DIE GRUNDSÄTZLICHE ERMÖGLICHUNG WAHREN MENSCHHEITSADELS DURCH WUNDER UND OFFENBARUNG
Löst die Naturgesetzlichkeit die Heilsgeschichte auf?
Gott ist der Urgrund alles Menschheitsadels. Ohne das Dasein des ewigen Königs gäbe es keine edlen und ewigen Werte im ganzen Universum. Darum sind die Zeugnisse von der Existenz Gottes von so hoher, praktischer Bedeutung für unser Denken und Leben.
Der tatsächlichen Verwirklichung dieser hohen Bestimmung des Menschen stehen aber zwei Haupthindernisse entgegen: seine Vergänglichkeit und seine Sünde, seine Sterblichkeit und das Versagen seiner Sittlichkeit. Das eine ist die existentielle, das andere die praktisch ethische Verneinung seiner hohen Berufung, und der Mensch ist nicht imstande, diese beiden zu überwinden. Darum ist er auf ein Eingreifen Gottes angewiesen, auf eine Offenbarung des Allmächtigen und Heilig-Liebenden in Natur und Geschichte.
Damit aber stehen wir erneut vor einem Grundproblem allerhöchster Bedeutung. Es ist die Frage nach der grundsätzlichen Möglichkeit einer solchen Offenbarung. Zugleich ist sie die Frage nach der Berechtigung des Wunderglaubens. Denn beide gehören unzertrennbar zusammen: Offenbarung und Wunder. Nur auf der Grundlage des Wunders ist Glaube an Offenbarung, Gebetserhörung und geistliche Seelenrettung möglich.
Von vornherein muß klar und unmißverständlich ausgesprochen werden: Es handelt sich hier nicht um ein theoretisches, philosophisches oder theologisches Problem, sondern um die praktische Frage nach unserer eigenen zeitlichen und ewigen Existenz. Von ihrer Beantwortung hängt alle Bejahung oder Verneinung ewigen Menschheitsadels ab. Es ist die entscheidende Frage nach Tod und Leben. Denn daß es ohne göttliches Eingreifen und Veränderung des Menschenherzens durch Erlösung, Bekehrung und Erneuerung keinen wahren Menschheitsadel gibt, daß Kultur, Zivilisation und Fortschritt hier völlig versagt haben, beweist jedem, der da sehen kann und sehen will, nicht nur die geschichtliche Wirklichkeit der vergangenen Jahrtausende, sondern ebenso Politik, Wirtschaftsleben und Moral des gegenwärtigen Atomzeitalters. Man braucht gar nicht einmal Christ zu sein, um dies zu erkennen. Ein allgemeiner, gesunder Menschenverstand und ein nüchterner, historischer Wirklichkeitssinn sind vollkommen ausreichend. Wir haben darum auch gar nicht erst auf den Weltkälte- oder Weltfeuertod zu warten. Nein, wenn die Menschheit nicht eine innerliche Erneuerung erfährt, wird sie eines Tages - vielleicht nicht einmal in allzu ferner Zeit – in den Explosionen ihrer eigenen Atom- und Wasserstoffbomben sich selber vernichten. Das Grundproblem unserer Gegenwart ist nicht die Atombombe, sondern das menschliche Herz.
So stehen wir gerade heute vor einem entscheidenden, unausweichlichen Entweder-oder: entweder moralische Veränderung oder endgültige Vernichtung, entweder Erneuerung der Gesinnung oder Zerstörung des Lebens. »Das wahre Problem liegt in den Herzen und Gedanken der Menschen. Es ist nicht ein physikalisches Problem, sondern ein ethisches . . . Die Wissenschaft ist schneller vorangegangen als das Gewissen.« (Einstein, April 1948).
Bisher aber sind, trotz aller Ideale der Philosophen und aller Bemühungen der Pädagogen, keine Anzeichen dafür erkennbar, daß die Menschheit sich auf dem Wege einer allgemeinen, sittlichen Erneuerung befinde. Im Gegenteil, bei wachsender Intelligenz und voranschreitender Technik verm ehrt sich nur, bei gleichbleibendem Herzenszustand, die drohende Gefahr einer immer näher kommenden, vernichtenden Selbstmordkatastrophe.
Wegen dieser ihrer seit Jahrtausenden nachweisbaren moralischen Kraftlosigkeit ist darum die Menschheit auf eine Rettertat Gottes angewiesen, auf ein erlösendes Handeln, das durch Vergebung der bisherigen Fehlentwicklung, durch Einstrahlung eines neuen Lebens, durch Kraftzuflüsse aufgrund von Gebetserhörung, durch Ermöglichung und Lenkung eines neuen Wandels und Verhaltens einen völlig neuen Menschen schafft. Nur wenn es ein solches Eingreifen Gottes überhaupt geben kann, ist Befreiung des Menschen aus seinen Gebundenheiten, seine Verklärung und Emporhebung in den Vollbesitz seiner Schöpfungswürde möglich (1Mo 1,26-28).
Aber auch dann, wenn es gelingen würde, daß eine Menschheit, die seit Jahrtausenden nur ihr moralisches Versagen bewiesen hat, jetzt plötzlich dennoch durch einen bisher in keiner Weise erkennbaren sittlichen Umschwung alle diese Nöte überwinden und ein geistiges und kulturelles Paradies auf Erden schaffen würde - ein Glaube, zu dem bis heute nicht die allergeringste Berechtigung vorliegt! - , so würde ohne Eingreifen einer höheren Macht einst dennoch alles in Sonnen- oder Feuersglut oder in Finsternis und Vereisung ersterben, und der Tod wäre in jedem Fall der endgültige Sieger!
