Auch christliche Liebe ist ein Leben in Kraft und Charakterstärke. Sie ist keine bloße Gefühlsliebe, kein Lieben in leeren Worten, kein tatenloses Bejammern der Notlage des anderen, sondern sie ist Wille und Tat. Sie hat Festigkeit und Rückgrat. Sie ist Produktivität und Aktivität ( 1Joh 3,17.18; Jak 2,14-17). »Der Glaube, wenn er nicht Werke hat, ist tot an ihm selber.« Wohl kämpft das Neue Testament gegen die irrige Vorstellung, als ob man sich durch selbstgerechte Werke den Himmel verdienen könnte. »Durch Gesetzeswerke wird kein Mensch gerecht vor Gott« (Röm 3,20). Aber nirgends wird gesagt, daß die Gerechtfertigten nun etwa ohne Werke sein sollten! Die Gnade ist kein Ruhepolster für moralische Schwachheit. Im Gegenteil, sie bewirkt Antrieb des ganzen Menschen zu tatenfrohem Leben. Paulus schreibt: »Laß aber auch die Unsrigen lernen, für die notwendigen Bedürfnisse gute Werke zu betreiben, auf daß sie nicht unfruchtbar seien« (Tit 3,14). Die Christen sollen ein Eigentumsvolk sein, »eifrig in guten Werken« (Tit 2,14). Nur der Glaube gilt vor Gott, »der durch die Liebe wirkt« (Gal 5,6).
Echtes Christentum ist Tatchristentum. Es ist zielbewußtes Handeln, kraftvolles »Muskelchristentum« (Charles Kingsley). Es erweist sich als solches im Organismus der Gemeinde, im örtlichen Zusammenleben der wahren Christen (Gal 6,10), in der praktischen Mitarbeit an Gottes Werk nah und fern (Gal 6,6 ; Phil 1,5ff; 2Kor 9, 6- 15). Es bewährt seine Lebendigkeit auch in der Hilfeleistung für den Mitmenschen, im Einsatz für den Nächsten. Ein echter Christ entzieht sich nicht seinen sozialen Pflichten. » Laßt uns Gutes tun an jedermann!« (Gal 6,10). Schon im Alten Testament sagt Gott der Herr: »Ist nicht vielmehr das ein Fasten, wie ich es liebe: wenn du dem Hungrigen dein Brot brichst und unglückliche Obdachlose in dein Haus nimmst, wenn du einen Nackten siehst, ihn kleidest und dich deinem Nächsten nicht entziehst?« (Jes 58,6 . 7).
So ist die Liebe Magd und Meisterin zugleich.
»Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan.«
»Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan« (Luther).
Die Liebe ist eine dienende Herrscherin. Sie ist frei und fühlt dennoch eine Bindung. Ja, die Liebe will »müssen«. In ihrer Freiheit will sie die Verpflichtung empfinden. Es gehört zu ihrem Wesen, sich ungezwungen einzuordnen.
Liebe macht sehend! Sie hat wache Augen für die Dienstgelegenheiten in ihrer Umgebung. Sie hat ein fühlendes Herz für die Not, die sie umgibt. Sie hat eine starke Hand zum praktischen Zugreifen und Helfen.
Dabei ist sie niemals ein einmaliges Geschenk, sondern muß sich immer von neuem kämpferisch durchsetzen. Auch beim Christen ist sie in stetem Ringen um die Praxis seines Alltags. Jeder ist nur so stark, wie er liebt. »Wer nicht liebt, lebt nicht. Wer durch das Leben lebt, der kann nicht sterben« (Raimundus Lullus 1315).
In diesem allen ist die christliche Liebe niemals Selbstaufgabe. Sie wirft sich nicht weg. Wo man sie ablehnt, drängt sie sich nicht auf. Sie hält an ihrer Ehre fest. »Wo jemand euch nicht annehmen wird noch eure Rede hören, so geht heraus von demselben Hause oder der Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen! Wahrlich, ich sage euch: dem Lande der Sodomer und Gomorrer wird es erträglicher gehen am Jüngsten Gericht denn solcher Stadt!« (Matth, 10,14.15; Apg 13,51). Die Liebe sucht jede Seele. Aber auch im Werben um den anderen bewahrt sie ihre Würde. »Ihr sollt. . . eure Perlen (d.h. eure persönlichen Glaubenserfahrungen) nicht vor die Säue werfen« (Mt 7,6).
So ist die Liebe ein wollendes Leben, ja das Grundleben alles wahren, gottgemäßen Menschentums. Sie ist das Ideal und die höchste Erfüllung wahrer Menschenwürde. Sie ist der eigentliche Wert im Leben. Sie ist ein Stüde Himmel auf dieser Erde, ein Strahl Ewigkeit in dieser Zeit, ein Glanz Gottes im Leben des Menschen.
Wer liebt, verwirklicht seinen Menschheitsadel. Denn die Liebe ist das Wesen Gottes. Gott aber ist der große König.
Darum ist auch die wahre Liebe eine Königin. Ja, sie ist die eigentliche Hoheit im Reich des Menschenlebens, die Siegeskraft, die allen Lagen des Alltags gewachsen ist, die Erfüllung aller Gebote Gottes, das »königliche« Gesetz: »Du sollst Gott, deinen Herrn, lieben mit deinem ganzen Herzen. . . und deinen Nächsten wie dich selbst.«
»Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen« (1Kor 13,13).