Aber ist dies alles nicht vornehmlich Traum und Ideal? Sind diese Ziele, bei aller Betonung des praktischen Alltags, nicht dennoch fast nur Gedankendinge? Wie steht das Christentum zur sichtbaren, faßbaren, naturhaften Welt? Bedeutet es hier nicht Naturvemeinung?
Denn lehrt nicht das Neue Testament - in Sonderheit Paulus - den Kampf des »Geistes« wider das Fleisch, also der Geistigkeit gegen die Stofflichkeit? Ist darum nicht das Christentum Leibverneinung, Weltscheu, Naturverachtung? Ist es nicht Flucht aus der Wirklichkeit des Sichtbaren in das Unsichtbare, also in die Unwirklichkeit schemenhafter Wesenlosigkeiten?
Wir aber leben doch in einer Welt von Farbe und Form, in einem gestalteten, stofflichen, leibhaften Kosmos! Da bedeutet Verneinung desselben durch das Neue Testament doch die Unbrauchbarkeit des Christentums - namentlich in seiner paulinischen Prägung - für den Menschen der Gegenwart!
Wir antworten:
Nirgends lehrt das Neue Testament die Verneinung der Stofflichkeit. Nur Unkenntnis seiner ganzen, geistleiblich triumphierenden Weltvollendungslehre könnte dies behaupten. Der Kampf zwischen »Fleisch« und »Geist«, von dem es allerdings spricht (Röm 8,4-9; Gal 5,17), ist nicht im heidnisch-hellenistischen Sinne zu verstehen, als ob der Leib ein »Kerker« der Seele und der Stoff überhaupt zu verneinen sei. Worum es sich handelt, ist nicht der Gegensatz zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, Körperlichkeit und Geistigkeit, Sinnlichkeit und Idealismus, sondern der Widerstreit zwischen der gesamten, gefallenen Menschennatur und einem Leben in wahrer Heiligkeit, zwischen dem »alten« und dem »neuen« Menschen, zwischen dem »Ich« des bisherigen Lebens und dem neuen Lebensprinzip, das in der Wiedergeburt in den Glaubenden durch den Heiligen Geist hineingepflanzt ist (Kol 3,9.10; Eph 4,22-24).
Dem neutestamentlichen Begriff »Fleisch« - wenn es in diesem ethischen Sinne gebraucht wird - liegt überhaupt nicht eine Unterscheidung zwischen der körperlichen und der geistigen Seite im Menschen zugrunde, sondern die konkrete Anschauung des einheitlichen Gesamtmenschen selbst. Der Ausgangspunkt ist vielmehr die Betrachtung des Menschen in seiner irdischen Sichtbarkeit im Unterschied zu der unsichtbaren Welt, den Engeln, und besonders zum Schöpfer, der der Herr, der Geist, ist.
Im Alten Testament bedeutet das Wort »Fleisch« in diesem allgemeinen Sinne zunächst das ganze, mit einem Fleischesleibe versehene, menschliche Lebewesen, das heißt, die gesamte, irdische, endliche Menschennatur an sich.2 In diesem Sinne heißt »alles Fleisch« ganz einfach »die ganze Menschheit« (1Mo 6,12). »Alles Fleisch (d. h. die ganze Menschheit) wird die Herrlichkeit des Herrn sehen« (Jes 40,5). »Ich werde meinen Geist ausgießen auf >alles Fleisch«< (d. h. die ganze Menschheit) (Joel 3,1).