Darum bleibt es dabei: Wenn es keine Offenbarung und Erlösung, keine Wunder und keine Weltverklärung gäbe, das heißt, kein Eingreifen Gottes in den Natur- und Geschichtsverlauf, wenn vielmehr alles lediglich nach den uns bekannten Naturgesetzen starr abliefe, wäre das letzte Wort über die Menschheit und den Einzelnen, über Erde und Himmel, über Sonnensysteme und Stemenwelten, nur Auflösung und Untergang, ewige Nacht. Ohne das von der Bibel geweissagte große Wunder der Weltvollendung, gäbe es am Schluß nur Vernichtung und Zerstörung, aber keine herrliche Zukunft, keinen einzigen, unendlich fortbestehenden Wert, keinen ewigen Weltsinn, keine Verwirklichung der hohen Königsberufung des Menschen, keinen bleibenden, wahren Menschheitsadel. Ohne das Wunder versinkt alles unentrinnbar in endlose Sinnlosigkeit. Entweder zerstört seine Sünde oder seine Vergänglichkeit die hohe Berufung des Menschen.
Damit ist die Frage nach dem Verhältnis von Naturgesetz und Gottesoffenbarung vor unser Geistesauge getreten. Es ist die Frage, inwiefern wir als Christen des zwanzigsten Jahrhunderts, trotz der Erkenntnis der Naturgesetzlichkeit der Schöpfung, noch an Offenbarung und Erlösung, an persönliche Errettung und Gebetserhörung, an unser eigenes ewiges Heil und wahren Menschheitsadel, an die Wiederkunft Christi und ein kommendes Reich Gottes glauben können. Oder wie es Karl Heim ausdrückt:
»Damit stehen wir vor dem letzten Entweder-Oder zwischen den zwei Möglichkeiten, die heute allein noch übrig geblieben sind:
Die eine Möglichkeit ist der radikale, hoffnungslose Nihilismus, für den der ganze gegenwärtige Weltlauf nur eine Episode ist, die aus dem Nichts auftaucht und wieder im Nichts versinkt, ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen.
Die zweite Möglichkeit ist der universale Osterglaube, den die Urgemeinde in die Welt gebracht hat und der heute noch von ihren Zeugnissen lebt. Nach diesem Osterglauben ist dieser Weltlauf nicht eine Episode, sondern das Vorspiel oder Präludium des neuen Weltzustandes, der allein unserem persönlichen Leben und auch dem Völkerleben seinen wahren ewigen Sinn gibt«.122
Aber wie ist dies denkbar? Bedeutet ein solcher Eingriff des Schöpfers in den Naturverlauf nicht eine Durchbrechung Seiner eigenen Naturgesetze? Kommt nicht ein Gott, der Wunder tut, in Widerspruch zu der von Ihm Selbst gesetzten Weltordnung?
Ja, noch mehr. Wäre darum ein Eingreifen Gottes in den Natur-und Geschichtsverlauf nicht geradezu ein Widerspruch Gottes gegen Sich Selbst? Würde ein wunderwirkender Gott der Offenbarung nicht im Konflikt sein mit Sich als dem Gott der Natur, dem Weltschöpfer, Weltordner und Welterhalter?
Da aber dies doch nie geschehen kann: Löst darum das Naturgesetz nicht alle Heilsgeschichte auf?
Wir sehen: Bei der Bezweiflung von Offenbarung, Gebetserhörung und Wunderglauben geht es nicht um die Allmacht, sondern um die Harmonie Gottes, um die Übereinstimmung Gottes mit Seinem eigenen Wesen. Daß ein Allmächtiger Erlösung, Gebetserhörung und Wunder vollziehen kann, ist jedem von vornherein klar, der überhaupt an die Existenz eines persönlichen Gottes glaubt, und wird auch von solchen niemals bestritten. Wohl aber geht es um die Frage, ob Gott Offenbarung und Wunder wirken will und ob Er es tut.
Zu diesem allen ist im Einzelnen zu sagen:
Die Souveränität Gottes.
Er könnte, wenn Er wollte, den Kausalzusammenhang in jedem Augenblick wie ein Gewebe zerreißen, und wenn es Ihm wirklich gefallen würde, das zu tun und in gewissen Handlungen eine unmittelbare Durchbrechung der Naturgesetze zu vollziehen, so hätte kein Geschöpf das Recht, Ihm dazwischenzureden! Naturgesetze sind überhaupt nicht das Erste und Urspüngliche, womit Sich Gott etwa nachträglich erst noch auseinanderzusetzen hätte. Vielmehr ist das Erste und Ursprüngliche das unmittelbare, freie Handeln des Herrn der Welt selbst! Gott ist der Schöpfer, nicht aber der Gefangene Seiner eigenen Gesetze. Er steht über den Ordnungen in der Natur, und sie stehen unter Ihm. Darum kann Er schalten und walten wie Er will.
