Schriften von Erich Sauer
Die sechs » Tage« als VierundzwanzigstundentageDie sechs » Tage« als Vierundzwanzigstundentage
Die Vertreter der buchstäblichen Auffassung erklären:
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Das hebräische Wort jom »Tag« kann wohl zuweilen einen längeren Zeitraum bedeuten (z. B. Jes 61,2; Joel 4,18 Menge vgl. 2Kor 6,2 u. a.); wenn es aber mit einem Zahlwort verbunden ist, bedeutet es im Alten Testament sonst stets einen Vienmdzwanzigstundentag (1Mo 7,7.24 u. a.), und gerade mit einem Zahlwort ist es auch hier im Schöpfungsbericht verbunden (»erster«, »zweiter« . . . Tag).
Die Periodenauffassung erklärt, daß dieser Beweisgrund nicht ausreiche; denn warum sollte nicht auch einmal von »erster, zweiter, dritter . . . Periode« gesprochen werden können?
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Die Teilung der Tage in »Abend und Morgen« ist ein Beweis, daß nur Vierundzwanzigstundentage gemeint sein können (vgl. Daniel 8,14).
Darauf erwidert die Periodenauffassung, daß die im Alten Testament so oft vorkommende Verwendung des Wortes »Tag« im Sinn von »Periode« durchaus auch einen Gebrauch des Wortes »Abend« und »Morgen« in diesem weiteren Sinne zuläßt.
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Bei einer Deutung von Tag = Periode ist schwer begreiflich, was dann die »Abend«perioden vorstellen sollen.
Darauf erwidert Professor Franz Delitzsch, daß auch bei der Periodenauffassung die Worte »Abend« und »Morgen« einen durchaus einleuchtenden Sinn ergeben: »Mit jedem Anheben göttlichen Schaffens wurde es Morgen; mit jedem Nachlassen göttlichen Schaffens wurde es Abend.« Ähnlich schreibt Professor Lange in seinem Bibelwerk: »Nach Analogie des ersten Tages ist der Abend die Zeit einer besonderen, chaotischen Gärung der Dinge, der Morgen die Zeit der ihr entsprechenden neuen, schönen, festlichen Weltbildung.« So auch Professor A. Rendle Short: »Wahrscheinlich ist der Ausdruck »Morgen und Abend« eine symbolische Aussage, daß es abwechselnd Perioden der Tätigkeit und der Ruhe auf Seiten des Schöpfers gegeben hat.« Die Restitutionstheorie hat hiergegen eingewandt, diese Auslegung sei unmöglich, da doch im Schöpfungsbericht die Abende den Morgen vorausgingen. Die Antwort lautet: In Wirklichkeit gehen in 1. Mose 1 die Tage den Morgen voraus! Sonst dürfte es nicht heißen: »Und es ward (nicht: »war«!) Abend, und es ward Morgen.« Abend und Morgen können hier also nicht die Anfänge der beiden Tageshälften sein, sondern nur deren Schluß. So schon beim ersten Schöpfungstage. Der Sinn ist: Mit der Schöpfung des Lichts begann der erste Morgen, und dann »wurde« es Abend, und endlich, als es wieder Morgen «geworden« war, war ein Tag voll. Wir haben hier also nicht die gesetzlich-priesterliche Rechnung, nach welcher der Tag mit Sonnenuntergang beginnt (vgl. Ps 55,17; Neh 13,19; 3Mo 23,32; Dan 8,14), sondern eine vor- und außergesetzliche von Morgen zu Morgen. So wie der erste »Tag« durch den Schöpfungsbefehl»Es werde Licht!« mit einem Morgen begann, so begann auch jeder folgende Tag mit einem Morgen und währte durch bis zum nächsten Morgen, das heißt, bis eine neue Schöpfungsperiode einsetzte.183
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Die Anordnung des siebenten Tages als des heiligen Tages (Sabbats) würde hinfällig, wenn man die »Tage« nicht als buchstäbliche Tage faßt.
Aber gerade hiergegen betont die Periodenauffassung, daß der siebente »Tag«, der dem Sechstagewerk folgt, als der »Ruhetag« Gottes, fraglos nicht als Vierundzwanzigstundentag, sondern als »Gottestag« verstanden werden müsse. Auch hält Gottes Ruhen von Seinem Schöpfungswerk immer noch an. Seit der Erschaffung des Menschen sind keine neuen Arten von Lebewesen entstanden.
