Das Wesen der Liebe.
Liebe ist Wille der Gemeinschaft. Im allgemeinen Menschenleben äußert sie sich als ein Sich-hingezogen-Fühlen und Hinstreben zu einer Sache oder Person, die uns unmittelbar wertvoll erscheint und die wir als Quelle der Beglückung unseres sinnlichen oder geistigen Ich ansehen. Sie zeigt sich als dauernde Lust und Freude an dem Besitz und der Gegenwart dieser Person und der völligen Vereinigung des ganzen Lebens mit ihr. So kommt in der Liebe ein Doppeltes zum Ausdruck:
das Streben nach Ergänzung und Erweiterung des eigenen Selbst und ebenso
das Streben nach beharrlichem Aufgehen im Selbst des anderen. Insofern hat sie zugleich zwei Hauptbetätigungsformen. Diese sind stets da und tun sich immer kund, wo wahre, ideale Liebe vorhanden ist:
Die eine ist das Teilnehmen der Liebe am inneren und äußeren Erleben des andern; die andere ist das Miteilen und Hingeben des eigenen Seins und Erlebens an ihn.
Die erste ist nach innen gerichtet, auf den Liebenden selbst; die zweite geht nach außen, auf den Geliebten.
In der ersten zeigt sich die Empfänglichkeit (Rezeptivität), in der zweiten die aktive Selbsttätigkeit (Spontaneität) der Liebe.
Hierbei ist das Mitteilen der Liebe eine freie Notwendigkeit, dem Geliebten nicht nur den äußeren Besitz, sondern auch das eigene, innere Erleben mitzuteilen. Wahre Liebe zieht in selbstloser Weise den anderen in den Kreis des Wollens und Strebens ihrer eigenen Gedanken- und Gemütswelt hinein und bietet ihm in diesem Erleben zugleich das eigene, innere Ich, das wahre Selbst der Persönlichkeit dar. Hieraus aber folgt, daß Liebe in diesem vollkommenen und idealen Sinne nur von persönlichen Wesen ausgesagt werden kann. Ebenso kann sie sich auch, in dieser ihrer höchsten und wahrsten Bedeutung, nur auf eine Persönlichkeit erstrecken. Die Existenz und die Unverletztheit einer solchen Persönlichkeit sind also auf beiden Seiten die Grundlage alles wirklichen Liebesverkehrs. Nur ein Selbst kann lieben. Und je wahrer und reicher dieses liebende Selbst, seiner Person- und Naturseite nach, ist, desto größer ist auch der Segen, der von seinem Leben und Lieben auf den andern ausgeht. Darum ist es gerade für die Liebe von der größten Bedeutung, daß die Selbstheit, diese Grundlage ihres eigenen Seins, völlig und unversehrt erhalten bleibe.
»Bei aller Selbsthingabe, die sich in der Liebe vollzieht, darf sonach keine wesentliche Selbstaufgabe stattfinden, das heißt, kein Sich verlieren an den andern. Jede Beeinträchtigung des eigenen Wesens würde ja zugleich einen Verlust für den Geliebten zur Folge haben. So mag die Liebe auf äußeren Besitz verzichten und sich in ihrer Betätigung nach außen hin um des andern willen beschränken. Ja, gerade hierin bewährt sie ihre Kraft und Lauterkeit. Aber alles Innere, was ihr Wesen selbst ausmacht, muß sie nicht nur um ihrer selbst willen, sondern gerade auch um des anderen willen, festhalten und bewahren« (Prof. Dr. L. Schoeberlein).
Gottes liebende Herablassung und Gottes Majestät.
