Schriften von Erich Sauer
Auf den ersten Vers folgt der Bericht über das Sechstagewerk, durch welches Gott aus dem Tohu-wa-Bohu, der »Wüste und Leere«, eine wunderbare Welt in die Erscheinung treten ließ.Der geistliche Gehalt des biblischen SchöpfungsberichtsAuf den ersten Vers folgt der Bericht über das Sechstagewerk, durch welches Gott aus dem Tohu-wa-Bohu, der »Wüste und Leere«, eine wunderbare Welt in die Erscheinung treten ließ.Der geistliche Gehalt des biblischen Schöpfungsberichts
Das eigentliche Interesse des Schöpfungsberichts ist durchaus religiös. Sein Ziel ist es weniger, eine naturwissenschaftliche Weltentstehungslehre zu geben, wie es die heidnischen Religionen versuchten, als vielmehr gewisse, große, göttliche Schöpfungs- und Regierungsgrundsätze zu offenbaren.
Gott ist der Schöpfer. Aus dem Nichts hat Er die Welt geschaffen. Die Welt ist darum Sein Werk und als solche gehört sie Ihm, und Er hat das Recht, über sie restlos zu verfügen (Apg 17,24.25). Indem aber die Welt Sein Schöpfungswerk ist, ist nichts und niemand anderes anzubeten als Er allein. Denn alles leitet ja seine Existenz ausschließlich von Ihm ab. Darum folgt aus der Tatsache der Weltschöpfung aus Nichts zugleich eine Verneinung aller heidnischen Naturvergötterung, und sofort mit seinem allerersten Satz ragt das Alte Testament unvergleichlich, ja unendlich hoch über allen Religionen seiner heidnischen Umwelt empor, so wenig oder so viel ihre Kulturen und Zivilisationen entwickelt gewesen sein mögen.
Zur Ahnung eines Weltanfangs gelangt auch naturwissenschaftliches Forschen der Gegenwart. Allerdings ist der Begriff einer Weltschöpfung aus Nichts mit rein naturwissenschaftlichen Methoden nicht zu erreichen. Dies vermag allein der Glaube. »Durch Glauben erkennen wir, daß die Welten durch Gottes Wort bereitet worden sind, sodaß das, was man sieht, aus Nicht-Erscheinendem geworden ist« (Heb 11,3). Dennoch weiß auch der Glaube das Zeugnis der Natur durchaus zu würdigen.
Auch modern naturwissenschaftliches Denken wendet sich gegen die atheistische-materialistische Behauptung einer Anfangslosigkeit und Ewigkeit von Welt und Materie. Schon die Beobachtung des Atomzerfalls und der Radioaktivität führt notwendig zur Idee eines Weltanfangs.33 So steht auch vom naturwissenschaftlichen Gesichtspunkt aus das Bibelwort unantastbar da: »Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde«.
Gott ist der Weltherr. Er unterliegt keiner Schranke. Er ist Gott des Universums, nicht nur Gott eines Volkes. Er hat alles ins Dasein gerufen, alles Himmlische und alles Irdische. So bringt der biblische Schöpfungsbericht gleich zu Beginn der Heiligen Schrift eine Absage an die Vorstellung von Nationalgöttern. Gott ist wie die Sonne, die die ganze Erdenwelt beleuchtet, und wie es keine babylonische, assyrische, ägyptische, persische Extrasonne gibt, so kann es auch keinen Extragott für jedes Einzelvolk geben. Nein, wenn es einen Gott gibt - und Bibel, Natur und eigenes Erleben sind Zeugen Seiner lebendigen, nicht zu leugnenden Existenz –, dann muß Er der Gott Seiner Gesamtschöpfung sein, der Gott aller Menschen, der Weltenbeherrscher und Allherr, der »Gott des Himmels und der Erde«. Gott ist der Lenker. Er waltet über dem Stoff. Er formt ihn und bildet ihn und macht ihn zu einem wohlgeordneten Ganzen. Darum ist Er der Herr aller Entwicklung, der Gott der Geschichte. Und wie Er in der Schöpfung aus dem Chaos den Kosmos gestaltet, so ist Er auch der Gott alles Voranschreitens im späteren Weltverlauf, der Gott der Offenbarung, der Sein Heil wachstümlich entfaltet, der Gott der Erlösungsgeschichte, der die Vollendung schafft.
