D IE REIHENFOLGE DER SCHÖPFUNGSWERKE IM EINZELNEN
Die Tatsache einer Weltschöpfung an sich.
»Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre. Ihr Sdiall pflanzt Seinen Namen fort.
Ihn rühmt der Erdkreis, Ihn preisen die Meere: Vernimm, o Mensch, ihr göttlich Wort!« (Chr. F. Geliert).
Gott hat Himmel und Erde gemacht ( 1Mo 1,1 ; Kol 1,16). »Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.. . . Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist« (Joh 1,1.3).
Durch diese seine Botschaft von einer alleinigen Weltursache und einer Weltschöpfung aus Nichts durch den ewigen Gott steht der biblische Offenbarungsglaube und in Sonderheit der biblische Schöpfungsbericht unendlich erhaben über allen Götter- und Weltentstehungslehren seiner heidnischen Umwelt mit ihren, noch dazu großenteils wild-romantischen, grotesk phantastisch mythologischen Ausschmückungen und Uberwucherungen.
Biblischer Schöpfungsglaube und babylonischer Weltenstehungsmythos.
Der höchststehende heidnische altorientalische »Schöpfungs«(P)mythos ist der babylonische. An jedem Neujahrstage wurde er in Babylon, dieser Mutter- und Zentralstadt der Kultur der alten Welt, in der öffentlichen, offiziellen Festliturgie feierlich zur Verlesung gebracht. Aber wie stellt er den Vorgang des Weltwerdens dar? Er schildert die Weltenstehung als einen Kampf zwischen Marduk, dem Gott des Lichts, dem Stadtgott von Babel, mit einem finsteren, chaotischen Ungeheuer Tiamat. Er bewegt sich also von vornherein in einem grundsätzlichen Dualismus. Schließlich trägt Marduk den Sieg über Tiamat davon. Das Ungeheuer wird getötet. Seine Leiche wird in Stücke zerlegt, und aus den Stücken dieser Leiche wird die Welt aufgebaut.
So sieht dieser höchste Weltenstehungsmythos, den die alte Kulturwelt hervorgebracht hat, das »Schaffen« eigentlich nur als ein siegendes »Gestalten« an, als ein Niederringen bereits vorhandener, chaotischer Widerstände, nur als ein »Formen« eines schon vorher bestehenden, gegebenen Materials. Zu der Vorstellung einer Weltschöpfung aus Nichts durch einen alleinigen, allmächtigen Gott vermag sich das babylonische Denken nicht emporzuschwingen. Hier kann nur die Offenbarung Gottes selbst das wahre Licht schenken.
»Durch den Glauben erkennen wir, daß Gott die Welt aus Nicht-Erschaffendem (d. h. durch Sein Wort) gemacht hat« (Heb 11,3). Zur Anerkenntnis eines Weltanfangs und einer Weltschöpfung ist Glaube an einen persönlichen, lebendigen, allmächtigen Gott erforderlich.
Auch modernes, rein naturwissenschaftliches Forschen vermag nicht, bis zu diesem ersten und letzten Welturgrund hindurchzugelangen.
Dennoch weiß auch der Glaube die Hinweise der Natur und Naturforscfaung zu würdigen. Auch wenn die Denkarbeit des menschlichen Geistes und die Zeichensprache der Natur die Wahrheit Gottes nicht zu »beweisen« vermögen, so können sie sie dennoch bezeugen.
Auch naturwissenschaftliches Denken unserer Gegenwart wendet sich gegen die atheistisch-materialistische Behauptung einer Anfangslosigkeit und Ewigkeit von W elt und Materie. Wir nennen ein Doppeltes:
Urnebel-Masse und Weltanfang.
Bei aller Mannigfaltigkeit im Einzelnen gehen doch alle neuzeitlichen Weltentstehungslehren von der Annahme eines viele tausend Grad heißen, glühenden Urnebels aus. Dieser habe sich auf irgendeine Weise abgekühlt, zusammengezogen, sei in rotierende Bewegung geraten, und so seien aus dieser Urmasse, durch Schleuderkraft (Zentrifugalkraft) und Zusammenballung, allmählich die Weltkörper entstanden.
Aber gerade hier tauchen bedeutsame chemisch-physikalische Probleme auf.
Nach der Dalton’schen Auffassung über die Gase gibt es keine Massenanziehung in ihnen, sondern, im Gegenteil, nur wechselseitige Abstoßung ihrer Teile. Sie haben kein ursprüngliches Volumen, sondern suchen unaufhörlich, einen größeren Raum einzunehmen. Die ursprüngliche Nebelmasse müßte also gleichmäßig den ganzen Weltraum eingenommen haben.
Dazu kommt Folgendes: Es gibt wegen der extrem hohen Temperaturen überhaupt keine chemischen Verbindungen. Es sind nur noch Atome vorhanden, die sich nicht zu Molekülen verbinden.
Auch die Schwerkraft (Gravitation) konnte unmöglich in Tätigkeit treten, weil ja der flüchtige Stoff in vollkommener Gleichheit im ganzen Weltraum verteilt war.
Ebenso konnte die ursprüngliche Nebelmasse von sich aus - gleichsam von »innen« her - nicht zu einer ersten Bewegung gelangen. Denn, nach dem Trägheitsprinzip, bleibt jeder Körper solange in seinem Zustand (Ruhe bzw. Bewegung), bis eine außer ihm liegende Kraft auf ihn einwirkt. Wie aber sollte ein solcher Anstoß von »außen« her erfolgen können, da ja das ganze Weltall von dieser glühenden Nebelmasse erfüllt gewesen war und es folglich überhaupt gar kein »Außen« - wie ebenso auch kein eigentliches »Innen« - gegeben hätte?
Eine Änderung dieses Zustandes wäre nur durch Eintreten einer Abkühlung möglich geworden. Aber von dieser hätte auch nicht die Rede sein können, da es ja überhaupt kein kälteres »Außen« gab, in das diese Urnebel-Gasmasse ihre Wärme hätte ausstrahlen können, wobei sie sich dann, durch Verminderung der Temperatur, zusammengezogen hätte! Der Urzustand hätte also ewig bestehen müssen. Man macht sich die Sache also doch wahrlich gar zu leicht, von einer Abkühlung der Urnebelmasse zu reden, ohne nachgewiesen zu haben, wohin diese ausstrahlende Wärme geströmt sein soll!
