53Mit der Bestimmung des Menschen, Herrscher, ja Befreier der Naturwelt zu sein, ist aber auch zur Natur ein positives Verhältnis gegeben. Auch die Natur ist von Gott. Sie ist das Werk Seiner Macht. Sie ist der große, gewaltige Schöpfungstempel, in dem Er Seine Göttlichkeit kundtut (Röm 1,19.0). »Gott ist ein Gott, der leiblich, erdhaft, sichtbar gestaltet. Er schafft nicht nur ein Ideenreich, nicht nur Seelenflammen und unsterbliche Geister, sondern eine gestaltete Welt mit Farbe und Form . . . Das Leiblich-Erdhafte kommt nicht aus der Tiefe, sondern ist ursprünglich herrlich und gut. Auch die Natur soll sich darum einem ewigen Ostertag entgegenfreuen dürfen« (Ad. Köberle).54
Naturverachtung und Leibvemeinung sind überhaupt nichts Biblisches oder Christliches, sondern stammen aus der heidnischen Spekulation, insonderheit der griechisch-hellenistischen. Ist aber der Mensch zum Erdenkönig bestimmt, so liegt darin zugleich eine Anerkennung seines Erdenreiches, und dann gehört es auch mit zu der Würde seiner Berufung, d. h. zum »Menschheitsadel«, daß er, der König, das rechte Verhältnis zu seinem Reich gewinnt. Ein Herrscher darf sein Reich aber nicht vernachlässigen und fliehen, sondern muss königlich darin walten!
So ist die Naturherrschaft des Menschen ein Ausfluß seines Königtums. Nicht etwa soll er durch praktische Anwendung seiner Naturbeherrschung seine Königsstellung erst wachstümlich erwerben und erringen, als ob seine Herrschaftsstellung etwa erst auf seiner technischen Naturbeherrschung beruhe. Nein, das Königtum war ihm von Gott von vornherein unmittelbar übertragen worden. Gleich zu Beginn hatte Gott dem Menschen, den Er in Seinem Bilde geschaffen hatte, einen Anteil an Seiner eigenen Herrschaft über die Welt geschenkt. Wohl aber soll der Mensch nun durch praktische Anwendung der ihm verliehenen technischen Intelligenz, durch bewußte Überlegung, durch planmäßige Berechnung aufgrund gesammelter Beobachtungen und Erfahrungen und durch seine eigene, ihm innewohnende schöpferische Erfindungsgabe die Naturkräfte praktisch in seinen Dienst und damit zugleich in den Dienst Gottes stellen.
So hat die paradiesische Adelsbestimmung der Menschheit auch eine irdisch-moralische Seite. Der Mensch soll kein Tyrann der Natur sein. Er soll sie nicht mißhandeln in sinnloser Zerstörung landschaftlicher Schönheiten, in Raubbau in Feld und Wald, in rücksichtsloser Ausbeutung der tierischen Arbeitskraft, die sich bis zur Tierquälerei steigern kann. Und ebensowenig soll er Sklave der Natur sein - in heidnischer Naturvergötterung, in unklar moderner Naturschwärmerei, im Jagen nach Geld und Gut, als ob von dem Besitz stofflicher Güter seine Glückseligkeit selber abhängig wäre! Nein, er soll Herr sein, und als Herr soll er königliche Würde bewahren. Wir können das allgemeine Naturleid augenblicklich zwar nicht ausschalten; aber wir sollen es auch nicht vermehren! Ja, wir sollen, wo es möglich ist, es erleichtern! Vergessen wir es nicht, die ganze Schöpfung wartet auf unsere Vollendung! Sie soll einst teilhaben an der »Freiheit, welche die Kinder Gottes im Stande der Verherrlichung besitzen werden« (Röm 8,19-22). Da darf ihr menschlicher Erlöser bis dahin ihre Ketten nicht noch schwerer machen!
Zur Beherrschung der Natur gehört aber auch die Erforschung ihrer Gesetze. Tatsache ist, daß es erst mit der Überwindung der heidnischen Naturvergötterung wirkliche Naturforschung in der Geschichte der Wissenschaften gibt. Denn solange man - selbst noch im klassischen Altertum - an das Belebtsein der Natur durch gute oder böse geistige Gewalten glaubte, war die Scheu vor diesen Göttern und Dämonen eine Hemmung sachlicher Naturforschung.
Ein charakteristisches Beispiel hierfür ist das Schicksal des Philosophen Anaxagoras. Er war eng befreundet mit Perikies, dem großen athenischen Staatsmann, und Phidias, dem bedeutendsten griechischen Bildhauer und Künstler. Trotz dieser seiner persönlichen Beziehungen zu den höchsten politischen und künstlerischen Kreisen Athens geriet er jedoch wegen gewisser neuer naturwissenschaftlicher und naturphilosophischer Lehren in große Schwierigkeiten.
