Schriften von Erich Sauer
Die Zulassung der Sünde und die göttliche HeiligkeitDie Zulassung der Sünde und die göttliche Heiligkeit
Dasselbe geht aus der Heiligkeit Gottes hervor. Diese bedingt, daß der göttliche Weltzweck in der Selbstverklärung des heiligen Wesens der ewigen Liebe seinen Gipfelpunkt erreichen muß und folglich nur durch eine wesentlich sittliche Entwicklung verwirklicht werden kann. Darum ist die Erschaffung vernunftbegabter Wesen erforderlich, welche zur Anteilnahme an Gottes sittlichen Eigenschaften schöpfungsmäßig bestimmt und eingerichtet sind. Nur in und von solchen kann Gottes heiliges Wesen geschöpflich verklärt und ausgestrahlt werden. Darum ergibt sich, was uns selbst angeht, aus dem sittlichen Selbstentfaltungswillen Gottes mit Notwendigkeit die Bestimmung des Menschen zur Gottesbildlidikeit.
Außerdem setzt eine Anteilnahme an Gottes heiligen Eigenschaften ganz von selbst schon voraus, daß solche Geschöpfe auch des sittlichen Gegensatzes, das heißt, des Gegensatzes zwischen Gut und Böse, fähig seien. Sie müssen zuerst überhaupt erkennen, was der Unterschied zwischen Gut und Böse ist, und müssen sich dann für das Gute entscheiden und das Böse verwerfen. Nach Erkenntnis und Wille müssen sie demnach den sittlichen Gegensatz in sich aufgenommen haben.
Diese Erkenntnis konnte dem Menschen aber nicht angeschaffen werden. Denn als ein geschöpfliches und folglich endliches Wesen, welches einen Anfang hat, findet er die Welt schon bei seinem Eintritt in sie als äussere Gegebenheit vor. Darum kann sein ganzes Erkennen nicht darin bestehen, daß er schon sofort alles weiß, sondern daß er an dem Gegebenen zu lernen hat. So spaltet sich sein ganzes Denken in ein Erkennen des Nochnichtgewußten und ein Behalten des Erkannten. Es ist eben keine Allwissenheit, sondern nur ein Lernen, das unter dem zeitlichen Gegensatz von Vor und Nach steht.
Woher aber hätte da der Mensch den Gegensatz von Gut und Böse wissen können, wenn dieser nicht als etwas zu Lernendes von außen an ihn herangetreten wäre? Wie hätte dies ferner anders geschehen können als durch ein Verbot, irgendetwas zu tun? Und wie endlich konnte ein solches Verbot ergehen, wenn nicht eine Möglichkeit zur Übertretung zugelassen worden wäre? Wir sehen: Die ersten Menschen - und für die Engelwelt müssen ähnliche Grundsätze bestanden haben, wenn die Schrift auch im Einzelnen darüber schweigt - wussten zuerst überhaupt nicht, was Ungehorsam ist, und konnten es nicht eher wissen, als bis ihnen ein bestimmtes Gebot gegeben war, in dessen Nichtbefolgung sich für sie der Begriff des Ungehorsams und des Bösen vergegenständlichte. Bis dahin konnte ihr »Erkennen« in Wahrheit nur ein unmittelbares Empfinden, ein instinktmäßiges Fühlen sein. Das Gefühl mußte einen überragenden Platz über dem Erkenntnisvermögen innehaben, und nur ein ausdrückliches Verbot konnte dem Geiste die ihm gebührende, übergeordnete Stellung verschaffen.
Nun hätte allerdings zu einem rein äusserlichen Wissen ein solches blosses Gebot genügt; zu einem inneren und erfahrungsmäßigen Erkennen des Guten in seinem Gegensatz zum Bösen gehörte aber eine Gelegenheit zu freier Betätigung des einen oder des andern. Nur so konnte das göttlich Objektive für das sittliche Geschöpf zum subjektiv Erlebten werden. Nur so konnte seine Naturanlage sich zum Geistesbesitz und Geisteszustand wahrhaft entfalten. Es ist also in der Natur der Menschen als endlicher, aber zur Heiligkeit bestimmter Persönlichkeiten begründet, daß eine Versuchung nötig war, damit ihr Erkenntnisvermögen nicht unvollständig bleibe, sondern voll in Gott verklärt werde und dadurch Gott in ihm.
