Man hat es den Aposteln, namentlich Paulus, von nichtchristlicher Seite her zum Vorwurf gemacht, daß bei ihnen das Kreuz Christi gar zu sehr im Vordergrund stehe. Kreuzesbotschaft sei doch Botschaft vom Tode. Der Tod aber ist doch etwas Negatives, ja das Allernegativste vom Negativen. Darum sei das paulinische Christentum eigentlich negatives Christentum. Wir aber brauchen etwas Positives, kein »Nein«, sondern ein triumphierendes »Ja« zum Leben!
Dieser Vorwurf beruht auf einem völligen Mißverstehen der neutestamentlichen Verkündigung. Auch für Paulus ist der Tod Jesu an sich kein Mittel der Erlösung, sondern nur der in der Auferstehung aufgehobene Tod Jesu. »Ist Christus nicht auferstanden, so ist euer Glaube eitel« ( 1Kor 15,14). Gerade für Paulus - und überhaupt das Neue Testament -- ist wahrer Christusglaube Auferstehungsglaube. Nicht der Tod ist das letzte Wort, sondern der Triumph des Lebens.
In besonderer Weise hat man gegen die Botschaft vom »Lamm« Gottes angekämpft. Diese Ausdrucksweise kommt über 35 mal im Neuen Testament vor. »Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde (weg)trägt« (Joh 1,29.36). »Wisset, daß ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem eitlen Wandel nach väterlicher Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes« (1Pet 1,18.19).
Am meisten wird dieser Ausdruck in den Schriften des Johannes gebraucht, besonders in der Offenbarung, dort sogar 29 mal. Das dort benutzte Wort der Ursprache (griech. amion) ist eigentlich eine Verkleinerungsform, »Lämmlein«, und stellt gerade in diesem Buch von der kommenden Weltvollendung desto eindrucksvoller die scheinbare Schwachheit des Gekreuzigten Seinem glorreichen Endtriumph gegenüber. Wenn auch bei Paulus sich der Ausdruck «Lamm Gottes» selbst nicht findet, so nennt er doch Christus, der Sein Leben für uns hingegeben hat, im ersten Korintherbrief das »Passah«. »Unser Passah, Christus, ist geschlachtet« (1Kor 5,7). Dies war umso passender, als Paulus den ersten Korintherbrief kurz vor Pfingsten, also gerade um die Zeit des jüdischen Passahfestes, geschrieben hat (1Kor 16,8).
Gegen diese neutestamentliche Botschaft vom Lamm Gottes hat der Unglaube in vielen Ländern der Welt Sturm gelaufen und tut es auch heute noch. Eine solche Verkündigung sei für uns Menschen von heute geradezu untragbar. Diese weichliche Passionsmystik, diese widerspruchsvolle Leidseligkeit, dies schwächliche Ertragen, diese gefühlvolle Wehleidigkeit widerstrebten jedem gesunden Lebensgefühl. Ein solches Bild eines leidenden, sterbenden, schwach dahin sinkenden Erlösers sei mit der Menschenwürde, dem Kraftbewusstsein und der Charakterstärke eines gesund empfindenden Menschen einfach unvereinbar. Wieviel weniger könne dieser Gekreuzigte noch dazu der Retter der Welt sein!
Hierzu bemerken wir: Neutestamentliche Kreuzesbotschaft und kraftvolles Heldenideal stehen nicht im Widerspruch zueinander, sondern gehören zusammen. Denn was ist das Wesen des Heldischen?
Nicht der ist schon ein Held, der starke Muskeln hat. Sonst müßten ja alle wilden Raubtiere schon Helden sein! Auch der ist nicht ein Held, der bloße Brutalität offenbart und in rücksichtsloser Kraft seinen Gegner roh zusammenschlägt. Sonst müßten ja alle Barbaren und Verbrecher schon Helden sein! Brutalität ist überhaupt nichts Heldisches, sondern Untermenschliches. Nein, das Wesen wahren Heldentums liegt im Geistigen und Sittlichen, nicht im Physischen. Es liegt in einer ganz bestimmten, charakterlichen, sittlichen, idealen Haltung.
