Schriften von Erich Sauer
Die Erlösung der Erde durch die Erlösung des MenschenDie Erlösung der Erde durch die Erlösung des Menschen
Man hat eingewendet: Wie kann Gott bei der Erschaffung Adams gleichsam den Gedanken gehabt haben, daß durch ihn die Erde zurückgewonnen werden solle, da er doch, kraft Seiner Allwissenheit, den Fall des Menschen schon ewig vorausgesehen und darum Christus, Seinen Sohn, zum Erlöser bestimmt hatte ( 1Pet 1,0; Eph 1,4)? Dann wären es ja gewissermaßen zwei »Erlöser«!
Wir antworten:
1. Gott gibt gar oft Seine Befehle auch da, wo Er im voraus weiß, daß sie der Mensch nicht erfüllen wird. Seine Gebote sind nicht an den Gehorsam der Menschen gebunden. Denn Er ist der Herr und Gebieter, und Seine Freiheit kann, trotz aller Willensfreiheit der Kreatur, dennoch durch diese nimmermehr aufgehoben werden. Sein Wille regiert auf dem Weltenthron, nicht das Belieben Seiner Geschöpfe. So gab Er dem Adam ja auch den Auftrag, den Paradiesesgarten zu bewahren, obwohl Er ebenfalls von vornherein wußte, daß dieser ihn nicht erfüllen würde! Ebenso sagt Er an andrer Stelle einmal: »Wendet euch zu mir und laßt euch retten, alle ihr Enden der Erde!« (Jes 45,22), und doch weiß Er schon von Ewigkeit her, daß nur die »kleine Herde« Seiner einst Gläubigen dieser Aufforderung Folge leisten wird (Lk 12,32; Röm 8,29; 1Pet 1,2). Gottes Berufsbestimmungen und Gnadenziele mit den Menschenkindern dürfen eben nicht an dem gemessen werden, was diese, in ihrer Unvollkommenheit und Begrenztheit, tatsächlich erreichen. Die Möglichkeiten, die Er schafft und deren Erfüllung Er auch ernsthaft will, gehen immer wieder - ja zunächst fast stets - über das Maß der Wirklichkeiten hinaus, die von Seinen Geschöpfen tatsächlich erreicht werden.69 Oft bedarf es erst der verwickeltsten Umwege und der mannigfachsten Erziehungsmethoden, bis das Geschöpf seine Irrwege verläßt und zu dem Auftrag zurückkehrt, den ihm Gott bereits im Anfang erteilt hatte. Das hindert Gott aber nicht, ihm gar oft gleich zu Beginn seiner Laufbahn das Ziel und Programm seines Lebens kundzutun.70 In jedem Fall aber - ob Gott Seine Absichten mit den Menschen sogleich oder erst auf Umwegen oder auch gar nicht71 erreicht - , hat auch hier das Wort seine Geltung: »Gott ist größer als unser Herz«.
2. Außerdem darf nicht übersehen werden, daß, wenn wir von einer paradiesischen Berufsbestimmung des »Menschen« reden, wir dies in kollektivem Sinne als von der Menschheit meinen. Daß Gott etwa beabsichtigt oder, menschlich gesprochen, gedacht habe, Adam selbst als Einzelperson werde den Erlöserberuf bis zur absoluten Vollendung, allein oder nur mit seinem Weibe zusammen, durchführen, darf natürlich nicht gelehrt werden. Vielmehr bezieht sich dieser ganze Auftrag auf ihn zugleich als Stammmvater und organischen Vertreter seiner gesamten Nachkommenschaft.72 Deshalb heißt es auch zuerst: »Seid fruchtbar und mehret euch und bevölkert die Erde«, und erst dann fährt Gott fort: »Und machet sie euch untertan und herrschet« ( 1Mo 1,28).
Mancher könnte hier geneigt sein, sich zu fragen, ob man bei einer solchen Sachlage überhaupt von einer »paradiesischen« Berufsbestimmung der Menschheit reden dürfe. Denn die Nachkommenschaft Adams, welche den Hauptanteil an der Durchführung dieser Aufgabe haben sollte, existierte ja damals noch gar nicht. Dennoch ist sofort klar, daß diese Bezeichnung durchaus berechtigt, ja erforderlich ist. Denn das Menschengeschlecht begann ja nun einmal im Paradiese und sollte vom Paradiese seine Wirksamkeit ausgehen lassen. Ferner ist ja gerade das Ziel dieser gesamten Entwicklung die Umgestaltung der Erde wiederum in ein Paradies. Darum muß es als zweifellos unanfechtbar gelten, wenn die ganze Tätigkeit aller Beteiligten, auch der in der Paradieseszeit noch nicht geborenen, aber schon dam als »in« Adam grundsätzlich mitgeschauten Nachkommenschaft, als eine «paradiesische» Berufsbestimmung bezeichnet wird. Das Paradies war eben Anfang und Ende, Ausgang und Ziel, Basis, Programm und Muster der kollektiv makrokosmischen Gesamtaufgabe der Menschheit auf Erden.