Durch die Untersuchung eines großen, bei Aigospotamoi (Thrazien) herabgefallenen Meteors war er zu der Ansicht geführt worden, die Sonne sei in Wirklichkeit eine glühende Steinmasse und auch die Sternenwelt allgemein bestehe aus Steinen, die derselben Schwerkraft unterliegen wie auch die irdischen Körper. Zugleich lehrte er, daß der Mond sein Licht von der Sonne empfange. Er fragte sich weiter nach dem Grund, warum in solchem Fall die Gestirne ganz allgemein nicht herabstürzen, sondern hoch oben in ihren Bewegungen verbleiben. Seine Schlußfolgerung war, es müsse eine übermächtige, zweckmäßige, intelligente Kraft geben, die nicht an die Materie gebunden sei, die aber den Umschwung der Himmelskugel bewirke und die schweren Massen der Sterne daran hindere, ebenso nach unten zu stürzen wie jener Meteorstein. Auf diese Weise gelangte Anaxagoras zu der Vorstellung von einer geistigen Macht, die die Welt bewege und regiere. Damit siegte in seiner Weltanschauxmg der Glaube an eine Weltregierung, die durch eine göttliche Vernunft bewirkt ist, über die Gestirnsmythen der allgemeinen heidnischen Volksreligion, für die Sonne, Mond und Sterne die göttlichen Herren der Welt waren.
Damit aber war zugleich ein Konflikt zu den Göttern Griechenlands entstanden. So wurde Anaxagoras der Gottlosigkeit angeklagt, vor Gericht gestellt, aus Athen ausgewiesen und starb in der Verbannung (428 v. Chr.).
Bei einer solchen Sachlage ging also auch im klassischen Altertum dasjenige, was an Naturwissenschaftlichem geleistet wurde, meist von Männern aus, die von ihrem Volk und ihrer Zeit für »Atheisten« gehalten wurden.
Selbst Kaiser Nero - obwohl persönlich unzweifelhaft religionslos - mußte in einer wichtigen Entscheidung vor dem naturvergötternden Irrglauben seiner Untertanen kapitulieren. Er ließ den verkehrstechnisch doch so hochbedeutsamen Bau eines Kanals durch die Landenge von Korinth, durch den die Seestrecke vom Adriatischen Meer nach Athen (Piräus) um 325 Kilometer verkürzt worden wäre, wieder einstellen, weil viele seiner Zeitgenossen darin ein unbefugtes Eindringen in die Geheimnisse der Erde und eine Entweihung der geistbelebten Natur erblickten und den Zorn der Götter befürchteten. Wohl hatte auch die Kunde von einer Verschwörung den Kaiser bewogen, nach Rom zurückzukehren und sich anderen Aufgaben zuzuwenden. Aber offiziell wurde bekannt gegeben, daß ägyptische Erdmesser sich hätten vernehmen lassen, daß schlimme Ereignisse eintreten würden, sobald man den Kanal eröffne. Und doch hatte Nero selbst den ersten Spatenstich mit einer goldenen Schaufel durchgeführt und selbst auf seiner Schulter die erste Last Erde in einem vergoldeten Korb weggetragen! Und doch war dann bereits über einen Kilometer Kanallänge gegraben worden durch den Einsatz römischer Soldaten und Verwendung von 6000 Juden, die in den ersten Kämpfen des jüdischen Krieges gefangen genommen worden waren! Ja, schon vorher war das Gerücht umgegangen, daß deshalb Gajus Julius Cäsar und später Kaiser Caligula durch Ermordung ein so schlimmes Ende genommen hätten, weil sie die Durchstechung der Meerenge von Korinth geplant hatten und sich folglich für solchen Frevel das Gericht der Götter zugezogen hätten.55
Als die Einwohner der kleinasiatischen Griechenstadt Knidos in der Orakelstätte des Apoll in Delphi anfragten, ob sie ihre Landenge durchstechen und ihre beiden Häfen durch einen Kanal miteinander verbinden sollten, erhielten sie von der Pythia, der Zauberpriesterin, die abwehrende Antwort: »So schwierig ist es für den Menschen, dem Göttlichen Gewalt anzutun.«56
Der naturvergötternde Mensch wird eben stets durch die Scheu vor den geheimnisvollen, in der Natur waltenden Geistkräften davon ferngehalten, tiefer in das Naturleben hineinzublicken und in seine Gesetze einzudringen. Solange man eine Volksreligion hatte, die in Feld und Wald Nymphen, in den Quellen Najaden (Wassergöttinnen), im Meer Poseidon mit seinem Dreizack, in der Sonne Hestias heiligen Herd erblickte, konnte - selbst wenn die Oberschicht aufgeklärter war - naturwissenschaftliches Denken niemals Allgemeingut werden.57 Erst »neben der von den Naturgöttern und Dämonen gereinigten Religion konnte die moderne Naturwissenschaft erblühen und gedeihen«.
