten Errungenschaften der modernen Technik darauf aufgebaut sind. Nur eben weil das, was wir undurchsichtig und fest nennen, in Wirklichkeit mehr einem losen Spinngewebe mit weiten, leeren Maschen vergleichbar ist und weil in diesem Ganzen sich Teilchen mit unvorstellbaren Geschwindigkeiten bewegen, ist es möglich, daß die Lichtstrahlen durch das Fensterglas, daß die Röntgen- und Kathodenstrahlen durch festen Stoff hindurchdringen, daß die Radiowelle den Ton und das Bild von Kontinent zu Kontinent vermittelt, und zwar mit derartiger Schnelligkeit, daß wir das, was, in London, New York, Shanghai, Sidney oder Kapstadt gesprochen und gespielt wird, fast gleichzeitig - in nur einem winzigen Bruchteil derselben Sekunde - in allen Teilen der Welt vernehmen können. Nur deshalb konnten auch Atombomben und Wasserstoffbomben entwickelt werden sowie der Treibstoff für transkontinentale Geschoßraketen und Erdsatelliten.111
Dies alles aber beweist zugleich eindeutig, daß in der Welt »Stoff« und »Substanz« nicht das Wesentliche sind, sondern vielmehr die Energien und Bewegungen, die Dynamik und die Gesetze, nach denen sich dies alles vollzieht. So hat die Naturwelt geradezu etwas »Geistiges« an sich. »Ja, es sieht so aus, als ob im letzten Grunde nur die Energie als das schaltende Prinzip verbleibe und alle diese Bausteinchen - Atomkerne und Elektronen - fast nichts weiter seien als teils flüchtige, teils dauernde Erscheinungsformen der Energie« (Dr. A. Neuberg, Das neue Weltbild der Physik. Göttingen 1941, S. 36).
So kommt das dynamische Weltbild der heutigen Forschung immer mehr dazu, einen »Hintergrund« zu ahnen, der alles bestimmt, einen Hintergrund, in den wir allerdings nicht hineinzuschauen vermögen. Nur seine »Wirkungen«, eben den »Vordergrund«, können wir erkennen. Dabei ist aber gerade der Hintergrund das Entscheidende. Dieser ist, wie es der englische Physiker Eddington ausdrückt, »ein Unbekanntes, das etwas tut, und wir wissen nicht, was«. Dennoch ist es das Überraschende, daß wir diese Wirkungen messen, registrieren und statistisch erfassen können, ja, daß wir das Tun dieses Unbekannten zum Teil mathematisch beschreiben und sogar gewisse Einzelgesetze erkennen können.
Es ist das Wunder der Mathematik! Die Mathematik ist die Brücke - und zwar die einzige Brücke - zur Welt des Unvorstellbaren in der Kreatur.
Damit aber weist das Weltall auf eine Macht hin, die mit unserem eigenen Geiste etwas gemeinsam hat, nämlich »eine Weise zu denken, die wir, mangels eines besseren Ausdrucks, die mathematische nennen.«112 Oder wie es der Astronom Sir J. Jeans, den Professor Rendle Short einen der größten Geister Englands nennt, anderweitig sagt: »Der Plan des Weltalls scheint das Werk eines reinen Mathematikers zu sein« (The universe appears to have been designed by a pure mathematician).
Der Mathematiker Sir Edmund Whitaker, Professor in Edinburgh, schreibt 1946: »Unser Wissen ist sehr viel größer als dasjenige früherer Zeiten . . . Denn wir haben den Begriff einer mathematischen Struktur gewonnen, die das ganze Weltall umfaßt. Die durch Experimente offenbar gewordenen Tatsachen haben geradezu einen Charakter des Vernünftigen. Die Mathematik, dies System des abstrakten Denkens hat die Kraft, die konkreten Probleme der Physik zu lösen.«113
Damit aber gelangen wir zur Ahnung eines »Geistigen« in der Welt des »Stoffes«. Geist und Materie stehen sich nicht so gegenüber, daß von der Welt des Stofflichen keine Brücke in das Gebiet des Geistigen und Seelischen führte. Der Geist ist auch kein Eindringling in das Reich der Materie, sondern ihr Schöpfer, Meister und Beherrscher. Das Geistige wird offenbar als das Entscheidende im Weltall, und »das Weltall selbst fängt an, mehr einem großen Gedanken zu gleichen als einer großen Maschine« (Sir J. Jeans).