Wir sehen, ohne die Zuhilfenahme einer höheren Kraft, die etwas anderes ist als die Urnebelmasse selbst, kann die Entstehung der Welt nicht begriffen werden. Richtig sagt darum der Astronom Professor Johannes Riem: »Wir stellen fest, daß schon die reine Tatsache der Existenz des heutigen Kosmos ein unzweideutiges Gegenzeugnis gegen den Materialismus und ein unzweideutiges Zeugnis von der Schöpferkraft und Allmacht der höchsten kosmischen Intelligenz ist. Sonst befänden wir uns noch heute inmitten des alten Chaos.«165
Wollten wir aber, wie viele es tun, versuchen, die Entstehung des Urnebels, aus dem unser jetziges Sonnensystem hervorgegangen sei, aus dem Zusammensturz zweier früherer Sonnen oder Sonnensysteme zu erklären, so kämen wir auch damit keinen Schritt vorwärts. Denn dann wäre es nunmehr unsere Aufgabe, die Entstehung dieser früheren Sonnen zu erklären. Das ganze Problem wäre also nur rückwärts verschoben, aber in keiner Weise gelöst.
Nein, begreiflich gemacht werden kann das Dasein eines geordneten Kosmos nur durch den Glauben an das Dasein und das schöpferische Wirken einer höheren, kosmischen Macht. Zugleich aber wird dies Ganze zu einem Zeugnis wider die Anfangslosigkeit der Materie und für die Tatsache eines Weltanfangs durch Weltschöpfung. Wir stehen also vor einer unausweichlichen Wahl: entw eder glauben wir an Gott, als den Schöpfer von Himmel und Erde, oder wir müssen auf alle Erklärung und alles Verständnis in diesen entscheidenden Fragen des Weltfundaments von vornherein verzichten.
Das Zeugnis der Radioaktivität wider eine Anfangslosigkeit und Ewigkeit von Welt und Materie.
Ein zweites Zeugnis der modernen Naturwissenschaft bezüglich eines Weltanfangs bietet der Zerfall radio-aktiver Substanzen. Zugleich ist er ein Zeitmesser zur Altersbestimmung der Erdschichten und der Erde selbst. Professor Karl Heim schreibt:
Wir haben innerhalb unseres Sonnensystems ein ziemlich sicheres Mittel, um das Alter von Weltkörpem festzustellen. Das ist der Radiumzeila.il bei radioaktiven Substanzen, dessen Ablaufzeit meßbar ist. Man hat an Gesteinen, die radioaktive Substanzen enthalten, Untersuchungen angestellt über den bereits erfolgten Zerfall. Daraus konnte errechnet werden, vor wie langer Zeit das betreffende Gestein sich gebildet hat. Man spricht von »Gesteinsuhren« in den geologischen Schichten, die gleichförmig durch die Jahrmillionen der Erdgeschichte ticken und an denen wir späten Wanderer auf dieser Erde sehen und ablesen können, wieviel Uhr es ist. An diesen »Uhren« sehen wir: Unsere Erde ist, nach den ältesten geologischen Schichten, etwa anderthalb Milliarden Jahre alt, wahrscheinlich noch älter, aber jedenfalls nicht mehr als das Dreifache davon.«166
Ein Stoff ist radioaktiv, wenn er kleine Atompartikel abstößt, die dann mit sehr großer Geschwindigkeit wegfliegen. Radium und Uranium sind die in der allgemeinen Öffentlichkeit am meisten bekannten Substanzen dieser Art. Durch die Atombombe hat die gesamte Kulturmenschheit der Gegenwart von diesen radioaktiven Erscheinungen Kenntnis bekommen.
Da Uranium solche Atompartikel mit größter Geschwindigkeit abstößt, zerfällt es, bis es schließlich Blei geworden ist. Die Geschwindigkeit dieses Zerfallsprozesses ist bekannt. Sie ist immer die gleiche, welchen Temperaturen und Druckverhältnissen die Materie auch unterworfen sein mag. Man bat in Laboratorien radioaktive Substanzen Temperaturen und Druckverhältnissen ausgesetzt, die höher und größer sind als alle diejenigen, die man auf der Oberfläche unseres Planeten finden kann. Dabei hat sich herausgestellt, daß der Verfallsprozeß weder beschleunigt noch verzögert wurde. So können die Physiker, durch diese »Blei-Methode«, an dem Grad des Zerfalls, das heißt, an dem Gehalt von Uranblei im Uranerz, sagen, wie alt ein Stück Uranium ist.167
In seinem Buch »The Christian View of Science and Scripture« (London 1955, S. 122. 123) sucht Dr. B. Ramm dies durch folgenden Vergleich in volkstümlicher und vereinfachter Form dem Leser nahe zu bringen, dem die Methoden radioaktiver Messungen nicht bekannt sind.
Er weist auf eine Pendeluhr hin. Die Anzahl der Zentimeter, die die Gewichte nach unten gesunken sind, zeigt an, wie lange die Uhr seit ihrem Aufgezogensein schon geht.
Durch Abmessen am Zähler, wieviel Treibstoff noch im Tankbehälter eines Autos ist, der bei der Abfahrt ganz gefüllt worden war, gewinnt man eine Vorstellung, wieviele Kilometer man gefahren ist. Die Resthöhe am Gewicht der Pendeluhr beziehungsweise der Restbestand des Treibstoffes im Autotank geben also eine entsprechende Möglichkeit, auf den Anfangspunkt der Uhrzeit beziehungsweise die Abfahrt des Autos zurückzuschließen.
In ähnlicher Weise läßt sich durch Feststellung des Atomgewichts und des Verhältnisses des vorhandenen Urans zu den Rückständen (Uranblei bzw. Helium) berechnen, wie lange der Zerfallsprozeß eines Stückes Uranium gedauert hat und wann sein zeitlicher Beginn war. Zugleich ist damit eine Möglichkeit gewonnen, das ungefähre Alter der betreffenden geologischen Schicht zu bestimmen, in der sich das Uranium gefunden hat (vgl. Prof. Dr. A. Titius, Natur und Gott. Göttingen 1931, S. 400).
Durch weitere Messungen, Überlegungen und Berechntmgen gelangt man zu der Vorstellung eines Uranfangs aller Existenz, sowohl der irdischen wie auch der kosmischen. Ob dieser grundlegende Anfang zwei oder drei Milliarden Jahre zurückliegen mag, wie viele Physiker glauben, oder ob diese Zahlen wesentlich kleiner oder vielleicht gar noch größer sein mögen, ist in unserem Zusammenhang nicht von wesenhafter Bedeutung. Der Punkt, um den es sich hier handelt, ist die Tatsache, daß auch die moderne Forschcmg die Vorstellung eines Uranfangs des Universum fordert, sodaß also die Natur nicht ewig, sondern zeitlich ist und darum an einem bestimmten Zeitpunkt der Vergangenheit ihren Anfang gehabt haben muß.
