Das Organische in der Erlösung. Sohnschaft als Ursprung des Lebens.
Aber noch höher geht Gottes Ratschluß des Heils. Die Geistesverwandtschaft der Liebe, die Er zwischen Sich und den Menschen aufrichten will, soll nicht nur eine rein sittliche Ähnlichkeit des Charakters, eine bloße Übereinstimmung des Denkens, Fühlens und Wollens sein, sondern vor allem zugleich eine Einheit des Lebens, eine organische Verwandtschaft der Persönlichkeiten selber. Nicht nur will Gott, wie bei den Engeln, die sittlichen Bestimmtheiten Seines heiligen Wesens in sie hineinlegen und Sich also in ihnen verklären, sondern Er will sie zur Anteilnahme an Ihm Selber, zum »Teilhaftigsein seiner göttlichen Natur« gelangen lassen (2Pet 1,4). Er will sein eigenes, ewiges Leben in sie hineinstrahlen, und sie auf ewig mit Sich Selber, dem erhabenen Schöpfer, verbinden.
Dies und nichts anderes ist es, was die Heilige Schrift ausdrücken will, wenn sie immer wieder von der »Sohnschaft« der Erlösten spricht.94
»Gott hat den Geist Seines Sohnes in unsere Herzen gesandt, der da ruft: Abba, Vater! Also bist du nicht mehr Knecht (Sklave), sondern Sohn« (Gal 4,6.7). »So viele durch den Geist Gottes geleitet werden, diese sind Söhne Gottes« (Röm 8,14). »So viele ihn aber aufnahmen, denen gab er das Recht, Kinder Gottes zu werden, die an seinen Namen glauben, die . . . aus Gott geboren sind« (Joh 1,12.13).95 »Sehet, welch eine Liebe hat uns der Vater bewiesen, daß wir Kinder Gottes heißen sollen! Und wir sind es auch!« (1Joh 3,1).96
In dieser unserm ganzen, gegenwärtigen Denken völlig unfaßbaren, aber nichtsdestoweniger in der Heiligen Schrift klar bezeugten Verbindung des Schöpfers mit Seinem Geschöpf, des Unerschaffenen mit dem Erschaffenen, mit einem Wort, in der innerweltlichen Gottessohnschaft der Erlösten, gelangt der Liebesratschluß der göttlichen Selbstverklärung zu seiner allerhöchsten Entfaltung. Denn Höheres kann auch der Schöpfer nicht geben als eben Sich Selbst, den Allerhöchsten! Und in nichts Geringerem kann wiederum auch Sein eigener Liebestrieb zur völligen Selbstbefriedigung gelangen. Denn »auch das größte Kunstwerk eines Künstlers kann seinem Schöpfer nie das sein, was ihm sein geistesverwandter Sohn sein kann. Keine Schöpfung seiner Hand vermag so sein Innerstes und Heiligstes in sich zu verkörpern und zu dolmetschen wie sein Erbe, den er in den ganzen Reichtum seines künstlerischen Schauens und Könnens hineinziehen konnte. Erst in dem Sohn kann sich das Bild und Gleichnis des Vaters widerspiegeln wie in keiner sonstigen Schöpfung, und darum ist es die Sohnschaft, für die sich der Mensch in seiner Gottesbildlichkeit geschaffen sieht« (J. Kroeker).
Mit diesem Ursprung des Lebens verbindet sich in wahrer Sohnschaft ein Zweites.
Sohnschaft als Ähnlichkeit des Wesens.
Wahre Sohnschaft schließt eine gewisse Übereinstimmung des Charakters zwischen Vater und Sohn in sich. Hier hat der Orientale eine tiefere Schau in die bluthafte Zusammengehörigkeit von Vater und Sohn und die sich daraus ergebenden, tiefgreifenden Übereinstimmungen in Art und Charakter als vielfach wir Abendländer. Dies klarere Verständnis für solche Lebenszusammenhänge liegt auch gewissen, entscheidenden Aussagen der Heiligen Schrift über das Wesen wahrer Sohnschaft zugrunde. Mit Recht ist gesagt worden: »Ein >Sohn< ist dem Orientalen immer einer, der in seiner Art, im Kern seines Wesens, bestimmt und geformt ist durch den, von dem er herkommt« (Ralph Luther).
