Schriften von Erich Sauer
Der Mensch als das Ziel des SechstagewerkesDer Mensch als das Ziel des Sechstagewerkes
Nicht in allen Auslegungsfragen des biblischen Schöpfungsberichts besteht unter den bibelgläubigen Schriftauslegern volle Übereinstimmung. So wird schon die Grundfrage verschieden beantwortet, ob das erste Kapitel der Bibel der Bericht über die eine, allgemeine, erstmalige Weltschöpfung sei oder über eine Wiederherstellung der Erde nach einer Zerstörung infolge des Sündenfalls Satans, sodaß Gott dann die Erde aus ihrem Tohuwabohu-Zustand ( 1Mo 1,2, »wüste und leer«) von neuem zu Schönheit und Harmonie emporgeführt habe.34 Auch über die andere Grundfrage weichen die Meinungen voneinander ab, ob die »sechs Tage« buchstäbliche Vierundzwanzigstundentage - vielleicht »Offenbarungstage« - oder lange Perioden gewesen seien oder, ganz allgemein, überzeitliche »Gottestage«, die überhaupt mit chronologischen, irdischen Zeitmaßen - weder mit 24 Stunden noch mit Perioden - vergleichbar seien.
Im Rahmen dieses Kapitels kann es nun nicht unsere Aufgabe sein, diese verschiedenen Deutungsweisen zu besprechen. Wir verweisen auf den fünften Teil des Buches und den Anhang.35 Wichtig ist uns aber folgende Feststellung: In der Hervorhebung der Tatsache, daß, nach dem biblischen Bericht, der Mensch das Ziel und die Krone des Schöpfungswerdegangs ist, stimmen beide Hauptbetrachtungsweisen überein. In diesem Punkte gibt es keine Verschiedenheit unter den Auslegern des Schöpfungsberichts.
Auch die moderne Naturwissenschaft kommt, ganz unabhängig von allen biblischen Erwägungen, zu dem gleichen, grundsätzlichen Ergebnis. Auch nach den Gesichtspunkten der Geologie ist der Mensch das allerletzte Glied der Schöpfung.36
So schreibt der südafrikanische Wirbeltier-Paläontologe Dr. R. Broom in seinem Buch »The Coming of Man« 1933, (S. 218. 221):
»Bezüglich etwaiger neuer Gruppen ist kein Zweifel, daß die Entwicklung ihr Ende erreicht h a t . . . Kein weiterer biologischer Fortschritt ist jetzt möglich außer beim Menschen. Dies bringt uns zu dem Schluß, daß die Hervorbringung menschlicher Persönlichkeiten das Ziel war, daß eine weitere Entwicklung nicht mehr nötig war, nachdem der Mensch aufgetreten ist, daß die Entfaltung des Menschengeschlechts von einer geistigen Macht umsichtig geplant war.«
Damit wird aber nun auch geologisch bezeugt, daß der Mensch die Krone der irdischen Schöpfung ist, daß es also auch vom naturwissenschaftlichen Standpunkt aus voll berechtigt ist, von einem »Menschheitsadel« zu reden. Der Mensch ist der Gipfel und Schlußpunkt, das geschöpfliche Zentrum und die Spitze des Werdegangs alles Lebens auf Erden.
Mit Recht sagt der Tübinger Gelehrte Dr. Freiherr von Huene (Professor für Paläontologie an der Universität Tübingen): »Im Menschen hat das Irdische im Werdegang seinen Gipfel und Endpunkt erreicht, und im Menschen knüpft das Unvergängliche, Geistige an. Beide Sphären treffen sich im Menschen.«
So ist der ganze Plan der Schöpfung vom Gesichtspunkt des Königtums beherrscht. Nicht etwa ein Prinzip der Nivellierung und Gleichmacherei charakterisiert den Entwicklungsgang, sondern alles ist darauf angelegt, einem bestimmten, dafür auserwählten Geschöpf die Herrschaft über die Erde zu verleihen. Dieses Geschöpf, der Mensch, bildet darum den krönenden Abschluss des reich gegliederten Lebensbaums der organischen, irdischen Welt.