Die Bedeutung des siebenten Tages als des Tages der Ruhe ist»gewiß diese, daß der Mensch Gottes letzte und größte Schöpfung war und daß seitdem keine weitere vollständig neue und verschiedenartige (tierische) Lebeform auf Erden aufgetreten ist« (Prof. A. Rendle Short).184
Ferner beweise das Wort des Hebräerbriefes von der »Sabbatruhe« Gottes und der »Sabbatruhe«, die dem Volk Gottes aufbewahrt bleibt, daß mit dieser Sabbatruhe nicht ein Vierundzwanzigstundentag gemeint sein kann (Heb 4,9.10).
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In der Gesetzgebung am Sinai wird die israelitische Woche durch den Hinweis auf die Schöpfungswoche begründet. »Sechs Tage sollst du arbeiten . . .; aber der siebente Tag ist ein Ruhetag zu Ehren des Herrn. Denn in sechs Tagen hat der Herr den Himmel und die Erde geschaffen; aber am siebenten Tage hat er geruht« (2Mo 20,9-11). Hier beweist die parallele Gegenüberstellung, daß zum mindesten Mose und seine alttestamentlichen Leser, wie bei der israelitischen Woche, so auch bei den Schöpfungstagen nur an Vierundzwanzigstundentage gedacht haben können.
Die Periodenauffassung hält die Erklärung für völlig ausreichend, daß hier einfach zum Ausdruck gebracht werde, die menschliche Woche von sieben Tagen habe ihren Ursprung in der göttlichen Woche von sieben Schöpfungsepochen.
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Der biblische Berichterstatter sieht eine besondere Verherrlichung Gottes darin, daß Gott für so gewaltige Werke nur je einen buchstäblichen Vierundzwanzigstundentag gebraucht habe. So mühelos schafft der Allmächtige!
Hierzu bemerkt die Periodenauffassung, daß diese Schlußfolgerung wohl im volkstümlichen Denken oft gezogen worden ist, daß es aber in der ganzen Heiligen Schrift selbst keinen einzigen Hinweis darauf gibt, daß gerade in der Schnelligkeit des göttlichen Schöpferhandelns eine besondere Verherrlichung Gottes gelegen habe. Auch Psalm 33,9 bezeuge nur, daß es Gottes königliches und allmächtiges Wort war, durch das die Welt ins Dasein gerufen wurde. Über die Zeitdauer besagt auch dies Psalmwort nichts.
Zu beachten sei ferner, daß in der Bibel kein einziges Ereignis vom Zeitpunkt der Weltschöpfung selbst an datiert wird.
In jedem Fall wäre es Torheit, zu sagen, eine Periodenauffassung des Sechstagewerkes streite mit dem Begriff und der Würde eines persönlichen Schöpfergottes. Denn wenn Gott auch mit einem Schlage die Welt in Vollendung hätte schaffen können, so vermindert es doch weder Seine Weisheit noch Seine Macht, wenn Er in Seinem Rate beschlossen hatte, dies nicht zu tun. Vielmehr ist eine von Gott gelenkte, stufenweise Aufwärtsführung des Schöpfungsverlaufs genauso der Herrlichkeit eines allmächtigen Schöpfers würdig wie eine in einem einzigen Augenblick vollendete Tat.
Auch eine Weltschöpfung in sechs buchstäblichen Tagen wäre ja nicht ein sofort fertiges Handeln Gottes gewesen, ohne Benutzung irgendeiner gewissen Zeitdauer, so unvergleichlich kürzer diese auch gewesen wäre. So beweist der Umstand, daß die Schrift von einem Sechstagewerk spricht, zur Genüge, daß Sich Gott bei der Weltbildung tatsächlich der Form voranschreitender Schöpferhandlungen bedient hat. Gerade diese letztere Tatsache veranlaßte den Naturforscher J. Reinke (Professor der Botanik in Kiel) 1908 zu dem Ausspruch, die biblische Schöpfungslehre sei »der wichtigste Fortschritt menschlicher Erkenntnis. Der Atheismus ist ein Rückfall in prämosaische Barbarei.«
Auch hat Gott sowieso ganz offensichtlich den Grundsatz der Entwicklung in die Schöpfung hineingelegt. Man müßte sonst die Entwicklung des Huhns aus dem Ei leugnen! Alle Einzellebewesen entstehen auf dem Wege des Voranschreitens von niederen zu höheren Formen, um zuletzt eine feststehende, höchste Stufe zu erreichen. So kann es auch bei der Gesamtlebewelt und ihren verschiedenen Lebearten, unter göttlicher Führung und durch eine Reihe immer weiterer, neu einsetzender, göttlicher Schöpferhandlungen, ein organisches, zweck- und gesetzmäßiges, zielstrebiges Emporsteigen von niederen Stufen zu höheren gegeben haben.