Darum gebraucht die Bibel den Ausdruck »Sohn sein« nicht selten schlechthin im Sinne von »ähnlich sein, die Züge seines Vaters an sich tragen«. Also: »Sohn« gleich »Träger von Ähnlichkeit«. Hierbei geht das Neue Testament zuweilen sogar soweit, daß es das Wort »Sohn« in diesem Sinne auch dort gebraucht, wo von einem buchstäblichen Vater-Sohn-Verhältnis gar nicht die Rede ist und auch niemals sein kann.
So spricht Jesus von den »Söhnen des Bräutigams (Brautgemachs)« (Mt 9,I wörtl.), womit natürlich nicht buchstäbliche Söhne gemeint sind. Es sind vielmehr einfach die Freunde des Bräutigams, die als Gäste auf der Hochzeitsfeier zugegen sind und deren Grundstimmung nun eine Festfreude ist, wie sie eben der Bräutigam in besonderem Maße empfindet und wie sie sich nun auch in ähnlicher Weise als Hochzeitsfreude seinen Freunden und Gefährten mitteilt.
So spricht Johannes der Täufer von »Söhnen des Teufels«, womit wieder eine Ähnlichkeit des Wesens gemeint ist. Es sind eben die Menschen, deren Charakter und Lebensrichtung satanisch ist.
In einer Antwort an die Sadducäer spricht Christus von »Söhnen dieses Zeitalters« (Lk 20,34 wörtl.), womit ebenfalls eine Übereinstimmung des Wesens bezeichnet werden soll. Es sind die Menschen, deren Denkart und Lebenshaltung durch das Wesen und die Weltzustände dieses gegenwärtigen Zeitalters bestimmt sind.
Und im gleichen Zusammenhang spricht der Herr von den »Söhnen der Auferstehung«, womit die Erlösten gemeint sind, wie sie einst die Ähnlichkeit und das Gepräge der kommenden, verklärten Welt tragen werden, die ja mit der Auferstehung und dem Eintritt des neuen Lebens offenbar werden wird.
Diesem allen liegt die entscheidende Erkenntnis zugrunde, daß wahres Sohn-sein zugleich Wesensübereinstimmung bedeutet mit dem Vater, von dem der Sohn herkommt.
Damit aber verbindet sich Sohnschaft mit Gottesbildlichkeit. Sohn Gottes und Bild Gottes gehören zusammen. Darum ist auch hier schon auf Erden wahre Sohnschaft zugleich Verpflichtung zum praktischen Ausleben des Wesens, also der Liebe und Heiligkeit unseres himmlischen Vaters. Darum sagt der Herr in der Bergpredigt: »Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen . . . , damit ihr »Söhne eures Vaters« seid, der in den Himmeln ist« (Mt 5,44.45). Die »Söhne« sollen lieben, auf daß sie »Söhne« seien!
In der Ewigkeit wird dies in vollkommenem Maße erreicht sein. Dann werden die Verherrlichten als »Söhne Gottes« in ewig verklärter Weise das Bild ihres Vaters an sich tragen, und beides wird sich in vollkommener Weise verbinden: Leben Gottes und Wesen Gottes, Urgrund und Charakter, Sohnschaft und Gottesbildlichkeit.
Dies schließt das weitere in sich ein.
Sohnschaft als Gemeinschaft des Lebens.
Auch hier sieht der Orientale die inneren Zusammenhänge tiefer. Der Sohn ist dem Vater mehr lebensverbunden als in der Welt des Abendlandes. Bei uns im Westen macht sich der erwachsene Sohn allmählich vom Vater unabhängig. Er lebt gleichsam sein Leben dann für sich. Im Orient war es das Normale, daß auch der erwachsene Sohn im späteren Leben seinem Vater verbunden blieb (Joh 8,35). Es ist für ihn das Natürliche, daß er mit dem Vater zusammenwirkt.