Zu diesen physikalischen Beobachtungen kommen noch astronomische hinzu. Es ist festgestellt worden, daß die Spiralnebel, aus denen ja das Weltall besteht, mit der Geschwindigkeit des Lichtes, also 300 000 Kilometer in jeder Sekunde, sich immer weiter in die Fem e bewegen, sodaß der Radius des Weltalls mit Lichtgeschwindigkeit zunimmt. Die Spiralnebel mit ihren Millionen von Sonnen vollziehen also eine geradezu unbegreiflich schnelle Fluchtbewegung, sodaß sich das Weltall räumlich immer weiter ausdehnt. Der große englische Astronom Sir James Jeans, einer der größten Gelehrten des 20. Jahrhunderts, hat ein Buch über diese Tatsachen geschrieben unter dem Titel »The Expanding Universe« (deutsch wörtlich »Das sich ausdehnende Universum«). Der deutsche Theologieprofessor Karl Heim, der zugleich Mathematiker und Naturwissenschaftler ist, hat für diese erstaunliche Tatsache das Wort »Weltgranate« geprägt. Damit soll ausgesprochen sein, daß, aufgrund sorgfältigster Beobachtungen, in der Fixsternwelt eine Bewegung in die fernsten Fernen hinein festgestellt worden ist, die aber zu irgend einem Zeitpunkt - Millionen, vielleicht drei bis vier Milliarden Jahre zurückliegend - einmal irgendwie ihren Anfang und Ausgangspunkt gehabt haben muß. Damit aber bezeugen beide Wissenschaften- Physik und Astronomie - ganz unabhängig voneinander dieselbe Tatsache, daß das Weltall eine »Geschichte« hat, daß also von einer Anfangslosigkeit und Ewigkeit von Welt und Materie, unter den Gesichtspimkten der allerneuesten Forschung, nicht mehr geredet werden kann.
»Der kühne Traum der Philosophen, daß die Welt ewig sei, ist heute - schon rein naturwissenschaftlich gesehen - unwahrscheinlich geworden« (Prof. Karl Heim). Zugleich aber ist damit auch die Erwartung eines Weltendes gegeben. Das Weltall ist wie eine aufgezogene Uhr, die immer mehr abläuft und die, wenn sie sich selbst überlassen bliebe, eines Tages stillsteht.
Wir wiederholen: Wir sind weit davon entfernt, mit naturwissenschaftlichen Erwägungen die Aussagen der Bibel »beweisen« zu wollen. Dennoch mag es nützlich sein, eine solche grundsätzliche Übereinstimmung zwischen den Gedankengängen der modernen Physik und Geologie mit dem Fundamentalsatz der Bibel über einen Welt-»anfang« (Joh 1,1) und eine Weltschöpfung (1Mo 1) nicht zu übersehen. Mögen auch die Zahlenangaben der Naturwissenschaft noch mancher Bestätigungen oder vielleicht sehr wesentlicher Berichtigungen bedürfen: Die Tatsache selber - ein Weltanfang an sich - wird von beiden Seiten, Bibel und moderner Naturforschung - , übereinstimmend bezeugt.
Als nächstfolgende Hauptübereinstimmung zwischen biblischer und naturwissenschaftlicher Weltentstehungslehre gilt den Vertretern der Periodenauffassung:
Der zunächst noch ungeformte Urzustand der Materie vor Beginn der weiterführenden, göttlichen Schöpferimpulse.
So sagt auch der biblische Bericht: »Die Erde war wüst und leer« (hebr. tohu-wabohu), das heißt, »gestaltlos und gehaltlos«.168 Diesem entspricht auch das naturwissenschaftliche Denken. Bei aller Verschiedenheit in Einzelfragen ist die Annahme eines ungeformten, »gestaltlosen« Urnebels der gemeinsame Ausgangspunkt aller neuzeitlichen Weltentstehungslehren.
Die Erschaffung der Erde, des Lichts und der Pflanzenwelt (am Anfang, am ersten und dritten »Tage«) vor dem Werk des vierten »Tages« (betreffend Sonne, Mond und Sterne).
Über diese Reihenfolge ist nicht selten gespottet worden. Doch völlig zu Unrecht.
Die entscheidende Schlüsselfrage ist, nach der Periodenauffassung, wie das Werk des vierten Tages zu verstehen ist: War es die eigentliche Erschaffung der Gestirne selbst als Himmelskörper im Weltraum oder war es lediglich ihr erstes Hervortreten und Sichtbarwerden als Lichter für die Erde? Bringt also der Schöpfungsbericht, in allgemeinen Umrissen, die Entstehungsgeschichte des gesamten Weltalls oder beschränkt er sich - abgesehen von Vers 1 nur auf die Geschichte der Erde? Ist er kosmologisch oder terrestrisch? Griech. kosmos, Welt; lat. terra, die Erde.
Beide Erklärungen sind von bedeutenden Schriftauslegern vertreten worden. In keinem Fall aber ergibt sich mit Notwendigkeit ein Widersprach zwischen Bibel und Naturforschung. Spotten können über diese Reihenfolge nur solche, die über diese Fragen nicht ernst und gründlich genug nachgedacht haben.
Denn man kann doch mit Recht fragen: Sind überhaupt die Gestirne nach dem biblischen Bericht erst am vierten Tage geschaffen worden? Hat nicht der Schreiber selbst gleich zu Anfang - bereits in Vers 1, also schon vor der Lichtschöpfung des ersten Tages - gesagt: »Im Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde«? Und bezeugt nicht das Buch Hiob, daß die himmlischen Sternen- und Engelheere schon vor der Zubereitung der Erde bestanden haben? Haben sie doch diese mit Jubel und Wonne entstehen sehen! »Worauf sind ihre (der Erde) Grundpfeiler eingesenkt, oder wer hat ihren Eckstein gelegt, während die Morgensterne allesamt laut frohlockten und alle Gottessöhne jauchzten?« (Hiob 38,4-7). Außerdem gebraucht der biblische Bericht in 1Mo 1,16 nicht das hebräische Wort bara, das ein Schaffen aus Nichts bedeutet, sondern das Zeitwort asah, das ein Zurechtbereiten aus schon bestehendem Stoff bezeichnet,169 und spricht er nicht lediglich davon, was diese Gestirne vom vierten Tage an für die Erde sein sollen: eben Lichter zur Beherrschung von Tag und Nacht?
Nach der Erstarrung der Erdoberfläche, also nach Abschluß des»Stern-Zeitalters« der Erde, muß unser Erdball in den folgenden geologischen Perioden zunächst mit einer sehr dicken Wasserdampfatmosphäre umgeben gewesen sein. Die Hitze, die vom Erdinneren her zunächst immer wieder in besonderer Weise hervorbrach und die Erdoberfläche damals noch außerordentlich stark erwärmte, ließ viel Wasser auf der Erde verdunsten und »hüllte sie in eine dichte Nebelschicht ein, etwa wie in einer Waschküche« (Prof. Dr. H. Rohrbach). So waren die Gestirne zwar schon vorhanden, aber noch nicht als solche von der Erde aus klar erkennbar.