Der Soldat ist ein Held, der sich freiwillig der Todesgefahr aussetzt, wenn gerade auf diesem Wege ein Sieg errungen werden kann. Der Gefangene ist ein Held, der sich vom Feind erschießen läßt, nur weil er ein militärisches Geheimnis nicht preisgibt, obwohl er durch Verrat sein Leben leicht retten könnte. Der ist also ein Held, der, trotz der Möglichkeit, einer Gefahr zu entgehen, sich dennoch, um des Ideals willen, dieser Gefahr aussetzt, auch wenn es ihn sein Leben kostet. Zum Wesen des Heldischen gehört demnach ein Fünffaches:
Freiwilligkeit,
Zielstrebigkeit auf ein Ideal,
Einsatzbereitschaft, Selbstopfer,
Hingabe bis in den Tod.
Und gerade im Selbstopfer erreicht das Heldische seinen Gipfelpunkt!
Das aber gerade ist es, was das Opfer von Golgatha so gewaltig macht! Hier sind alle Momente des Heldischen vereinigt. Hier setzt sich Einer ein, der die Möglichkeit gehabt hat, der Schwierigkeit aus dem Wege zu gehen! Hier bleibt Einer am Kreuz, der jede Sekunde hätte herabsteigen und Sich befreien können (Mark, 15,30)! Hier stellt sich Einer dem Tode, dem es ein Kleines gewesen wäre, mit Legionen himmlischer Gewalten Seine Feinde zu zerschmettern!
»Meinst du, daß ich nicht könnte meinen Vater bitten, daß er mir zuschickte mehr denn zwölf Legionen Engel?« (Mt 26,53).
Aber Er wußte: Wenn Er Sich gerettet hätte, hätte Er die anderen nicht retten können. Nur durch stellvertretendes Sterben konnte die Welterlösung ermöglicht werden. Darum, wenn der Welterlöser dem Tode entwichen wäre, wäre dies hohe, ideale Ziel nie erreicht, und die Menschheit bliebe unerlöst. Welche ungeheure Selbstbeherrschung! Welche Diszipliniertheit des Geistes! Welche Konzentriertheit der Willenskraft, vom Kreuz herabsteigen zu können und es doch nicht zu tun (Mt 27,40), die Feinde vernichten zu können und es doch zu unterlassen (Joh 18,6), nicht sterben zu brauchen und dennoch zu sterben, eben nur, um den andern das Leben zu erwerben!
Wahrlich, hier ist Heldentum in dem höchsten und vollkommensten Sinne! Hier ist ein Heldentum, das jedes Heldentum aller Menschheitsgeschichte sonnenhaft überstrahlt! Hier ist ein Heldentum, in dem alle Momente des Heldischen in gewaltigstem Maße vereint sind: Freiwilligkeit, Zielstrebigkeit auf ein Ideal, Einsatzbereitschaft, Selbstopfer, Hingabe bis in den Tod!
Christus war der einzige Mensch auf Erden, der im Sterben aktiv war, der »gestorben ist«. Alle anderen Menschen sind im Sterben passiv, sie » werden gestorben«, das heißt, sie müssen sterben. Christus aber hatte die Vollmacht über den Tod, und ebenso hatte Er auch die Vollmacht über Seine Rückkehr ins Leben, Seine Auferstehung. Er ist nicht gestorben, weil Ihn die Feinde getötet hatten. Er starb auch nicht an gebrochenem Herzen, sondern Er starb, weil Er sterben wollte. So hat Er es Selber gesagt: »Niemand nimmt es (mein Leben) von mir, sondern ich lasse es von mir selber. Ich habe Macht (Gewalt, Vollmacht), es zu lassen, und habe Macht (Gewalt, Vollmacht), es wiederzunehmen« (Joh 10,18).
So ist das Christentum weit davon entfernt, in der Kreuzesbotschaft etwas Weichliches darzubieten. Das Kreuz ist das Zeichen des Sieges. Der äußerlich Widerstandslose ist der Durchbrecher aller Widerstände. Der in scheinbarer Schwachheit Dahinsinkende ist in Wahrheit der sich erhebende, aufrecht stehende Gottesheld.
Diese Hingabe, diese klaglose Bereitschaft zum Leiden und diese Wahrheit des Opfers wurden im Alten Testament, in jahrhundertelanger Heilspädagogik, sinnbildlich vorausdargestellt. Dies geschah durch das Opfern von Lämmern, besonders auf dem Brandopferaltar im Tempel in Jerusalem. Zugleich wurde durch die Makellosigkeit der Opfertiere auf die Reinheit und Vollkommenheit des wahren Opfers, Jesus Christus, prophetisch hingewiesen (2Mo 12,3 ff; 3. Mose 9,3; 23,18 u. oft). Namentlich für ein Hirtenvolk wie das Volk Israel konnte es überhaupt kein passenderes Bild geben. Ein Bild und Vergleich kann aber bekanntlich niemals alles auf einmal darstellen. So drückt auch das Bild vom Lamm noch nicht alles aus, was hier gesagt werden muß.
