Durch Sein ganzes, den Menschen nach Leib, Seele und Geist beseligendes, die Naturwelt geistleiblich verklärendes, in alle Ewigkeit hinein vollgültiges Erlösungswerk ist Christus der »Heiland«, das heißt, der »Heilbringer«. Auch dies ist ein kraftvoller, »königlicher« Ausdruck, ja ein hoher Ehrenname und Herrschertitel.
Oft ist er allerdings aus Unwissenheit mißverstanden worden, vielfach im Sinn einer weichlichen, schwächlichen Gefühlsmystik, als ob die Christen immer nur zum »lieben Heiland« beteten wie die kleinen Kinder in der Kinderstube bei ihren Abendgebeten und wie die Kleinkinderklasse in der Sonntagsschule oder im Kindergottesdienst.
Das Wort »Heiland« (griech. soter) wurde in der Umwelt der urchristlichen Gemeinde oft in der Kultsprache der damaligen Mysterienreligionen angewandt. Dann bezeichnete es einen sterbenden und wieder zum Leben gelangenden Rettergott, der, im Sinne der heidnischen Naturvergötterung, auf der Erde erschien, die Seele aus dem Kerker ihrer leiblichen Stofflichkeit befreite und sie somit zum vollen »Heil« (griech. soteria) führte.
Die Vorstellung eines sterbenden und wieder zum Leben gelangenden Naturgottes entstand aus der Vergötterung des Verwelkens und Wiederauflebens in der Pflanzenwelt und des Aufgehens und Untergehens von Sonne, Mond und Sternen. Das große Grundprinzip »Stirb und Werde« in der Natur kam hier in heidnisch mythologischem Sinne zum Ausdruck. Der Hilfe suchende Mensch aber ist ein Teil dieses Naturganzen. Darum gelangt er durch mystische Vereinigung mit dieser sterbenden und wieder auflebenden Naturgottheit auch selber zum Anteil an ihrer Geschichte. Da diese Götter aber nun nicht nur die personifizierte, mythologische Darstellung des Sterbens und Vergehens in der Natur waren, sondern ebenso die Vergöttlichung der sieghaften Überwindung des Todes und des aus dem Tode neu erstehenden Lebens, so bedeutet die Teilnahme an ihrer Geschichte zugleich Sieg und Rettung für den Menschen. Darum nannte man diese orientalischen Gottheiten zugleich »Heilande«, »Heilbringer«.
So wurden die ägyptisch-hellenistischen Mysteriengottheiten Isis und Serapis unter diesem »Heilands«-Titel verehrt. In Pergamon (Kleinasien) war es der griechische Heilgott Asklepios (Aesculapius). Dieser Beiname hatte dann den Sinn von »Rettergott«, Erhalter, Bewahrer, Befreier.
Dennoch ist der neutestamentliche Gebrauch des Wortes »Heiland« in seiner Anwendung auf Christus in keiner Weise aus diesen heidnischen Mysterienreligionen abzuleiten. Auch war er nicht eine bewußte und gewollte, gleichsam pädagogisch missionarische Anpassung der urchristlichen Verkündigung an diesen religiösen Sprachgebrauch des Heidentums. Vielmehr wurzelte er durchaus in der göttlichen Offenbarung des Alten Testaments, dieser Bibel des Urchristentums (der Septuaginta, LXX).
Wenn die Apostel Jesus Christus, ihren Erlöser und Herrn, »Heiland« (griech. soter) nannten, so benutzten sie hierbei genau denselben Ausdruck, mit dem schon im griechischen Alten Testament Gott Selbst verschiedentlich bezeichnet worden war, z. B. Ps 25,5 (LXX 24, 5); Ps 27,9 (LXX 26,9); Micha 7,7. Genau wie das Wort »ecclesia« (Gemeinde), so stammt auch das neutestamentliche Wort »soter«, trotz seines äußerlich ähnlichen Gebrauchs in der heidnischen Umwelt, nicht aus dem hellenistischen Sprachgebrauch, sondern aus dem griechischen Alten Testament.