Dann könnte das Werk des vierten Tages einfach darin bestanden haben, daß die Gestirne durch Dünnerwerden und Aufklärung der Erdatmosphäre als einzelne Lichter am Firmament hervortraten.
Dann wäre von einer Entstehung der Erde vor der Sonne überhaupt nicht mehr die Rede. Auch wäre das Licht des ersten Tages in Wirklichkeit schon das Sonnenlicht gewesen, nur eben durch die dicke Dunst- und Wolkendecke verhüllt. Zugleich würde es auch keinerlei Schwierigkeit bedeuten, daß die Entstehung der Pflanzenwelt schon am dritten Tage, also ebenfalls vor dem Werk des vierten Tages, genannt wird. Denn dann hätten ja die Pflanzen schon damals die für ihren Lebensprozeß notwendigen Lichtstrahlen empfangen, nur eben durch einen Wolkenschleier hindurch, wie dies in gewissem Maße - wenn auch bedeutend weniger - auch heute noch bei stark bedecktem Himmel geschieht.
In diesem Sinne erklärt auch die Stuttgarter Jubiläumsbibel: »Wenn erst am vierten Tage die Erschaffung der Gestirne erzählt wird, so soll damit nicht der zeitliche Hergang der Schöpfung des Alls berichtet werden; sondern die Gestirne bekamen erst jetzt ihre Bedeutung als Lichter für die Erde, während ihre Bedeutung und Stellung im Weltall gar nicht erwähnt wird« (zu 1Mo 1,15).
Nach dem Urteil anderer namhafter Schrifterklärer spricht aber der genaue Wortlaut des Textes von einem Handeln Gottes an den Himmelskörpern selber. Wohl hebt er die Beziehung von Sonne, Mond und Sternen zur Erde besonders hervor. »Gott setzte Lichter an der Ausdehnung des Himmels als Zeichen zur Beherrschung von Zeiten und Tagen und Jahren«, »zur Beherrschung des Tages und zur Beherrschung der Nacht«, »um auf der Erde zu leuchten«. Aber er sagt nicht, daß dies durch irgendein Handeln Gottes an der Erdatmosphäre vollzogen worden sei, sondern vielmehr: »Und Gott >machte< das große Licht (die Sonne) und das kleine Licht (den Mond) und die Sterne (V. 16). Folglich ist das Werk des vierten Tages nicht erdatmosphärisch, sondern astronomisch und kosmisch zu verstehen.
Der erste Vers des Schöpfungsberichts: »Am Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde« ist entweder Überschrift des Ganzen oder besagt die Erschaffung der noch ungeformten Materie und Grundstoffe oder, atom-physikalisch ausgedrückt, des »Schwingungsfeldes« an sich, aus dem Gott dann, in der Folgezeit der Schöpfungsgeschichte, Sonne, Mond und Sterne und die Erde, unter Seiner Leitung hervorgehen ließ.
In keinem Fall spricht Vers 1 von einer Entstehung der Himmelskörper vor der Erde; denn er nennt die Himmel und die Erde gleichzeitig. »Im Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde«.
Was Hiob 38,4-7 betrifft, so ist das Gewicht dieser Stelle durchaus zu würdigen. Andererseits dürfen aus einer dichterischen Stelle nicht zu weitragende kosmologische Schlußfolgerungen gezogen werden. In jedem Fall spricht sie von einem Lobpreis und einer Anbetung des Schöpfers, was aber doch wohl nur von lebendigen, bewußten, geistigen Wesen ausgesagt werden kann. Darum muß mit den »jubelnden und jauchzenden Morgensternen und Gottessöhnen« die Engelwelt gemeint sein, die bei der Grundsteinlegung der Erde den Schöpfer pries. Die Engelwelt aber ist schon vor der Entstehung des materiellen Universums geschaffen worden.
Das Wort »Glanzstem« wird, ebenfalls in poetischer Rede, in Jesaja 14,12 nicht astronomisch, sondern bildhaft auf ein geistiges, persönliches Wesen angewendet - in diesem Fall auf den König von Babel, wie der Zusammenhang mit Jesaja 13,1 beweist: »Ausspruch über Babel, welchen Jesaja, der Sohn des Amoz, geschaut hat.« Am Schluß des Buches der Offenbarung nennt sich der Herr selbst den »glänzenden Morgenstern« (Off 22,16). In Hiob 1,6 und Hiob 2,1 werden die Engel als »Söhne Gottes« bezeichnet.
Von einer Entstehung der Himmelskörper vor dem Erdball ist also in Hiob 38,4-7 kaum die Bede.
Aber auch bei dieser Erklärung des vierten Schöpfungstages, als Zubereitung der Himmelskörper im Weltraum selbst, bietet die Reihenfolge der vorangegangenen Schöpfungswerke keine ernsthaften Schwierigkeiten.
Die Entstehung des Lichts vor der Zubereitung der Sonne.
Nach den Weltentstehungslehren der Naturwissenschaft hat der »Urnebel«, aus dem sich dann später (!) die Sonnen- und Sternsysteme entwickelt haben, die sehr hohe Temperatur von vielen tausend Grad Celsius gehabt. So muß also der ganze Baustoff des Weltalls bereits in seinem Anfangsstadium eine einzige, glühende, leuchtende Masse, ein großes, feuriges »Licht«, gewesen sein. Folglich gab es also »Licht«, auch nach den Lehren der modernsten Astrophysik, schon unübersehbare Zeiträume hindurch vor der eigentlichen Bildung von Sonne, Mond und Sternen.
»Der schlichte Mensch«, schreibt ein Naturwissenschaftler unserer Tage, »sieht in unserer Sonne die Quelle des Lichts, das unsere Erdwelt durchflutet. Von sich aus kann er unmöglich auf den Gedanken kommen, daß das Licht in der Natur nicht unbedingt von der Sonne abhängig sei. Dazu kommt, daß es im Orient keine eigentliche Dämmerung gibt. Vielmehr hebt dort die Tageshelle sofort mit Sonnenaufgang an und hört, ebenso plötzlich, mit Sonnenuntergang auf. Daher kann man sich dort eigentlich kaum eine andere Hauptlichtquelle denken als das unmittelbare Sonnenlicht. Und doch wird im Genesisbericht die Unabhängigkeit des Lichts von der Sonne vorausgesetzt!«
Nicht zu Unrecht fragt darum Dr. Boardman in seinem Buch »Creative Week« (Die Schöpfungswoche): »Inwiefern kann die Akademie der Wissenschaften Mose einen Mann der Unwissenheit nennen, weil er erklärte, das Licht habe schon vor der Sonne bestanden, während man gleichzeitig Laplace einen Wissenschaftler nennt, der doch genau dasselbe behauptet hat?«170
Durch diese erstaunliche Übereinstimmung sah sich der französische Physiker Jean Baptiste Biot geradezu zu dem Ausspruch veranlaßt: »Entweder hatte Mose in den Wissenschaften eine ebenso tiefe Unterweisung wie diejenige unseres Jahrhunderts, oder er war inspiriert.«171
Die Entstehung der Erde vor der Zubereitung der Sonne.