Zugleich aber verbindet sich mit dem Ausdruck »Fleisch« schon im Alten Testament zuweilen das Bewußtsein der Schwachheit, Vergänglichkeit und Hinfälligkeit dieser Menschennatur, die ja bereits im Anfang ihrer Geschichte so tief gefallen war. Gerade auch am Körperlichen und Leiblichen erlebt ja »alles Fleisch«, die ganze Menschheit, immer wieder so offensichtlich ihre Ohnmacht und Hinfälligkeit, eben in ihrer körperlichen Begrenztheit, in Krankheit des Leibes und endlich leiblichem Tod. Es ist darum durchaus begreiflich, daß das Wort »Fleisch« des öfteren gebraucht wird, um diese Seite der Schwachheit und Vergänglichkeit der menschlichen Natur mitanklingen zu lassen. »Verflucht ist der Mann, der auf den Menschen vertraut und Fleisch (d. h. Menschenkraft in ihrer Ohnmacht) zu seinem Arm macht« (Jer 17,5). »Mit ihm (Sanherib, dem feindlichen, heidnischen König) ist nur ein Arm von Fleisch, (d. h. unzulänglicher Menschenkraft); mit uns aber ist der Herr, unser Gott« (2Chr 32,8). »Die Ägypter sind Menschen und nicht Gott, und ihre Rosse sind Fleisch (also schwache Geschöpfe) und nicht Geist« (Jes 31,3).77
»Er (Gott) dachte daran, daß sie Fleisch (d. h. hinfällig und schwach) seien, ein Hauch, der dahinfährt und nicht zurückkehrt« (Ps 78,39)78. Von hier aus erfährt der Begriff »Fleisch« dann eine wesentliche Erweiterung und Vertiefung. Dies geschieht besonders im Neuen Testament, namentlich bei Paulus. Da ja »alles Fleisch«, das heißt, die ganze Menschheit, durch die Sünde in den Widerstreit gegen Gott gefallen ist, bekommt das Wort »Fleisch« an nicht wenigen Stellen noch zusätzlich den Sinn: die von der Sünde in Besitz genommene, gefallene, gesamte Menschennatur, der in der ganzen Menschenwelt herrschende Sündenzustand, der ganze »alte Mensch«, sein gesamtes ererbtes, sündiges Wesen. In diesem Sinne bezeugt Paulus: »Ich weiß, daß in mir, das ist in meinem Fleische, wohnt nichts Gutes« (Röm 7,18). »Die, welche im Fleische sind, vermögen Gott nicht zu gefallen«(Rom. 8, 8). »Die Gesinnung des >Fleisches< ist Feindschaft gegen Gott« (V. 7).
Erst von hier aus wird es auch möglich, dem Begriffsumfang des Wortes »Fleisch« in den paulinischen Schriften gerecht zu werden. »Fleisch« im paulinischen Sinne des Wortes ist mehr als nur sündhaftes Triebleben einer entfesselten, widergöttlichen Leiblichkeit. Geradezu mehr als die Hälfte der »Werke des Fleisches«, die Paulus im Galaterbrief aufzählt, gehören durchaus in das Gebiet der Sünden des geistigen Lebens. Nicht nur Hurerei, Trunkenheit, Unzucht, also Sinnlichkeit, sind »Werke des Fleisches«, sondern auch Feindschaft, Eifersucht, Zank, also Lieblosigkeit, ferner Zauberei und Götzendienst (Gal 5,19-21). Ja, sogar Gesetzlichkeit und leibliche Askese (Kol 2,18-23; V. 16. 17!), also gerade das ausgesprochene Gegenstück zur Sinnlichkeit, nämlich Selbstheiligung, rechnet Paulus zum »Fleisch«, nämlich zum frommen, religiös getarnten Fleisch, das heißt, zum Fleisch in seiner vermeintlichen eigenen, selbstherrlichen Kraft. Gerade den Galatern, die durch gesetzliche Selbstheiligung meinten, ihre Vollendung bewirken zu müssen, schreibt Paulus, im Hinblick auf diese ihre religiösen, sich selbst veredelnden Anstrengungen: »Nachdem ihr im Geist angefangen habt, wollt ihr jetzt im Fleisch vollenden?« (Kap. 3, 3).
So bedeutet das Wort »Fleisch« im Alten Testament vornehmlich den natürlichen, vom Schöpfer selbst gesetzten Unterschied zwischen Mensch und unsichtbarer Welt. Es besagt, daß der Mensch, im Unterschied zu Gott und den Engeln, mit einem sichtbaren, stofflichen Fleischesleib ausgestattet ist. Es drückt aus, daß er darum auch schon rein körperlich und räumlich, aber ebenso geistig und als Persönlichkeit, begrenzt, also ein endliches Wesen ist.
Im Neuen Testament bedeutet das Wort »Fleisch« an der Mehrzahl der Stellen - darüber hinaus - den unnatürlichen, von der Sünde bewirkten Widerstreit zwischen Sünder und heiligem Gott.