Schon früh, bereits um 400 vor Christus, wurde der Titel soter »Heiland, Heilbringer« auch Ehrenname hochgestellter, menschlicher Persönlichkeiten. In den Inschriften und Papyri finden wir ihn oft als Ehrentitel hoher Staatsbeamter und einflußreicher Privatpersonen. Vor allem aber wurde soter »Heiland« in immer steigendem Maße - oft geradezu in religiöser Verehrung - auf mächtige Herrscher, Könige und Kaiser angewandt. So hatte Antiochus I., der zweite König des Seleucidenreiches (Syrien-Babylonien), den Beinamen »Heiland«. Diesen Titel hatte er auf Grund eines militärischen Sieges über gallische Truppen in Kleinasien (281- 261 v. Chr.). Ebenso hieß Ptolemäus I., der Gründer des Lagidenreiches, d. h. des hellenistischen Ägyptens, »Heiland«. Mit diesem Beinamen hatten ihn die Einwohner der Insel Rhodos geehrt, weil er ihnen im Jahre 305 v. Chr. in einem für sie schweren Krieg wirksame militärische Hilfe gegeben hatte. Auch sein Sohn Ptolemäus II. Philadelphus trug diesen Heilandstitel (283- 247 v. Chr.).
Für das Gesamtrömerreich erhielt Julius Cäsar den Titel »Gott und Allheiland des menschlichen Lebens«. Zu den religiösen Titeln der Kaiser Augustus bis Domitian (96 n. Chr.), und auch noch weit darüber hinaus, gehörten nicht nur Bezeichnungen wie »Herr« (Kyrios), »Gott aus Gott« (Theos ek Theou), »Gottessohn« (Theou Hyios), »Unser Herr und Gott« (Dominus ac Deus noster), sondern auch »Hoherpriester« (griech. Archiereus, lat. Pontifex Maximus), »Heiland des Erdkreises« (Soter tes (holes) Oikumenes), »Heiland der Welt« (Soter tou Kosmou). Diese letzteren Titel wurden angewandt auf Cäsar, Augustus, Claudius, Nero, Vespasian, Titus, Trajan und Hadrian.
Eine Inschrift, die in Priene (südlich von Ephesus) gefunden worden ist, gibt Kaiser Augustus den Titel »Heiland« und »Gott«. Eine weitere Inschrift aus Halicarnassus (Kleinasien, südlich von Milet) nennt ihn sogar »Heiland des ganzen Menschengeschlechts«. Für seinen kaiserlichen Weltheilandkult erfand Nero geradezu ein neues Eigenschaftswort »weltheilend, weltrettend« (griech. sosikosmios, sosikosmos). Die Kaiserbesuche in den Städten des Römerreiches nannte man Parousie (lat. adventus) oder Epiphanie, das heißt, »Ankunft« und »Erscheinung«, die kaiserlichen Briefe »heilige Schriften« (griech. hiera grammata), die kaiserlichen Erlasse »Evangelien«.85
So bedeutete der Heilandstitel bei diesen Mächtigsten der damaligen Kulturwelt den Triumph ihrer Siege, die Größe ihrer Reichsgewalt, den Glanz ihres Herrscherthrones. Erst recht ist er nun bei Christus eine Bezeichnung Seiner königlichen Macht und der Würde Seiner weltbeherrschenden Rettertätigkeit. Er ist ein Ausdruck der Größe des Gottversöhners, des »Adels des Menschheitserlösers«.