Genauso steht es mit dem Willen. Wäre der Wille zum Guten den Menschen von vornherein notwendig angeschaffen worden, so wäre er überhaupt kein »Wille« mehr, sondern nur ein Naturtrieb gewesen. Ihre Liebe zu Gott hätte nur eine gefühlte Anhänglichkeit, nicht aber etwas bewußt Gewolltes und Erwähltes sein können, und gleichwie das Gefühl über dem Erkenntnisvermögen gestanden hätte, so nun auch über dem »Willen«.
Vor allem aber ist Gutestun, wenn gar keine Möglichkeit zur Unterlassung oder zum Bösen vorliegt, überhaupt keine sittliche Tat mehr, sondern nur eine durch bloße Naturgesetze bedingte, unumgängliche Folge.41 »Die Möglichkeit des Bösen liegt also in dem Grundverhältnis der vernünftigen Schöpfung zum Schöpfer. Das sittlich Gute kann, der Natur der Sache nach, keinem vernünftigen Geschöpf aufgezwungen, das Böse kann nicht äußerlich von ihm ferngehalten werden« (Dr. Th. Haarbeck). Eine anerschaffene Heiligkeit ist ein Widerspruch in sich selbst. »Eine sittliche Entwicklung schließt als unveräußerliches Merkmal die Selbstentscheidung und Selbstbestimmung ein, nämlich, bei normalem Verlauf, die Selbstbestimmung für das Gute, für Gott und den ewigen Inhalt Seines Willens. Niemand kann diesen zum Inhalt seines eigenen Lebens gewinnen, wenn er sich nicht in freier Wahl dafür entscheidet, sich ihn nicht durch persönliche Tat zu eigen macht. Dann aber ist die Möglichkeit des Bösen im Weltplan Gottes in Seinem eigenen Willen begründet. Dieser kann sich nicht verwirklichen, ohne daß es zur Wahl zwischen Gut und Böse und damit zur Möglichkeit einer Entscheidung für das Böse kommt. Daß dagegen diese Möglichkeit fort und fort zur Wirklichkeit wird, hat seinen Grund in der freien Willensentscheidung der Kreatur. Das Böse selbst entsteht als geschichtliche Tat immer dann und da, wann und wo das Geschöpf die von Gottes Geist in ihm gewirkte Freiheit zum Guten im Sinne des Bösen mißbraucht« (Prof. Dr. J. Kaftan).
Man mag dieses vorläufige Fehlen der notwendigen Heiligkeit eine schöpfungsmäßige Unvollkommenheit nennen. Im Sinne eines vorläufigen Noch-nicht des endgültigen Zieles einer normalen Entwicklung hat man auch recht. Aber diese relative Unvollkommenheit des einstweiligen Entwicklungsstadiums ist bedingt durch die absolute Vollkommenheit des Endzieles und muß darum selber als Vollkommenheit betrachtet werden.
Die Freiheit der geschöpflich-persönlichen Wesen ist die Grundbedingung ihrer Vollkommenheit. Sie selbst aber schließt, ihrem Begriff nach, die abstrakte Möglichkeit einer falschen Entscheidung in sich. Darum müßte Gott, wenn Er diese Möglichkeit nicht offen ließe, auf die Vollkommenheit und - weil dies unmöglich ist - auf die Erschaffung der Menschenwelt überhaupt verzichten.