»Die Gesinnung des Fleisches ist Feindschaft gegen Gott« (Röm 8,7). »Wer auf sein Fleisch säet, der wird von dem Fleisch das Verderben ernten« (Gal 6,8). Dabei bezeichnet das Wort »Fleisch« diesen Sünder zugleich in seiner Ohnmacht, sich selbst zu erlösen. »Aus Gesetzeswerken wird kein Fleisch vor Ihm gerechtfertigt werden« (Röm 3,20). Darum ist auch schon alle Gesetzlichkeit und Selbstheiligung von vornherein »Fleisch« (Gal 3,3; Kol 2,16-23).79
So kann überhaupt gar nicht die Rede davon sein, daß mit dem Kampf zwischen »Fleisch« und »Geist«, nach Paulus, Leibesverneinung und Naturfeindschaft gemeint seien. Im Gegenteil, gerade die Bibel sagt, daß der Leib Werkzeug der Gerechtigkeit, Mittel zur Verherrlichung Gottes, Samenkorn zu verklärter Geistleiblichkeit sei (i. Kor. 15, 43- 47). »Stellet eure Glieder Gott dar zu Waffen (Werkzeugen) der Gerechtigkeit» (Röm 6,13), »damit auch das Leben des Herrn Jesu an unserem Leibe offenbar werde« (2Kor 4,10). »Verherrlicht Gott mit eurem Leibe!« (1Kor 6,20). Gott wird »eure sterblichen Leiber lebendig machen« (Röm 8,11). » Dieses (!) Sterbliche wird einst anziehen Unsterblichkeit« (1Kor 15,53). Und wenn Christus, unser Herr, vom Himmel her erscheint, wird diese «unser Niedrigkeitsleib umgestaltet werden zur Gleichförmigkeit mit seinem (d. h. Christi) Herrlichkeitsleibe« (Phil 3,21). Zum Leben des »Geistes« gehört also Aktivierung des Leibes (nicht etwa seine Ertötung). Zur »Fleisches«Verneinung gehört heilige » Leib« bejahung. Der Triumph des »Geistes« vollendet sich in »Leibes«auferstehung und ewiger » Leib«verklärung!
Wohl hat es auch auf dem Boden des allgemeinen Christentums Weltscheu und Möncherei, Leibverachtung und Naturpessimismus gegeben; aber stets waren dies Zerrbilder biblischen Glaubenslebens. Meist waren sie unter dem Einfluß eines völlig wesensfremden Denkens entstanden, in Sonderheit unter den Ideen griechisch-hellenistischer, ja, vorderasiatisch-orientalischer Weltanschauung. Unter den Nachwirkungen dieser heidnischen Einflüsse haben auch später immer wieder manche schlichte Menschen gestanden, die selber von der Geschichte der Philosophie nichts wußten und darum auch keine Vorstellung davon haben konnten, wo eigentlich die Wurzeln ihres Verhaltens zu suchen waren, das sie ihrerseits zwar für biblisch hielten, das aber dennoch zuweilen abwich von gesundem, biblischem Heiligungsleben.
Man kann eben unter den Einflüssen platonischen Denkens stehen, auch ohne vielleicht jemals in seinem Leben den Namen Plato gehört zu haben. Man kann unter den Nachwirkungen spätgriechischer oder orientalischer Leibeverneinung stehen, auch wenn man niemals etwas Direktes über den pessimistischen Dualismus des ausgehenden Altertums gelesen oder gehört hat.
Selbst noch heute kranken hier und da manche bibelgläubige Christen an solchen verkrampften Vorstellungen, als ob die Freude an der Schöpfung, das Singen von Naturliedern, der Genuß edler Kunst (Musik oder Malerei), die gesunde Pflege des Leibes unheilig, unchristlich und darum eines wahren Christen unwürdig seien, zum mindesten aber nur mit Geringschätzung betrachtet werden müßten. Als ob dies der Sinn des Apostelwortes sei: »Habt nicht lieb die Welt, noch was in der Welt ist!« ( 1Joh 2,15).
Nein, wir müssen es lernen, bei aller Betonung des Erlösungswerkes, die Scböpferherrlichkeit Gottes nicht zu vergessen. Bei aller Beachtung des zweiten Artikels des Glaubensbekenntnisses - »Ich glaube an Jesum Christum, seinen eingeborenen Sohn« . . . den Erlöser - , darf der erste Artikel nicht übersehen werden: »Ich glaube an Gott, den Schöpfer Himmels und der Erde«.
Wir brauchen eben eine Loslösung vom hellenistischen Denken. Wir müssen es lernen, wieder biblischer und darum auch natürlicher zu werden. Richtig sagt Professor Spörri: »Zum Übernatürlichen kommt man nur über das Natürliche, nie über das Unnatürliche«.
