Wie ein zermalmender Wettersturm fährt die Weltgeschichte durch die Lande dahin. Völker und Reiche tauchen auf und verschwinden. Throne und Herrschaften richten sich empor und brechen zusammen. Ehre wird zur Unehre und Unehre zur Ehre. Alles fließt.
Wo ist der Fels, auf dem wir stehen können? Wo ist ein Ewiges, Unveränderliches? Wo ist der sichere Punkt, von dem aus wir zu einem festen Weltbild zu gelangen vermögen? Was ist der Sinn all dieses Wogens und Brandens im Völkermeer? Woher, o Menschengeschlecht, und wohin?
Uralt ist die Frage. Zahllos sind die Versuche, sie zu lösen. Gerade die größten Geister haben sich an sie herangewagt. Verschieden sind die Antworten.
Das Altertum konnte sie nicht klarstellen; denn es hatte im Allgemeinen nicht den Begriff der Weltgeschichte. Abgesehen von der stoischen Philosophie vermochte es nicht, sich zu der Idee der »Menschheit« emporzuschwingen. Nach griechischer Geschichtsauffassung war jedes Volk, ohne Zusammenhang mit dem anderen, aus seinem eigenen Boden herausgewachsen.1 Darum mußte schon die bloße Fragestellung nach einem objektiven »Sinn« des allgemeinen Völkergeschehens und der Entwicklung einer zusammengehörigen Menschheitsgeschichte von vornherein zerschellen.
Hier konnte, nach grundlegenden Vorbereitungen in der alttestamentlichen Urgeschichte und Prophetie, erst die weltumspannende Weite des Christentums Wandel schaffen. »Wirkliches Nachdenken über die Geschichte ist in der Geistesgeschichte überhaupt erst seit dem Christentum da« (Dr. H. Lilje).
Von geradezu geschichtsgestaltender Bedeutung war die Schrift des Kirchenvaters Augustinus (354- 430) über den »Gottesstaat« (lat. De Civitate Dei). Doch kam man auch hier zunächst über die ersten Anfänge noch lange nicht hinaus.
Dann aber schlug der bald zur Herrschaft gelangende Katholizismus das christlich-freie Denken schnell in die eisernen Fesseln starren Dogmenglaubens und toter scholastischer Begriffsspalterei.
Dies bleibt Wahrheit, auch wenn das Mittelalter gewiß nicht - wie es sehr oft zu Unrecht geschieht - als eine Verdüsterung der Kultur zu bewerten ist, sondern Großleistungen des Geistes hervorgebracht hat wie die theologisch-philosophischen und chemisch-physikalischen Arbeiten des süddeutschen Grafen Albertus Magnus (Albert der Große, 1193- 1280) und seines noch größeren italienischen Schülers Thomas von Aquino ( 1225- 1274). In Bewunderung ihrer Geisteskraft und ihres umfassenden Wissens haben ihre Zeitgenossen ihnen beiden den Beinamen Doctor Universalis, ja, dem Thomas von Aquino sogar außerdem den Beinamen Doctor Angelicus gegeben.
Ein für die Gesamtheit entscheidender Umschwung trat aber erst ein mit dem Wiedererwachen freier Forschung in der Zeit der Renaissance und des Humanismus im 15. und 16. Jahrhundert, und noch mehr mit dem starken Aufkommen der geschichtlichen Wissenschaften um die Wende des 18. und 19. Jahrhunderts. Die verschiedensten geschichtsphilosophischen Systeme wurden nun aufgestellt. Männer wie Voltaire, Rousseau, Herder und Kant versuchten, von ihren verschiedenen Standpunkten aus, diese tiefen Probleme zu ergründen. Fichte, Schelling und Hegel vertraten idealistische Systeme. Marx und Engels verkündeten ihre materialistische Geschichtsauffassung. Schopenhauer und Spengler lehrten ihre atheistisch-pessimistische Geschichtsdeutung. Aber welche »Metaphysik des Menschengeschlechts« man auch betrachten mag: Alle diese Gedankengänge lassen die tiefsten Fragen ungelöst. Erst da beginnt auf die Geschichtsbetrachtung Licht zu fallen, wo das Wort Alexander von Humboldt’s anerkannt wird: »Die Weltgeschichte ist ohne eine Weltregierung nicht verständlich«. Die Weltgeschichte ist eben das Baugerüst der Heilsgeschichte. Ihr »Sinn« hegt in dem Hinter- und Übersinnlichen. Erst wenn die Zeit unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit geschaut wird, durchleuchtet das Licht der himmlischen Welt alles irdische Werden und Sein, und alle Zeitvorgänge gewinnen ihren Sinn durch das Überzeitliche.
Dahin aber vermag das natürliche Denken nicht zu gelangen, weil es erdhaft gebunden und endlich begrenzt ist. Deshalb ist eine Selbstkundgebung des Ewigen an das menschliche Erkennen nötig. Mit anderen Worten: Nur die göttliche Offenbarung setzt uns in den Stand, den ewigen Hintergrund des zeitlichen Geschichtsverlaufs mit seinen Triebkräften und Zielen zu erfassen. Nur wenn Gottes Strahl auf uns fällt, beginnen wir, lichtvolle Durchblicke zu gewinnen durch das irdische Weltengewühl. Nur dann erkennen wir die Innenseite der mannigfachen äußeren Geschehnisse.
Diese Offenbarung haben wir in der Bibel. Darum muß echte Geschichtsdeutung eine biblische »Theologie der Weltgeschichte« sein. Denn das Ziel alles Irdischen ist die Verklärung ins Ewige. Es ist die Selbstverherrlichung Gottes in der Entfaltung des Heils und der Beseligung der geschöpflichen Welt.
1 Nach der griechischen Lehre vom „Auto-chthonentum“. Griech. autos, selbst; chthon, Erde, Land.↩︎