Uber die Frage, was ein Widerspruch in Gott wäre, entscheidet Gott Selbst, nicht aber wir, die winzigen, staubgeborenen Kreaturen mit unserem stark begrenzten, an Raum und Zeit gebundenen Denkvermögen. Auch sonst sind wir ja nicht in der Lage, das Ewige voll zu erfassen. Ja, das Überräumliche und Überzeitliche tritt sogar stets als eine unauflösbare Gegengesetzlichkeit (Kant: »Antinomie«) vor unser Geistesauge. Darum hat der Mensch in jedem Fall zu schweigen und die Majestät des Allerhöchsten anzuerkennen.
Außerdem sei bemerkt, daß »Wunderglaube« auch im zwanzigsten Jahrhundert - gerade unter den Bezweiflern der biblischen Offenbarung - garnicht einmal so »unmodern« ist! Dies beweisen Spiritismus und Okkultismus, Astrologie und Wahrsagerei, Besprechen und Zauberei zur Genüge. Tatsache ist, daß Millionen heutiger Menschen
»viel mehr geneigt sind, an die Wunder zu glauben, die der Satan tut, als an die Wunder, die Gott tut. Es gibt viel mehr Heil- und Zauberkünstler, als es Pfarrer gibt, und Menschen laufen haufenweise hin zu diesen Dienern Satans« (Prof. Dr. Rohrbach).123 So hat gerade auch der Mensch unserer heutigen Gegenwart weithin seinen besonderen»Wunder- und Offenbarungsglauben«. Nur ist dieser allerdings dämonisch verzerrt.
Der Wahrscheinlichkeitscharakter der Naturgesetze.
Absolute, »eherne« Naturgesetze in endgültiger Fassung und ausnahmsloser Geltung kennt überhaupt kein Mensch, auch nicht der größte Naturforscher. Ja, gerade er weiß um ihren relativen Charakter.
Naturgesetze sind Zusammenfassungen und Formulierungen von Beobachtungen einer Reihe gleichartig ablaufender Naturereignisse. Zweifellos sind sie als solche bewundernswerte Leistungen des forschenden Geistes und haben zugleich eine ungemein hohe, praktische Bedeutung. Denn sie ermöglichen uns eine gewisse Voraussage für den wahrscheinlichen Ablauf des Naturprozesses. Aber es können jederzeit neue Erfahrungen gemacht werden, die eine Abänderung in ihrer Formulierung erforderlich machen. Ja* nur eine einzige neue
Naturbeobachtung kann dafür ausreichend sein.
Nicht die Tatsachen haben sich nach den von uns formulierten Naturgesetzen zu richten, sondern wir haben die Naturgesetze von den Tatsachen abzuleiten.
Gewiß, je größer die Zahl der Beobachtungen ist, desto größer ist auch die Wahrscheinlichkeit der daraus abgeleiteten Regeln. Darum werden Naturgesetze umso mehr Geltung beanspruchen dürfen, je mehr Einzelereignisse ihnen zu Grunde liegen. Dies ändert aber nichts an der Tatsache, daß sie immer nur Wahrscheinlichkeitsaussagen bleiben, mehr oder weniger »befriedigend genaue Mittelwerte nach der Art einer Statistik« (Prof. Dr. A. Titius). Ein Naturgesetz ist darum nichts anderes als der Ausdruck für das durchschnittliche Resultat zahlreicher bisher beobachteter Vorgänge.
Letzten Endes kommt darum alle Naturgesetzlichkeit niemals über den Charakter einer Wahrscheinlichkeitsrechnung hinaus. Das vollkommen Absolute bleibt unserem Denken unerreichbar. Darum wird jeder naturwissenschaftlich ernst Denkende nur äußerst vorsichtig und bescheiden von der Gültigkeit der von uns formulierten Naturgesetze reden.
Naturgesetze als menschliche Formulierungen
Naturgesetze sind keine unabhängig selbsttätigen Kräfte, die die Welt regieren und den Naturverlauf regeln. Sie sind nicht die weisheitsvolle Macht selbst, die der Welt Ordnung und Ziel setzt, sondern sie sind allgemeine Begriffe, menschliche Denkformen, in denen wir die Natur erfassen – einfach die Regeln, soweit wir sie zu erkennen glauben, daß sie den Ablauf der Naturereignisse zum Ausdruck bringen. Sie sind unsere Formeln, in denen wir regelmäßig beobachtete Erscheinungen zusammenfassen, und bei erweiterten Erkenntnissen müssen wir oft diese Formulierungen abändern.
Kein Naturgesetz kann den Ablauf kommender Geschehnisse erzwingen. Naturgesetze an sich »bewirken überhaupt nichts«. Das Gegenteil zu behaupten, »wäre genau so unsinnig, als wenn man sich vorstellen wollte, die über die Eisenbahnunfälle oder Heiraten vergangener Jahre aufgestellten Statistiken >bewirkten< schon ihrerseits, daß im nächsten Jahr die und die Eisenbahnunfälle oder Heiraten sich ereignen müßten« (Prof. Dr. Bavink, a. a. O. 1934, S. 63).
Darum ist es unmöglich, an die Stelle Gottes die Naturkräfte und Naturgesetze zu stellen. Die Naturkraft in sich allein wäre nur eine blind wirkende Macht, die irgendein Produkt erzeugt, aber keine Intelligenz, die frei waltend einen Zusammenhang herstellt.
Daß aber Gottes Kraft noch andere Wirkungen erzielen kann, die uns in Staunen versetzen - uns die Erdgeborenen - : Das ist für jeden, der an einen lebendigen Gott glaubt, eine Selbstverständlichkeit. Solche außergewöhnlichen Wirkungen der Kraft Gottes nennen wir Wunder.