In Wahrheit war die äußerlich stille (»stumme«) Hingabe des Erlösers (Jes 53,7) nach innen hin zugleich ein gewaltiger Kampf, und gerade in diesem Kampf hat sich Christus als Held siegreich bewährt. Um diese Seite des Heilswerkes nun ebenfalls zum Ausdruck zu bringen, tritt in der biblischen Offenbarung zu dem Bild des Lammes ein zweites Bild notwendigerweise hinzu: das Bild des Löwen. Beide Bilder gehören zusammen. Denn das Endziel der Hingabe des »Lammes Gottes« war von vornherein der königliche Endtriumph.
So hört Johannes in der prophetischen Vision von Offenbarung 5 das siegverkündende Himmelswort: »Siehe, es hat überwunden der Löwe» (V. 5). Als er aber hinschaut, um den »Löwen« zu sehen, sieht er ein - Lamm. »Und ich sah inmitten des Thrones . . . ein Lamm stehen, wie geschlachtet« (V. 6). Das Lamm ist eben zugleich der Löwe. Die äußerliche, scheinbare Wehrlosigkeit entsprang innerer, ungeheurer Willenskraft.
Das Heil der Welt konnte nur durch Überwindung der Sünde bewirkt werden. Denn die Sünde ist die Urwurzel aller Not. Sünde aber ist Trennung von Gott, dem Lebendigen, also Trennung vom Leben und folglich Tod. Zugleich ist sie Wirklichkeit und Geschichte und kann darum auch nur auf dem Wege wirklicher Geschichte vollgültig behandelt und ausgeschaltet werden. Darum konnte Gottes Sieg in der Welt nur durch geschichtliche und richterlich-heilige Stellungnahme zur Sünde errungen werden. Eine wirkliche Sühne mußte eintreten, die dann dem Wesen der Sünde entsprach.
Der Sünde Sold aber ist der Tod (Röm 6,23). Darum gibt es Überwindung der Sünde und des Todes nur durch ein stellvertretendes Sterben. »Ohne Blutvergießen gibt es keine Vergebung« (Heb 9,22). Darum musste der Heilsmittler, wenn Er Sein Ziel erreichen wollte, auf Anwendung aller Ihm an sich zur Verfügung stehenden (!) Machtmittel zu Seiner Selbstrettung freiwillig verzichten. Jede Selbstbefreiung wäre ein Aufgeben des Heilswerkes gewesen. Jeder äußere »Sieg« wäre hier wirkliche Niederlage geworden. Darum war das äußerliche, sich scheinbar Besiegenlassen in Wahrheit nur die Auswirkung eines gewaltigen, inneren Sieges. Das Sterben als »Lamm« war nur möglich infolge der Lebensenergie des »Löwen«. Christi tiefste Passion war, ihrem Wesen nach, allerhöchste Aktion. Nur weil Er der Löwe war, konnte Er das »Lamm« sein.
Der Tag aber wird kommen, an dem dies alles weltweit offenbar wird. Dann wird jedermann erkennen, daß der heldenhaft Gestorbene zugleich der göttlich Auferstandene ist. Alle werden es sehen, daß der Gekreuzigte der Gekrönte ist. Das Lamm ist der Held, ja, Er ist mehr als ein Held, nämlich Gottessohn und Welterlöser, Todesüberwinder und Triumphator, Herr des Kosmos und darum auch Herr des Weltgerichts (Joh 5,27; Apg 17,31). Und dann wird die ungläubige Welt es voller Schrecken erleben, daß es auch einen »Zorn« des Lammes gibt! »Dann werden sie sagen zu den Bergen und zu den Felsen: Fallet über uns und verberget uns vor dem Angesicht dessen, der auf dem Thron sitzt, und vor dem Zorn des Lammes! Denn es ist gekommen der große Tag Seines Zornes, und wer kann bestehen?« (Off 6,16.17). Diese Frage mögen sich alle Verächter der Kreuzesbotschaft vorlegen!