3. Schließlich haben wir eine Stelle in den Paulusbriefen, welche auf das allerklarste zeigt, daß auch nach dem Sündenfall die Erlösung der Erde an die Vollendung des Menschen gebunden ist.
Der Apostel schreibt: »Das sehnsüchtige Verlangen der ganzen Schöpfung wartet auf die Offenbarung der Herrlichkeit der Kinder Gottes. Denn der Nichtigkeit ist die Schöpfung unterworfen worden - nicht durch eigene Schuld, sondern um dessen willen, der ihre Unterwerfung bewirkt hat - , jedoch auf Hoffnung hin, weil ja auch die Schöpfung von der Knechtschaft der Vergänglichkeit befreit werden wird zur Teilnahme an der Freiheit, welche die Kinder Gottes im Stande der Verherrlichung besitzen werden. Wir wissen ja, daß bis jetzt die ganze Schöpfung überall seufzt und mit Schmerzen einer Neugeburt harrt« (Röm 8,19-22).
Was diese Stelle in unserem Zusammenhang so überaus wichtig macht, ist ihr Zeugnis, daß auch nach dem Fall das Schicksal und die Erlösung der Erde mit dem Werden und Sein des Menschengeschlechts unzertrennbar verbunden bleibt. Die Erlösung der Erde soll dennoch mit dem Menschen verknüpft sein! Die Schöpfung soll dennoch auf die Offenbarung der Herrlichkeit der Söhne Gottes warten. Mag ihre Befreiung nun auch in mancher Weise andere Wege gehen, als es ohne einen menschlichen Sündenfall gewesen wäre: der Grundgedanke bleibt dennoch bestehen, daß der Mensch das Werkzeug zur Erlösung der irdischen Schöpfung ist. Und weil dieses der Weg und das Ziel Gottes bleibt, kann es einen neuen Himmel und eine neue Erde auch erst nach dem Großen Weißen Thron, das heißt, nach Abschluß der menschlichen Erlösungsgeschichte, geben (Off 21 u. 22; vgl. 20, 11-15).
Dennoch wäre es unrichtig, in dem Menschen den einzigen Gegenstand der Heilstat Christi zu erblicken. Denn so groß und gewaltig die Erlösung auch ist, die der Herr der Menschheit gebracht hat, so geht sie doch zugleich noch unfaßbar weit über dieselbe hinaus. Wohl steht der Mensch im Mittelpunkt des göttlichen Heilsinteresses, und wohl hat es Gott gefallen, in ihm die großen Gedanken Seines Liebesratschlusses sich kristallisieren zu lassen, so daß es ohne seine Heilsgeschichte überhaupt keine Heilsgeschichte geben würde; aber sich für das einzige Ziel der erlösenden Tätigkeit Christi zu halten, dazu ist er bei alledem keineswegs berechtigt. Vielmehr geht der Plan der Erlösung, gleichwie er durch ihn hindurchgeht, auch zugleich weit über ihn hinaus. Mit der Erlösungsgeschichte des Menschen sind Dinge im Himmel (Heb 9,23; Jes 30,26), auf Erden73 und unter der Erde (Phil 2,10) verbunden, die unser ganzes, gegenwärtiges Denkvermögen übersteigen, und die uns im Worte Gottes auch nur ganz zart und andeutungsweise geoffenbart sind. Hier den Schleier des Geheimnisses lüften zu wollen, hieße wieder zu essen begehren von der Frucht des Baumes der Erkenntnis. Darum ist auch die Allversöhnungslehre biblisch nicht berechtigt.
69 Man vergleiche z. B. die von Gott angeordneten Grenzen des irdischen Kanaan mit den wirklich historisch erreichten: 1Mo 15,18.↩︎
70 Vgl. Jona 1,2 (vgl. V. 3 ).↩︎
71 Bes. bei den ewig Verlorenen.↩︎
72 Vgl. Röm 5,12-2 1 1Kor 15,2 2 ; vgl. Heb 7,9.10.↩︎
73 Im Tierreich: Jes 11,6; Hos 2,20.24 . - Im Pflanzenreich: Jes 55,12.13 .↩︎