Naturgesetze schalten eine geistige Leitung nicht aus.
Jedes Spiel eines Geigen- oder Klavierkünstlers beweist dies zur Genüge. Denn auch da vollzieht sich alles auf das strengste und genaueste nach den Gesetzen der Akustik, also nach »unwandelbaren Naturgesetzen«, und dennoch steht alles unter einer bewußten, frei wollenden und gestaltenden, geistigen Leitung. Jedes Einschalten beziehungsweise Wiederausschalten des elektrischen Stroms in der elektrischen Leitung zeigt klar, daß es ein solches Ein- bzw. Wiederausschalten von Naturkräften durch eine geistige Leitung gibt, ohne daß dabei auch nur im Allergeringsten die Naturgesetzlichkeit der Weltordnung verletzt oder gar aufgehoben wird.
So nun auch im Großen: Naturgesetz und Weltregierung schließen sich nicht aus, sondern gehören zusammen. Gott le'tet und regiert die Welt durch Seine Ordnungen in der Natur. Sie sind das gewaltige Szepter in der Hand des großen Weltenkönigs. Höheres aber sind sie auch nicht!
Hierzu kommen noch bedeutsame Beobachtungen der Atomphysik. Heute wissen wir: Die jeweilig erste Wirkung, die sich in einem Atom vollzieht, der erste »Quantensprung« ist unberechenbar. Ohne erkennbaren Anlaß springt das Elektron von einer äußeren in eine innere Bahn. Die Unberechenbarkeit des ersten »Quantensprungs« ist nicht eine Schwäche der Physik, sondern liegt in der Natur der Sache selbst.
Bei der Beschießung von Atomkernen zeigt es sich, daß durchaus nicht jeder Treffer in einem Kern Reaktionen herbeiführt. Wird zum Beispiel eine bestimmte Anzahl genau gleicher Kerne von genau gleichen Geschossen mit derselben Energie unter genau gleichen Bedingungen getroffen, so sollte man erwarten, daß diese gleiche Ursache bei allen Kernen die gleiche Wirkung hervorruft. Das ist aber keineswegs der Fall. Der getroffene Kern hat gewissermaßen eine Auswahl von verschiedenen Möglichkeiten: er kann das Geschoß von sich abprallen lassen, ohne selbst beschädigt zu werden; er kann es in sich aufnehmen; er kann sich selbst spalten, oder es können Teile aus ihm herausgerissen werden, oder er kann aber auch überhaupt gar nicht reagieren. In jedem einzelnen Fall bleibt es eine unvorherzusehende fre ie Entscheidung der Natur, welche von diesen Möglichkeiten verwirklicht wird.124 Aus ein und derselben Ursache können sich verschiedene Wirkungen ergeben.
»Wir wissen nicht, warum dies so ist. Aber eines steht fest: Das Kausalitätsprinzip von der lückenlosen Verkettung von Ursache und Wirkung trifft auf die Unterwelt der Atomkerne nicht zu. Der einzelne Kern zeigt eine eigentümliche Freiheit des Reagierens. Er kann auf einen bestimmten Eingriff verschiedene Antworten geben. Die Atome verhalten sich anders als die makrokosmischen Körper, so daß man, anstatt nur von »Kausalität« zu reden, geradezu auch von einer Art »Wahlfreiheit der Natur« gesprochen hat. Diese Entdeckung, daß der strenge Zusammenhang von Ursache und Wirkung alles Geschehens in der Mikrophysik der Atomkerne, Elektronen und Lichtquanten nicht gültig zu sein scheint, ist eine der bestürzendsten Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaft. Dadurch wird zwar der Kausalitätsbegriff der klassischen Physik nicht umgestoßen; aber er erhält einen neuen Sinn: Die Kausalität des Geschehens in der makrophysikalischen Oberwelt der uns umgebenden groben Kräfte und Massen ist nicht Prinzip an sich, sondern eine durch die statistischen Gesetze der Wahrscheinlichkeit bedingte Erscheinung. Er ist als Summe der Durchschnitte einer sehr großen Zahl von Einzelereignissen aufzufassen« (O. W. Gail, a. a. O. S. 127. 128. 65. 66).
Zweifellos wird niemand den Urbestandteilen der Materie, das heißt den Atomkernen und Elektronen, eine selbständige Entschlußfähigkeit oder gar eine »Seele« zuschreiben; aber daß im Innersten der stofflichen Natur freie Entscheidungen irgendwie bewirkt werden können, ist nicht mehr zu bezweifeln. Gerade die so nüchterne Physik, diese mathematischste aller Naturwissenschaften, hat erkannt, daß es unmöglich ist, alles Geschehen in der Natur nur als Funktionen von Mechanismen aufzufassen.
