Schriften von Erich Sauer
VII. Der Mensch als Prophet, König und Priester der ErdeVII. Der Mensch als Prophet, König und Priester der Erde
Als geistleiblicher Organismus und freie Persönlichkeit nimmt der Mensch, nach dem Plan des Schöpfers, in seinem Verhältnis zu Gott und Welt eine doppelte Stellung ein. Der Welt gegenüber ist er ihr Herr; Gott gegenüber ist er Sein Abbild. So steht er in der Mitte zwischen Schöpfer und allgemeiner Kreatur, zwischen dieser sinnlich wahrnehmbaren und jener unsichtbaren Welt, zwischen dem Zeitlichen und dem Ewigen.
Der Mensch ist der Herr der irdischen Schöpfung. Dies ist er schon durch seine Erkenntnis. Denn Erkenntnis ist stets Voraussetzung für wahre Ausübung einer Herrschaft. Nur wer eine Sache richtig erkennt, wird ihrer in Wahrheit mächtig und kann sie sich zu eigen und sich untertan machen.
Durch diese seine Erkenntnis aber gewinnt der Mensch eine prophetische Stellung in der Schöpfung. Sein Geist dringt in das Wesen der Dinge ein und erforscht ihre letzten Zusammenhänge und Urgründe. Er erkennt die geistigen Ideen, die hinter allen irdischen Erscheinungsformen stehen. Er erfaßt die ewigen Wahrheiten, die sich in allem Vergänglichen und Sichtbaren zum Ausdruck bringen. Am vollkommensten zeigt sich dies in den Gleichnissen Jesu, des Gottes- und Menschensohnes, dessen vielseitige Büdersprache so naturverbunden und tiefsinnig alles Irdische zum Abbild des Himmlischen adelt. So wird der Mensch durch seine Erkenntnis zum Deuter des Sinnes der irdischen Natur und übt somit in seinem Erdenreich eine prophetische Aufgabe aus.
Diese Erkenntnis ermöglicht sein praktisches Regieren. Mit dem Wissen verbindet sich sein Können. Die Erkenntnis seines Geistes wird zum Herrscherstab seiner Hand. So kann er die Kräfte der Natur gleichsam wie Rosse vor seinen Wagen spannen, auf dem er nun seinen königlichen Triumphzug über die Erde hin hält. Sein Gedanke und sein Wille herrschen über die Welt, und durch diese Verbindung seines Wissens und seines Könnens tritt zu der prophetischen Tätigkeit die königliche hinzu.
Nun aber ist diese Welt nicht nur Königreich des Menschen, sondern in erster Hinsicht Herrschaftsgebiet Gottes. Darum gehört auch der Mensch nicht nur dieser, sondern zugleich jener, der höheren Welt an. Nur dadurch ist er überhaupt Krone der Schöpfung. Nur weil die Ewigkeit in sein Innerstes hineinragt, kann er die irdischen Dinge mit ewigem Inhalt erfüllen. Erst sein Verhältnis zu Gott gibt seinem Verhältnis zur Welt seine tiefste und ewige Wahrheit.
Darum ist das erst unsere höchste königliche Würde, wenn wir die vergängliche Welt dem Dienst des Ewigen weihen.
Damit aber wird die Königsstellung des Menschen zugleich heiliger Priesterberuf. Als Propheten und Könige dieser sichtbaren Welt sind wir Priester der ewigen. Wir weihen das Irdische dem Himmlischen und legen das Erschaffene gleichsam als Opfergabe auf den Altar des ewigen Schöpfers. Als Gottes Stellvertreter und Priester auf Erden haben wir uns selbst und die Welt Gott darzubringen und zu weihen, und damit vollendet sich in dieser priesterlichen Hingabe alles Irdischen an Gott alle Tätigkeit unseres Wissens und Könnens, und des Menschen Prophetentum und Königtum wird vollendet durch sein Priestertum. Darum ist dies die höchste Adelsbestimmimg des Menschen im Hinblick auf seine Aufgabe für die irdische Kreatur, daß er dieses Dreifache in Einem ist: Prophet der Erde, König der Erde und Priester der Erde vor Gott.61
61 Zu diesem letzten Abschnitt 9 vgl. Prof. Dr. Ch. E. Luthardt, Apologie des Christentums. Leipzig 1896 . S. 93-9 6 .↩︎