Eine ganz überraschende Beleuchtung empfängt durch diese Er ebnisse der modernsten Forschung das uralte Bibelwort: »Durch den Glauben verstehen wir, daß Gott die Welt aus >Nicht-Erscheinenem< gemacht hat«. Ganz wörtlich übersetzt heißt es an dieser Stelle nicht, »daß Gott die Welt aus >Nichts< gemacht hat, sondern eben aus >Nichterscheinendem<« (Heb 11,3).
Dies »Nicht-Erscheinende« sind natürlich nicht die Elektronen, Protonen und Neutronen selbst. Denn sonst könnte sich ja geradezu der dualistische Gedanke nahelegen, als ob Gott diese unsichtbaren Kräfte (Energien) beim Beginn der Weltschöpfung bereits vorgefunden und dann gleichsam als Sein Baumaterial verwandt habe. Die Bibel jedoch lehrt, wenn zwar nicht ausdrücklich hier, so doch an änderen Stellen völlig unmißverständlich, eine Weltschöpfung aus Nichts (bes. 1Mo 1; Hebr. bara).
Vielmehr ist mit diesem »Unsichtbaren« (Nicht-Erscheinenden), das der Weltschöpfung zugrunde liegt, Gottes schöpferisches Wort gemeint. »Gott spricht, und Sein Wort hat die für uns imbegreifbare Fähigkeit, sich in dieser sichtbaren Wirklichkeit als Energie zu manifestieren« (Prof. H. Rohrbach). So bezeugt es auch der Schöpfungsbericht zehnmal: »Und Gott sprach«, und der Psalmist erklärt: »So er spricht, so geschieht’s; so er gebeut, so steht’s da« (Ps 33,9).
Zweifellos dürfen wir den Verfassern der biblischen Texte nicht modern naturwissenschaftliche Erkenntnisse zuschreiben. Auch ist die Bibel kein Lehrbuch der Naturwissenschaft. Aber Gott, der alles weiß, hat durch die Inspiration von vornherein Sein Wort so gestaltet, daß es zuweilen über das Verständnis auch der Werkzeuge der Inspiration hinausgeht (1Pet 1, n . 12) und, losgelöst von allen zeitgebundenen Auffassungen und Weltbildern, seine Richtigkeit zu allen Zeiten und unter allen Umständen erweist.
Damit aber kommt es zugleich immer mehr zu einer gewissen Annäherung zwischen Theologie und Naturwissenschaft. »Der Gegensatz zwischen Theologie und Physik hat seine Schärfe verloren« (Dr. G. Howe). So verschieden sie auch in ihrem Wesen und in ihren Zielsetzungen sein mögen, so führen sie doch beide - Atomphysik und Bibelglaube - »die sichtbare sinnlich greifbare Welt zurück auf eine unsichtbare, auch den schärfsten und vollkommensten Hilfsmitteln unserer Sinnesorgane bisher verschlossene, nur vom Gedanken zu erfassende Wirklichkeit« (Prof. Dr. A. Titius, a. a. O. S. 620).
Das Entscheidende in der ganzen Natur ist das Nicht-Erscheinende. Das Wesenhafte und Eigentliche liegt im Unsichtbaren. Das Geistige ist der Hintergrund aller Existenz.
Dieser unsichtbare Hintergrund aber weist den Glauben hin auf den eigentlichen Urgrund von allem, den unsichtbaren Gott. Alle diese unsichtbaren Energien, die das Weltall bewegen, sind ein Teil der Ewigkeit Gottes.
Angesichts dieser Tatsachen ist darum auch der Deismus sinnlos, als ob der Schöpfergott die Welt zwar hervorgerufen habe, dann aber nicht mehr in ihr wirksam sei.