Es besteht kein Zweifel: Auch rein naturwissenschaftlich gesehen, besteht jederzeit freie Bahn für ein Einwirken des Geistes in die Materie. Die starre Verneinung des Offenbarungsglaubens, als ob es aus Gründen der Naturwissenschaft keinen freien Eingriff des Geistes in die Natur geben könne, ist wissenschaftlich überwunden. Damit aber hat die Atomphysik den Weg für den Glauben naturwissenschaftlich freigelegt. Es ist jederzeit möglich, daß der Geist, ohne irgendwie die Naturgesetzlichkeit zu verletzen, in die Materie eingreift. In diesem Sinne hat der Mathematiker, Professor Dr. Hans Rohrbach-Mainz erklärt: »Die Atomwissenschaft ist ein Geschenk Gottes an Seine Gemeinde!«
Natürlich ist mit diesem Ganzen der Glaube nicht verstandesmäßig »bewiesen«. Er hat dies auch nicht nötig. Aber er hat, naturwissenschaftlich, freie Bahn. Mit Sicherheit ist zu erkennen: Es gibt zwei Bezirke der Wirklichkeit, einen hintergründigen und einen vordergründigen, und hierbei ist der hintergründige der Ursprung des vordergründigen. Der denkende Geist aber wird vor die Wahl gestellt: Entweder kommt diese hintergründige Welt aus dem Nichts und hat einfach sich selbst gesetzt, oder es gilt der Satz: »Ich glaube an Gott, den Schöpfer Himmels und der Erde.«
Also entweder Nihilismus oder Schöpferglaube! Daß sich aber eine bis ins Kleinste und Winzigste genau nach Lebens- und Schönheitsgesetzen geordnete, mit ungeheuren Energien geladene, von genauesten mathematischen Gesetzen beherrschte Welt ohne einen planenden und denkenden Geist ganz von selbst aus dem Nichts in’s Dasein gesetzt habe - das zu glauben, ist Unvernunft. Nur »die Toren sprechen in ihrem Herzen: Es ist kein Gott« (Ps 14,1). Der Gottesglaube aber ist, obwohl er im Einzelnen unsere Denkkraft übersteigt, dennoch vernunftgemäß und des Menschengeistes würdig.
Aber noch mehr. Zu einem sinnvollen Auswirken ihrer Möglichkeiten fordern die Naturkräfte geradezu eine geistige Leitung.
So bleibt die Saite der Harfe stumm ohne das Eingreifen des frei wollenden Geistes des Künsüers. So schwebt das Gesetz der Aku-stik in der Luft und kann sich für sich allein an der Saite nicht offenbaren und keine Melodie erzeugen, wenn nicht ein Leiter und Regent vorhanden ist, der die Saite zwingt, nach den Gesetzen der Akustik zu tönen. Erst durch dies Eingreifen einer geistigen Leitung kommt das Naturgesetz der Akustik zur Geltung. Erst so kann der Plan verwirklicht werden und die Melodie entstehen. Hierbei kommt jeder einzelne Ton genau nach den bestehenden Kausalgesetzen zustande, aber eben nur dann, wenn ihn der Wille des Künstlers hervorbringt.125 Ferner:
Alle Forschung und Technik wären unmöglich, wenn es nicht eine
geistige Leitung der Naturkräfte und ein stets wiederholtes Eingreifen des Geistes in den Naturverlauf gäbe. Ja, die ganze Kulturentwicklung der Menschheit ist nichts anderes als ein fortgesetztes, selbsttätiges Lenken und Regieren des verschlungenen Kausalnetzes der Natur. Nur so hat der Mensch sich ihre Kräfte unterworfen. Nur so kommen Kultur und Zivilisation zur Entstehung und Entfaltung.
Das aber heißt: Ohne die Möglichkeit des freien Eingreifens von Vernunft und Wille in den naturgesetzlichen Weltverlauf gäbe es keine Naturbeherrschung des Menschen, keine Ausübung seines irdischen Königtums, und die ganze naturhafte Seite seiner hohen Berufung, die ja ganz wesentlich zum »Adel des Menschen« mitgehört, bliebe ewig unerfüllt.
Dies alles gilt erst recht in Bezug auf das Weltregiment des Königs aller Könige. Kausalität und göttlicher Wille, Naturgesetz und göttliche Leitung gehören zusammen. Nur durch das Dasein und Eingreifen des göttlichen Weltregenten kommt die Ihm vorschwebende Idee des Weltplans zur Verwirklichung.
Jedes Einzelereignis wird von zahlreichen, verschiedenen Ursachen bestimmt
Überhaupt gleicht der Gesamtzusammenhang des Weltgeschehens nicht einer Kausalreihe, wobei alles stets nur die Folge von je einer vorangegangenen Ursache sei, sondern vielmehr einem Kausalnetz. In jedem Einzelereignis treffen sich, von den verschiedenartigsten Ausgangspunkten her zusammenlaufend, zahlreiche Kausalreihen wie in einem Netz die Einzelfäden in einem Knotenpunkt.
Man überlege nur einmal genau, von welchen Umständen irgend ein einzelnes Erlebnis abhängt, und man wird staunen über die Vielheit der Umstände, die es verursacht haben, über all das Mannigfaltige, was alles in Bewegung gesetzt werden mußte, um eben dies eine, vielleicht ganz geringfügige Ereignis zu bewirken; und verfolgen wir erst das Ganze in die Weite der Vergangenheit hinein, so kann esuns geradezu schwindelig werden angesichts der immer reicheren schier unendlichen Ursachenverkettung, die sich darbietet.
