Schriften von Erich Sauer
Die moralische W eltordnung als Zeugnis von Gott, dem obersten Gesetzgeber. - Der sittliche Adel der menschlichen Persönlichkeit.Die moralische W eltordnung als Zeugnis von Gott, dem obersten Gesetzgeber. - Der sittliche Adel der menschlichen Persönlichkeit.
Der Mensch ist ein sittliches Wesen. Dies ist die Grundlage seines Menschheitsadels. Er hat sittliches Urteilsvermögen, Gewissen und Willensfreiheit. Das Bedeutsame aber ist, daß diese nicht etwa gewissermaßen lose in ihm nebeneinander liegen, sondern derartig mit dem Grundwesen seiner Persönlichkeit verbunden sind, daß der Mensch - jedenfalls der sittlich normale - nur dann glücklich ist, wenn er gut ist, daß also sein Lebensgefühl von seinem sittlichen Verhalten abhängt, daß es schon rein schöpfungsmäßig nicht in sein Belieben gestellt ist, ob er gut handeln will oder nicht, sondern daß er das Gesetz der Vergeltung in seiner eigenen Brust trägt, oder, anders ausgedrückt, daß die sittliche Anlage in ihm als Gesetzgeber auftritt, als innerer Befehlshaber, als Vergelter und Belohner, als »kategorischer Imperativ«. Diese schöpfungsmäßige, innere Verkettung von Sittlichkeit und Glückseligkeit, von Pflichterfüllung und Lebensgenuß beweist aber das Dasein einer moralischen W eltordnung, und diese wiederum bezeugt - da ein Gesetz ohne Gesetzgeber undenkbar ist - das Dasein eines heiligen, vollkommenen, gesetzgebenden Gottes.119 Damit aber wird die sittliche Schöpfungsgrundlage unseres »Menschheitsadels« zum Zeugnis vom Dasein des uns adelnden Schöpfergottes und Weltkönigs.
»Das Gewissen ist eine Majestät. Vor seiner Autorität beugen sich alle. Man kann seinen Befehl mißachten; aber man muß dann seine strafende Stimme hören. Man kann sich gegen dies Strafzeugnis verhärten; aber man kann es nicht auslöschen. Man kann nicht erreichen, daß es überhaupt nicht mehr da sei. Das Gewissen ist nicht abhängig von unserem Willen. Wir können nicht über dasselbe verfügen. W ir können nicht ihm befehlen, sondern es befiehlt uns. Wir stehen nicht über, sondern unter ihm. Es steht nicht unter, sondern über uns. Daraus folgt: Es stammt nicht aus unserem Willen und unserem Denken. Es ist kein Erzeugnis unseres eigenen Geistes. Es ist das Erzeugnis eines sittlichen Geistes außer und über uns. Das Gewissen ist das Letzte, Höchste, an das wir appellieren. Es ist das höchste, entscheidende Gesetz in allen Dingen. Also ist es das Erzeugnis des höchsten Geistes, des obersten Gesetzgebers, des absoluten sittlichen Willens. Die Tatsache des Gewissens ist der Beweis Gottes« (Prof. D. Dr. Luthardt).
Man hat darauf hingewiesen, daß dieser Moralbeweis für das Dasein Gottes durch die Ergebnisse der völkerkundlichen Forschung seine Bedeutung verloren habe, da die Menschen doch gerade im Hinblick auf die sittlichen Forderungen sehr verschieden denken. Ja, was das eine Volk für notwendig und gut erachtet, wird von einem anderen als böse und verächtlich verworfen, und umgekehrt.
Aber dieser Einwand hat nur dann eine Kraft, wenn man die sittliche Forderung in bestimmte Einzelsätze auflöst. Aber sobald man nur von einer sittlichen Forderung im allgemeinen redet, ist nicht zu leugnen, daß überall da, wo Menschen sind, auch eine sittliche Vorschrift empfunden wird, daß also ein Bewußtsein dafür vorhanden ist, daß es ein gewisses »Sollen« für den Menschen gibt. Die Formen, gleichsam die einzelnen Paragraphen, die man zu erkennen glaubt, mögen verschieden sein; aber die Forderung an sich ist überall vorhanden.
Darum sagt schon Cicero, der große Römer: »Das war immer die Überzeugung aller wahrhaft weisen Männer, das Sittengesetz sei nicht etwas von Menschen Erdachtes oder von den Völkern Eingeführtes, sondern ein Ewiges, nach dem die ganze Welt sich regeln muß. Der letzte Grund ruht daher in Gott, der gebietet und verbietet. Und dieses Gesetz ist so alt wie der Geist Gottes selbst. Darum ist das Gesetz, auf dem alle Verpflichtung ruht, in Wahrheit und vor allem der Geist der obersten Gottheit.«
Wir schließen diese Ausführungen mit einem Wort eines der hervorragendsten Gelehrten, zu seiner Zeit Präsident der Königlichen Akademie der Wissenschaften (Royal Society) in London, Clerk Maxwell, Professor der Physik in London und Cambridge - neben Lord Kelvin (W. Thomson) der bedeutendste mathematische Physiker Englands. Er erklärte: »Ich habe in die meisten philosophischen Systeme hineingeschaut und habe gesehen, daß keines von ihnen geht ohne einen Gott.«120
119 Dies ist der „Moralbeweis“, besonders bei Kant.↩︎
120 Bei Short, a. a. O., S. 18 .↩︎