Das aber heißt in Bezug auf den Liebesverkehr zwischen Schöpfer und Schöpfung: »Gott muß in allen Seinen Liebesbetätigungen, so groß und hingebend sie auch sein mögen, die Absolutheit und Heiligkeit Seiner ewigen Persönlichkeit unentwegt aufrechterhalten. Bei aller Hingabe an Seine Kreatur kann Sich Gott niemals dessen begeben, daß Er absoluter Geist und absolute Liebe ist. Bei aller noch so tiefen Herablassung Gottes zur Menschheit wird das nie aufhören, daß die Menschheit alle Kraft ihres inneren und äußeren Bestandes ganz allein aus Gott schöpft. Sein Wille wird als ewiges Gesetz über ihrem Willen stehen. In alle Ewigkeit hinein wird Er diese Seine Autorität ohne Wanken mit heiliger Energie geltend machen. Gott bleibt, mit einem Wort, für die Menschheit unbedingte Majestät, und sie selbst bleibt stets im Stande unbedingter Abhängigkeit. Nur so kann Gott auch das Ziel, das Er Sich in Seiner absoluten Liebe gesetzt hat, erreichen. Nur so kann Er Seine Kreatur der in Ihm wohnenden Liebesfülle teilhaftig machen.«
Die Anbetung als die höchste Entfaltung der geschöpflichen Gegenliebe zu Gott.
Dann aber muß sowohl das Teilnehmen wie auch das Mitteilen der kreatürlichen Gegenliebe in ihrem Verkehr mit dieser höchsten Majestät Formen annehmen, die der Liebesverkehr von Geschöpf zu Geschöpf nicht besitzt, ja niemals in dieser Weise zu besitzen vermag.
Das auf den Liebenden selbst, also nach innen gerichtete Teilnehmen am Wesen und Leben des Geliebten muß hier zu bewundernder Versenkung des Geschöpfes in die Größe und Herrlichkeit der ewigen Persönlichkeit des Schöpfers werden.
Das auf den Geliebten gerichtete, sich also nach außen und oben, zu Gott hin kundtuende Geben und Mitteilen dieser Liebe muß zu einem Aussprechen der also entstehenden Herzensempfindungen in Gebet, Danksagung und Lobpreis werden.
Das aber heißt: Aus der Liebe des Schöpfers zu Seiner sittlichen Kreatur und der Gegenliebe des Geschöpfes zu Ihm, dem Alliebenden und Ewigen, folgt ganz von selbst die Anbetung der Schönheit und Pracht Seines heiligen Wesens durch das Geschöpf, das in Seiner Liebe lebt und in ihr glückselig ist. Die Anbetung ist also ein wesensnotwendiger Ausfluß der Liebe zu Gott. In ihr verbindet sich die Empfänglichkeit und Selbsttätigkeit (Rezeptivität und Aktivität) der geschöpflichen Gegenliebe zu wunderbar erhebender Harmonie. So stellt sie sich dar als die Verbindung von Bewunderung und Lobpreis der Person und der Herrlichkeit Gottes. Bewundernde Versenkung ist ihre nach innen sich richtende Rezeptivität; Rühmen und Verherrlichen ist ihre nach oben spontan sich erhebende Aktivität.
So bildet die Anbetung in der Liebesgemeinschaft zwischen Schöpfer und Schöpfung den geistigen Höhepunkt der kreatürlichen Gegenliebe. Und insofern der Mensch schon von Anfang an zu einer solchen Gottesgemeinschaft in Liebe berufen worden war, ist er auch schöpfungsmäßig zur Anbetung bestimmt. Sie ist der erste und vernehmlichste Hauptzweck seiner ewigen Berufung. In alle Zeitalter der Zeitalter hinein darf er, im Verein mit den heiligen Engeln des Himmels, den Herrn aller Herren mit frohlockendem Herzen lobpreisen und sagen: »Das Heil steht bei unserm Gott, der auf dem Thron sitzt, und bei dem Lamm! Amen. Preis und Herrlichkeit, Weisheit und Dank, Ehre, Macht und Stärke gebühren unserm Gott in alle Ewigkeit! Amen« (Off 7,10.12), »Es kommt aber die Zeit und ist schon jetzt da, wo die wahren Anbeter den Vater in Geist und Wahrheit anbeten werden; denn auch der Vater will solche Anbeter haben. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn in Geist und Wahrheit anbeten« (Joh 4,23.24).I.