Zugleich ist jede rein materialistische Weltanschauung grundsätzlich überwunden. Das ganze materialistische Weltbild des 19. Jahrhunderts wird umgedreht.
Nicht: Kraft (Energie) ist eine Eigenschaft des Stoffes, sondern gerade umgekehrt: Stoff (Substanz) ist eine Erscheinungsform der Energie.
»Die Materie ist mit den Vorstellungen des Materialismus überhaupt nicht zu erfassen. Die materialistische Weltanschauung ist für den heutigen Physiker keine wirkliche Gefahr mehr« (O. W. Gail). Der Satz: »Alles ist Materie« war aufgestellt worden, als noch nicht ein einziges atomphysikalisches Experiment gemacht worden war.
In diesem Zusammenhang nennen wir einen Ausspruch des britischen Naturforschers Lord Kelvin (William Thomson), seinerzeit Präsident der Königlichen Akademie der Wissenschaften in London (Royal Society) und Professor der Physik in Glasgow. Von ihm sagt der Nobelpreisträger Sie William Ramsay114, es gäbe keine Ehre, die die Menschen in ihrer Macht hätten zu erteilen, die groß genug wäre für ihn. Lord Kelvin sagt: »Wenn Sie tief und stark genug denken, werden Sie durch die Naturwissenschaften gezwungen werden an Gott zu glauben, was die Grundlage aller Religion ist . . . Ich habe mich in meinen Veröffentlichungen der vergangenen 50 Jahre viele Male ganz entschieden gegen die Lehre des Atheismus und Materialismus ausgesprochen und zwar aus rein naturwissenschaftlichen Gründen.«115
»Jeder«, erklärt der Hamburger Physikprofessor Bavink, »der auch nur ein wenig von der heutigen Physik wirklich verstanden hat, ist schlechthin gefeit gegen den Unsinn des Materialismus. Auf einen solchen können alle in den »Freidenkerkreisen« noch heute propagierten, alten, materialistischen Argumente nur wie eine Weisheit von Anno dazumal wirken. Er muß und darf darüber lachen und wird in seiner ganzen Umgebung als eine Gesundungszelle wirken. Er braucht nichts weiter zu tun als das, was ihm als tiefere Wahrheit aufgegangen ist, anderen weiterzugeben. Die Wahrheit wirkt immer am besten für sich selbst. Man braucht nichts weiter zu tun als sie möglichst hell scheinen zu lassen.«116
Man hat den Einwand erhoben, daß dies alles notwendig zum
Pantheismus führe, der die Innerweltlichkeit der Gottheit lehrt, aber die Persönlichkeit Gottes verneint.
Diese Schlußfolgerung ist aber durchaus unzureichend. Denn »glaubt der Mensch an einen persönlichen Gott, so ist für ihn die Energie ein Teil aus Gottes Ewigkeit.« Gott Selbst ist sowohl über der Welt als auch in der W elt wirksam. So geht die Gottesidee nicht etwa in der Welt auf, sondern beides ist zugleich wahr: die Immanenz und Transzendenz Gottes, Seine Inner- und Überweltlichkeit.117 Der ganze Weltprozeß wird von Gott getragen, und zugleich ist Er der Allherr und König über das Universum.
Mit all diesen Ergebnissen und Grundsätzen stimmt darum die Überzeugung durchaus überein, die Paulus in seiner Areopagrede in Athen zum Ausdruck bringt: »In Ihm (Gott) leben und weben und sind wir« (Apg 17,28). Christus, der Sohn Gottes, erhält und trägt alle Dinge durch das Wort Seiner Macht (Heb 1,3). Das ganze Universum hat seinen »Zusammen-Bestand« durch Ihn. »Alle Dinge bestehen zusammen durch Ihn« (Kol 1,17).
Alle Energie stammt von Gott. Würde Gott diese Kraftzufuhr dem Universum versagen, so wäre Atomzerfall und Weltuntergang die sofortige Folge, und das Weltall würde in sich Zusammenstürzen.