In diesem Sinne schildert auch Jesus Sein Verhältnis zu Seinem himmlischen Vater. Der Vater und der Sohn wirken zusammen. Der Sohn tut nur, was der Vater ihn heißt. Sohnschaft in diesem tiefen Sinne ist darum Lebensgemeinschaft.
Darum wird auch die Vollendung unserer Sohnesstellung in der Ewigkeit zugleich ein Leben in der Gegenwart Gottes sein. Dann werden wir als Söhne bei unserem Vater sein. Wir werden vor Seinem Angesicht leben, mit Ihm in Ewigkeit verbunden sein, und alle Gottesgemeinschaft wird in der Vollendung unserer Sohnschaft zugleich ewig verklärt sein.
Schon hier auf Erden gehört Gemeinschaft mit Gott zum Königsadel der Erlösten. Die Kinder des großen Königs dürfen vor das Angesicht ihres himmlischen Vaters treten. Sie dürfen im Gebet sich dem Gnadenthron nahen. Sohnesstellung und Gebetsleben gehören zusammen. Wer sein Gebetsleben vernachlässigt, verneint praktisch seine Sohneswürde. Zwar fühlen wir uns im Gebetsleben durch unsere Abhängigkeit und eigene Armut gedemütigt; zugleich aber werden wir gerade im Beten emporgehoben in die unmittelbare Nähe des großen Herrn der Welt. Das Gebet ist ein Stück Ewigkeit mitten in der Zeit. Wir erleben im Gebet schon während unserer irdischen Wanderschaft die Gegenwart des himmlischen Ziels. Das Beten des Glaubens ist ein Vor-Erleben des einstigen Schauens. Sohn-sein heißt Beter-sein. Die hier in Gottes Heiligtum eintreten, haben einst Zutritt zum himmlischen Königspalast. Priestertum und Königtum, Tempel und Thron gehören ewig zusammen.
Dies lenkt unseren Blick auf das Ziel. Sohnschaft und Verherrlichung gehören zusammen. Sohn sein heißt Erbe sein.
Sohnschaft als Erbschaft und Hoheitsstellung.
»Der Geist selbst zeugt mit unserem Geist, daß wir Kinder Gottes sind. Wenn aber Kinder, so auch Erben - Erben Gottes und Miterben Christi, wenn anders wir mitleiden, auf daß wir auch mitverherrlicht werden« (Röm 8,17). Das Erbe aber ist das ewige Reich. Wir sollen das »Reich Gottes ererben« (1Kor 6,10; Eph 5,5). Mit der Vollendung der Sohnschaft schenkt der Vater im Himmel Seinen Kindern und Söhnen Herrschaft und Königsstellung. Die da Söhne sind, sollen auch Könige sein. Als Söhne des Königs aller Könige sollen auch sie eine Krone der Ehren tragen. Darum sollen sie mit Christus regieren von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Bei dem allen aber vergessen wir nicht das heilige »Wenn anders«! Die Vollendung des hohen Ziels ist an die Bedingung unserer Hingabe gebunden. Zum Vollbesitz wahrer Sohnesstellung, zum Königtum und zur himmlischen Herrscherkrone werden wir nur dann gelangen, »wenn anders wir mitleiden, auf daß wir auch mitverherrlicht werden« (Röm 8,17).
Die Erreichung der höchsten Stufe des vollen Ziels der königlichen Sohnschaft ist nicht etwa schon von vornherein eine selbstverständliche Folge von Bekehrung und Wiedergeburt. Die Höhe des Adelsstandes in der kommenden Vollendung unserer Sohnesstellung hängt ab von dem Maß der Treue, die der zur Sohnschaft Berufene hier auf Erden in seinem Niedrigkeitsstand praktisch bewiesen hat.