In einer solchen Bezeichnung, mit der die Umwelt des Urchristentums ihre stärksten und größten Persönlichkeiten ehrte, nun bei Christus und dem Christentum süßliche Mystik, weichliche Gefühlsseligkeit oder kindliche Naivität finden zu wollen, das ist doch nur bei Vorhandensein einer gründlichen Unkenntnis der allgemeinen kultur- und religionsgeschichtlichen Lage der Zeitenwende möglich. Aber auch wir Christen haben zu lernen, mannhafter von Christus und Seinem Heilswerk zu denken und zu reden und ein männlicheres Zeugnis und Tat Christentum zu offenbaren.86
Es genügt also nicht, bei der Erklärung des Titels »Heiland« nur die sprachliche Herkunft des Wortes »soter« von griech. sozein »heilen, gesund machen« zu berücksichtigen (vgl. Mt 9,21.22; Mk 5,23; 6, 56). Die sprachliche Herkunft eines Wortes (die Etymologie) ist ja überhaupt nie von vornherein schon entscheidend für den sinngemäßen Gebrauch und Begriffsumfang des betreffenden Wortes. Wo von Krankenheilungen im Neuen Testament die Rede ist, wird in der Regel ein ganz anderes Wort gebraucht (griech. therapeuein, z. B. Mt 4,24; Mk 3,10. Im Ganzen über 35 mal in Neuen Testament).
Als »Heiland« ist Christus eben mehr als der »Heilende«, mehr als der Arzt und Gesundmacher an Seele und Leib, mehr als der bloße Überwinder aller geistig-moralischen und seelisch-leiblichen Hemmungen im Einzelleben und in der Gesamtheit.
Als »Heiland« und »Retter« bringt Er nicht nur das Minus auf den Nullpunkt, hebt nicht nur das Negative auf, läßt nicht nur alle Krankheit verschwinden, sondern schenkt gleichzeitig etwas überwältigend Positives, einen millionenfach über den Nullpunkt hinausgehenden Reichtum (Eph 1,18).
Als »Heiland« schenkt Er einen überströmenden Lebensgenuß (Joh 10,10), unausschöpfbare Glückseligkeit (Phil 4,4), Kraft zu siegreichem Leben (Röm 8,37), wahre Würde der Persönlichkeit (1Pet 2,9), eben ewige Erfüllung echten »Menschheitsadels«.
Geistliches Heil im Sinne des Neuen Testaments ist darum der »unausforschliche Reichtum Christi« (Eph 3,8), »der Wirkungsbereich des auferstandenen Christus, die Summe Seiner Machtwirkungen hier unten«.
Als »Heiland« ist Christus der »Heilbringer«, der Sieger über alle Mächte der Finsternis, die Sonne, von der alle Kräfte der Neubelebung ausstrahlen, der Erfüller wahren Menschheitsadels, der Bringer des Reiches Gottes, der Triumphator in Weltformat (Joh 4,42; 3,16; 1Joh 4,14)!
So bezeugen wir denn mit dem deutschen Dichter Emst Moritz Amdt: »Ich weiß, woran ich glaube.
Ich weiß, was fest besteht, Wenn alles hier im Staube Wie Sand und Staub verweht: Das ist das Licht der Höhe, Das ist der Jesus Christ,
Der Fels, auf dem ich stehe, Der diamanten ist.«
85 Näheres vergleiche bei Prof. D. Dr. A. Deissmann, „Licht vom Osten“. Tübingen 1923. Ferner Moulton and Milligan's Vocabulary of the New Testament.↩︎
86 Wir haben uns hier auf den neutestamentlichen Sprachgebrauch des Wortes „Heiland“ beschränkt. Die Septuaginta bezeichnet mit dem griechischen Wort soter gelegentlich auch gewisse Richter, die Gott erweckt hatte, um Israel aus nationalem Elend zu erretten. Vgl. z. B. Rieht. 3, 9; 2Kön 13,5.
Wir müssen also eine doppelte biblische Anwendung des Wortes „Heiland“, „Heilbringer“ unterscheiden:
a. Menschen als „Heilande“, die ihr Volk aus gewissen Nöten zu irdischem und nationalem Wohlstand (Heil) emporführen sollten.
b. Gott und Christus als „Heiland“, der auf der Grundlage der Erlösung zu persönlichem und universalem, geistlichem und ewigem Heil führt. In diesem Sinne ist nur Gott und Jesus Christus der „Heiland“.
„Es ist in keinem andern Heil“ (Apg 4,12). Vgl. ferner den mehrmaligen Ausdruck „Heilandgott“ im Titusbrief (Kap. 1, 3; 2, 10. 13; 3, 4)↩︎