Gott aber erhält Seine Kreatur. Darum verlegt die Heilige Schrift »den Ausgangspunkt alles Sichtbaren in die Hand des allmächtigen, unsichtbaren Schöpfers, aus der diese unermeßlichen Kräfte schon seit Jahrmillionen ununterbrochen hervorquellen. Es sind die Kräfte, die aus Gott kommen und das unermeßliche All nicht nur ins Leben ge-rufen haben, sondern sie alle, sowohl die winzigen Elektronen wie auch die riesigen Sternkolosse im Weltraum, noch dauernd in Bewegung halten« (Dr. E . Hitzbledc, a. a. O. 1951, S. 69).
Durch dies alles ist das Weltbild der Bibel dem Weltbild ihrer zeitgenössischen heidnischen Umwelt unvergleichlich überlegen. Nach dem Weltbild des Altertums und seiner weiteren Ausgestaltung im Mittelalter waren die beiden Wirklichkeiten, die sichtbare und die unsichtbare, als verschiedene Sphären räumlich voneinander geschieden.
Der Mittelpunkt war die Erde, darüber der Himmel mit Gottes Thron und den Wohnstätten der Engel und der seligen Geister. Alle Einwirkungen der unsichtbaren Welt Gottes auf die Erde geschahen durch räumlich von oben nach unten gesandte Engel oder durch räumlich von oben nach unten wirkende Kräfte. Ganz tief unter dem Irdischen war die W elt der Toten und der unseligen Geister, die »Unterw elt. So entstand ein »dreistöckiges Weltbild«.
Nach der Bibel jedoch sind beide Wirklichkeiten, die sichtbare und die unsichtbare, zwar durchaus nicht (im Sinne des Pantheismus) gleichzusetzen, aber ineinander verwoben. Dies bewirkt schon die gleichzeitige Überweltlichkeit (Ps 93) und Znnerweltlichkeit Gottes (Ps 139) von selbst.
Auch wenn menschliche Werkzeuge der Inspiration den Glauben ihrer Zeitgenossen an das »dreistöckige Weltbild« geteilt haben sollten - und wir sehen keinen festen Grund, dies unbedingt zu verneinen - , so lehrt die Heilige Schrift selbst dennoch an keiner einzigen Stelle, daß die Erde als Scheibe in der Mitte sei und der Hades beziehungsweise die Hölle als Wohnort der Toten und Unseligen räumlich unter ihr sei, und daß der Himmel Gottes und der Engel sich räumlich über dem Firmament befände, das sich, wie eine Kristallglocke, über der Erdoberfläche wölbe.
In jedem Fall ist nicht die Auffassung der biblischen Schreiber, sondern der genaue Bibeltext selbst das Entscheidende. Oft geht ja der von Gott gemeinte Sinn des Schriftwortes über das Verständnis sogar auch der Träger der Inspiration hinaus (1Pet 1,10-12, vgl. unsere Bemerkungen über »Gottgemeinter Sinn und menschliches Textverständnis der biblischen Schreiber«, S. 296).
Tatsache ist, daß die Heilige Schrift diese beiden Wirklichkeiten durchaus realistisch auffaßt und sie nicht als räumliche Gebiete voneinander scheidet, die noch dazu - modern ausgedrückt – durch »astronomische Entfernungen« voneinander getrennt seien.
So brauchten dem Knecht des Propheten Elisa nur die Augen »geöffnet« zu werden, und er sah die Berge von Dothan »voll feuriger Rosse und Wagen« (2Kön 6,17). Dem Zadiarias »erschien« ein E ngel im Tempel (Lk 1,11). So heißt es in dem Bericht über die Verkündigung und den Lobpreis der Engel bei der Geburt Christi ganz schlicht: »Der Engel des Herrn >stand< bei ihnen (den H irten). . . Alsbald >war< eine Menge der himmlischen Heerscharen bei ihm« (Lk 2,9.13). In all diesen Ausdrücken ist die Heilige Schrift außerordentlich nüchtern und zurückhaltend.