Man kann, mit Karl Heim, die Schöpfungsgeschichte dem Bau einer Pyramide vergleichen, bei dem jedes Mal die untere Schicht die nächsthöhere trägt, die darauf gesetzt ist. »Auf der Spitze der Pyramide erscheint der Mensch. Die ganze Schöpfung baut das Tor, durch das der König der Schöpfung einziehen kann. Sie führt den Thron auf, den zuletzt der Mensch einnimmt. So wirken alle Geschöpfe zusammen, um das Dasein dieses einzigartigen Geschöpfes zu ermöglichen, in dem sich die Schöpfung der Erde vollendet.«37
Bei diesem allen ist sich der Verfasser des biblischen Schöpfungsberichts der Erhabenheit seines Gegenstandes voll bewußt. Dies beweist die lapidare Kürze seiner Darstellung. Kein Wort ist zu viel. Alles ist klar und bestimmt, nüchtern und schlicht. Nichts ist künstlich und gesucht, und gerade in dieser grossartigen Einfachheit zeigt sich die feierliche Würde. Gerade in der sachlich markanten Kürze zeigt sich die höchste Poesie.
So ist denn das wesenhafte Hauptinteresse des Schöpfungsberichts durchaus geistiger Art. Das Eigentliche seines Anliegens ist nicht kosmogonische Berichterstattung, sondern Bekundung von Offenbarungswahrheiten, nicht Schöpfungsgeschichte, sondern Zeugnis vom Schöpfungssinn. Auch alle naturwissenschaftliche Betrachtung darf dies niemals vergessen. Es gilt eben, beides zusammenzuschauen und die Harmonie beider Gottesoffenbarungen zu sehen, des Buches der Natur und des Buches des geschriebenen Wortes. Auf diese Weise werden wir Gott als den Herrn des Gesamten erkennen, als Schöpfer und Erlöser, als Gott der Natur und Gott der Heilsoffenbarung, als Gott des Universums und Gott des Menschen.
Der Botaniker Philipp von Martius, der einen bekannten Briefwechsel mit Goethe geführt hat, ließ sich noch zu seinen Lebzeiten sein Sterbehemd machen und in dasselbe ein grünes Kreuz einnähen. Das sollte, nach seiner eigenen Erklärung, bedeuten: »Ein Kreuz, weil er ein Christ sei, und grün zu Ehren der Botanik«.
Dr. Arthur Neuberg erklärt in seinem Buch »Das Weltbild der Biologie« (Göttingen 1942): »Ich halte es für ein Ruhmesblatt unserer Bibel, daß sie mit einem so herrlichen Kapitel beginnt, und dies empfinde ich gerade vom naturwissenschaftlichen Standpunkt aus.«
Durch dies Ganze wird der biblische Schöpfungsbericht zu einer Art Glaubensbekenntnis. Er macht uns die Majestät Gottes groß und befreit uns von aller Verengung unseres Gottesbegriffs unter dem Gesichtspunkt nur unserer eigenen, kleinen, persönlichen Erfahrung. Er läßt uns erbeben vor der gewaltigen Größe des Schöpfers und läßt zugleich unser Herz aufjubeln, daß Er, dieser unendlich große Herr der Welt, in Christo zugleich unser himmlischer Vater geworden ist.
34 Über die Restitutionsauffassung des Sechstagewerkes siehe Anhang III Teil, S. 303 ff.↩︎
35 S. 244 ff.↩︎
36 Vergleiche unsere kurze Zusammenstellung über „Die Reihenfolge der biblischen Schöpfungswerke“ im Anhang, S. 266-283.↩︎
37 Prof. D. Dr. Karl Heim, Weltschöpfung und Weitende, Hamburg 1952, S. 46. 47.↩︎