Biblische Demut ist keine charakterliche Ehrlosigkeit. Sie ist das mutige Ergebnis nüchternen Wirklichkeitsseins. Denn es gilt doch, bei aller Bejahung des Guten und Edlen, die Dinge - auch die Menschen - so zu sehen, wie sie nun einmal wirklich sind!
Klein ist der Mensch schon vom kosmischen Gesichtspunkt aus. Denken wir uns alle 30 bis 100 Kilometer einen Stecknadelkopf von einem Millimeter Durchmesser – das ist die Verteilung der Sonnen (!) im Weltenraum. Von diesem Stecknadelkopf, der 1.300.000. Teil - das ist die Erde! Von der Oberfläche dieses mikroskopischen Staubkügelchens ein Fünfzigstel - das ist Europa! Europa von Süditalien bis Nordskandinavien, von der Meeresenge von Gibraltar bis ans Uralgebirge!
Auch das körperliche Gewicht des einzelnen Menschen ist winzig. Es ist der 78sextillionste Teil dieses mikroskopischen »Erd«-Stäubchens (eine Sextillion ist eine Eins mit 36 Nullen)! Alle Menschenbauten der Welt, alle Schiffe, Städte und Dörfer, alles, was die 2400 Millionen Menschen der Gegenwart bewohnen und benutzen, würde, zusammengenommen, noch nicht einmal 21/2 Kubikmeilen ausmachen. Das wäre knapp der iooomillionste Teil dieses kosmischen Stäubchens, das wir »Erde« nennen. Wie sinnlos ist da alle Selbstvergottung! Wie wirklichkeitsfremd, wie rückschrittlich und kindisch, wie naiv und primitiv! Als ob es nie einen Kopernikus, nie eine moderne Astronomie, nie ein neuzeitliches, naturwissenschaftliches Weltbild gegeben hätte!
Klein ist der Mensch aber auch von geistigem Standpunkt aus, trotz all seiner Fortschritte in Wissenschaft und Kunst. Wir sind weit davon entfernt, die Errungenschaften des menschlichen Geistes zu verkleinern. Gerade auf technischem und organisatorischem Gebiet hat der Mensch schier Unglaubliches geleistet. Ja, bis zur Sternenwelt hat sich sein Forschertrieb emporgeschwungen, und er hat die Gesetze von Welten zu erkennen vermocht, die Milliarden und Abermilliarden von Kilometern von unserem Sonnensystem entfernt sind! Aber ebenso wahr ist es, daß er die eigentlichen Urgründe des Seins noch immer nicht erfaßt hat! Auch heute im Zeitalter der Atomforschung, müssen wir feststellen: Wir wissen nicht, was »Stoff« ist; wir wissen nicht, was »Leben« ist; wir wissen nicht, was »Tod« ist.
Wir wissen - ohne göttliche OfiFenbarung - nicht den Ursprung der Welt und ebensowenig das Ziel aller Welt. »Wir schwimmen im Wunder wie der Fisch im Wasser« und erklären täglich Dinge, von denen wir wenig wissen, durch Dinge, von denen wir gar nichts wissen. Wie schon Goethe gesagt hat: »Wir tasten ewig an Problemen. Der Mensch ist ein dunkles Wesen; er weiß wenig von der Welt und am wenigsten von sich selbst.«
An dieser Tatsache haben auch die triumphalen Leistungen der modernsten Naturwissenschaft wesentlich nichts ändern können.
Wohl schauen wir heute tiefer in das Wesen der Materie hinein.
Wohl wissen wir, daß Materie nichts anderes ist als ein Gewimmel vieler kleinster und allerkleinster Teilchen, die mit rasender Geschwindigkeit, nach mathematischen Gesetzen, umeinander und durcheinanderwirbeln. Aber was diese allerkleinsten Elementarteilchen, diese Elektronen, Protonen und Neutronen, eigentlich genau sind, vermag niemand zu sagen.
Inwieweit sind sie körperhaft und substanziell? Inwieweit sind sie vielleicht nur elektrische Teilchen, nur Erscheinungsformen von Energie, die an bestimmte Raumzeitverhältnisse gebunden sind? Entsteht der optische Eindruck von etwas Körperhaftem und Festem vielleicht überhaupt nur durch die Geschwindigkeit ihrer Bewegungen?76
Ja, gibt es überhaupt Materie in dem bisher üblichen körperlichen Sinn? Kann man überhaupt noch sagen: »Materie ist«P Muß man nicht vielleicht besser sagen: »Materie geschieht«? Ist das ganze, scheinbar so Ruhende nicht in Wahrheit ein immerwährendes Tun, ein fortdauernder Strom von Ereignissen?