Ferner erklären die Vertreter der buchstäblichen Auffassung:
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Die Einteilung des SchöpfungsWerkes in sechs Tage (Perioden) ist bei der Periodenauffassung schwer erklärbar.
Dieser Einwand ist nicht ohne weiteres zu übersehen. Dennoch nennen wir einen Erklärungsversuch, den Prof. Dr. E. Hoppe in seinem Werk »Glauben und Wissen«, 1923, gibt. Nicht alle Vertreter der Periodenauffassung werden sämtlichen Einzelheiten dieses Erklärungsversuchs zustimmen. Auch wir haben im Hinblick auf gewisse Punkte manche unbeantwortete Fragen. Dennoch ist dieser Erklärungsversuch durchaus beachtenswert. Er fügt sich ein in beide Erklärungsweisen des mosaischen Berichts, sowohl die kosmologische, wie auch die rein terrestrische, d. h. ob das Werk des vierten Schöpfungstages astronomisch oder erdatmosphärisch aufzufassen ist. Prof. Hoppe schreibt:
»Die erste Periode umfaßt die ganze Entwicklung des Kosmos aus der Materie durch Lichtätherschwingungen.
Die zweite Periode umfaßt die Entwicklung der Erde aus einem Nebelball zu einer festen Erde mit Atmosphärenhülle. Das ist wieder eine naturwissenschaftlich wohl abgegrenzte Periode.
Die dritte Epoche umfaßt dann die ganze «vorkambrische, azoische Periode, wie sie geologisch bezeichnet wird, welche mit dem Auftreten des Pflanzenlebens abschließt.
Das vierte Tagewerk umschließt die Zeit, in welcher - wenn wir uns der Nebularhypothese bedienen - die Sonne, nach Absonderung der unteren Planeten, zu einer Kugel von der gegenwärtig vorhandenen Größe zusammengezogen war. Das ist wieder ein naturwissenschaftlich wohlumgrenzter Inhalt.
Endlich teilt der fünfte und sechste Tag die geologischen Formationen von der kambrischen Schicht bis zum Diluvium in zwei Abschnitte, deren Trennung etwa in der mesozoischen Periode mit dem Auftreten der ersten Beuteltiere gegeben wäre.
Natürlich sollen die Perioden nicht von gleicher Dauer sein, sondern es sind nur Zeitabschnitte für bestimmte Inhalte. Faßt man die Sache so auf, so ist dieser Bericht nicht etwa eine naturwissenschaftliche Lehre, aber doch so vernünftig, daß man nicht nur gegenwärtig, sondern für alle Zeiten damit völlig einverstanden sein kann.«185
Nicht alle Vertreter der Periodenauffassung werden einer so genauen Einteilung folgen. Sie zeigt aber, daß es auch unter naturwissenschaftlichen Gesichtspunkten möglich ist, für die Sechszahl von Schöpfungsperioden und ihre gegenseitige Abgrenzung ernsthaft gewisse Erklärungen zu suchen.
Zum Schluß muß noch bemerkt werden, daß die Erklärung der Schöpfungstage als buchstäblicher Vierundzwanzigstundentage, angesichts der geologischen Forschungen, nur im Zusammenhang mit der Restitutionsauffassung des Schöpfungsberichts aufrecht erhalten werden kann. Denn völlig unmöglich ist die »Sintfluttheorie«, die alle diese neu entdeckten Tatbestände der Erdgeschichte als Folgen der Sintflut darzustellen versucht.186
Irgendwann aber müssen diese geologischen Entwicklungen, die nur Torheit und Unkenntnis grundsätzlich zu leugnen imstande sind, stattgefunden haben, wenn also nicht in den sechs Tagen, dann vor den sechs Tagen, in solchem Fall also zwischen 1Mo 1,1 und Vers 2. Dann aber kann das Sechstagewerk nur eine »Wiederherstellung« der Erde gewesen sein, und die buchstäbliche Auffassung der Schöpfungstage steht und fällt mit der Anerkennung der Restitutionstheorie.
Über die Gründe für und wieder die Restitutionsauffassung vergleiche Seite 303.
183 Dies betonten mit Recht bereits unter anderem Prof. A. Dillmann, Die Genesis 1882 , S. 20 . -- Prof. Strack, Genesis, München 1905 , S. 1 . - Prof. Keil, Genesis, 1878 , S. 13 . - Auch schon der Kirchenvater Augustinus.↩︎
184 Modem Discovery. London 1954 . S. 99 .↩︎
185 E. Hoppe. Glauben und Wissen. Antworten auf Weltanschauungsfragen. Gütersloh 1915 , S. 215 . 216 .↩︎
186 Vgl. Seite 290.↩︎