So ist jedes Einzelereignis, so unbedeutend und schlicht es äußerlich auch aussehen mag, innerhalb der Verkettung der Weltumstände, in Wahrheit ein äußerst kompliziertes Geschehen, und das Gesamtgeschehen selbst ist ein fast unauflösbares Gewirr von ungezählten einzelnen, aber doch eng zusammenhängenden Kausalfäden.126
Damit aber tritt auch unter diesem Gesichtspunkt der Glaube an eine höhere Leitung erneut in sein Recht. Sie kann die Kausalketten richten und verknüpfen wie der Feldherr die Marschrouten der einzelnen Heeresteile. Sie mag manchmal auch völlig unerwartete, neue Gesetze anwenden, bekannte Gesetze außer Tätigkeit setzen und bleibt dennoch in allem und zu aller Zeit durchaus folgerichtig und - kausal.
Kausalketten könnendurch einen Eingriff von aussen abgebrochen werden
Kausalketten laufen nicht ohne weiteres unbeirrbar endlos weiter, sondern können jederzeit durch einen Eingriff von außen abgebrochen werden. Dieser Eingriff kann durch äußere elementare Gewalten oder durch den Entschluß eines geistigen Wesens vollzogen werden. Ein solches »Abbrechen« der Kausalketten ist dann keineswegs ein Abbruch und eine Auflösung der Kausalität an sich.
Eine Blume entwickelt sich, blüht auf und blüht ab, welkt und vergeht. Dies vollzieht sich alles nach einer bestimmten Kausalkette. Ein Mensch bricht sie ab, und im gleichen Augenblick ist diese
Kette abgebrochen und eine andere tritt an ihre Stelle.
Wer will da behaupten, daß nicht auch eine höhere Macht als die menschliche imstande ist, unsere übersehbaren Kausalketten abzubrechen und in eine andere, höhere Kausalkette zu überführen, wobei dann diese ihrerseits doch innerhalb der Kausalgesetze bleibt?
Wunder sind nicht "Durchbrechungen" der Naturgesetze, sondern deren Überwindung durch eine höhere Naturordnung
Wunder sind keine »Durchbrechungen« gottgegebener Naturordnungen; sondern in der Wunderwirkung bedient Sich Gott verborgener Kräfte, die über unser ganzes, gegenwärtiges Verstehen hinausgehen. Sie sind darum das Hineinragen einer höheren Weltordnung in unsere niedere.
Die Kräfte der sichtbaren Welt Gottes sind nur ein Teil Seiner unendlichen Kraftfülle. Es gibt, außer der niederen irdischen und außerirdischen Natur, deren Gesetze wir zu großem Teil kennen, noch eine höhere, verklärte Natur, von deren Kräften, nach Art, Größe und Ausmaß, wir keine Vorstellung haben. Diese Kräfte stehen Gott, dem Allmächtigen, jederzeit zur Verfügung. Er kann sie ein- und ausschalten, wie Er will.
Ein Wunder ist eine freie Tat Gottes, die nicht den bis dahin gegebenen Kräften und Voraussetzungen des natürlichen Lebens entstammt, sondern von Gott aus neu in den Zusammenhang derselben eintritt. »Das unberechenbare Wirken Gottes ist für uns das Wunder; das berechenbare Wirken Gottes ist das Wirken durch die uns bekannten Naturgesetze.« Im Wunder wird keines dieser niederen Gesetze durchbrochen oder gar aufgelöst, sondern nur für das besondere Geschehen durch höhere, stärkere Gesetze überwunden, bleibt aber grundsätzlich bestehen. Gott entnimmt nur einzelne Vorgänge diesen uns bekannten Gesetzen und stellt sie unter das Gesetz eines höheren Willens und einer stärkeren Kraft.
Schon im Bereich der irdischen Natur beobachten wir das Dasein
stärkerer und nicht so starker Naturkräfte. Naturgesetze und Kausalketten können sich durchkreuzen und einander unter- oder überordnen. Hierbei ordnet sich dann das schwächere Gesetz dem stärkeren unter und wird in tausenden von Fällen von diesem für eine gewisse Zeit überwunden, ohne jedoch dabei selber »durchbrochen« zu werden.
Eine solche Überwindung eines schwächeren Gesetzes durch ein
stärkeres erscheint dem Nichtkenner dieser stärkeren Gesetze als eine »Durchbrechung« der ihm bekannten Naturordnung, zum Beispiel dem Nichtkenner der modernen Technik das Fliegen schwerer Flugboote in der Luft, trotz des Gesetzes der Schwerkraft.
So überwindet die Schwungkraft die Schwerkraft im Wurf eines Steines oder Balles in die Höhe. So ordnet sich die Anziehungskraft der Erde der tierischen oder pflanzlichen Lebenskraft unter in dem Luftsprung des Tigers auf seine Beute, im Wachstum der Pflanze nicht nur nach unten, sondern, der Hauptentwicklung nach, gerade nach oben. Daß bei diesem allen das Gravitationsgesetz selbst nicht durchbrochen oder zerstört wird, beweist das Fortbestehen des Körpergewichts von Stein, Ball, Pflanze und Tier.
Erst recht tritt nun bei den biblischen Wundern eine nicht nur stärkere, sondern »höhere«, der ewigen W elt angehörige Kausalität ein und ruft eine Wirkung hervor, welche nicht das Ergebnis des Zusammenhangs jener nicht so starken »niederen« Kausalitäten ist, sich aber hernach diesem Zusammenhang gesetzmäßig einfügt. Auch im Wundertun verstößt Gott nicht wider Seine eigenen Gesetze.