Auch nach den astronomisch-physikalischen Erklärungen, die das Sonnensystem aus dem Zerfall eines Spiralnebels hervorgehen lassen, ergibt sich die gleiche Reihenfolge. Denn wenn die Planeten aus dem feurigen Urnebel, im Verlauf seiner Umdrehung, herausgesprungen sind, so müssen sie, infolge ihrer verhältnismäßigen Kleinheit, in dem 273 Grad kalten Weltraum viel schneller erkaltet sein und sich viel rascher zusammengezogen und zu eigentlichen »Weltkörpem« geballt haben als die unvergleichlich größere Urmasse. Diese muß also noch lange Zeit hindurch als ein elliptisch geformtes, nebelstemartiges Gebilde bestanden haben, bis man sie recht eigentlich als »Weltkörper« und »Sonne« bezeichnen kann. Auch darf ja sowieso doch erst der nach172 Abstoßung aller Planeten übrig gebliebene Rest »Sonne« genannt werden.
So hat schon der Tübinger Geologieprofessor F. A. Quenstedt geradezu erklärt: »Wie wahr sagt doch Mose, daß die kleine Erde sich schon lange vor der viel größeren Sonne ballen mußte!«173
Und was schließlich die Entstehung der Pflanzenwelt vor der Entstehung der Sonne betrifft, so wäre, sowohl vom kosmologischen wie auch vom botanischen Standpunkt aus, zu sagen, daß auch hier keine wirklich ernsthafte Schwierigkeit besteht.
Die Erschaffung der Pflanzen (am dritten »Tage«) vor der Zubereitung der Sonne (am vierten »Tage«).
Damit ist zugleich zum Ausdruck gebracht, daß das pflanzliche Leben nicht unbedingt gerade vom Sonnenlicht abhängig ist. Auch hierüber hat der Unglaube vielfach gespottet. Die Antwort der Periodenauffassung lautet: Die lebende, mit Blattgrün (Chlorophyll) ausgestattete Substanz der Pflanzen benötigt für den Ernährungsvorgang (die sogenannte »Assimi-lation«) zwar, außer der Kohlensäure der Luft, den jeweilig erforderlichen Salzen des Erdbodens und dem Wasser, auch das Mitwirken bestimmter Lichtstrahlen. Aber es wäre ein Fehlschluß, zu meinen, daß dies gerade unbedingt die Sonnenstrahlen sein müßten. Vielmehr weiß man heute durch bestimmte Experimente, daß es im Sonnenspektrum zahlreiche Strahlen gibt, die für den pflanzlichen Assimilationsprozeß völlig unwirksam sind. Erforderlich ist für diesen fast nur die Beleuchtung durch die roten, orangeroten und gelben Strahlen. Darum erklärt der Botaniker (!) Professor Dennert: »Es würde für ihn also schon ein Licht genügen, das nur diese Strahlen enthielte. Daraus ergibt sich, daß es töricht und kurzsichtig ist, die Sonne als solche für die Pflanzen für unerläßlich zu halten . . . Es wäre vielmehr möglich gewesen, daß auch ein allgemeiner, lichtspendender, glühender WeltenstofI die Rolle der Sonne den Pflanzen gegenüber im Anfang übernommen hätte.« Und er fügt hinzu: »Jedenfalls ist es auch hier wiederum im höchsten Grad wunderbar, daß der Berichterstatter nicht den an sich viel naheliegenderen - weil eben volkstümlich verständlichen - Gedanken vertritt, daß erst die Sonne und dann die Pflanzen entstanden seien; sondern er bezeugt vielmehr die umgekehrte Reihenfolge, deren Möglichkeit vom naturwissenschaftlichen Standpunkt aus erst in den letzten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts erkannt wurde.«174
Die Schöpfung der Pflanzen (am dritten » Tage« vor der Tierw elt (am fünften und sechsten »Tage«).
Auch hierfür findet die Periodenauffassung volle geologische Bestätigung. Die untersten Gesteinsbildungen weisen allerdings keine fosssilen Pflanzenreste auf. Vielmehr treten letztere schon sofort vermischt mit tierischen Versteinerungen auf. Dadurch könnte im ersten Augenblick der Gedanke an eine gleichzeitige Entstehung auftauchen. Doch genügt eine kurze, ganz einfache Überlegung, um zu erkennen, daß dem nicht so gewesen sein kann, und zwar aus zwei Gründen:
Die Tiere brauchen zum Einatmen Sauerstoff, während sie Kohlenstoff ausatmen. Eine an Kohlenstoff überreiche Atmosphäre würde der Tierwelt keine Lebensmöglichkeit gewähren. Nach den Forschungen der Geologie (Erdgeschichte) muß aber die Luft der Erde anfangs sehr viel Kohlenstoff enthalten haben, war also für die Tierwelt ungeeignet. Die Pflanzen dagegen atmen Kohlenstoff ein und Sauerstoff aus, konnten also sehr wohl vor der Tierwelt da sein, noch ehe die Atmosphäre ihren Überreichtum an Kohlenstoff verloren hatte. So schreibt auch Professor A. Rendle Short: »Sauerstoff, sowohl in der Atmosphäre als auch aufgelöst in Wasser, ist für tierisches Leben erforderlich und wird normalerweise nur von der Tätigkeit des pflanzlichen Blattgrüns (Chlorophylls) abgeleitet.« So ist »Grund dafür vorhanden, zu glauben, daß tierisches Leben nicht möglich war, bevor es eine Pflanzenwelt gab, die die Atmosphäre hinreichend mit Sauerstoff versorgte.«175
Der zweite Grund ergibt sich aus der Verdauungstätigkeit der Tiere. Die Pflanzen sind in der Lage, anorganischen Stoff (Mineralien) in sich aufzunehmen und ihn, mittels der Assimilation, in organischen umzuwandeln, zu Kohlehydraten, d. h. Zucker und Stärkemehl. Das Tier aber ist nur imstande, von organischer Nahrung zu leben, d. h. lebender oder solcher, die vorher gelebt hat. Folglich setzen die Tiere die Pflanzenwelt als schon vorher bestehend voraus. Tiere können nicht entstehen und leben, wenn nicht schon vorher Pflanzen da sind. So müssen auch die uralten laurentinischen Schichten, die heute ohne Versteinerungen sind, zu ihrer Zeit eine reine Pflanzenwelt enthalten haben, deren Spuren für uns allerdings verwischt sind und die deshalb nicht »versteinert« werden konnte, weil die einzelnen Pflanzen noch zu klein und zu zart gewesen waren. Auf diese Pflanzenwelt der vor-kambrischen Zeit folgt dann zunächst im Kambrium die Zeit der wirbellosen Tiere.176
Hierbei nennt der biblische Bericht vom dritten Schöpfungstage nicht so sehr die zarten Uranfänge der Pflanzenwelt, sondern zugleich ihre ersten großen, anschaulichen Formen, das heißt, nicht nur Gras und Kraut, sondern auch »fruchttragende Bäume« ( 1Mo 1,12).