Nicht das Christentum, sondern das griechisch-hellenistische Denken hatte gelehrt, daß der Leib nur ein Kerker der Seele sei und darum keine Zukunft habe. Nicht die Propheten und Apostel, sondern die heidnischen Philosophen hatten erklärt, daß das Endziel von Welt und Mensch in der reinen Geistigkeit bestehe und daß es folglich keine leibliche Auferstehung der Toten geben könne, also keine Erlösung des Leibes, sondern nur eine Erlösung vom Leibe (Apg 17,32)!
Von einer solchen Herabwürdigung des menschlichen Leibes und der Naturwelt weiß der biblische Offenbarungsglaube nichts! Gerade Paulus, der von so vielen der Weltverachtung bezichtigt worden ist, hat das tiefste Wort ausgesprochen, das bisher je ein Mensch über den menschlichen Leib ausgesagt hat: »Wisset ihr nicht, daß euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist?« (1Kor 6,19)! Gerade das heute von so vielen modernen Menschen wegen angeblicher Naturentfremdung verworfene Christentum lehrt die Auferstehung des Leibes! Gerade die Offenbarung der Heiligen Schrift besagt also, daß auch der Leib und damit das Stoffliche eine ewige Zukunft hat! Gerade die Bibel, dies, wie viele meinen, »naturvemeinende« Buch, sieht in der Fleischeswerdung des Sohnes Gottes die Grundlage der Welterlösung! »Jeder Geist, der da bekennt, daß Jesus der im Fleisch gekommene Christus ist, der ist aus Gott; und jeder Geist, der Jesus nicht als den im Fleische gekommenen Christus bekennt, ist nicht aus Gott« (1Joh 4,3.4; 2Joh 7). Damit aber bezeugt dieser von der Bibel so zentral betonte Akt der Fleischeswerdung des höchsten Geistes zugleich unwiderlegbar, wie ernst es, nach der Schrift, Gott dem Schöpfer mit der stofflich-leiblichen Welt ist!
Und wie klingt doch die Freude an der Natur aus so vielen Liedern und Psalmen der alttestamentlichen Sänger hervor! Man lese nur einmal die Naturpsalmen und Schöpfungslieder, die Abend- und Morgenpsalmen, die Psalmen, die von der Sonne (Ps 19) und den Sternen (Ps 8; 148), dem Gewölk und Gewitter (Ps 29), den Fluren und Feldern, den Tieren und Pflanzen reden (Ps 104)! Mit Recht hat man geradezu von einem »Erdgeruch« der alttestamentlichen Poesie gesprochen.
Und dann wird diese Naturbetrachtung im Neuen Testament noch
weiter veredelt und noch höher in den Bereich des Geistigen gezogen. In der Bildersprache der Evangelien, in den farbenprächtigen Gleichnissen Jesu, wird die Natur geradezu zu einem Bilderbuch der Offenbarung gemacht. Zu der alttestamentlichen, religiös-ästhetischen Naturbetrachtung tritt im Neuen Testament noch eine sittliche, geistlich-symbolische hinzu. Alles Sichtbare wird zu einer Weissagung auf das Unsichtbare. Alles Stoffliche wird zu einer Einkleidung des Geistigen. Alles Irdische wird zu einem Abglanz des Himmlischen geadelt. Und wie die Bibel den Menschen geadelt hat, so adelt sie nun auch sein Reich!
Die Natur erweckt unwillkürlich die Ahnung des Unendlichen. Der Glaube an Gott bringt die Natur für uns zum Sprechen. Überall umweht uns in ihr der Odem Gottes. »Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes, und die Ausdehnung verkündet seiner Hände Werk. Ein Tag berichtet es dem anderen, und eine Nacht meldet der anderen die Kunde davon. Keine Rede und keine Worte, doch gehört wird ihre Stimme … Bis an das Ende des Erdkreises geht ihre Sprache« (Ps 19,1-4).
»Wie auf dem Angesicht des Menschen die unsichtbare Seele sich einen sichtbaren Ausdruck gibt, so verrät uns die Natur, die gleichsam das geschöpfliche Angesicht Gottes ist, den verborgenen, innewohnenden und darüberstehenden Geist«.
