Schriften von Erich Sauer
Bibel und Natur in der Harmonie ihrer Offenbarungen.Bibel und Natur in der Harmonie ihrer Offenbarungen.
Einer der hervorragendsten Führer der Urchristenheit des dritten Jahrhunderts, der wegen seiner Weisheit weithin bekannt war, wurde - so berichten die alten Schriftsteller - einmal gefragt, woher er eigentlich seine Weisheit schöpfe. Er erklärte: »Die Quelle aller meiner Belehrung sind zwei Bücher. Das eine ist äußerlich klein, das andere ist sehr groß. Das kleine hat viele Blätter und viele Seiten; das große hat nur zwei Seiten. Die Blätter des ersten sind weiß, und es stehen viele schwarze Buchstaben darauf. Von den beiden Seiten des großen Buches ist die eine blau und die andere grün. Die blaue Seite ist mit einem großen goldenen und vielen kleinen silbernen Buchstaben beschrieben. Auf der grünen Seite stehen ungezählte, vielfarbige Buchstaben, rote, weiße, gelbe, blaue, goldene.
Das kleine Buch ist die Bibel; das große ist das Buch der Natur.
Das Buch der Bibel hat viele Blätter und auf seinen Seiten zahlreiche, inspirierte Texte.
Das Buch der Natur ist der Himmel und die Erde. Seine blaue Seite mit dem einen großen, goldenen Buchstaben und den vielen kleinen, silbernen Buchstaben ist der Himmelsdom, am Tage mit der Sonne, in der Nacht mit dem Mond und den Sternen. Seine grüne Seite ist die irdische Natur mit ihrem grünen Lebenskleid und den zahllosen bunten Blumen und Blüten in Berg und Tal, in Feld und Wald.«
Diese beiden Bücher gehören zusammen. Beide zeugen von der Offenbarung des einen, lebendigen Gottes, und ihr Zeugnis ist in Harmonie miteinander und weist hin auf die Macht, Größe und Liebe des Herrn der Welt.
Bei dem allen aber offenbart die Natur Gott nicht ohne weiteres.
Sie ist Enthüllung und Verhüllung Gottes zugleich. Sie ist ein Schleier, wenn auch ein durchsichtiger. »Alle Dinge verbergen ein Geheimnis. Sie reizen uns, dies Geheimnis zu enthüllen. Das letzte Geheimnis ist Gott.«
Nur wer Gott sucht, wird Ihn finden. Die nichts von Gott wissen wollen, finden Ihn auch in der Natur nicht. Für sie wird die Natur nur ein Anlaß zum Zweifel. Oder, wie es Pascal, der große französische Mathematiker, ausgedrückt hat: »Wie alle Dinge von Gott reden zu denen, die Ihn kennen, und Ihn enthüllen denen, die Ihn lieben, so verbergen sie Ihn aber auch allen denen, die Ihn nicht suchen und nicht kennen«. Allen denen aber, die nach Ihm streben, will Er Sich offenbaren. »So ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so werde ich mich von euch finden lassen« (Jer 29,14).
Immer wieder haben Naturforscher ersten Formats ihren Gottesglauben bezeugt. Der Astronom W. Herschel, der »Columbus der Fixsternwelt«, wie man ihn wegen seiner zahlreichen Sternentdeckungen genannt hat,27 hat einmal gesagt: »Je mehr das Feld der Wissenschaft sich erweitert, desto zahlreicher und unverwerflicher werden die Beweise für die ewige Existenz einer schöpferischen und allmächtigen Weisheit. Nichts kann unbegründeter sein als der seitens wohlmeinender, aber beschränkter Personen dem Studium der Naturwissenschaft gemachte Vorwurf, dass es zum Zweifel an der Unsterblichkeit der Seele und an der geoffenbarten Religion verleite«.