Ein Ähnliches tut er in seiner Schilderung des fünften und sechsten Schöpfungstages, und zwar dort im Hinblick auf die Wassertiere (V. 20: »große Seeungeheuer«), die geflügelten Tiere und die Landtiere. Auch hier gibt er für beide »Tage« eine ausführlichere Aufzählung der Schöpfungswerke erst für die Zeit, in der das Tierreich bereits gewisse höhere, leicht erkennbare Formen erreicht hatte, die dann in grundsätzlicher, voller Ausbildung hervortraten, das heißt, als Knochenfische, Reptilien und Vögel bzw (am 6. Tage). die Säugetiere. Auch diese Reihenfolge wird, im Sinn der Periodenauffassung, von der Versteinerungskunde voll bestätigt.
Die Pflanzenwelt besteht zeitlich vor der Tierwelt. Dies ist also in doppelter Hinsicht wahr: sowohl was die allerersten Anfänge als auch was die ersten erreichten Höhepunkte im Verlauf des Gesamtwerdegangs betrifft.
Die allerersten Anfänge der Pflanzenwelt bestanden, wie der Ernährungsvorgang bei Pflanze und Tier beweisen, schon vor den allerersten Anfängen der Tierwelt (im Präkambrium bzw. Kambrium). Und was die ersten höheren Vollausgestaltungen betrifft, so gilt die gleiche Reihenfolge.
Bei der Pflanzenwelt waren die ersten Höhepunkte bereits im Devon und Karbon (der Steinkohlenzeit) erreicht, also schon im erdgeschichtlichen »Altertum« (Paläozoikum). Die Tierwelt aber erreichte ihre ersten, höher entwickelten Formen erst im erdgeschichtlichen »Mittelalter« (Mesozoikum), vom Trias bis zum Tertiär. Vgl. geologische Tabelle.
Daß bei diesem Ganzen die Heilige Schrift nicht eine vollständige Aufzählung aller Einzelheiten gibt, sondern ihren Hauptnachdruck auf die geschichtlichen Höhepunkte, die wichtigsten Etappen und die am deutlichsten hervortretenden Lebeformen legt, ist in ihrem Wesen begründet. Denn die Bibel ist kein Lehrbuch der Geologie und Paläontologie, sondern, in ihrem eigentlichen Anliegen, geistliche Offenbarungsurkunde. Sie beschränkt sich darum in ihren Aussagen über die Natur durchaus auf das Grundsätzliche, Bedeutsamste und Notwendige. Darum nennt auch ihr Schöpfungsbericht die jeweiligen Schöpfungsordnungen in ihrer allgemeinen Reihenfolge erst dann, wenn sie in größeren, anschaulichen Formen vorhanden waren.177 Alles andere gilt nur als Einleitung und Vorbereitung und ist nicht Gegenstand ausführlicherer biblischer Belehrung. Dies ist das Gebiet und die Aufgabe der Naturwissenschaft. Überhaupt gilt ja auch sonst bei allem Werden des Lebens der Grundsatz: Gott zeigt Seine organischen Schöpfungen immer erst dann, wenn sie ein gewisses Stadium der Entwicklung erreicht haben.
Die Schöpfung der Wassertiere (am fünften »Tage«) vor den Landtieren (am sechsten »Tage«).
Dies wird für die Periodenauffassung von der Versteinerungskunde ebenfalls bestätigt. In den allerältesten Schichten des geologischen »Altertums« (Paläozoikum) - das heißt, im Kambrium, Silur und Devon - finden sich fast nur Wasser-tiere. Das Silur bietet höchst wenige, das Devon fast gar keine Reste von Landtieren.
Erst im geologischen »Mittelalter« der Erde (Mesozoikum), nämlich in den obersten Triasformationen, finden sich zahlreiche, ausschließlich das Land bewohnende Tiere. Die eigentlich reiche Hauptentfaltung dieses großen Tierstammes, in Sonderheit der Säugetiere, erfolgt sogar erst noch viel später, im Tertiär. Weil aber nun der Schöpfungsbericht die jeweiligen Schöpfungsordnungen erst dann nennt, wenn sie in größeren, anschaulichen Formen vorhanden waren, muß auch die Schöpfung der Landtiere erst nach der Fisch- und Vogelschöpfung genannt werden. Dies geschieht dann auch tatsächlich in der Schilderung des sechsten, letzten Schöpfungstages, und zwar dort in seinem ersten Hauptabschnitt.
Die Schöpfung » geflügelter Tiere« (am fünften »Tage«), vor den Landtieren (am sechsten »Tage«).
Die eigentlichen »Vögel« erscheinen in den geologischen Felsenurkunden allerdings ziemlich spät, sogar erst nach den ersten Säugetieren, nämlich in der Kreide- und besonders Tertiärzeit. Dennoch treten schon sehr lange vorher - bereits im uralten Silur! - die ersten »geflügelten Tiere« auf. Dies geschieht in der Form großer, fliegender Insekten.178 Tatsächlich gebraucht der biblische Text hier ein Wort (hebr. oph), dessen Begriffsumfang weit über die Spezialbedeutung »Vögel« hinausgeht. Es ist dasselbe Wort, das in 3. Mose 11,20-23 und 5. Mose 14,19 auf Insekten angewandt wird.179 So gibt auch das Hebräisch-Aramäische Wörterbuch von Professor Gesenius-Buhl für »oph« in 1. Mose 1,21 die ganz allgemeine Übersetzung «geflügelte Tiere». In gleichem Sinne bemerkt Professor Lange in seinem Bibelwerk zu dieser Stelle: »Wir fassen oph als allgemeinere Bezeichnung »Geflügeltes«, was auch von Insekten gilt.«
In der Tat gab es schon im Karbon geflügelte Tiere. Einige von ihnen waren sogar von erstaunlicher Größe, zum Beispiel, das bis zu 50 Zentimeter lange, fliegende Titanophasma Fayoli. Ja, der Steinkohlenwald besaß sogar bereits das größte aller fliegenden Insekten der ganzen Erdgeschichte. Es erreichte eine Flügelspannweite von 70 Zentimetern.180 So hat also die Schöpfung »geflügelter Tiere«, nach dem gemeinsamen Zeugnis von Genesis und Geologie, tatsächlich schon vor der Erschaffung der Land- und Säugetiere stattgefunden.
Der Mensch als Abschluß des Ganzen.
