DER GÖTTLICHE ADEL WAHRHAFT CHRISTLICHER LEBENSFÜHRUNG
Mensch sein heißt Kämpfer sein, Christ sein heißt Sieger sein. Biblisches Christentum ist Lebensbejahung und Weltverklärung in edelstem und höchst-vollkommenem Sinne. Gleich am Anfang der Bibel ist der Mensch als ein Königsgeschlecht bezeichnet: »Füllet die Erde! Macht sie euch untertan! Herrschet!« ( 1Mo 1,28). Hier ist Aufruf zu königlicher Welt- und Naturbeherrschung, Berufung zu heiligem Geistesadel. Der Mensch ist für die Naturwelt der Meister und Lenker ihrer Kräfte, der Vollstredcer ihrer Aufgaben und Ziele, der Erfüller ihrer unbewußten Sehnsucht. Alle Menschen sind, nach Gottes Plan, eine Königsfamilie. Sie sind darum auch zu königlicher Gesinnung und edlem Verhalten in Wort und Tat berufen.
Aber wie stimmen hiermit gewisse Grundsätze der christlichen Sittenlehre überein? Befiehlt nicht die Bibel dem Menschen Bescheidenheit und Demut, Sanftmut und Geduld, Milde und Nachgiebigkeit, Güte und Liebe, Selbstverleugnung und Verzicht auf Weltfreuden und Erdengenuß?
Wo aber bleiben Willensstärke, Selbstbehauptung, Ehrgefühl, Widerstandskraft, Naturfreude, Lebensbejahung?
Im Gegenteil, spricht nicht die Bibel so viel von der Sündhaftigkeit des Menschen, seiner sittlichen Kraftlosigkeit, ja, völligen Ohnmacht, sich selbst zu veredeln? Und sagt sie ihm nicht sogar ganz unverhohlen, daß er, als in Sünden geboren, ein Sklave des Bösen ist und sich in eigener Kraft aus diesem Kerker nicht befreien kann, sodaß, wenn ihm überhaupt geholfen werden soll, dies nur durch das Tun eines anderen, eines Höheren, eben durch ein Handeln göttlicher Gnade und Barmherzigkeit geschehen kann?
Ist aber dies alles nicht eine Beleidigung der menschlichen Ehre?
Sind die Grundbegriffe der christlichen Sitten- und Erlösungslehre darum nicht ein Widerspruch zu starkem Menschentum und folglich eine praktische Verneinung des Königsadels, des Menschengeschlechts? Ist der Mensch, nach der Lehre der Bibel, nicht viel mehr praktisch Sklave und Bettler, in keiner Weise aber König und Herrscher? Wo bleibt seine Würde?
Moderne Zerrbilder vom Königsadel des Menschen
Immer wieder werden diese Fragen von Menschen unserer Gegenwart gestellt. Schon früher, ja zu allen Zeiten hat sich der Lebenstrieb des Menschen, der mit der Botschaft der Bibel in Berührung kam, gar oft durch sie eingeengt, angegriffen, vielfach geradezu herausgefordert gefühlt.
Im 19. Jahrhundert hat dann die Naturphilosophie, besonders Darwins und Haeckels, in ihrer ethischen Anwendung auf Einzelleben und Völkergeschichte, dieser ablehnenden Haltimg des modernen Menschen der biblischen Sittenlehre gegenüber noch weitere, neue Nahrung gegeben.
Darwin selbst blieb mit seinen Lehren zwar durchaus innerhalb der Grenzen der Naturforschung und Naturphilosophie. Bald aber kam es zur Anwendung seiner biologischen Prinzipien auch auf das Gebiet des Geistigen und Moralischen. Der »Moral-Darwinismus« entstand und wurde durch Philosophen und Soziologen verschiedener Länder systematisch ausgebaut.
Denn wenn es wahr ist, daß das Prinzip aller Entwicklung der allgemeine »Kampf ums Dasein« ist, in dem nur der Stärkere sich behauptet, der Schwache aber (mit Recht!) untergeht, und wenn es wahr ist, daß nur auf diese Weise Menschheit und Welt auf dem W ege der Kraft voranschreiten: Wie kann man dann noch christliche Tugenden gelten lassen, wie Liebe, Milde, Güte, Nachgiebigkeit, Demut, Sanftmut, Mitleid, Barmherzigkeit?
Muß dann nicht vielmehr nur der »Wille zur Macht« gelten? Nur der Gegensatz »Stark und Schwach«, nicht aber der Gegensatz »Gut und Böse«? Nur der »Übermensch« setzt sich durch (Nietzsche)! Nur das Recht des Stärkeren gilt! Und zwar sowohl im Privatleben wie auch im Wirtschafts- und Völkerleben! Ist darum das normale (!) Prinzip alles menschlichen Fortschritts nicht gerade der Grundsatz der Selbstbehauptung, der Macht, ja, der Gewalt? Ist Selbstsucht nicht gesund? Ist Rücksichtslosigkeit nicht gut?
Und ist es dann für die Weiterentwicklung der Gesamtheit nicht geradezu »gut«, wenn das Schwache zugrunde geht? Was soll da noch das Christentum mit seiner Liebestätigkeit und Barmherzigkeit? Muß es nicht vielmehr als entwicklungsstörend und lebensfeindlich abgelehnt werden? Muß nicht vielmehr eine neue, bewußt »antichristliche« Morallehre entwickelt werden: » Jenseits von Gut und Böse« (vgl. Nietzsche, »Der Antichrist«)? Eine Umwertung aller Werte«?