In diesen Zusammenhang gehört noch ein Zweites. Verschiedentlich bezeichnet die Bibel Christus als den »Hirten« und Seine Nachfolger als Seine »Schafe«. Dies geschieht besonders in der Hirtenrede Jesu (Joh 10) und ebenfalls bei Paulus, Petrus und dem Schreiber des Hebräerbriefes (Apg 20,28; 1Pet 5,2-4; Heb 13,20). Hierbei wurzelt diese Redeweise zugleich im Alten Testament, wo sie sich schon bei Psalmisten und Propheten findet (Ps 23; Hes 34).
»Ich bin der gute Hirte« (Joh 10,12). »Meine Schafe hören meine Stimme« (V. 27). Hierüber ist nicht selten gespottet worden. In Wirklichkeit ist aber auch hier nichts Geringwertiges ausgesagt. Im Gegenteil, worum es sich handelt, ist nichts Geringeres als der Grundsatz der geistlichen Führung. Was ein Hirt seiner Herde ist, das ist Christus für die Seinen. Er geht vor ihnen her. Er bestimmt ihren Weg. Er kennt sie und leitet sie. Er hat die verantwortliche Führung. Sie aber haben Ihm zu folgen. Sie haben zu tun, was Er befiehlt. Sie haben sich unter- und einzuordnen und Ihm zu gehorchen. »Ich kenne sie, und sie folgen Mir.«
Was aber lag für einen Redner, der in Landbezirken zu Bauern sprach, näher, als zur Veranschaulichung dieses Gedankens auf den Vorgang hinzuweisen, in dem der Bauer oder Kleinstadtbewohner diesen Grundsatz der Führung und Gefolgschaft in seiner eigenen Umgebung tagtäglich geradezu vor Augen sah?! Das aber war der Hirt und seine Herde!
Daß damit nichts Schwächliches gemeint war, war für jeden Kenner der Situation von vornherein klar. In jenen Ländern und Zeiten, in denen diese Gleichnisse gesprochen wurden, war der Beruf eines Hirten durchaus nicht so ungefährlich. Oft galt es, sich kämpferisch für die Herde einzusetzen und im Abwehrkampf gegen wilde Tiere sein Leben zu riskieren. Wie hat doch David seine Herde tapfer verteidigt gegen Löwe und Bär ( 1Sam 17,34.35)! Wie spricht Jesus Selbst vom Kampf des wahren Hirten gegen den wilden Wolf, der die Herde zerstören will (Joh 10,12)! Der orientalische Hirte teilt alles mit seiner Herde. Er ist Tag und Nacht bei ihr. Er erträgt mit ihr alle Unbill der Witterung, Mangel, Durst. Er weiß sich als den verantwortlichen Führer des Ganzen, aber auch als Beschützer des einzelnen. Er ist der, der die Richtung anzugeben, überall vor dem Riß zu stehen und jedem drohenden Angriff die Stirn zu bieten hat.
Zu beachten ist auch, daß gerade das Hauptkapitel des Neuen Testaments vom »guten Hirten« (Joh 10) nicht etwa eine beschauliche Unterredung Jesu mit Seinen Jüngern darstellt, sondern, gerade im Gegenteil, eine Kampfrede Jesu gegen Seine Feinde ist. Diese Auseinandersetzung war veranlaßt durch eine feindselige Stellungnahme der ungläubigen Juden gegen einen Anhänger des Herrn. Sie hatten den geheilten Blindgeborenen aus ihrer Synagoge ausgeschlossen und »hinausgeworfen« (Joh 9,34.35). Daraus ergab sich die Gegenrede Jesu gegen Seine Feinde, und gerade das waren Seine Hirtengleichnisse von Johannes 10! Diese Rede ist also in erster Linie gegen die Pharisäer und deren Mitläufer gerichtet. Gerade in Seiner Hirtenrede kämpft Jesus gegen die falschen Hirten und Verführer, gegen den »Wolf« (V. 12), die »Mietlinge« (V. 12. 13), die »Diebe«, die »Räuber« (V. 1. 8, 12)! Gerade also die Hirtengleichnisse sind aus einer harten Kampfsituation heraus geboren. Ja, diese in AngriflF und Gegenangriff hochgespannte Lage endete sogar damit, daß viele der Angeredeten Christus für besessen erklärten und Ihn am liebsten gesteinigt hätten (V. 20. 31). Hier von Weichlichkeit und schwächlicher Situation zu reden, ist wahrlich ein Fehlurteil offensichtlichster Gedankenlosigkeit und Oberflächlichkeit.