Nie also wird das souveräne Handeln Seiner göttlichen Freiheit zur Willkür! Nie ist das Tun Seiner ewigen Allmacht ein gewaltsames Erdrücken Seiner eigenen Ordnung! Nie ist das Wunder ein Widerspruch des Offenbarungsgottes gegen den Schöpfergott! Nie kommt es zu einer Durchbrechung Seiner weiterhaltenden Tätigkeit durh Seine 'welterlösende!
Wunder sind zwar »Abweichungen von einem schwächeren beziehungsweise niederen Gesetz, aber eingeschlossen in einem höheren«. Sie sind Einwirkungen von uns unbekannten, der ewigen Natur angehörenden, allerhöchsten Gesetzen in das Gebiet der uns - auch nur teilweise (!) bekannten - irdischen Natur.
Schon Augustinus erklärt: »Wunder stehen nicht im Gegensatz gegen die Natur, sondern nur gegen die uns bekannte Natur.«
In Seinen Wundern handelt Gott wie ein Landesherr, der zwar in der Regel sein Reich durch Ministerien verwalten läßt, der aber in Einzelfällen gewisse Geschäfte der Bürokraft der Ministerien entzieht und sich selbst zur Entscheidung vorlegen läßt und dann durch übergeordnete königliche Sonderkommissare diese Regierungsangelegenheiten persönlich durchführen läßt. Damit sind die Ministerien nicht abgeschafft; wohl aber sind diese besonderen königlichen Bevollmächtigten neben, ja über sie gestellt, deren Anordnungen sie sich ein- und unterzuordnen haben.
Diese ewige höhere Kausalität fällt im letzten Grunde zusammen mit den höchsten sittlichen Zwecken des Daseins. Ihnen zu dienen, ist der höchste und schönste Beruf der Natur. Steht also das Wunder mit ihnen in Zusammenhang, das heißt, ist es sittlich bedingt, so ist es nicht wider die Natur und ihre Bestimmung, sondern gerade in höchstem Sinne der Natur gemäss. Dient es also den sittlichen Zwecken der göttlichen Liebe, der Welterlösung und Weltvollendung, so ist es keine Zerreissung des natürlichen Zusammenhangs, sondern gerade die Erfüllung desselben. Es ist ein »Merkzeichen der göttlichen Gegenwart in der Geschichte wie in der Natur« (Prof. A. Titius a. a. O. S. 842).
Ja, noch mehr: Offenbarung und Wunder sind nichts Geringeres als der Eintritt der verklärten Naturordnung in die noch unverklärte, infolge der Sünde zunächst noch gestörte Naturordnung. Sie sind schon in der gegenwärtigen Weltzeit eine Erstlingserscheinung der wahrhaft vernünftigen Ordnung der Dinge. Sie sind ein siegreiches Kundwerden des logisch richtigen, freiwaltenden, königlichen Verhältnisses des Geistes zur Leiblichkeit.
Eine überraschende Beleuchtung empfängt dies Ganze durch die Ergebnisse und technischen Anwendungen der Atomphysik.
Stoffverwandlung ist heute schon uns Menschen möglich und kann jederzeit in den atomphysikalischen Laboratorien und Großanlagen vollzogen werden.
Als sich, nach Rutherford’s erstem Erfolg von 1919, schnell Erfolg an Erfolg reihte, wurde die Atom-Umwandlung bald schon beinahe zum »Alltagsgeschehen in den Forschungsanstalten«. Die Vorstellung von der Unwandelbarkeit der Grundstoffe gehört der Vergangenheit an.
Die Grundbestandteile aller Materie sind überall die gleichen. Ob es Quecksilber, Gold oder Schwefel, ob es Kohlenstoff oder Sauerstoff ist: In allem und überall handelt es sich immer um Protonen, Neutronen und Elektronen. Es kommt bei den einzelnen Grundstoffen nur auf deren Zahl an.
Wenn ein Atomkern aus je 7 Protonen und Neutronen besteht und von einer gleichen Anzahl Elektronen umkreist wird, so nennen wir ihn »Stickstoff«. Sind es je 6, dann ist es »Sauerstoff«. Sind es je 80, dann heißt er »Quecksilber«; sind es 79, so ist das »Gold«.
Verliert oder gewinnt der Atomkern eine oder mehrere Protonen oder Neutronen, so geht der Grundstoff in einen anderen Grundstoff über. So wird aus Uran das strahlende Radium, aus Radium wird Blei. Wenn es nun gelingt, aus dem Quecksilber-Atomkern einen Proton herauszuschießen, so ist die »Verwandlung« von Quecksilber zu Gold vollzogen, und der alte Traum der mittelalterlichen Alchemisten ist erfüllt. Der Physiker von heute könnte tatsächlich Gold »machen«. Der »Stein der Weisen«, nach dem jene Alchemisten Jahrhunderte hindurch vergeblich gesucht haben und der dies »Wunder« ermöglicht, heißt: elektrische Hochspannung von einigen Millionen Volt.127
Darum fragen wir: Wenn also schon Menschen imstande sind, in ihren Laboratorien, durch Beschießung von Atomkernen und Entfernung von Protonen und Neutronen aus den Atomkernen, Grundstoffe in andere Grundstoffe zu verwandeln, zum Beispiel, unedle Metalle in halbedle oder edle: Wie sollte da Gott nicht in der Lage sein, Grundstoffe zu verwandeln und in andere zu überführen? Wenn Menschen Quecksilber in Gold verwandeln können, warum sollte Gott nicht Wasser in Wein verwandeln können?