»Ein echter Naturforscher kann kein Gottesleugner sein. Wer so tief, wie wir, in Gottes Werkstatt hineinschaut und soviel Gelegenheit hat, Seine Allwissenheit und ewige Ordnung zu bewundern, der muß in Demut seine Kniee beugen vor dem Walten des heiligen Gottes«, erklärt der Astronomieprofessor von Mädler.28 »Ich bete während meiner Arbeit im Laboratorium«, bezeugte der Chemiker Pasteur (Professor der Chemie in Straßburg und Paris). Der große Linné, Professor der Medizin und Botanik in Uppsala (Schweden), triumphiert: »Ich habe die Fußstapfen Gottes gesehen«, und Johannes Kepler, der größte Astronom der hinter Kopemikus kommenden Periode der modernen Astronomie, sagt: »In der Schöpfung greif’ ich Gott gleichsam mit Händen.«
»Beide Wege der Erkenntnis - wissenschaftliche Forschung und biblische Offenbarung - entsprechen einander, gehören zusammen und erschließen erst gemeinsam das Ganze der Wirklichkeit um uns.«29 Ähnlich sagt der mit dem Nobelpreis geehrte Berliner Physiker Prof. Dr. Max Planck in einem 1942 in Osnabrück gehaltenen Vortrag:
»Religion und Naturwissenschaft schließen einander nicht aus. Verschieden sind nur die Wege, die ihre Anhänger gehen. Nimmt der Gläubige seinen Weg von Gott her, dessen er zu seinem Tun und Wirken bedarf, so nimmt der Naturwissenschaftler letzlich seinen Weg zu Gott hin als zur Vollendung und Krone alles Naturwaltens.« Professor Rendle Short nennt Sir James Young Simpson, der durch seine Erfindung des Chloroforms einer der größten Wohltäter der Menschheit geworden ist, »einen höchst begeisterten und lebendigen Christen« und sagt von ihm: »Er kannte seine Bibel von vorn bis hinten, und einer seiner letzten Aussprüche war: >ich habe unerschütterliches Vertrauen in Jesus allein<«30
Dies Ganze hat etwas ungemein Befreiendes an sich. Kein blinde Zufall steht am Anfang der Weltentwicklung. Kein herzloses Spiel übermächtiger Naturkräfte, keine willkürliche Despotie unkontrollierbarer Gewalten beherrscht das All, sondern eine ewige Gesetzmäßigkeit heiliger Liebe. Am Anfang steht Gott. Er ist über und in der Welt. Er ist Schöpfer und Erhalter, Regierer und Vollender. Auch nach Beendigung Seiner Schöpfertat hat Er die Verbindung mit Seinem Schöpfungswerk niemals abgebrochen. Die ganze Welt lebt in Gott. »In ihm leben und weben und sind wir« (Apg 17,28). »Die Sonne würde nicht lang am Himmel haften und leuchten, kein Kind würde geboren, kein Körnlein, Gräslein noch Ichts würde wachsen auf der Erden noch sich erneuern, wo Gott nicht für und für wirket« (Luther). Nur so wird die Natur zu einem herrlichen Kosmos. Das Weltall wird zur Weltordnung. Das göttliche Werk zeigt den göttlichen Werkmeister. Nur so können wir überhaupt ein triumphierendes Ja zum Leben sagen. In jedem anderen Falle wäre die Welt, trotz ihrer scheinbaren Gesetzmässigkeit, dennoch nur ein Chaos. Darum kann es nur auf der Grundlage lebendigen Gottesglaubens wahre Lebensbejahung geben.
Hier zeigt sich sofort schon das Überragende des biblischen Denkens. Die christliche Weltanschauung kann mit jeder anderen Schau der Dinge den Vergleich wohl aufnehmen! Sie ist allen gottgelösten Welträtseldeutungen unendlich überlegen. Sie ist nicht Spekulation, sondern Wirklichkeit, nicht Einbildung, sondern Weisheit, nicht Irrweg, sondern Wahrheit, und darum ist sie nicht lähmend, sondern befreiend, nicht erniedrigend, sondern erhebend, nicht entwürdigend, sondern adelnd.
27 Herschel war der Erbauer gewaltiger Riesenteleskope, der Entdecker der Uranus- und Satummonde, ferner der Entdecker von 700 Doppelstemen und fast 1900 Nebelflecken und Sternhaufen unter den Fixsternen (gest. 1822).↩︎
28 Professor der Astronomie in Dorpat (gest. 1874).↩︎
29 Dr. H. Rohrbach, Professor der Mathematik an der Universität Mainz, in seiner Schrift Biblische Wunder und moderne Naturwissenschaft. (Biblische Universitätsschriften. Wuppertal 1957, S. 16).↩︎
30 bei Short, Modem Discovery and the Bible, London 1952, S. 18. - Simpson war Professor der Medizin in Edinburg, gest. 1870.↩︎