Auch nach dem Zeugnis der Erdgeschichte ist der Mensch das allerletzte Glied der Schöpfung.
Seit dem Auftreten des Menschen sind wohl viele Arten von Tieren ausgestorben, deren Knochen sich mit Menschengebeinen zusammengefunden haben. Aber noch nie ist eine Art nachgewiesen worden, die sich seit dem Beginn der Entwicklung des Menschengeschlechts neugebildet hätte.
So ist die Erschaifung des Menschen eine Schöpfungstat Gottes auf breitester Grundlage. Die ganze irdische Schöpfung »erscheint als ein architektonischer Aufbau, der in Stufen immer höher emporsteigt. Zuerst kommen die Pflanzen, dann die Wassertiere und geflügelten Tiere, dann die Landtiere, und auf der höchsten Stufe steht der Mensch«. Der Mensch ist somit das letzte und oberste Glied des Ganzen und als solches der Zielpunkt der gesamten irdischen Kreatur. Die allgemeine materielle, pflanzliche und tierische Schöpfung geht von Anbeginn bis auf Adam. Von Adam beginnt der geistige und geistliche Bau, der zugleich ein Schatten der zukünftigen Dinge ist bis auf Christus, den letzten Adam ( 1Kor 15,45-50). Zwar wird die Weiterentwicklung durch die Sünde dann bis aufs Tiefste erschüttert. Aber in Christus, dem letzten Adam, wird dennoch der ewige Sieg errungen.
So ist die irdische Schöpfung die Vorstufe der geistlichen, und die geistliche Schöpfung ist das Ziel und die Vollendung der irdischen. Der geistliche Bau der Gemeinde und die Neuschöpfung von Himmel und Erde wird den materiellen Bau der ganzen, bisherigen Schöpfung unendlich übertreffen.
ZUSAMMENFASSUNG
Hält man dies alles zusammen - und das obige ist nur ein ganz kleiner Ausschnitt aus dem zu Gebote stehenden Riesenmaterial - , so erweist sich auch heute noch, im Licht der allemeuesten Forschung des zwanzigsten Jahrhundert, nach dem Urteil der Periodenauffassung, das Wort des großen französischen Mathematikers, Physikers und Elektrikers Ampere (gest. 1836) als zu Recht bestehend: »Die Reihenfolge, in welcher die organisch gebildeten Wesen auftreten, ist genau die Reihenfolge der Sechstagewerke, wie sie uns die Genesis darstellt.«
Für den Glauben aber ist dies zugleich ein Zeugnis von der göttlichen Inspiration. Die ganze biblische Schöpfungsgeschichte stellt sich ihm dar als ein gottgegebener Bericht über den Ursprung aller Dinge, der dem Menschen – der ja nicht dabei gewesen war - nur durch Offenbarung kundgetan werden konnte und wurde.
In gleicher Weise erklärt Prof. A. Rendle Short: »Diese Erwägungen bringen eine geradezu erstaunlich vollkommene Übereinstimmung zwischen dem Schöpfungsbericht und den Entdeckungen der modernen Naturwissenschaft ans Licht. Gerade in Anbetracht des wilden Rätselratens über den letzten Urgrund und Ursprung von Erde und Natur, wie es unter den anderen Völkern des Altertums geläufig war, steht die Genauigkeit von 1. Mose 1 in einsamer Großartigkeit da. Die Geologie ist eine junge Wissenschaft. Die Klassifikationen der Erdschichten sind nicht viel älter als einhundert Jahre. Wir können gewiß sein, daß der Verfasser des biblischen Schöpfungsberichts keine seiner Informationen vom Jagen nach Fossilien gewonnen hatte. Weder bloßes Raten noch eigene innere Schau hatten ihn die richtige Reihenfolge in der Anordnung der Schöpfungsereignisse gelehrt. Der Bericht trägt die Merkmale einer göttlichen Inspiration.«181
Zugleich ist der Bericht sachlich und kurzgefaßt. In allem wird der Blick auf das Wesenhafte festgehalten, und auch dies wird nur in sehr summarischer Weise genannt. Auf naturwissenschaftliche Vollständigkeit wird nicht Wert gelegt und wäre auch in keiner Weise am Platze gewesen. Ebenso wird keine Aussage gemacht über die Art und Weise und die »Methoden« des göttlichen Schöpferhandelns. Darum berichten uns zwar Genesis und Geologie in großen Umrissen dieselbe Geschichte, aber ihre Wechselbeziehungen sind nur sehr allgemein.
Auch decken sich der zeitliche Rahmen der biblischen und der geologischen Geschichte nicht volltständig. Der geologische Zeitrahmen ist nicht so umfangreich wie der biblische. Denn die geologischen Dokumente des Lebendigen reichen nur zurück bis in das Präkambrium. Das heißt, im Sinn der Periodenauffassung, biblisch ausgedrückt: Die Geologie sieht nicht weiter zurück als bis in den dritten Schöpfungstag. Erst von da an beginnt ihre Zusammenschau und Parallelität mit dem Sechstagewerk. Für die vorangegangenen, allerfrühesten Entwicklungen - d. h. die Entstehung der Fixstemwelt, des Sonnensystems und für das Stern-Zeitalter der Erde - lassen sich, naturwissenschaftlich, nur gewisse allgemeine Folgerungen aus physikalischen und astronomischen Beobachtungen ziehen.
Dabei bedient sich der biblische Schöpfungsbericht einer schlichten, allgemeinverständlichen, volkstümlichen Darstellungsweise, eben der allgemeinen Umgangssprache, also gleichsam einer «vor-naturwissenschaftlichen« Ausdrucksform. Modern naturwissenschaftliche Klassifikationen und Terminologien - die noch dazu, im Verlauf der Forschung, ja dauernd im Fluß sind und daher stets neuen Schwankungen unterliegen - durften hier von vornherein nicht in Anwendung gebracht werden. Dies wäre für die Form eines für die allgemeine Öffentlichkeit bestimmten, noch dazu vor über dreitausend Jahren geschriebenen Berichts das denkbar Ungeeigneteste gewesen und zugleich ein Zeichen großer, pädagogischer Unweisheit. Gott aber ist allweise in all Seinen Methoden und vollkommen in all Seinem Tun. So ist der ganze Bericht ein Ausdruck göttlicher Weisheit, Größe und Einfachheit. Er ist ein von Gott Selbst gegebener Abriß über den Schöpfungsvorgang, der uns in großen, knappen Grundzügen in Gottes gewaltige Werkstatt hineinschauen läßt. Er ist so kurz gefaßt, daß man ihn mit den Heeresberichten der Kriege verglichen hat, von denen es auch jedermann bekannt ist, daß hinter den wenigen, lapidaren Worten eine Fülle von Vorgängen und Ereignissen steht und von ihnen gemeint ist.
