Schriften von Erich Sauer
Grenze und Wert der sogenannten »Gottesbeweise«. Die »Gottesbeweise « als »Zeugnisse« von Gott.Grenze und Wert der sogenannten »Gottesbeweise«. Die »Gottesbeweise « als »Zeugnisse« von Gott.
Es ist klar, daß dies alles nicht Gottesbeweise sind im Sinn einer mathematischen Beweisführung. Dies kann und darf aber auch garnicht sein!
Es kann nicht sein, weil Gott als der Unendliche niemals Denkproblem menschlicher Maulwurfsspekulation ist, weil der Gottesgedanke alle menschlichen Denkmittel sprengt, weil darum schon der bloße Versuch einer staubgeborenen Kreatur, Gott »beweisen« zu wollen, nichts anderes wäre als kindische Selbstüberschätzung, als maßlose Vermessenheit kleingeistigen Größenwahns.
Und es darf auch gar nicht sein, weil sonst der Kluge Gott schneller erkennen könnte als der weniger Begabte, der Gelehrte vor dem Ungelehrten, weil dann das Gotterleben von der Sphäre des Sittlichen verschoben würde auf das Gebiet des Intellektuellen, weil sonst Gott leichter erkannt werden würde unter dem Katheder des Philosophieprofessors in der Universität als unter der Kanzel des Gotteszeugen in der Gemeinde.
So folgt aus der Unendlichkeit Gottes Seine verstandesmäßige Unbeweisbarkeit, aus der Allgemeingültigkeit des Glaubens Seine Allein-Erlebbarkeit durch den sittlichen Willen.
Die göttliche Offenbarung muß eine Erkenntnis sein, die jedermann gewinnen kann ohne Unterschied des Grades der Bildung. Denn alle Menschen ohne Unterschied sind geschaffen für die Wahrheit und haben ein Bedürfnis nach ihr. Also muß sie auch für alle vorhanden sein können. Darum muß die Offenbarung Gottes so eingerichtet sein, daß jedermann das Entscheidende begreifen kann.121
Die alten Philosophen haben oft erklärt, daß ihre Wissenschaft
nicht für die Menge sei, sondern nur für die Aristokratie des Geistes. Das Christentum aber ist für alle. Denn »Gott will, daß allen Menschen geholfen werde und alle zur Erkenntnis der Wahrheit kommen« ( 1Tim 2,4). Darum hat das Christentum die höchste Wahrheit zur Macht des täglichen Lebens erhoben und auch die schlichtesten ihm wahrhaft hingegebenen Menschen auf eine unvergleichlich höhere sittliche Stufe gestellt, als auch die Höchststehenden der alten Welt gestanden hatten.
Außerdem ist unser Verhältnis zur Wahrheit nicht ein bloß verstandesmäßiges, sondern vor allem ein sittliches. Schon im irdischen Leben erkenne ich nur das, womit ich mich beschäftige, und ich beschäftige mich nur mit dem, womit ich mich zu beschäftigen entschlossen habe. Also regiert der Wille das Denken.
Das Gleiche ist nun auch auf dem Gebiet der höchsten Fragen der Fall. Auch hier ist es so, daß der Wille das Denken beherrscht. Nur vollzieht sich hier eben alles in der Sphäre des Weltanschaulichen und Sittlichen, und es ergibt sich der einleuchtende Tatbestand: Die Erkenntnis der Wahrheit ist eine sittliche Tat. Sie liegt im Willen und nicht zuletzt im Verstand. Es geht weniger um das Wissen als um das Gewissen.
Es ist nicht der Verstand, der unser Herz überzeugt, sondern es ist unser Herz, das den Verstand überzeugt. Oder, um noch einmal ein bekanntes Wort des großen französischen Mathematikers Pascal anzuführen: »Gott hat gewollt, daß die göttlichen Wahrheiten nicht durch den Verstand in das Herz, sondern durch das Herz in den Verstand eingehen. Denn die menschlichen Dinge muß man kennen, um sie lieben zu können; die göttlichen aber muß man lieben, um sie erkennen zu können.« So sagt auch der deutsche Philosoph Fichte:
»Unser Denksystem ist oft nur die Geschichte unseres Herzens. Alle meine Überzeugung kommt aus der Gesinnung, nicht aus dem Verstand, und die Verbesserung des Herzens führt zur wahren Weisheit.« Es ist der Wille, der über die Annahme oder Nichtannahme entscheidet. Man muß die Wahrheit erkennen wollen. »Der Glaube an Gott ist nicht eine Wissenschaft, sondern eine Tugend« (Luthardt).
Gott aber zu leugnen ist darum nicht nur ein Irrtum des Verstandes, sondern ein Fehler des Herzens. Sein Dasein zu bestreiten, ist nicht nur ein Widerspruch gegen unsere Vernunft - denn Gott ist eine Notwendigkeit der Vernunft - , sondern auch höchste innere Armut. Denn es macht die Welt kalt, tot und leer und nimmt allem seine Seele und seine Wahrheit.
Nachdem aber das Herz Gott erkannt hat, sucht ihn die Vernunft auch. So erlangt der Mensch, auch der schlichte, die höchste, wahre Weisheit. Wie der mehrfach schon genannte deutsche Gelehrte Professor Dr. Ch. E. Luthardt erklärt: »Wer die Wahrheiten des Christentums in sich aufgenommen hat - und ein jeder kann das - , der weiß mehr als Plato und ist weiser als Sokrates.«
So kommen wir auf allen Wegen zum Gottesgedanken. Unser ganzes Leben fordert Gott als die Wahrheit und das Ziel unseres Seins. In allen Beziehungen dieses Lebens sehen wir Ansätze zu einem Höheren, als sie selbst sind. Auch die höchsten Bildungen des menschlichen Lebens weisen über sich hinaus zu einem Allerhöchsten. Sie wollen uns als Stufen dienen, um, über sie hinweg, aufzusteigen zu Gott. Gott allein ist unsere Ruhe. Der Gedanke Gottes ist die wahre Befriedigung unseres denkenden Geistes.
So haben die sogenannten Gottesbeweise - als Zeugnisse von Gott - einen ungemein hohen Wert. Sie lassen erkennen, daß es erlaubt, ja vernünftig, ja denknotwendig ist, an Gott zu glauben, und daß die ganze Natur ein Hinweis ist auf den Ewigen, daß Glaube an Gott und Sinn für die Wirklichkeit sich nicht widersprechen, sondern zusammengehören. Sie beweisen, daß wir entweder in einer sinnvoll geordneten (!) Sinnlosigkeit leben oder in einem zielstrebig aufgebauten Schöpfungsdom, daß wir schon rein verstandsmäßig nur die Wahl haben zwischen ScheinWirklichkeit und Realität, zwischen Weltall-Betrug und wahrem Sein, daß unser letztliches Daseinsmotto entweder »Eitelkeit der Eitelkeiten« ist oder endloser Menschheitsadel.
121 Hierzu, wie auch zu dem Folgenden vgl. Prof. D. Dr. Luthardt, Apologie des Christentums.↩︎