Vor allem spricht sie nicht nur von Gottes Wohnort in der Höhe:
»Der Herr wohnt in der Höhe« (Jes 33,5). » Er ist der Hohe und Erhabene, der in der Höhe und im Heiligtum wohnt« (Jes 57,15), sondern ebenso spricht sie von Seiner Kraft, die das Weltall durchdringt, ja von Seiner Allgegenwart sowohl im Himmlischen wie auch in allen Bezirken des Irdischen. »In Ihm leben und weben und sind wir« (Apg 17,28). »Wo soll ich hingehen vor deinem Geist, und wo soll ich hinfliehen vor deinem Angesicht? Führe ich gen Himmel, so bist du da. Bettete ich mir in der Hölle, siehe, so bist du auch da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde mich doch deine Hand daselbst führen und deine Rechte mich halten« (Ps 139,7-10).
So gehören beide Wirklichkeiten zusammen. Dabei »sieht die Bibel, das heißt, die ihr zugrunde liegende Offenbarung, diese beiden, die unsichtbare und die sichtbare, nicht übereinander oder untereinander oder nebeneinander oder umeinander, sondern ineinander, das Sichtbare eingebettet in das Unsichtbare, sodaß sie sich gegenseitig durchdringen. Als Menschen leben wir ständig in beiden Wirklichkeiten« (Prof. Dr. H. Rohrbach).
Wenn darum die Heilige Schrift von Gott als dem »Höchsten« und Seiner Himmelswelt in der »Höhe« spricht, so kann dies nicht in ganz buchstäblichem, rein räumlichem Sinne gemeint sein. Die unsichtbare Wirklichkeit der Welt Gottes ist so herrlich und erhaben, so ewig und unendlich, daß es für uns Staubgeborene, solange wir noch nicht im Zustand der Vollendung sind, keine »Beschreibung«, sondern nur eine »Ahnung« des Himmlischen geben kann, und auch diese Ahnung kann uns nur unter starker Mitbenutzung von Bildersprache vermittelt werden.
In diesem Sinne ist auch das »Oben«-sein des Ewigen zu verstehen. Es ist die sinnhafte Veranschaulichimg der Jenseitigkeit des Göttlichen. Es ist die raumsymbolische Darstellung der Erhabenheit des Uberräumlichen. Darum versinnbildlicht auch die Bibel dies »Uber« durch das »Ober«, das geistig Überlegene durch das räumliche Höherliegen, das »Ü berzeitliche und »Über«räumliche durch das sinnhafte »Ober«räumliche.118
»Seine Gedanken sind >höher< als unsere Gedanken« (Jes 55,9). Jesus hat vom Vater einen Namen empfangen, der »über« alle anderen Namen ist (Phil 2,9). »Deine Gerechtigkeit, o Gott, reicht bis zur Höhe« (Ps 71,19). »Verkündet, daß sein Name >hoch< erhaben ist« (Jes 12,4). Christus soll »hoch« erhoben werden (Phil 1,20).
So ist die ganze Natur Himmels und der Erden von Gottes Macht und Lebenskraft durchdrungen. Alles was wir in der Welt ausser, über und um uns herum sehen, wird gleichsam zu einer ausgereckten Hand, die da hinweist auf Ihn, den Unsichtbaren und doch Gegenwärtigen, Sein Dasein und Wirken, Seine Weisheit und Seine Macht.
Und dann ist auch noch unser eigenes Inneres ein Zeugnis vom Dasein Gottes.
105 Keines Menschen Auge hat je ein Atom gesehen. „In die Bezirke des Atoms reicht kein Mikroskop hinunter, auch nicht das sagenumwobene Elektronen-Ubermikroskop. Dennoch kennt man die Größe u. das Gewicht der einzelnen Atome verblüffend genau. Aus den wahrnehmbaren Wirkungen berechnet die Physik die unwahmehmbaren Ursachen, und diese Rechnungen sind genauer als Zollstöcke, Gold- und Apothekerwaagen.“↩︎
106 Das Haupthaar eines Menschen ist 1As mm dick. Der Durchmesser der Erde ist ungefähr 12 .740 km.↩︎
107 Beim Uran sind es 92 solcher Atomplaneten, beim Eisen 56, beim Kohlenstoff 12 , beim Wasserstoff nur einer (Gail, a. a. O. S. 23 ).↩︎
108 Dabei ist in dem Atomkern wahrscheinlich nur das Neutron „Substanz“. Alles andere, also nicht nur die kreisenden Elektronen, sondern auch im Atomkern selbst die Protonen - sind Energiegrößen, die an bestimmte Raum-Zeit-Verhältnisse gebunden sind.↩︎
109 Vgl. Dr. Graewe u. Dr. Neunhöffer, Lehrbuch der Physik, Stuttgart 1957. S. 179 .↩︎
110 Man hat gefragt: Wie kann man diese Verhältnisse mit der Festigkeit und Härte in Einklang bringen, die doch an den meisten Stoffen zu beobachten ist?