Gott ist der Richter. Er beurteilt Sein eigenes Werk. Und wenn es siebenmal im Schöpfungsbericht heißt: »Gott sah, daß es gut war«, so werden diese sieben Billigungsformeln zugleich ein Appell an unser Gewissen und stellen uns die ernste Frage, ob es auch von unserem Werk heißen kann: »Gott sah, daß es gut war.«
Gott schafft alles durch Sein Wort. »Er spricht, so geschiehts«. Dies zeigt die Leichtigkeit Seines Handelns, die Mühelosigkeit Seines Tuns, die Allgewalt Seiner Macht. Zehnmal heißt es: »Und Gott sprach.« Sein Wort ist kein leerer Schall. Sein Wort ist schöpferische Kraft. »In des Königs Wort ist Gewalt.«
Gott ist der Gott des Wachstums. Er schafft in der Form der Entwicklung. Vom Niederen geht es zum Höheren, von den Elementen zu den Einzelwesen, vom toten Stoff zum lebendigen Erdenkönig. Das Ziel aber ist die Vollendung. Das Ganze endet mit dem Sabbath, mit der Gottesruhe und Gottesfreude, mit der Feier des vollbrachten Werkes. »Und Gott sah an alles, was Er gemacht hatte, und siehe da, es war sehr gut.«
Gott ist in Sonderheit der Gott der Menschen. Der ganze Schöpfungsbericht ist »anthropozentrisch«, d. h. er stellt den Menschen in den Mittelpunkt des Ganzen und läßt ihn unverkennbar als das Ziel des gesamten, schöpferischen Handelns Gottes erscheinen, als das Haupt und die Krone aller sichtbaren, geschaffenen Wesen. Sogar Friedrich Nietzsche hat gesagt: »Der Mensch ist der Sinn der Erde.« Er ist der Schlußstein und das Ziel der Schöpfung. So ist gleich das erste Blatt der Bibel ein Hinweis auf die Würde des Menschengeschlechts, ein Zeugnis von unserer Berufung zum Menschheitsadel.
33 „Eine Materie ist radio-aktiv, wenn es kleine Atom-Teilchen abstößt, welche von der aktiven Substanz mit großer Geschwindigkeit fortfliegen. Radium und Uranium sind die bekanntesten solcher Substanzen. Die Atombombe hat die Öffentlichkeit mit diesem radioaktiven Phänomen sehr bekannt gemacht. Indem Uranium in hoher Geschwindigkeit Teilchen von sich abstößt, zerfällt es, bis es schließlich zu Blei geworden ist. Die Geschwindigkeit dieses Zerfallprozesses ist bekannt und sie bleibt sich immer gleich, welchen Temperaturen oder Druck die Substanz auch ausgesetzt ist. Daher (durch den Grad dieses Zerfalls) können Physiker angeben, wie alt ein Uranium-Teil ist, und dadurch einen gewissen Einblick bekommen in das Zeitalter der Erdschicht, in welchem es gefunden wurde (Dr. Ramm, The Christian View of Science and Scripture. Deutsch: Die Schau des Christen von Wissenschaft und Bibel.). London, 1955. p. 122, 123).
Durch weitere Messungen, Überlegungen und Berechnungen kommt man zu dem Gedanken eines Urananfangs aller Existenz, irdischer und kosmischer. Ob dieser Uranfang drei oder vier Billionen von Jahren zurückliegen mag, wie manche Physiker annehmen, oder ob diese Zahlen wesentlich geringer oder auch sogar größer wären, ist in unserem Zusammenhang von keiner wesentlichen Bedeutung. Der Punkt, um den es hier geht, ist die Tatsache, daß die moderne Forschung den Gedanken einer Urschöpfung des Universums voraussetzt, sodaß die Natur nicht ewig, sondern zeitlich ist, und so eben zu einer bestimmten Zeit ihren bestimmten Anfang nahm.↩︎