Der katholische Gelehrte Dr. Ludwig Zenitti sagt 1946 in der Zeitschrift »Begegnung« (Zeitschrift für Kultur und Geistesleben): »Der mosaische Bericht gibt also nicht die ganze, bisher erkannte Entwicklungsgeschichte der Erde in allen Einzelheiten wieder. Aber er gibt, in naturwissenschaftlich richtiger, zeitlicher Aufeinanderfolge, jene auffälligsten Abschnitte aus ihr, die als wesentlich erscheinen und für den einfachen Menschen wie auch für den Tiefersehenden immer die wesentlichen bleiben werden.«182
Oder wie es Professor Karl Heim ausdrückt: »Für den Bibelleser ist das überraschend, daß der Bauplan der Schöpfung, den uns die paläontologische Forschung zeigt, in allen wesentlichen Grundzügen mit dem übereinstimmt, was im ersten Buch Mose vom dritten, fünften und sechsten Schöpfungstag gesagt ist.«
Zusatz
Kurze Bemerkung über den sogenannten »zweiten biblischen Schöpfungsbericht« ( 1. Mose 2,4-7)
Der Hinweis auf die Übereinstimmungen in der Reihenfolge der Schöpfungswerke zwischen 1. Mose 1 und Geologie, im Sinn der Periodenauffassung, wird nicht etwa entkräftet durch den sogenannten
»zweiten Schöpfungsbericht«, der eine andere Reihenfolge aufweise als i. Mose 1. Denn dieser sog. zweite Schöpfungsbericht ist in Wirklichkeit garkein »Schöpfungs«bericht und will es auch gamicht sein. Dies beweist schon die Tatsache, daß der Verfasser von 1Mo 2,4- y von der Entstehung von Wasser und Luft, der Bildung von Sonne, Mond und Sternen, der Schöpfung der Tierwelt überhaupt kein Wort sagt! Er erwähnt, außer dem Menschen, nur Gesträuch, Kraut, Dunst und Regen. Der Sinn dieses ganzen Abschnittes ist vielmehr, zur Geschichte des M ensdien überzuleiten. Der Verfasser will zur Paradiesesgeschichte kommen. Er will berichten, wie Gott diesen Garten pflanzte und alle Fürsorge traf, daß der Mensch seine Laufbahn beginnen konnte. Seine Zielsetzung ist nicht, einen stufenweisen Schöpfungsbericht zu geben, sondern eine Schilderung des Anfangs der menschlichen Geschichte. Und weil mit dem Menschen diese Geschichte anhebt, so bildet er nicht - wie in 1. Mose 1 - das Ziel, sondern den Ausgangspunkt des Berichts. Darum wird denn auch von hier aus in die eigentliche Schöpfungsgeschichte von Kapitel 1 zwar wieder zurückgegriffen, doch nur soviel von ihr aufgenommen und näher ausgeführt, als zum Bericht vom Paradiese und dem Sündenfall erforderlich war. Nicht die Stufenfolge der Schöpfungstätigkeit Gottes soll hier zur Anschauung gebracht werden, sondern die Tatsache, daß alles für das Bedürfnis des Menschen gebildet ist. Oder, wie es der Schweizer Theologe Professor F. Godet ausdrückt: »Der Mensch wird in Kapitel 1 geschildert als Ziel der Entwicklung des Naturlebens, in Kapitel 2 als Prinzip der Entwicklung der G esdiidite. Die Natur steigt zu ihm hinauf; die Geschichte geht von ihm aus.«
165 Prof. Dr. Johs. Riem, a. a. O., S. 4 3 .↩︎
166 K. Heim, Weltschöpfung und Weitende. 1952 . S. 32 . 33 .↩︎
167 So schreibt Dr. A. Neuberg in seinem Buch „Das neue Weltbild der Physik.“ Göttingen 1941 , S. 8 2 : „Ein Gramm Uran zerfällt in 80 Millionen Jahren. Wenn sich also in 100 Gramm Uran ein Gramm Uranblei befindet, so wird das Gestein etwa 80 Millionen Jahre alt sein.“ - Alle diese Zahlen aber können, trotz sorgfältigster Forschungen, durchaus noch nicht als völlig gesichert angesehen werden. Daher ist, in bezug auf alle Einzelangaben, größte Zurückhaltung erforderlich.↩︎
168 Uber die Bedeutung der hebr. Wörter tohu und bohu vgl. S. 304 .↩︎
169 z. B. ein Schiff bauen (machen: 1 . Mos. 8, 6), ein Haus errichten (machen: 2 . Kön. 12, 12), ein Kleid anfertigen (machen 1 . Mos. 3 , 2 1 ), einen Garten anlegen (machen: Amos 9,14).↩︎
170 bei A. R. Riley, D. D. Science and Scripture in der Zeitschrift Dawn, London 1954 , S. 81 . “Why will the Academy vote Moses a blunderer for declaring that light existed before the sun appeared, and yet vote Laplace a scientist for affirming precisely the same thing?“↩︎
171 „Ou Moise avait dans Ies sciences une instruction aussi profonde que celle de notre sciecle, ou il etait inspire.“ - Biot war Professor für Physik und Astronomie in Paris, gest. 1862 .↩︎
172 Vgl. Prof. Dr. Johannes Riem (Sternwarte Hamburg) in „Natur und Bibel“. Hamburg 1911 , S. 46 ; 19 . - Ebenso vgl. Prof. Dr. Chr. E. Luthardt,a. a. O., S. 71 . 72 .↩︎
173 F. A. Quenstedt war Professor für Mineralogie und Paläontologie in Tübingen, gest. 1889 .↩︎
174 Prof. Dr. E. Dennert, Bibel und Naturwissenschaft. Halle 1911 , S.↩︎
175 A. Rendle Short, Modern Discovery and the Bible, London 1952 , S. 90 . 94 .↩︎
176 Vgl. auch Prof. D. Frhr. v. Huene, 1947 , a. a. O., S. 3 0 . - Prof. Dr. Karl Heim, Schöpfung und Weitende. Hamburg 1952 , S. 46 .↩︎
177 Ebenso sagt Professor Rendle Short: „1. Mose 1 handelt nur von den größeren Abteilungen, nur von dem Anschaulichen, Offensichtlichen, Augenscheinlichen“ (Modem Discovery, 1954 , S. 94).↩︎
178 Prof. Dr. E. Hoppe. Glauben und Wissen. Gütersloh 1915, S. 218 .↩︎
179 Vgl. auch Prof. Dr. A. Rendle Short, a. a. O., 1952 , S. 95 .↩︎
180 Vgl. Prof. Dr. L. Rüger, Wissen ist Macht. Band 1. Heidelberg 1929 ,S. 306 ff.↩︎
181 Modem Discovery, London 1954 . S. 9 5 . 96 .↩︎
182 Zeitschrift „Begegnung“. Koblenz, April 1946 , S. 29 .↩︎