Gewiß, alles ist Gnade. Niemand kann Gott zwingen, Sein Heil und Seine Herrlichkeit einem Sünder zuzuwenden, auch wenn dieser noch so sehr strebt und sich zu veredeln sucht. Aber ebenso wahr ist es: Gott gibt Sein Heil nicht jedermann! Er knüpft Sein freies Geschenk an die Bedingung des Vorhandenseins einer ganz bestimmten, inneren Herzenshaltung auf Seiten der Kreatur. Er gibt Seine Gabe nur dahin, wo wahre Hingabe ist. Es gibt wohl eine »freie« Gnade; aber es gibt keine »bedingungslose« Gnade. Es kommt alles von Gott; aber es kommt nichts von selbst. Du mußt selbst ganz persönlich dabei sein.
Unendlich hoch ist das Ziel, das die Gnade uns vorhält, aber es gilt, unsere »Berufung und Erwählung >festzumachen<« (2. Petr, i, 10). Nur dem Überwinder die Krone! Nur wo wahrer Einsatz ist, kommt es zur höchsten Vollendung! Nach dem Maß unserer Treue richtet sich die Höhe des zukünftigen Ehrenstandes. Dies alles gilt es, bei aller Betonung der freien Gnade und allem Glauben an die Alleingültigkeit der Kraft Gottes, ganz klar zu erkennen, ernstlich zu bedenken und danach zu handeln.
»Denn wer nicht kämpft, trägt auch die Krön’ Des ew’gen Lebens nicht davon.«
»Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben« (Off 2,10).
Dann aber werden wir es auch erleben: »Das Wort ist gewiß; denn wenn wir mitgestorben sind, so werden wir auch mitleben; wenn wir ausharren, werden wir auch mitherrschen« (2Tim 2,11.12).
Christus der Eingeborene und Seine Brüder.
Bei alledem bleibt aber der unendliche Abstand zwischen Christus, dem ewigen Gottessohn, und den in Ihm aus dem Vater Geborenen auf ewig bestehen.
Er ist der eine, inner-göttliche Sohn des Höchsten (Mk 14,61.62), und sie sind die vielen, inner-göttlichen Söhne des himmlischen Vaters. Er Selbst ist der »Eingeborene« Joh 1,14.18; 3,16), der »Erbe aller Dinge« (Heb 1,2)97, der »Gott über alles, gepriesen in Ewigkeit« (Röm 9,5); und sie sind die Begnadigten, aus Sünde und Elend Geretteten. Doch schämt Er Sich nicht, sie Seine »Brüder« zu nennen; denn beide, sowohl Er, der da heiligt, als auch sie, welche geheiligt werden, sind alle von Einem« (Heb 2,11.12). Und darum ist Er, der der Abglanz der Herrlichkeit und der Abdruck des Wesens des Vaters ist (Heb 1,3), zugleich auch der »Erstgeborene unter vielen Brüdern« (Röm 8,29), der über ihnen steht und zugleich in ihnen ist, der zur Rechten der Majestät in der Höhe thront (Heb 8,1) und dennoch zugleich die Herrlichkeit, die Ihm der Vater gegeben hat, ihnen verleiht (Joh 17,22).
94 Röm 8,15.2 3 ; Gal 4,5 ; Eph 1,5 (wörtl.) u. a.↩︎
95 Joh 3,3.5 ; 1Pet 1,23; 2,2; 1Joh 2,29; 4,7; 5,1.↩︎
96 1Joh 3,1. Der kurze Satz: „Und wir sind es auch“ (griechisch kai es- men), der leider noch in der Elb. Bi. ausgelassen ist, ist textlich fest gesichert (vgl. die Ubers, von Albrecht, Wiese, Menge, Schlatter, Miniatur).↩︎
97 Darum sagt der Herr auch nie ein Ihn und die Seinen zusammenfassendes „Unser Vater", sondern nur „Mein Vater und euer Vater“. Vgl. Joh 20,17 .↩︎