Kein Mensch - auch keiner der größten Physiker unserer Tage - ist in der Lage, alle diese Fragen restlos zu beantworten. Niemand weiß, was in der Natur eigentlich vor sich geht. Was wir beobachten können, sind nur die Wirkungen im Naturgeschehen, nicht aber das Wesen der Kräfte. »Der Schöpfer hat offenbar dafür gesorgt, daß uns neugierigen Menschen der Blick in Seine Werkstatt bisher versagt bleibt« (Prof. Dr. Karl Heim, a. a. O. S. 166).
Ja, der erfolgreiche deutsch-amerikanische Naturwissenschaftler und Leiter der Raketenforschung der amerikanischen Armee Wernher von Braun, dem am 1. Februar 1958 der Start des ersten amerikanischen Erdsatelliten »Explorer« (Entdecker) gelungen ist, erklärt geradezu: »Je mehr man in die Naturwissenschaft eindringt, desto deutlicher erkennt man, daß die so tiefsinnig klingenden Bezeichnungen in Wirklichkeit schlechte Tarnungen der menschlichen Unwissenheit sind».
So haben sich die Geheimnisse der Naturwelt bei tieferem Eindringen nur noch vermehrt! Je mehr wir in diese Tiefen hineinschauen, desto mehr erkennen wir die Grenzen unserer Vernunft. Nur der Halbgebildete und Unwissende vermag dies zu bestreiten. Pascal sagt: »Der letzte Schritt der Vernunft ist, anzuerkennen, daß es unendlich viel Dinge gibt, die über sie hinausgehen. Und kommt die Vernunft nicht bis zu dieser Erkenntnis, so ist sie sehr schwach!«
»Wir müssen unseren Geist zur Größe der göttlichen Geheimnisse erweitern, nicht aber diese auf die Enge unseres Geistes einschränken«, erklärt Bacon, der große englische Gelehrte. Und in ähnlicher Weise sagt Hamann, der »Magus des Nordens«, einer der größten Denker am Ende des 18. Jahrhunderts: »Weiß man erst, was Vernunft ist, so hört aller Zwiespalt mit dem Glauben auf.«
So erzieht uns die Naturwissenschaft zur Bescheidenheit und Demut. »Es ist eine bekannte Tatsache, sagt Prof. Dr. Luthardt, »daß je gründlicher ein Forscher ist, er auch um so demütiger und bescheidener wird. Denn umso mehr erkennt er seine Grenzen. Je oberflächlicher er dagegen ist, umso hochmütiger pflegt er zu sein.«
Natürlich bedeutet dies nicht etwa eine Empfehlung möglichst großer Unwissenheit. Wie leicht und gedankenlos wird manchmal der weise Satz des Sokrates - aber ohne die Weisheit dieses Sokrates! - nachgesprochen: »Ich weiß, daß ich nichts weiß«. Solchem denkträgen, zum mindesten denkschwachen Unverstand ist dann der Ausspruch eines anderen weisen Mannes entgegenzuhalten: »Wenige Menschen wissen, wieviel man wissen muß, um zu wissen, wie wenig man weiß«. Dennoch bleibt es Wahrheit, daß edles Wissen echte Bescheidenheit fördert.
Dies alles beweist, daß echte Demut kein Widerspruch zur Menschheitsehre ist. Sie ist die sittliche Folgerung, die der König der Erde für sich selbst zieht, wenn er vor der Majestät des Königs des Weltalls steht. Sie ist die notwendige und allein wirklichkeitsechte Haltung, die der denkende und ehrliche Mensch einnimmt, wenn er in die Wunder der Natur und in das Mysterium der Unendlichkeit hineinsieht und sich dabei selber seiner geschöpflichen Begrenztheit und Endlichkeit bewußt wird. Bescheidenheit ist wahre Weisheit. Hochmut ist stets Dummheit.
76 Wir verweisen auf die Anmerkung auf S. 203.↩︎