Denn, würde Er den sittlichen Geschöpfen keine Möglichkeit zur Betätigung ihrer Wahlfreiheit lassen, so wären sie überhaupt keine sittlichen Persönlichkeiten mehr. Dann wären sie nur rein passive Objekte Seiner Herrschaft, bloße Instinktwesen, ja, eigentlich nicht viel mehr als höher begabte, komplizierter organisierte Tiere. Von einem »Menschheitsadel« könnte nicht mehr die Rede sein. Ihre »Sittlichkeit« wäre in Wahrheit ein unfreier Schein-Moral-Mechanismus und sie selber nur willenlose Naturwesen, ja puppenartig lebendige Sittenmaschinen. Zu einer Selbstverklärung des heiligen Grundwesens Gottes könnte es nie kommen, und damit wäre der Hauptzweck der Menschenschöpfung verfehlt. Da aber gerade er in Gott Selbst als der heiligen Liebe notwendig begründet ist, muß gesagt werden: Gottes eigenes Wesen selbst verlangt es, daß Er Sich in freiem Willen Selbst beschränkt, indem Er für die sittliche Kreatur Raum zu ungehinderter Selbstbestimmung offen läßt. Sein Wille, eine Sphäre fremder Freiheit zu schaffen, gehört selbst zu Seinem notwendigen Wesen. Es ist Ihm notwendig, Sich Selbst frei zu beschränken. »So ist sogar dieses, daß wir das Böse tun können, etwas Gutes«,42 und geschweige denn, daß die Versuchung des Menschen und die Möglichkeit der Sünde im Widerspruch zu dem allmächtigen, liebenden und allwissenden Gott stünden, sind sie vielmehr ein notwendiger Durchgangspunkt der göttlichen Weltordnung, und diese ist ihrerseits in Harmonie mit dem göttlichen Wesen.
Natürlich lehren wir nicht, daß Gottes Weltplan nicht ohne das Böse zu verwirklichen war. Dann ergäbe sich ja die halb an den Pantheismus angrenzende Idee, daß Gott ohne das Böse und den Teufel Sein Ziel nicht hätte erreichen können. Noch viel weniger lehren wir, daß Gott etwa das Böse selbst gewollt habe, wohl aber, daß Er die Möglichkeit des Bösen nicht nicht-gewollt habe. Denn weil es nichts Ethisches ohne die Möglichkeit des Unethischen gibt, muß Gott, so widerspruchsvoll es auch klingen mag, gerade um der Heiligkeit Seiner Weltzwecke willen, die Möglichkeit des Unheiligen zulassen.
Er selbst aber bleibt dem endlichen Verstände des Geschöpfes stets der Unfaßbare und Unergründliche. Hier müssen wir allerdings auf alles weitere Fragen und Forschen verzichten und den Mut haben, unsere Unwissenheit zu bekennen, aber auch die Demut, einzusehen, daß das Endliche nicht das Unendliche zu fassen vermag, daß unser Verstand oft nur deshalb die Ewigkeitsdinge als widerspruchsvoll ansieht, weil er, sündhaft gefallen und gebunden, wie er nun einmal ist, sich selbst im Widerspruch zu den Gesetzen der göttlich-oberen Welt befindet. Es gibt eben nichts Irrationaleres als den Rationalismus. Schon unser Verstand sagt uns, daß Gleiches nur von Gleichem erkannt werden kann, also Gott nur durch Gott. Mit Recht sagt darum Martin Luther, der doch gewiß kein Schwachkopf war:
»In Gottes Gebot und Sachen sollen wir unsere Weisheit beiseitelegen und also denken: Siehet es mich närrisch an, so ist’s in Wahrheit keine andere Ursache, als daß ich ein grosser Narr bin, der die göttliche Weisheit nicht fassen kann.« Nein, wer in Gottes Geheimnisse hineinschauen will, muß mit dem dreifachen Schmuck von Demut, Ehrfurcht und Glauben geziert sein. Wo diese sich finden, fällt Licht vom Throne des Höchsten in das Herz des Geschöpfes, und jubelnd wird dieses, trotz allen Bewusstseins der eigenen Kleinheit und Unzulänglichkeit, ausrufen: »Der Herr ist Gott. Er hat uns Licht gegeben. Schlingt den Reigen mit Zweigen bis an die Hörner des Altars« (Ps 118,27).
41 Daß dies natürlich nicht auch auf die Heiligkeit Gottes ausgedehnt werden darf, ist selbstverständlich; denn Gott ist Sich Selbst das Gesetz und steht als der Ewig-Absolute über allem geschöpflichen Fassungsvermögen.↩︎
42 Pelagius, der berühmte Gegner des Kirchenvaters Augustinus (um 400). Ebenso schreibt Richard Krämer: «Unbedingt ist festzuhalten, daß auch die Fähigkeit und Möglichkeit der sittlichen Entscheidung, also des „freien“ Tuns des göttlichen Willens, zur guten Ausrüstung des Menschen gehört, damit aber auch die Möglichkeit der Wahl des Bösen gegeben ist“ (Lie. R. Krämer, Die biblische Urgeschichte, Wernigerode 1931, S. 72).↩︎