Wir wissen, zu welchen erschütternden, welthistorischen Katastrophen diese ethischen Schlußfolgerungen aus der Deszendenztheorie und Naturphilosophie des 19. Jahrhunderts geführt haben. In weitgehendstem Maße steht die geistige, ethische, wirtschaftliche und politische Weltsituation des gegenwärtigen Atomzeitalters unter ihren Auswirkungen.
Was Darwin auf biologischem Gebiet in seiner Theorie von der »Selektion« (Auslese zu Gunsten der Stärkeren) im »Kampf ums Dasein« als Prinzip aller Vorwärtsentwicklung gelehrt hatte, wandte Friedrich Nietzsche mit seiner Lehre vom »Übermenschen« auf das Gebiet der Ethik an. Die moralphilosophische Denkart Friedrich Nietzsches war dann eine der Hauptwurzeln der Ideologie des Nationalsozialismus. Dabei war Darwin weder Gottesleugner noch Theist, sondern Vertreter des Deismus (des Glaubens an einen Schöpfergott, aber ohne Ofienbanmg und Wunder). Nietzsche war Atheist. Die Ideologie des Dritten Reiches war, in ihren offiziellen Äußerungen, vornehmlich pantheistisch. Daher die Reden von der »Vorsehung«.
Allerdings sind Rücksichtslosigkeit, Gewalttat und Blutvergießen zu allen Zeiten, innerhalb aller Rassen und Völker und auf allen Kontinenten schon vor dem 19. Jahrhundert düstere Merkmale der Menschheitsgeschichte gewesen. Die an Kriegen, Weiteroberem, Diktaturen und Massenmorden so überaus reiche Weltgeschichte ist Zeugnis davon. Auch ist das hemmungslose Herrenmenschentum schon von altgriechischen Sophisten und Philosophen (z. B. Thrasymachos, Kallikles, um 400 v. Chr.) verherrlicht worden. In der italienischen Renaissance waren es dann besonders Macchiavelli (1469-1527) und sein Zeitgenosse Cesare Borgia - letzterer später von Nietzsche als Muster seines Übermenschentums gepriesen –; aber erst die evolutionistische Natur- und Moralphilosophie des 19. Jahrhunderts, mit ihrer Theorie von dem Vorrecht des Starken und Stärkeren im Kampf aller gegen alle, haben dieser ganzen Lebenshaltung ein geradezu weltanschauliches Gepräge und eine scheinbar »wissenschaftliche« Begründung gegeben, sodaß sich ihre Vertreter im Privat-, Wirtschafts- und Völkerleben nun erst recht in ihrem Handeln bestärkt fühlten. Und, in Verbindung mit dem schnellen Aufstieg der Technik, besonders in Verkehrswesen und Kriegsrüstung, haben diese theoretischen Gedankenkonstruktionen von Naturforschern und Philosophen in den Studierstuben des vorigen Jahrhunderts, als geistige Wurzeln des 20. Jahrhunderts, einen wesenhaften Anteil an den katastrophalen Folgeerscheinungen in der Weltlage bis auf den heutigen Tag.
Ohne Frage muß jedem, der da sehen kann und sehen will, schon durch diesen Erfahrungsbeweis in der gegenwärtigen Weltgeschichte sehr schnell klar werden, daß diese Art von Herrentum nicht zum Königtum, sondern zur Versklavung führt, nicht zur Lebensbejahung, sondern zur Lebensvernichtung, nicht zu Ehre, sondern zu Entehrung, nicht zu Hoheit, sondern zu Erniedrigung. Jede wirklichkeitsnahe, realistische und objektive Geschichtsbetrachtung muß erkennen, daß diese Art von Herrschaftsideal der Weg zum Verderben ist, daß hemmungsloser Geltungstrieb und Machtwille nichts anderes ist als das entwürdigende Zerrbild menschlicher Würde, ja, das satanisch-dämonische Gegenstück zu wahrem »Adel des Menschen«.
Aber auch da, wo die Ablehnung der christlichen Moral nicht bis zu diesen äußersten Konsequenzen voranschreitet, ist eine Abwehr des starken und gesunden - besonders auch des jungen - Menschen gegen die biblische Sittenlehre vorhanden. Man will sich nicht beugen, seine Ohnmacht erkennen und um Gnade bitten. Man will sich nicht selbst verleugnen, auf Welt- und Lebensgenuß verzichten und den Kampf des Geistes gegen das Fleisch aufnehmen. Man will eben, wie man sagt, nicht Nein sagen zum Leben! Man will nicht »zu Kreuze kriechen«.
Was hat der Christ zu diesen Beanstandungen der christlichen Sittenlehre zu sagen?
W ir haben gesehen:
Die allgemeinen »kulturellen« Aussagen der Bibel - daß der Mensch zur Naturbeherrschung, Naturforschung, zu Erfindungen und Entdeckungen berufen sei - stehen in Übereinstimmung mit seiner königlichen Würde.
Ebenso zeugen die allgemeinen, heilsgeschichtlichen Grundlinien der Heiligen Schrift - daß der Mensch durch sein Königtum auf Erden zugleich Werkzeug in der Hand des Schöpfers zur Befreiung und Vollendung der Erde sei - in gleicher Weise von dieser hohen Ehrenstellung.
Wie aber steht es nun mit den moralischen Belehrungen der Bibel?
Inwiefern stehen auch sie, trotz ihres zunächst scheinbaren Gegensatzes, denn noch in Harmonie mit der hohen Würde des Menschengeschlechts, das heißt, mit dem Königtum und »Adel des Menschen«?