Diese Frage beantwortet Dr. Erich Hitzbleck in seinem Buch „Und dieses Leben hat doch einen Sinn“ (Wuppertal 1951 , S. 35 ) in volkstümlicher und vereinfachter Form durch folgenden Vergleich:
„Wenn wir über diese Schwierigkeit hinwegkommen wollen, dann brauchen wir nur einmal unser Fahrrad auf den Kopf zu stellen und uns eines der beiden Räder vorzunehmen. Solange das Rad stillsteht, können wir mit Leichtigkeit einen Finger zwischen die Speichen stecken. Versetzen wir jetzt das Rad in langsame Drehung, dann ist das auch noch möglich, da die einzelnen Speichen noch sehr langsam aufeinander folgen. Je schneller sich das Rad aber dreht, desto mehr hört diese Möglichkeit auf. Wenn wir uns nun das Rad mit einer außerordentlich großen Geschwindigkeit drehend denken, dann täuschen die Speichen eine Scheibe vor, die wir auch als solche betasten können, ohne Gefahr zu laufen, dazwischenzukommen. Da das Auge ebenfalls dann die sich bewegenden Speichen nicht mehr einzeln verfolgen kann, sieht das ganze Rad wie ein durchsichtiges Scheibenrad aus. Durch die ungeheuer schnelle Drehung ist also aus den einzelnen Speichen gleichsam eine feste Scheibe geworden.“
So besteht auch das Atom in Wirklichkeit fast nur aus leerem Raum; aber es erhält Gestalt und „Festigkeit“ durch die ungeheuer schnelle Drehung des Elektrons um den Atomkern. Hierbei entsteht seine „Größe“ durch die Länge des Umdrehungsradius des Elektrons.
Es ist also diese äußerst schnelle Bewegung der Elementarteilchen, die den optischen Eindruck von etwas Materiellem entstehen läßt.↩︎
111 «Wir stehen im Atom am Urgrund des Seins und spüren bereits das Walten des Welt-Urgesetzes, das wir nicht erfassen können, weil es außerhalb unserer Dimension liegt und identisch ist mit dem Schöpfungsakt. . . Trotz alledem ist es den Physikern gelungen, mit den Atomen umzugehen, sie zu spalten, sie umzuwandeln und ihre Energien freizusetzen. Es ist wie ein Wunder: Der Mensch kann die Vorgänge im Atom nicht begreifen; aber er kann sie beeinflussen und lenken. Er kann das Unbegreifliche bis zu ei- nem gewissen Grade berechnen, und das Resultat bestätigt sich im Experiment“ (O. W. Gail, a. a. O., S. 14).↩︎
112 Jeans.↩︎
113 In seinem Buche Space and Spirit, 1946 , S. 129 . - Whitaker war Mitglied der Akademie der Wissenschaften (Royal Academy).↩︎
114 Chemieprofessor in Bristol und London.↩︎
115 Bei Short, a. a. O., S. 17 .↩︎
116 Prof. Dr. B. Bavink, Die Naturwissenschaft an dem Wege zur Religion. Frankfurt-M., 1934 . S. 79 .↩︎
117 Allein dieser zwischen Pantheismus und einseitigem Theismus vermittelnde Standpunkt des „Pan-en-theismus“ entpridit auch der Gottesanschauung der Heiligen Schrift.↩︎
118 Vergl. E. Sauer, Morgenrot der Welterlösung, Gütersloh 1947 . S. 33 .↩︎