Schriften von Erich Sauer
Die Zulassung der Sünde und die göttliche AllmachtDie Zulassung der Sünde und die göttliche Allmacht
Hinsichtlich der Allmacht muß mit Nachdruck betont werden, daß diese in keiner Weise dasselbe ist wie Allwirksamkeit und darum die Möglichkeit einer freien Selbstbeschränkung Gottes zuläßt. Die irrtümliche Gleichsetzung von Allmacht und Allwirksamkeit würde zum Pantheismus führen, d. h. zu der Lehre, daß Gott und das All eins seien. Dann gäbe es allerdings außer Gott keine Möglichkeit eines freien Willens; vielmehr wäre alles Wirkliche, auch das »Böse«, das logische Ergebnis einer reinen Entwicklung von Gott Selbst, und diese stünde unter dem Gesetz absoluter Notwendigkeit. Nach der Schrift aber muß gelehrt werden: Gott kann zwar alles; aber Er will nicht alles, und darum wirkt Er auch nicht alles. Er will nur das, was mit Seinem eigenen Wesen übereinstimmt. Er ist Sich Selbst Gesetz. Nach außen hin ist Er zwar absolut frei; nach innen hin aber ist Seine Freiheit zugleich notwendige Gebundenheit an Sein eigenes Wesen. Wenn Er also den Engeln und Menschen die Möglichkeit der Sünde, das heißt, die Sphäre des sittlichen Willens, zugestanden und Sich damit einer freien Selbstbeschränkung unterstellt hat, so kann dies nimmermehr ein Widerspruch gegen Seine Allmacht sein. Wohl aber erwächst hieraus die Frage nach dem göttlich inneren Grund dieser Seiner Selbstbeschränkung. Da aber diese naturgemäß nur aus dem inneren Wesen des göttlichen Seins heraus beantwortet werden kann, welches seinerseits in der heiligen Liebe besteht, führt der erste Teil unserer Frage von selbst auf den zweiten.