Die Naturwissenschaft der Alten war darum in erster Linie nur äußerliche Naturbeschreibung. Auch die Inder, Chinesen, Babylonier und Ägypter, obwohl hochbegabte Träger großer Zivilisationen, haben in der Entwicklung der Naturwissenschaften nur außerordentlich wenig geleistet. Auch bei ihnen stand die Naturvergötterung jedem naturwissenschaftlichen Fortschritt im Wege.
Erst als das Christentum die Naturvergötterung überwunden hatte und man in der Natur nur das Werk des großen Schöpfers sah, war unbefangene Naturforschung möglich. Erst von da an war die Bahn dafür geöffnet, der Natur den Schleier abzuziehen, ihre Gesetze zu ergründen und ihre Kräfte sich dienstbar zu machen.
Bahnbrechend in dieser Hinsicht war bereits der alttestamentliche Schöpfungsbericht. In seiner sachlichen und klaren Darstellungsform, die sich von allen Göttergeschichten fernhält, stand er in grundsätzlichem Unterschied zu den naturvergötternden Weltentstehungsgeschichten seiner heidnischen Umwelt. Es ist darum gesagt worden: »Die in der biblischen Schöpfungsgeschichte geschehene Entmythisierung und Entdämonisierung der Welt gehört zu den entscheidendsten Voraussetzungen der modernen Wissenschaft« (Dr. G. Howe). Die Hauptentscheidung jedoch brachte dann der Sieg Christi über die Mythen und Mächte des Heidentums und die weltweite Verbreitung des Christentums unter den führenden Kulturvölkern.
»Die neuere Naturwissenschaft, so paradox dies auch klingen mag, verdankt ihren Ursprung dem Christentum.«58 So schreibt unumwunden auch ein Mann wie Dubois-Reymond, der kurz vor der Jahrhundertwende weltberühmte Berliner Physiologe (Professor für Medizin an der Universität Berlin). Hierbei war Dubois-Reymond selbst durchaus Nichtchrist, ein Mann, der sogar ausgesprochen materialistische Neigungen verriet, in dessen »Begriffswelt«, nach seinen eigenen Worten, »ein übernatürlicher Anstoß nicht paßt«, ein Mann also, dem nichts ferner lag als christliche Apologetik (Glaubensverteidigung).
Und der Naturforscher und Botaniker Professor Dennert erklärt geradezu: »Christus ist der Vater der Freiheit der Wissenschaft. Er ist es gewesen, der der Wissenschaft freie Bahn für ihre Forschung geschaffen hat.«58
Man hat als Gegenbeweis darauf hingewiesen, daß das christliche Mittelalter in den Naturwissenschaften doch ebenfalls so wenig geleistet hat. Darauf ist zu erwidern: Daran war nicht das naturbejahende biblische Christentum schuld, sondern das mönchische, unter dem Einfluß griechisch-hellenistischer Leibverachtung stehende Zerrbild christlichen Denkens. Vor allem aber ist mit E. Dennert zu sagen: »Nicht die Bibel und die Worte Christi waren es, welche (im Mittelalter) die Naturforschung beherrschten, sondern der Heide Aristoteles. Er war damals unfehlbare Autorität.« Dies ist der Grund, warum das Mittelalter in der Naturforschung so versagt hat.
53 Hierzu vgl. den Abschnitt „Bibelglaube und Naturbejahung“ S. 137 .↩︎
54 Prof. Dr. A. Köberle, Christentum und modernes Naturerleben, Gütersloh 1932 , S. 49 , 50 .↩︎
55 Vgl. Dr. G. Uhlhorn, Der Kampf des Christentums mit dem Heidentum, Stuttgart 1924 , S. 57 . Ferner: G. M. Franzero, Nero. Sein Leben und seine Zeit, Gütersloh 1957 . S. 362 . (The Life and Times of Nero, London 1954 , p. 360 ).↩︎
56 Dr. G. Uhlhorn, a. a. O., S. 5 7 .↩︎
57 Vgl. Prof. Dr. E. Dennert, Bibel und Naturwissenschaft. Halle 1911 , S. 255 .↩︎
58 Bei Prof. Dr. E. Dennert, Die Wahrheit über Emst Haedcel. Halle 1909 , S. 145 .↩︎