Allerdings benötigt der Mensch für diesen Umwandlungsprozeß gewaltige Kraftwerke. Aber stehen Gott, dem Allmächtigen, nicht noch unendlich größere Kräfte zur Verfügung als auch die allergrössten Kraftanlagen der Menschen? Ja, hat Er, als der Erschaffer der Materie, nicht von vornherein diese Atomkräfte Selber hervorgerufen und zusammengesetzt, sodass sie nur ein Teil Seiner Kraft sind und Er darum jederzeit über ihre Zusammensetzung frei verfügen kann?
Das Wesen aller Materie ist Energie. Gott aber ist es, der die Energie in die Schöpfung durch Sein Wort hineingegeben. Warum sollte Er da nicht jederzeit einen Energieteil (z. B. i Proton) wieder zurüdcrufen können? Mit Recht sagt der Mathematiker Professor Rohrbach: »Ist es nicht ganz selbstverständlich, daß Gott Wunder tun kann? Wenn Gott will, daß das ö l im Krüglein der Witwe zu Sarepta nicht aufhören soll zu fließen, so kostet es Ihn nur ein Wort, und die Elementarteilchen sind da, die das ö l bilden . . . Ebenso bei der Speisung der Fünftausend . . . Das Weltall ist kein abgeschlossenes System, sondern zu Gott hin offen. Von da her kann in Seinem Wort stets neue Energie Zuströmen oder zurückgenommen werden . . . Auch und gerade als Naturwissenschaftler kann ich glauben, daß die biblischen Wunder side so ereignet haben, wie sie uns berichtet werden . . . Bei der Verwandlung von Wasser in Wein auf der Hochzeit zu Kana darf man daran denken, daß Gott in einem Augenblick die Elementarteilchen zurückruft, die die Wassermoleküle bilden und die Elementarteilchen schafft, die den Wein zusammensetzen.«128
Wir sind weit davon entfernt, biblische Wunder rationalistisch erklären zu wollen. Wohl aber beweisen diese Erwägungen, daß es grundfalsch wäre, zu behaupten, ein Wundertun Gottes sei eine Durchbrechung Seiner eigenen Naturordnung und deshalb, um der Harmonie des göttlichen Wesens und der Folgerichtigkeit des göttlichen Handelns willen, grundsätzlich zu verneinen.
Wir sehen: Von welcher Seite man auch an diese Fragen herantreten mag: Vernünftig, sinnvoll und logisch ist nur der Gedanke an einen persönlichen, lebendig wirkenden, allmächtigen Gott, der die Welt geschaffen hat und sie regiert, der die Naturgesetze bestimmt hat und sie beherrscht, der als Schöpfer und Weltregent überweltlich über allem thront und doch zugleich Sich durch Wunder und Offenbarung innerweltlich bezeugt.
So war ja auch schon das Werk der Weltschöpfung ein »Wunder«. Denn da ist ein Wunder, wo etwas zustande kommt, das den bereits vorhandenen Kräften und den uns bekannten Gesetzen nicht oder zum mindesten nicht völlig entstammt. Dies gilt in höchstem Sinne von der Schöpfung schon an sich. Denn bis zum Weltanfang war, außer Gott, gar nichts vorhanden. Darum ist schon die reine Tatsache des Schaffens einer Welt aus Nichts das erste »Wunder«.
So leben wir zwischen zwei gewaltigen kosmischen Wundern, dem »Wunder« der Weltschöpfung und dem »Wunder« der Weltvollendung. Diese beiden Wunder bilden den Rahmen der ganzen, gegenwärtigen Weltall-Geschichte. Dazwischen liegen die ungezählen Einzelwunder der Heilsoffenbarung.
Im Mittelpunkt dieser Kette von Wundertaten Gottes steht Jesus Christus, der Gottes- und Menschensohn. Christi Person ist das Wunder schlechthin, das absolute Wunder, das Urwunder in Person. In Ihm trat das schöpferische Zentrum der verklärten Natur in die unverklärte Naturordnung ein. Durch Ihn gelangen darum auch die Glieder der unverklärten Natur in die geistleibliche Herrlichkeit der verklärten Natur und zu ewigem, himmlischem »Menschheitsadel«.
122 Prof. Dr. Karl Heim, Weltschöpfung und Weltende. Hamburg 1952 , S. 1 7 0 .↩︎
123 a. a. O., 1957 , S. 2 9 .↩︎
124 Vgl. O. W. Gail, Der Griff nach dem Atom, München 1947 , S. 6 4 . 4 0 .↩︎
125 Vgl. Prof. E . Dennert, Bibel und Naturwissenschaft. Halle 1911. S. 247 f.↩︎
126 Vgl. Dennert, a. a. O., S. 240 f.↩︎
127 Aber die Atomphysik macht keinen Gebrauch von dieser Möglichkeit; denn der Energieaufwand wäre derartig kostspielig, daß sich der ganze Verwandlungsprozeß nicht lohnt. Die Ausbeute an Gold wäre zu winzig im Verhältnis zu dem erforderlichen Einsatz. - Über die atom-physikalischen Angaben diese Abschnittes siehe Gaü a. a. O., S. 61. 34. 37.↩︎
128 Dr. Hans Rohrbach „Biblische Wunder und moderne Naturwissenschaft“ (Biblische Universitätsschriften), Wuppertal 1957, S. 27. 28. 15.↩︎