Wie armselig ist dagegen die Haltung des Unglaubens! Er verwickelt sich - und zwar gerade auch in Bezug auf die Natur (!) - in einen sinnlosen Widerspruch.
Für die Gegenwart treibt er oft Leibesergötzung. Dies zeigt sich in Sinnlichkeit und Fleischeslust, in Raffsucht und Habsucht nach irdischen Gütern, und überhaupt in jeder Überbetonung des Leiblichen, in gewissen Auswüchsen der Mode, in oft maßlosen Übertreibungen des Sportes. Man denke nur an gewisse Ausschreitungen des Sportlebens in den altrömischen Amphitheatern (Gladiatorenkämpfe, Tierkämpfe usw.).
Für die Zukunft jedoch beharrt derselbe Unglaube, daß es keine Auferstehung des Leibes gebe. Er erklärt also, daß derselbe menschliche Leib, dem er zuweilen so dient, als wenn er sein Gott wäre, in Wahrheit letzten Endes der Sinnlosigkeit anheimfälltl
Und was von dem Leibe in Sonderheit gilt, gilt von der Natur im Allgemeinen. So schwankt gerade der Nichtchrist zwischen Naturverherrlichung und Naturverachtung, zwischen Naturseligkeit und Naturpessimismus, zwischen Naturvergötterung und Naturverneinung. Da ist die biblische Offenbarung doch viel logischer! Sie lehrt Leibheiligung für die Gegenwart (Röm 6,13.21a) und Leib Verklärung für die Zukunft (Röm 8,11; Phil 3,21; 1Kor 15,43-57), nicht aber - wie der Unglaube - für die Gegenwart Leibvergötzung und für die Zukunft Leibverneinung. So kennt der Glaube eine harmonische Ergänzung, der Unglaube dagegen nur einen disharmonischen Widerspruch. Der Glaube hat organische Entwicklungen, der Unglaube untergehende Überbetonungen. Der Glaube steht im Kosmos, der Unglaube versinkt ins Chaos. Und es zeigt sich auch hier, wie das biblische Denken allen Gedankengängen seiner Verächter turmhoch ja, unendlich weit überlegen ist!
Wohl weiß auch der Christ von der Zwiespältigkeit des Naturlebens. Ja, gerade er erkennt dies viel tiefer und wahrer als der Nichtchrist. Aber ebenso weiß er, daß diese Spannungen einst aufgelöst werden.
Dies wird gesdiehen durch den Triumph des Reiches Gottes und die damit verbundene Natmverklärung, durch das Eintreten der Weltvollendung und das Kommen der Geistleiblichkeit. Und in diesem Zusammenhang spricht gerade der Glaube von einer Königsbestimmung der Menschheit zum Segen der Erdwelt, von einem Siege des Geistes, begleitet durch Mitverklärung der Natur, von einem königlichen »Menschheitsadel« und einem geadelten Menschheitsreich. Ja, das Reich dieses Paradieseskönigs soll selber einst zum Paradiese werden. »Das sehnsüchtige Harren der Schöpfung wartet auf die Offenbarung der Söhne Gottes . . . , daß auch selbst die Schöpfung freigemacht werden wird von der Knechtschaft des Verderbnisses zu der Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes« (Röm 8,19.21).
»Wir erwarten aber, nach seiner Verheißung, einen neuen Himmel und eine neue Erde, in welchen Gerechtigkeit wohnt« (2Pet 3,13).
77 In eigentlichem, buchstäblichem Sinne kommt das Wort «Fleisch» in der Bibel vor allem in doppelter Bedeutung vor: Fleisch als Bestandteil des irdischen Leibes, so z. B. I. Mose 41,3 und oft, ebenso in dem Ausdruck „Fleisch und Bein“ (Ps 102,6) und - davon ausgehend, aber in seinem Begriffsumfang erweitert - Fleisch als der ganze, mit Fleisch umkleidete Leib (2Kor 4,11; Kol 2,5 wörtlich).↩︎
78 Dieser Gebrauch von „Fleisch“ geht auch durch zahlreiche neutestamentliche Stellen hindurch, z. B. Röm 6,19 wörtlich; Mt 26,41 .↩︎
79 So steht also beim Gebrauch des Wortes „Fleisch“ im Alten Testament mehr der metaphysische, im Neuen Testament mehr der ethische Gegensatz zu Gott und der unsichtbaren Welt im Vordergrund.↩︎